Werner Wadepuhl

Nous partons pour la France!

Eine Reise in die Bretagne, erzählt von Werner Wadepuhl.


Vorwort.

Anlässlich eines Besuches bei alten Freunden zu Beginn des Jahres 1996 kam das Gespräch auch auf das Thema Urlaub. Wir hatten noch keine Planung, keine Idee. Wir waren gerade aus Budapest zurückgekehrt und vor uns lag eine Einladung nach Hamburg. Fest standen eigentlich nur zwei Parameter: wir wollten dieses Jahr nicht in die USA, um unseren Ältesten dort zu besuchen und wir wollten einen Urlaub am Meer verbringen, dem Wohle meiner Frau zuliebe.
Der Süden mit seinem heißen Klima tut mir nicht gerade gut, der Norden ist meiner Frau zu kalt. Unsere Freunde schwärmten von den Schönheiten der Bretagne und es war ganz sicherlich von Herzen gut gemeint, als sie uns dorthin nach Tréguennec einluden. Eine ihrer Töchter besitzt dort zusammen mit ihrem Mann schon einige Jahre ein Haus und unsere beiden Freunde verbringen dort des öfteren ihren Urlaub. So war es auch über Pfingsten dieses Jahres geplant.
Wir nahmen es gerne zur Kenntnis, doch so richtig ernst war es wohl uns beiden nicht damit, denn Frankreich war für uns immer ein bisschen tabu, weil wir die Sprache nicht so beherrschen wie Englisch oder Italienisch. Wir haben nun einmal die Vorstellung, uns in unserem Urlaubsland auch mit der Bevölkerung unterhalten zu können.
Dabei ist dieses Tabu eigentlich unverständlich. Meine Frau hatte Französisch schon in der Schule gelernt und sich auch später in der Volkshochschule weitergebildet. Ich selbst habe zwischen 1967 und 1971 beruflich wohl mehr als zweihundert Tage in Paris, Toulouse, Nantes und St. Nazaire verbracht und konnte mich dort durchaus verständigen. Und wenn es wirklich einmal kritisch wurde, meinen auswendig gelernten Wunsch an den Mann zu bringen, hatte ich stets das Glück, in dem Hotelier, Empfangschef, Kellner, Barkeeper oder Taxifahrer einen Elsässer zu finden, der mir tröstlich sagte:“ met mir könnet se ruhig allma spreche“.
Noch etwas fällt mir ein. In der Luftfahrtindustrie galt für diese internationalen Projekte Ende der Sechziger Jahre Englisch als vertraglich festgelegte Programmsprache. Doch die meisten Franzosen legten strikt Wert darauf, ihre eigene Muttersprache zu verwenden, denn auch sie sei schließlich eine Weltsprache. Und so liefen damals nahezu alle Besprechungen mit Hilfe von Dolmetschern ab.
Umso überraschter war ich, als ich anfangs der Neunziger wieder in Toulouse zu tun hatte, jetzt aber in einem Raumfahrtprogramm und dabei mit meinen mäßigen Französischkenntnissen überhaupt keine Probleme mehr hatte. Diese Erfahrung fand ich in einem kleinen Lehrbüchlein „Französisch in letzter Minute“ bestätigt, das ich mir zusammen mit einem Stapel Landkarten zugelegt hatte und in dem ich las, dass sich seit den Siebziger Jahren ein enormer Anglizismus in Frankreich verbreitet habe und man inzwischen von „franglais“ spreche.
Nun, um es auf den Kern zubringen, die Einladung musste aus triftigen Gründen erst verschoben, dann zurückgenommen werden. Aber der Stachel saß.
Als ich unsere Fahrkarten für Hamburg im Reisebüro abholte, fand ein TUI-Prospekt über Urlaub in Frankreich meine Aufmerksamkeit. Rund 220 Ferienhausangebote habe ich zur Bretagne studiert. Es sollte die Südküste sein und wir sollten unseren Hund mitbringen dürfen. Danach standen nur noch zwölf zur Auswahl und nur eines davon war kurzfristig im Mai noch zu haben. Es hat wohl so sein sollen, denn nichts im Leben ist Zufall. Und nun planen wir unsere Reise, freuen uns darauf und sind sehr, sehr neugierig.

Die Anfahrt.

Es sind für uns rund 1500 Kilometer nach Mousterlin-Fouesnant, südlich von Quimber im Finistere, dem westlichsten Zipfel der Bretagne gelegen. Das ist etwa die gleiche Entfernung wie an die Zehenspitze Italiens, nach Liverpool oder nach Bukarest. Und da es entlang dieses Weges so unendlich viel Schönes zu sehen gibt, was wir noch nicht gesehen haben oder eben nur von Bildern her kennen, wollen wir uns für die Anreise vier Tage Zeit lassen. Auf späteren Reisen haben wir es in zwei Tagen hinter uns gebracht, aber dies war unsere erste Fahrt in die Bretagne und die wollten wir in überschaubaren Etappen genießen.

Die Tatsache, dass nach einer 1996 veröffentlichten Statistik jährlich mehr als 60 Millionen Touristen Frankreich zum meistbesuchten Reiseland erhoben, ließ es geraten erscheinen, nicht ins Blaue zu fahren, sondern Hotels im Voraus zu buchen. Das wiederum setzte eine gewisse Routenplanung voraus, die anhand von Landkarten und Reiseführern sehr theoretisch erstellt sich im Nachhinein aber als recht brauchbar erwies.

