Joachim Güntzel

Zweihundertdreizehn Schritte

 

 

Beim etwa zweihundertsten Schritt, kurz vor der Hütte, knackte ein Ast.

Er zuckte zusammen und blieb stehen. Bis zur Eingangstür waren es vielleicht noch zwanzig Meter. Sein Auto stand am Straßenrand, fast schon außer Sichtweite. Vorsichtig sah er sich um, doch um ihn herum war der Wald still.

Waren es zweihundert Schritte gewesen oder hatte er sich verzählt? Er wunderte sich über sich selbst – darüber dass er überhaupt gezählt hatte.

 

Dort vorne in der Hütte war sie also. Die Frau, nach der sie so lange gesucht hatten. Sie galt als gefährlichste und rätselhafteste Mörderin der Kriminalgeschichte. Ihr genetischer Fingerabdruck wurde an zahllosen Schauplätzen von Verbrechen gefunden. Mehrere Morde sollte sie begangen haben, aber auch Einbruchdiebstähle fanden sich auf der Liste ihrer Straftaten. Fälle, die scheinbar ohne jede Verbindung zueinander standen. Fälle, die die Polizei vor immer neue Rätsel stellen, je mehr Spuren der Unbekannten gefunden wurden.

 

Und hier endete nun die Spur. Hier, in einer abgelegenen und halb verfallenen Holzhütte mitten in der Vulkaneifel. In einiger Entfernung, über die Baumspitzen hinausragend, konnte er die Kuppe der Hohen Acht mit dem Kaiser-Wilhelm-Turm erkennen.  Hierhin war sie abgetaucht, hatte sich vor der Welt, die sie hetzte, geflüchtet. Damit war es nun vorbei.

 

Er griff an die Türklinke und drückte sie herunter. Die Tür öffnete sich knarrend. Das Innere der Hütte lag im Halbdunkel. Ein aufkommender Wind wehte einige von den Bäumen gefallene Blätter herein. Er schloss die Tür und blickte sich um.

 

„Sie sind also gekommen.“

Die Stimme kam aus einer Ecke neben dem einzigen Fenster. Als seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah er sie.

„Ja. Und Sie sind hier geblieben und sind nicht davongelaufen.“ Seine Stimme klang brüchig, fand die Frau.

„Nein. Ich kann nicht mehr weglaufen. Ich will, dass es endlich endet.“

„Das wird es“, antwortete der Mann. „Glauben Sie mir, das wird es. Es wird heute enden. Aber zuerst erzählen Sie mir alles.“

 

Schweigen. Das Atmen der Frau war deutlich zu hören. Sie schöpfte Kraft. Dann sagte sie:

„Ich bin nicht die Täterin.“ Pause, wie um die Spannung zu steigern. Dann, langsam und betont:

 „Ich bin das Opfer.“

Der Mann schwieg. Er nahm sich den einzigen freien Stuhl im Raum und setzte sich.

„Reden Sie, ich höre Ihnen zu.“

 

„Seit vielen Jahren werde ich gejagt.“

„Von der Polizei“, sagte der Mann. Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Nein. Das heißt… ja, auch von der Polizei, wegen der DNA-Spuren. Aber ich meine etwas anderes. Was ich meine ist: Sie wollen mich umbringen.“

„Wer will Sie umbringen?“

„Die Männer, die hinter mir her sind. Denen ich weggelaufen bin. Damals, vor über zehn Jahren. Sie sagten, ich sei Ihr Eigentum. Aber das bin ich nicht. Ich gehöre niemandem außer mir selbst. Deswegen bin ich abgehauen. Sie haben geschworen, mich zu töten und jeden, bei dem ich mich verstecke.“

„Die ältere Frau, an deren Kaffeetassen…“  setzte er an.