Für unsere Etappenstopps hatten unsere Freunde die Hotelkette „Campanile Europe“ empfohlen, eine Hotelkette, die zu dieser Zeit 360 Hotels in sieben europäischen Ländern betrieb. Es sind sogenannte Zweisterne-Hotels, einfach, funktionsgerecht, sauber, sehr preiswert, alle im gleichen Stil erbaut und, für uns das Hauptkriterium, unser Hund ist herzlich willkommen. Man kann sie als Absteige durchaus empfehlen. Länger als zwei, drei Tage möchten wir allerdings dort nicht wohnen. Die für uns in Frage kommenden Hotels liegen meist in irgend einem neu erschlossenen Industriegebiet, in der Regel also relativ abgelegen und ihre Speisekarte enthält zu dieser Zeit ganze drei Menüs, lässt man das zusätzliche Angebot für Kinder mal außer acht. Das kalte Büfett allerdings ist typisch französisch und bietet lustvolles Genießen.
Ein umfassender Prospekt verrät uns Lage und Adresse der ausgewählten Hotels. So gehen Ende April je ein Fax nach Troyes, Blois und Anger und Mitte Mai für die Rückreise noch nach La Ferte Bernard und Saint Avold und es klappte alles vorzüglich.

Und so war er, der erste Reisetag.

Der Auftakt unserer Urlaubsreise führte uns, wie geplant, mit der ersten Etappe bis Troyes, einer uralten Stadt in der Champagne mit reicher Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg verschont verfügt sie auch heute noch über eine zauberhafte Altstadt mit wunderschönen Fachwerkhäusern und verträumten Winkeln, die zur Einkehr laden, sowie viele schöne Kirchen und interessante Museen.
Wir haben nur mal so unsere Nase hineingesteckt und die Augen trinken lassen. Leider war es uns dabei nie so ganz wohl bei dem Gedanken, dass unser Gefährt, randvoll mit Urlaubsgepäck beladen, irgendwo unbewacht in der Stadt steht. Aber weil es so schön war, fuhren wir auch am nächsten Morgen nochmals in die Innenstadt, bevor wir die zweite Etappe antraten.
Nelly, unser Schapendoes, so ein richtiger Zottelhund, war natürlich auch hier in Frankreich wieder ein Grund, von Passanten angesprochen zu werden. Wir spürten erstmals schmerzhaft unsere mangelhaften Sprachkenntnisse. Wir verstanden zwar in etwa, was man zu uns sagte, doch unsere Antwort beschränkte sich dann oft nur auf ein Lächeln.
Vielleicht sollte man aber auch die Fahrt bis hierher etwas erwähnen. Wir sind also pünktlich und ohne jeglichen Stress von zu Hause losgefahren. Die Autobahn Richtung Stuttgart bot keine Probleme. Hinter Leonberg der obligatorische Auffahrunfall mit dem durch Neugierige verursachten Stau. Das Wetter heiter und trocken, fast schon ein bisschen zu warm. Bei Baden-Baden leider falsch die Autobahn verlassen. Ich hatte ein Schild Richtung Frankreich erwartet und war nicht auf Iffezheim präpariert. Prompt standen wir zum Wenden erst einmal auf einem großen Supermarkt-Parkplatz im Stau und spendierten so an die zwanzig Minuten, bis die Richtung wieder stimmte.
Die französische Grenze erinnerte an die ehemalige Grenze zur DDR bei Hof oder so. Die Gebäude stehen alle noch, aber kein Grenzer, kein Zöllner weit und b reit. Man fährt einfach weiter dank Schengener Abkommen. Und dann die größte Überraschung: die leeren Autobahnen in Frankreich. Die Straßenmaut von damals 52 D-Mark haben wir gerne bezahlt. Es war ein Genuss, hier zu fahren, fast noch schöner als in Amerika. Dabei ist dieser Betrag für nur einen Tag eigentlich recht happig, wenn man bedenkt, dass man in der Schweiz für ein ganzes Jahr nur 50 Franken berappen muss.
Spannend war es, das Hotel zu finden. Mitte der Neunziger gab es noch keine Navigationsgeräte. Werden sie meine Nachricht erhalten haben? Werden sie wenigstens ein bisschen deutsch oder englisch sprechen? Wir haben es schließlich gefunden und man sprach weder Deutsch noch Englisch, dafür aber fließend Französisch und das Zimmer war reserviert. Das Schmunzeln beim Anblick der deux lits ist nur noch Erinnerung. Neunzig mal einsneunzig für ein Doppelbett muss eben reichen. Nelly hat sich das Fußende mit mir geteilt, wir haben gut geschlafen.

So lief es am zweiten Anreisetag.

Gegen halbelf haben wir Troyes verlassen. Wir durften nochmals zurück ins Hotel. Ich hatte die Hundedecke vergessen.
Auf angenehm leerer Landstraße geht es bei gut durchwachsenem Wetter zunächst nach Sens. Kurz vorher lädt uns ein französischer Supermark ein, der etwas abseits der Straße gelegen durch entsprechende Hinweisschilder diskret auf sich aufmerksam macht. Wir werden die neu erstandene Eurocard auf ihre Brauchbarkeit prüfen, die sie bisher nur an den Mautstellen der Autobahn bewies. Und es funktioniert sensationell. Man braucht kein Französisch, man braucht kein Geld. Die Waren aus dem Regal entnehmen, bei der Kasse mit einem bonjour auf den Tisch legen, die Karte reichen, die Quittung unterschreiben, die Kopie mit einem merci zurückgeben und schon gehört einem der ganze Krimskrams. Rotwein, Baguette, Schinken, Käse, sechs mit Plastik umhüllte Flaschen Mineralwasser und was sonst noch zu einem Picknick vonnöten ist. Kurz vor Montargis wird es Zeit für Nelly und für uns und ein schöner, schattiger Parkplatz im Laubwald nahe der ruhigen Strasse gelegen reizt zur Mittagsrast.

Bei Chateauneuf sur Loire treffen wir auf den großen Strom, folgen dem Hinweis „Pont sur Loire“ und stehen erstmals an seinen Ufern. Wir hätten Zeit, das Wetter ist schön. Ein Weg führt am Fluss entlang. Doch wieder kehren wir nach wenigen hundert Metern um und bleiben in Sichtweite unseres vollbeladenen Wagens. Wir trauen uns nicht, unser Urlaubsgepäck alleine zu lassen. Der gleiche Grund, warum wir uns in Orleans nur kurze Zeit aufhalten werden. Allzu häufig berichteten Freunde und Bekannte von ihren aufgebrochenen Fahrzeugen, aber das war stets in Südfrankreich.
Zu Chateauneuf gehört natürlich auch ein Schloss. Auch wenn es heute nicht mehr komplett existiert, es sollte bemerkt werden, dass hier unter anderen auch Donna Blanca von Kastilien gelebt hat, die Heldin eines spätpubertären Studentengedichtes.
Den in voller Rhododendronblüte stehenden Schlossgarten, im Reiseführer vermerkt, haben wir uns geschenkt. Wir sahen genug davon entlang der Strasse in jedem Dorf.
Eine Baumgruppe in der Nähe der Brücke fiel uns durch ihren reichen Besatz mit Misteln auf. Mistelnester, die es auch weiterhin auf den Bäumen an den Strassen entlang in reichem Maße gibt. Oft sind es so viele, dass es den armen Bäumen schwer fällt, ihre eigenen Blätter zu ernähren. Da fehlt offensichtlich der Druide Miraculix, der mit ihnen den Zaubertrank für Asterix und Obelix zusammenbraute.

Der Rest der Tagesetappe läuft wie geplant. Das weite Tal der Loire mit sanften grünen Hügeln und Wäldern begleitet uns bis Blois. Auch hier ist es trotz exakter Beschreibung wieder ein kleines Drama, das Hotel zu finden. Fast zwanzig Minuten sitzen wir dann auch noch bei beschlagenen Scheiben im Wagen, bis Gewitter und Wolkenbruch zum Nieselregen werden und wir aussteigen können. Arme Nelly, hat wieder so zittern müssen. Sie hat ja so Angst vor Gewittern.
« Bonjour, messieur, je’m appelle Wadepuhl, avez vous reservé une chambre ? « Er hat, chambre numero uno. Zumindest bin ich heute nicht ganz so vernagelt wie gestern, es wird schon werden.

Das Hotel liegt diesmal nicht in einem Industriegelände, sondern in einem abends völlig ausgestorbenen Verwaltungsviertel mit Industrie - und Handelskammer, irgendwelchen Instituten, einem geschlossenen Hotelkomplex und einem Briefverteilungszentrum, in dem heute am Samstagabend peinliche Ruhe herrscht. Nelly genießt auf ihrem Abendspaziergang die gepflegten Parkanlagen und jagt ein paar Kaninchen hinterher.

Der dritte Tag.

Schön wäre es, wenn das Wetter heute mitspielen würde, denn wir wollen einige der berühmten Schlösser an der Loire besuchen. Deshalb planen wir, von Blois nur bis Anger zu fahren und dafür ein bisschen links und rechts vom Weg abzuweichen. Ein irgendwo übernommenes Tagesprogramm umfasst cirka 216 Kilometer Fahrtstrecke und etwa vier Stunden für Besichtigungen.
Wir sind zunächst nicht, wie ursprünglich geplant, auf der Landstrasse rechts der Loire weitergefahren, sondern in die Stadt, um ihr Schloss und die Umgebung dazu zu bewundern. Gut beschildert war das auch gar kein Problem und der obligatorische Parkplatz im Schatten von Platanen wartete schon auf uns, denn Nelly musste mal wieder im Auto bleiben.
Wir ziehen also los, um das Schloss zu besichtigen und geraten ein bisschen in einen Wettlauf mit einigen Businhalten. Berlin und Japan sind durchaus ebenbürtig vertreten. Von vorne gewaltig, von hinten auf einem zwei Etagen höherem Terrain einfach schön anzuschauen gab es eine Menge reizvoller Fotomotive, aber mit tiefstehender Morgensonne meist ungünstiges Gegenlicht. Ein kleiner Laden in unmittelbarer Nähe bot uns reichlich Postkarten zum Kauf.
Aber dann geht es wie geplant weiter und wir kommen nach Chenonceaux. Ein heftiger Wolkenbruch zwingt uns zunächst, auf dem Parkplatz im Auto abzuwarten, bis wieder die Sonne zum Vorschein kommt. Aber einige hundert Menschen aller Nationen sind schon da und es fällt nicht weiter auf, dass wir noch fehlen.
Chenonceaux ist der absolute „Muss-Besuch“. Wer Chenonceaux nicht gesehen hat, hat die Schlösser der Loire nicht gesehen. Das ist keine Behauptung von mir, sondern ein Reiseführer schreibt es vom anderen ab. Warum soll ich diese Behauptung nicht auch verwenden? Gut, ich könnte sie in den Konjunktiv setzen. Aber schließlich waren wir pflichtgemäß dort und es hat sich gelohnt. Es ist wirklich wunderschön und die Blumenparks davor sind das echte Aah und Ooh!
Für uns am eindruckvollsten aber waren die riesigen Blumensträuße und Blumenkörbe im Inneren des Schlosses, die ausnahmslos bildhübschen Menschen des Personals, möglicherweise aus der Dynastie der früheren Schlossherren und natürlich dieses nicht zu beschreibende Gefühl, einem echten Rubens gegenüber zu stehen.
Zauberhaft gelegen und beim Abschied entdeckt, zu dem uns erneut schwarze Wolken treiben, der Schirm liegt natürlich mal wieder im Auto, das Gärtnerhaus am Eingang zum Schlossgarten mit Zugang über eine malerische Treppe zum Fluss Cher.
Doch, wir geben den diversen Reiseführern recht, man sollte sich Zeit zum Anschauen nehmen, sogar viel mehr Zeit, als wir sie uns trotz Innenbesichtigung anhand des ausliegenden Schlossführers, den es natürlich auch in japanischer Sprache gibt, genommen haben. Zum Beispiel haben wir uns nicht die Küche angetan. Das Gedränge auf der Treppe ins Untergeschoss war uns zu groß. Außerdem gehört ein wunderschöner Park entlang des Cher dazu und die Geschichte dieser Anlage ist auch für uns Deutsche recht interessant, bildete doch der Cher während des Zweiten Weltkrieges eine Grenze zwischen dem von den Deutschen besetzten und dem offensichtlich westlich davon relativ unbehelligtem Frankreich. Das Schloss, über den Cher gebaut und während des Krieges als Lazarett genutzt hatte ein Hintertürchen in die Freiheit.