„Ja, an deren Tassen meine Spur gefunden wurde. Ich hatte ihr alles erzählt. Sie wollte mir helfen, doch sie haben sie umgebracht.“

„Und der Mann?“

„Genau dasselbe. Er hatte sich in mich verliebt, wollte mich freikaufen. Doch Geld zählt nicht für sie. Sie wollen meinen Kopf.“

„Deswegen haben sie…“

„Ja. Sie haben ihn auch beseitigt.“

„Und deswegen sind sie untergetaucht.“

„Ich habe versucht, Kontakte zu vermeiden. Ich wollte niemanden in Gefahr bringen. Ich habe meistens in leerstehenden Hütten übernachtet, bin eingebrochen und nach einer Weile wieder verschwunden.“ Draußen war der Wind stärker geworden. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Doch das störte keinen von beiden.

 

„Und dann kam die Nachricht. Die Nachricht, dass die DNA-Spuren auf zufällige Verunreinigungen zurückzuführen sind. Da haben Sie sich an die Polizei gewendet. Sie glauben, dadurch kommt alles in Ordnung“

Warum lächelte der Mann?

„Jetzt weiß man, dass ich keine Mörderin bin. Man wird mich unter Polizeischutz stellen, mir eine neue Identität beschaffen. Ich kann endlich…“

„Was?“ unterbrach sie der Mann. „Frei sein? Das glaube ich kaum.“

„Aber ja doch, natürlich. Ich habe niemanden umgebracht!“

„Ich weiß“, sagte der Mann und lächelte. „Ich weiß.“ Er stand auf. „Alles was Sie mir erzählt haben, weiß ich schon längst.“ Die Frau war irritiert.

„Aber wie konnten Sie wissen… Sind Sie denn nicht von der Polizei?“

Auch die Frau stand auf, zögernd, verängstigt.

„Ist das wichtig?“, fragte der Mann. „Ich befasse mich seit Jahren mit Ihrem Fall und habe Verbindungen zur Presse.“ Er kam ihr näher. Sie versuchte zurückzuweichen, doch hinter ihr war nur noch die Wand. Selbst im Dunkeln glaubte er zu sehen, wie die Frau bleich wurde.

„Die Nachricht…“ sagte sie beinahe flüsternd.

„War gefälscht“, bestätigte der Mann ihren Verdacht.

„Sie wollten…“

„Wir wollten Sie aus der Reserve locken. Wir wollten, dass Sie sich sicher fühlen und aus ihrem Versteck ans Licht kommen.

Das Wort „Licht“ empfand sie als eigentümlichen Kontrast zur Dunkelheit in der Hütte.

„Dann glauben Sie mir gar nicht, dass ich unschuldig bin?“

„Doch. Ich sagte doch, dass ich über alles Bescheid weiß.“

 

Draußen bewegte sich etwas, das Geräusch knackender Äste war zu hören, Durch die Fensterscheibe war das unruhige Licht einer Taschenlampe zu sehen. Dann öffnete sich die Tür. Zwei Männer traten ein. Sie hielten Waffen in der Hand. Die Frau konnte ihre Gesichter nicht erkennen, doch sie ahnte, wer sie waren.

 

„Sie stecken mit Ihnen unter einer Decke!“ schrie sie. Sie wollen mich ans Messer liefern!“ Der Mann drehte sich um und wandte sich dem Ausgang zu. Im Vorbeigehen steckte ihm einer der beiden Bewaffneten einen Umschlag zu. Bevor er die Hütte verließ, drehte er sich noch einmal um und sagte:

„Ich habe Ihnen doch versprochen, dass es heute endet.“

 

Dann verließ er die halb verfallene Hütte, schloss die Tür und ging in Richtung seines abgestellten Wagens. Er zählte. Es waren genau zweihundertdreizehn Schritte.

 (c) Joachim Güntzel

AKTUELL: Die Geschichte wurde in meinem soeben erschienenen Buch "Der Gefühlstütenwanderer. Dreizehn Geschichten am Limit" abgedruckt (bookmundo 2018, Hardcover), ISBN 9789463673181.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Der Gefühlstütenwanderer von Joachim Güntzel



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