Durch das Tal der Cher – war es hier, oder erst wieder an der Loire, wo an den Talhängen nicht nur zur Champignonzucht genutzte Höhlen, sondern ganze Wohnungen in den offensichtlich weichen Fels gegraben waren, flüchtige Fahrteindrücke, die man sich näher anschauen sollte – kommen wir zurück an die Loire und damit nach Tours.
Am Boulevard Béranger finden wir nahe des mächtigen Justizgebäudes und des Reichtum und Wohlstand ausstrahlenden Rathauses wiederum einen schattigen Parkplatz und laufen zunächst in Richtung Pont Wilson, dann rechts weg zur Kathedrale. Es dauert doch länger, als wir glaubten und je länger wir laufen, umso mulmiger wird es uns mal wieder wegen unseres Hundes und der unbewachten Sachen in unserem Auto. In einer Gasse kurz vor der Kathedrale kehren wir schließlich um, holen den Wagen und parken in der Nähe, um uns in Ruhe umzuschauen. Die Meinige macht in Kultur und schaut sich im Inneren dieser mächtigen Kirche um. Ich bleibe mit meinem Hund in Sichtweite unseres Gepäcks. In unmittelbarer Nachbarschaft der Kathedrale St. Gatien befindet sich das Museum der schönen Künste, früher sicherlich das Bischofspalais, mit einem gepflegten Park und einer mächtig ausladenden Zeder.
Auf schnurgerader Landstrasse, die eigentlich nur bei Azay mal einen Knick hat, offensichtlich, um rechtwinklig den Fluss Indre zu überqueren, kommen wir nach etwa fünfzig Kilometer nach Chinon. Vom Ufer der Vienne aus schauen wir hinüber auf die Ruinen des Schlosses. Nach weiteren dreißig Kilometern parken wir in Saumur, um vom Ufer der Loire das Stadtbild mit dem hochaufragendem Schloss in uns aufzunehmen.

Von Saumur aus bummeln wir schließlich gemütlich an der Loire entlang, um südlich von Anger in Pont-de-Cé mal wieder in einer Irrfahrt das Hotel zu suchen. Es liegt ganz im Grünen am Rande eines Villenviertels und die in der Nachbarschaft vorbeiführende Schnellstrasse N 260 stört, genau betrachtet, nicht im geringsten. Aber Nelly ist nicht traurig, in gepflegter Umgebung Gassi gehen zu dürfen.

Und der Endspurt in das Urlaubsziel.

Ab heute, 16:00 Uhr dürfen wir in unser gemietetes Ferienhaus. Wir werden die rund dreihundert Kilometer bis Fouesnant-Mousterlin daher zügig und weitgehend auf der Autobahn zurücklegen und dort eine Mittagsrast und einen Hundespaziergang einlegen, wo es passt, vielleicht in Concarneau, vielleicht noch ein bisschen weiter irgendwo an einer der vielen anderen Buchten. Wir lassen uns überraschen.
Am letzten, dem nunmehr vierten Anreisetag zieht es uns eigentlich mit sanfter Gewalt nur noch an unser Urlaubsziel. Gar zu neugierig sind wir, zu erfahren, was uns erwartet. Kurz nach Mittag stehen wir bereits an der Boulangerie Jacq am beschriebenen Ort. Doch sie ist geschlossen und die Umgebung menschenleer. Ich erinnere mich, dass etwas zwischen sechzehn und achtzehn Uhr vereinbart ist. Es wird schon irgendwann irgendwer da sein und uns sagen, wie es weiter geht.
Also fahren wir ein Stückchen weiter die Strasse entlang nach Süden und kommen an den Pointe de Mousterlin ans Meer, parken dort, klettern und springen mit Nelly über die von der Ebbe freigegebenen Felsen, bummeln ein Stück den Strand entlang Richtung Beg Meil und wundern uns ein wenig, dass die Zeit so gar nicht vergehen will. Es gefällt uns hier und vor allem haben wir das schöne Gefühl, hier am Ziel zu sein. Und in ein paar Stunden werden wir wissen, wo wir wohnen, können das Auto ausladen und genießen, im Urlaub in einer wunderschönen Gegend zu sein.
Wir erkunden einen weiteren Weg, finden einen anderen Parkplatz und laufen auf der Düne entlang nach Le Letty und nach einer Weile wieder zurück und stehen etwas ungeduldig gegen sechzehn Uhr wieder vor der Boulangerie, doch alles ist mausetot, der Laden geschlossen, die Rollläden an den Fenstern heruntergelassen, kein Auto, kein Lebenszeichen. Das kann ja heiter werden.
Auf der anderen Straßenseite steht eine Telefonzelle, auf dem TUI-Handzettel eine Telefonnummer, die mir wenig nützt. Ich könnte zwar sagen, um was es geht, aber ich würde wohl kein Wort verstehen.
Weil das, was dann passierte, eigentlich so lustig und in seinem Endergebnis so positiv war, will ich versuchen, es hier sinngemäß wiederzugeben.
Nachdem ich also das Grundstück unserer Gastgeber zum zweiten Male erfolglos umrundet hatte, entdecke ich einen Mann im Nachbargrundstück bei Gartenarbeiten. Es ist eine reine Überlebensfrage, die mich zwingt, meinen Mund aufzumachen. Ich höre mich völlig fremd sagen:“Bonjour monsieur et pardon, mais ici jái un grand problem. Je´ne parle pas francais mais je voudrais parlez avec madame Jacq por une maison de vacance“. Es klingt verdammt gut nach französisch, obwohl ich keine Ahnung habe. Das Resultat ist dementsprechend, es sprudelt nur so über mich hinweg. Ich picke mir einige Worte heraus wie Boulangerie, lundi, fermè, aha, compris. Madame Jacq non habitez ici ist weniger ermutigend, aber es war fast anzunehmen. Ma famme telefone avec, aah, merveilleux, merci!
Er verschwindet in seinem Haus, kehrt nach einiger Zeit zurück und fällt mit einem Wortschwall erneut über mich her. Ich verstehe eigentlich wiederum nur la famme und voiture und ahne, was da geschehen soll. Wenig später verlässt auch wirklich ein grasgrüner Peugeot das Grundstück und steht kurz darauf neben uns. Eine sehr sympathische Dame mit graumeliertem Kurzhaarschnitt spricht auf mich ein und nachdem ich mich erst neben sie in ihr Fahrzeug setzen will, macht sie mir begreiflich, ich solle wohl hinterher fahren.
Durch einen malerischen Hohlweg, einer Reihe eindrucksvoller Schlaglöcher ausweichend stehen wir nach wenigen Minuten vor einem Grundstück, das mir irgendwie aus dem TUI-Prospekt bekannt ist.
Madame Unbekannt holt Madame Jacq aus dem Haus. Wir begrüßen uns herzlich, aber ohne Bussis auf die Wangen. Ich hätte meine Helferin umarmen können und beschließe spontan, ihr einen Blumenstrauß zu spendieren, was ich leider zu meiner Schande bis heute nicht getan habe, und Madame führt uns zum Haus.
Die Meine schaut mich währenddessen nur immer wieder sprachlos an und fragt schließlich: „Wie hast Du das eigentlich hingekriegt“? Ich weiß es nicht und es bleibt für mich ein Wunder, in diesem Lande, dessen Sprache ich nun wirklich nicht beherrsche, offensichtlich doch zurecht zu kommen.

Wir stehen auf einem außerordentlich liebevoll gepflegten Grundstück. Dieser alte Bauernhof ist auf der Rückseite H-förmig ergänzt und erweitert. Er bietet das Zuhause der Familie Jacq.
Madame schließt uns die Türe auf und bittet uns lächelnd mit vielen französischen Vokabeln einzutreten. Meine optimistische Hoffnung, sie könnte vielleicht Elsässerin sein oder sonst „un petit allemagne“ sprechen, erfüllt sich nicht. Wir lächeln uns an und mögen uns.
Und das Innere des Hauses? Wir sind überrascht und glücklich. Das hätten wir nicht erwartet. Wir glauben eine ganze Weile, die ersten Gäste in diesem wohl nagelneuen Appartement zu sein, so peinlich sauber, so akkurat neu ist alles. Der Dunstabzug in der Küche verrät uns später, ohne peinlich zu wirken, dass hier schon vor uns mal jemand gekocht hat. Es ist fast ein bisschen erleichternd. Das Wohnzimmer ist ausgestattet mit zwei wertvollen alten Schränken, einer Couch und einer in lindgrün lackierten Ratangarnitur von beeindruckend schöner Machart. Ein Blick in die kleine Küche fällt auf eine Kaffeemaschine, einen Elektroherd mit vier Platten, eine Spülmaschine und einen Backofen mit Grilleinrichtung. Links daneben geht es in ein geräumiges Bad mit einer räumlich davon getrennten Toilette.
Über eine massive, geräuschfreie Teakholztreppe gelangt man in das Dachgeschoss. Liebevoll bis ins letzte Eckchen ausgebaut beherbergt es zwei Schlafzimmer, eine weitere Toilette und einen großen, eingebauten Kleiderschrank.
Was wir aber dann – neben Küche und Bad – am meisten genießen, ist der urgemütliche Wintergarten, nicht nur mit Blick in die westliche Landschaft, sondern auch auf die Mauer eines gegenüberliegenden Gebäudes mit der Jahreszahl 1784 über der Türe, in dessen Ritzen seines Mauerwerkes Meisen, Spatzen und ein Mäuslein leben und uns an ihrem Tagesablauf einschließlich der Aufzucht ihrer Nachkommen teilnehmen lassen. Die Fledermäuse, die wir dann am Abend bis in die Nacht hinein erleben, stammen sicher aus einer anderen Familie.
Unvergessen aber bleibt uns der Duft des Fliederstraußes, den uns Madame neben einer Flasche selbsterzeugten Cidres zum Bienvenue auf den Tisch gestellt hatte.

Der Urlaub beginnt.

Von dem wohl mehrere Hektar großen Grundstück gehören über eintausend Quadratmeter Garten zur alleinigen Benutzung zu diesem Ferienhaus. Wir können uns gar nicht genug ausbreiten. Es ist ein Paradies. Wer sich hier nicht wohl fühlt, ist einfach selber schuld, zeigt uns sogar Nelly, unser lieber Begleiter und räkelt sich im kühlen Klee. Stets von neuem zauberhaft ist der morgendliche Weg zum Bäcker, einen Kilometer oder zehn Minuten lang, es sei denn, Nelly muss erst ein paar Kaninchen in ihre Löcher scheuchen. Jedes mal schaut sie verduzt, wenn die flinken Tierchen plötzlich vom Erdboden verschwunden sind und scheint es nicht zu begreifen, wie auch ich nie begreifen werde, warum in Frankreich die Alleebäume in jedem Frühjahr so brutal gestutzt werden. Doch sie wachsen immer wieder auf eine zähe Art nach wie entlang unseres vom abseits gelegen Grundstück in den Ort führenden Hohlweg. Dabei sind es weder Weiden noch Platanen, sondern schlichtweg Eichen, den verbliebenen und knorrigen Stämmen nach uralt. Unwahrscheinlich aber ist die Artenvielfalt der Pflanzen entlang der beiderseitigen schulterhohen Lehmmauern, die mitunter durch eine Granit- oder Schiefermauer unterbrochen werden.
Und ein paar weitere Motive reizen zum Fotografieren, der blühende Rhododendron am Eingang zum Nachbargrundstück, eines dieser typisch bretonischen Häuser mit den beiden Schornsteinen an ihren Stirnwänden, wie wir sie aus England kennen, wohl eines der Ferienhäuser, wie es für acht bis zwölf Personen angeboten wird. Sie unterscheiden sich lediglich dadurch, dass über der Fensterreihe noch ein Kniestock bis zur Dachrinne reicht, während in England die Dachkante meist mit der Fensteroberkante zusammenfällt und den Häusern damit jenen unverwechselbaren, geduckt wirkenden Eindruck verleiht. Zum Fotomotiv werden auch die Blumenbeete gleich um die Ecke und ein wohl schon von den Kelten erbauter Brunnen auf einem Nachbargrundstück, den wir allerdings nicht brauchen, denn wir haben fließend Kalt- und Warmwasser im Haus.

„Bonjour, Madame Jacq! Quattre croissants et un baguette sìl vous plait » ist die stereotype Redewendung, mein nahezu täglicher Spruch am Morgen in der Boulangerie. Die Frage nach dem „comment ca va“ wird mit „tres bien, pas mal“ oder einfach „ca va“ beantwortet, je nachdem, wie nass wir in der Bäckerei angekommen sind oder wie gut ich geschlafen habe. „Merci et au revoir a bientot“ klingt doch schon ganz gut. Man sollte Sprachen einfach im Lande lernen, dann ist man gezwungen, etwas zu tun. Doch, ehrlich, ich strenge mich an. Und bis wir Beide, Nelly und ich, zurückkehren, hat die Meinige den Frühstückstisch gerichtet. Das Leben ist schön.

„Wir sind da, aber wir wissen nicht, wo wir sind!“

Er klingt reichlich paradox, dieser Satz, aber die Geschichte dazu sollte nicht unerwähnt bleiben, weil sie – nun ja – gewissermaßen zu einem Schlüsselerlebnis gehört. Das ist nämlich die Tatsache, dass wir unsere Freunde noch in der Nähe wissen., die für uns eine Art Rettungsinsel darstellen, falls wir hier sprachlich restlos Schiffbruch erleiden würden. „Ruft uns an, falls Ihr noch Lust habt, Euch mit uns zu treffen, wir fahren am Mittwoch zurück“ hatte uns Liselotte auf einer Ansichtskarte geschrieben, die uns als Luftaufnahme schon mal zeigte, wo wir unseren Urlaub verbringen werden.
Und ob wir Lust haben, nicht zuletzt deshalb, weil wir der irrigen Annahme sind, alle Läden hätten in Frankreich am Montagnachmittag geschlossen. Wir haben nichts zu essen gekauft und, was noch viel schlimmer ist, keinen Schluck Wein im Haus.
So wählte ich kurz nach unserer Ankunft eine achtstellige Nummer und bekomme Liselottes vertraute Stimme zu hören. Sie muss sich diesen unverständlichen Satz von mir gefallen lassen, der nichts anderes ausdrücken soll als mein Unvermögen, dieses unter Kerneing benannte Gehöft und somit unsere Ferienwohnung auf der Landkarte zu finden.

Eine Stunde später treffen wir uns auf halbem Wege zwischen Tréguennec und Fouesnant in Il Tudy an der kleinen Hafenmole, um im nahegelegen Hotel Modern gemeinsam zu essen.
Gegen das Essen gab es absolut nichts einzuwenden und der Wirt dort spricht ein wenig deutsch, er hat eine Freundin in Heidelberg, was ja durchaus eine akzeptable Alternative sein kann, eine andere Sprache zu lernen.
Ein gemeinsamer Bummel am Strand entlang lässt uns mit Blick auf die Uhr merken, dass die Dämmerung hier gegenüber zu Hause um mehr als eine Stunde später einsetzt und ich erinnere mich daran, das ich in den Sechziger Jahren auf meinen zahlreichen Flügen nach Nantes oder Toulouse stets meine Uhr um eine Stunde verstellen musste. Diese spätere Dämmerung haben wir dann Abend für Abend genossen.


Noch eine gemeinsame „voyage de découverte“.

Wir haben uns mit unseren Freunden an ihrem letzten Urlaubstag verabredet, um halb elf an der Kirche von Ploneour – Lavern. Sie nehmen sich die Zeit, uns noch ein bisschen Bretagne, Finistere, das Ende der Welt, zumindest der französischen, zu zeigen, bevor sie morgen nach Hause fahren.
Über Pouldreucic, Plocevet, Audierne und Plogoff fahre ich brav nach ihren Empfehlungen Richtung Point du Van und weiter und ahne dabei lediglich, auf welchen Koordinaten ich mich dabei bewege. Das Vogelschutzgebiet bei Cap Sizun müssen wir fallen lassen. Wir haben ja Nelly, unseren Bonzailöwen dabei und der ist dort unerwünscht. Also fahren wir spontan irgendwo links ab von der Strasse weg auf einen Parkplatz und laufen auf schmalen Pfaden an den zunächst meist bis Brusthöhe dicht bewachsenen Steilhängen der Küste entlang.
Den mitgebrachten Bildern nach muss es der Pointe de Castelmeur gewesen sein. Es kann sich aber genau so gut um den bekannteren Pointe de Brezellec gehandelt haben. Sie liegen dicht beieinander und die Aussicht unterscheidet sich nur im Detail.
Ich habe da seit Jahren ein eigenartiges Problem. Wenn es besonders schön, besonders ergreifend, mitunter aber auch nur traurig wird, dann schlägt sich das bei mir auf die Stimmbänder. Die Meine wie auch meine Söhne grinsen mich dann an und lästern, ich bräuchte doch deshalb nicht gleich weinen.
Auch hier hat mich der Blick auf die rotbraunen Felsen, diese so wirklich einsame Gegend, die rhythmisch gegen die Felswände schlagende und aufschäumende Brandung stimmlos gemacht. Ich bin etwas zurückgeblieben, habe begierig die Farben, die Formen, die Geräusche in mich aufgenommen und fotografiert. Es ist ein unbeschreiblich, ja unfassbar schönes, wildes, einsames Stück Land, man kann sich einfach nicht satt sehen.

Am Nordcap war ich noch nicht. Es muss auch nicht unbedingt sein. Dafür am westlichsten Punkt Frankreichs zu stehen, warum nicht, wenn man schon mal in der Nachbarschaft weilt. Point du Raz nennt er sich. Mehr als eine Million Besucher jährlich haben die Erde platt getrampelt, die Steine poliert, den Pflanzen kaum noch eine Chance gelassen.
Mit fast übertrieben wirkendem Aufwand und der im modernen Frankreich für unsere Begriffe oft etwas schrill wirkenden Architektur hat sich irgend eine französische Institution die Mühe gemacht, die Gegend völlig neu zu gestalten, um der Natur wieder eine Chance zu bieten. Ein finanzielles Risiko ist bei diesem Besucherandrang praktisch ausgeschlossen.
Kaum zu glauben, dass hier nach einem arroganten Plan noch Mitte der Siebziger Jahre ein Atomkraftwerk entstehen sollte. Die Bürger von Plogoff wurden durch ihren beispielhaften, von 1976 bis 1981 dauernden und von Hundertausenden aus ganz Frankreich unterstützten Widerstand gegen diesen Irrsinn bekannt. Es war einst das Wackersdorf der Bretagne.
Heute wird man freundlicherweise und ohne zusätzliche Kosten im Fünfminutentakt von den im Vorfeld neu erstellten Anlagen durch einen Pendelbus fast ans Ende der Welt gefahren und wieder abgeholt.

Wir waren unbekümmert der alten D 784 an das Kap gefolgt, doch eine Walküre normannischer Abstammung pfiff uns grell zurück und regelte mit Einweisung in einen Parkplatz das weitere Vorgehen durch Einzug von zwanzig Franc.
Und wieder befällt uns dieses unbeschreiblich schöne Gefühl. Das Wetter ist phantastisch, die Sicht fast unbegrenzt. Die acht Kilometer entfernte Insel Sein liegt zum Greifen nah, selbst der zwanzig Kilometer entfernte Leuchtturm Ar Men ist noch klar zu sehen und der nordöstlich vom Pointe du Raz auf einer kleinen Insel gelegene Leuchtturm von Trevennec sowieso.
Wir schauen lange aufs Meer hinaus und denken ein wenig an unseren in Boston lebenden Ältesten. Näher kommt man hier in Frankreich zu Fuß nicht an Amerika heran.

Erich fühlt sich offensichtlich für unser leibliches Wohl verantwortlich und so landen wir schließlich in einer von mehreren Crêperien. Auch das ist ein Stück Frankreich, ein sehr typisches sogar. Was wir hier allerdings noch nicht wussten, weil es erst am nächsten Tage zu spüren war, war der Tod unserer Kreditkarte. In Frankreich wie auch in Amerika ist Barzahlung wohl ein Merkmal armer Leute. Die Crêperie unserer Wahl wurde durch ein älteres Ehepaar betrieben, die meinten, mir meine Karte abnehmen und mit zur Kasse nehmen zu müssen. Nicht ganz verständlich, da Edelstahl eigentlich nicht zu Magnetismus neigt, muss die Karte wohl bei der Ablage auf den Tresen gelöscht worden sein. Unsere Zeche wurde noch abgebucht, doch am nächsten Tag im Hypermarché von Pont L´Abbe bekamen wir von der Kassiererin ein „e morte“ zu hören.

Auf der Rückfahrt verabschiedeten wir uns von unseren Freunden am Strand von Tréguennec, besichtigten noch das Haus ihrer Tochter und nahmen uns vor, dieser flachen mit einer Tide von bis zu acht Metern zu erlebenden Westküste zum Atlantik einen eigenen Besuch abzustatten.


Regen, Regen und nochmals Regen.

Was haben die Bretagne und das Salzkammergut gemeinsam? Den Nieselregen. Fast kam der Verdacht auf, unsere Freunde hätten versehentlich das Wetter mit eingepackt und nach Hause mitgenommen. Es erklärte auch die klare Fernsicht vom Vortag, eigentlich immer ein zuverlässiges Zeichen für einen Wetterumschwung.
Ich öffne die Augen und blinzle zum Dachfenster. Eine diagonal über den Fensterausschnitt sich vom Himmel abzeichnende Telefonleitung entpuppt sich auch nach mehrmaligem Augenreiben und Brille aufsetzen als eine eigenwillige Grafik. Es regnet. Da prasselt nichts auf die Scheiben, das ist nur einfach nass und wird vom Wind in Schlieren über die Scheibe getrieben. Ist das jener berühmte bretonische Nieselregen?
Es wäre schön, jetzt einfach liegen zu bleiben, zu faulenzen und zu dösen oder zu lesen.
„Nelly, willst Du Gassi gehen?“ Sie will! Na ja, ich möchte sowieso zum Bäcker.

Auch am nächsten Tag regnet es, schon fast sechsunddreißig Stunden regnet es ohne Unterlass. Und es ist recht kühl für die Jahreszeit. Gegen elf hört es mal ein wenig auf. Wir suchen den richtigen Fußweg zum Meer, das ja laut Prospekt nur zehn Minuten zu Fuß entfernt zu finden sein soll. Doch wir landen an der Lagune. Na, wenigstens die Richtung stimmt. Im zweiten Anlauf finden wir ihn, den direkten, den kürzesten Weg ans Meer. Wir sind ja erst den vierten Tag hier. Es sind wirklich nur neunhundert Meter, wie versprochen, weniger als zehn Minuten zu laufen. Aber diese brettebene Gegend hier ist so verwuchert und immer wieder mit dichtbewachsenen, die einzelnen Viehweiden mit ihren elfenbeinfarbenen Kühen umgrenzenden Erdwällen und Baumreihen durchzogen, dass man den Deich eigentlich erst sieht, wenn man dicht davor steht.
Zwei ein halb Stunden laufen wir am Strand entlang Richtung Beg Meil und zurück. Es wird zusehend heller und wärmer, die eintönige Wolkenschicht immer dünner. Wir werden heute Abend mal nach Lesconil fahren, um uns das Spektakel der Fischauktion im Fischereihafen anzuschauen.

Ein Abend in Lesconil.

„Die abendliche Fischauktion in Lesconil müsst Ihr Euch unbedingt anschauen“ hatten uns unsere Freunde vor der Rückreise noch ans Herz gelegt. Also nutzen wir den Rest dieses verregneten Tages, um diesem Spektakel beizuwohnen.
Lesconil, ein kleines Fischerdorf an der Côte de Cornouaille zwischen Guilvinec und Loctudy, an der Mündung des Steir gelegen, wo die bloß all diese klangvollen und trotzdem kaum aussprechbaren Namen wohl her haben, erreichen wir über Bénodet, Pont L’Abbe und Trefiagat. Wenige hundert Meter vor Bénodet gibt es eine bemerkenswerte Einrichtung in Form einer Verkehrsampel, ohne zunächst ersichtlichen Grund einfach neben der Landstrasse aufgestellt. Man findet wenig Ampeln in dieser Gegend, denn fast alle Knotenpunkte sind durch Kreisverkehre geregelt und das hält den Verkehr flüssig. Diese Ampel aber stoppt den Verkehr und zwar immer dann, wenn man sich ihr schneller als die dort erlaubten fünfzig Kilometer pro Stunde nähert. Eine durchaus sinnvolle Einrichtung. Bénodet selbst ist ein reizvoller, ja fast charmanter Seebadeort an dem schiffbaren L’Odet gelegen, der durch eine die Gegend dominierende Bogenbrücke überquert wird. Von dieser Brücke aus hat man einen umfassenden und interessanten Blick auf den Ort, die Flussmündung und den ausgedehnten Yachthafen.
Ab siebzehn Uhr, wenn der Scheitelpunkt der Flut nahezu erreicht ist, kommen sie nach Hause in den durch zwei Molen geschützten Hafen von Lesconil, die Fischerboote, pünktlich, jeden Tag. Acht, zehn, zwölf, ich habe sie irgendwann nicht mehr gezählt, aber so viele dürften es wohl gewesen sein.
Dann kommt Hektik auf am Kai vor der großen Fischauktionshalle und die zahlreichen Zuschauer stehen fast ein bisschen im Wege. Aber sie gehören dazu, sonst wäre das alles sicher nur halb so wichtig.
Die Besatzungen der Boote und ihre Helfer wuchten Kiste um Kiste an Land und schuften, als gelte es, den Fang am Leben zu erhalten, vor dem teilweise grausam anzusehenden Erstickungstod zu retten. Was ist der Mensch doch für ein Raubtier.
Nach einer guten Stunde ist der ganze Zauber vorbei, der Fang sortiert, gewogen, zur Schau in der Halle ausgebreitet, mit den Namen der Schiffe versehen, umringt von Menschen, übertönt vom ununterbrochenen Wortschwall des Auktionators, versteigert und kurz darauf auf dem Weg , in die hinter der Halle wartenden Kühllastwagen verladen zu werden.
So mancher Fisch, so manche hastig mit Langustinos oder Krevetten vollgestopfte Plastiktüte wechselt blitzschnell zwischen dem hier arbeitendem Personal und den zwischen ihnen Stehenden und Wartenden den Besitzer. Wir glaubten, etwas kaufen zu können, aber da gibt es keinen Geldverkehr. Da muss man anscheinend bekannt, verwandt, befreundet sein oder sehr bedürftig aussehen.
Dann gehen wir halt wieder und kaufen unseren Fisch morgen auf dem Markt.

Ein Ausflug nach Quimper.

Zugegeben, es ist kein Badewetter. Genaugenommen ist es jetzt der dritte Regentag. Seit Mittwoch, seit unsere Freunde nach Hause gefahren sind, regnet es. Aber eigentlich stört es hier gar nicht. Man empfindet es nicht als schlechtes Wetter. Es nieselt halt, manchmal etwas stärker, manchmal etwas schwächer. Mitunter hört es auch mal ganz auf. Dann wird es zwischen dem grauen Wolkeneinerlei etwas heller, man hofft schon, jetzt müsste doch die Sonne mal wieder durchkommen. Aber dann regnet es wieder.
Im Haus mit seinen dicken Mauern ist es kühl. Man könnte es heizen, elektrisch. Aber wir wollen das nicht und ziehen lieber einen Pullover drüber. Im Dachgeschoss ist es wärmer. Hier könnte man rumliegen und lesen, doch wollen wir das? Lass uns nach Quimper fahren.

Der Reiseführer belehrt uns: Quimper, 50.000 Einwohner, historische Hauptstadt der Cornouaille, heute Hauptstadt des Departements Finistere, am Zusammenfluss des schiffbaren Odet und des Steir, im Windschatten der Anhöhe Mont Frugy gelegen. Mittelalterliche Pflasterstraßen, lauschige Plätze, berühmte Söhne wie Laennec, Erfinder des Stethoskops , Max Jacob, Maler und Dichter. Heute besonders bekannt durch die Fayencen Henriot & Veraluc, ein Stil, eine Tradition, besonders bei Amerikanern beliebt. Was ich möglicherweise überlesen, dafür aber erlebt habe: Quimper hat einen Flughafen und ist Endstation der TGV Linie nach Paris.

Quimper empfängt uns mit zweifelhaftem Wetter. Es ist kein Problem, einen Parkplatz zu finden. Es war bisher in keiner Stadt ein Problem. Sie scheinen alle für den Massenansturm im Juli, August eingerichtet zu sein. Jetzt ist noch keine Saison, es ist noch leer, die Einheimischen sind weitgehend unter sich.
Natürlich braucht es einen Parkschein. Ich werfe in den Automaten ein Zehnfrancstück ein, zwei Stunden Parkzeit sollten vorerst mal reichen. Der Parkscheinaufdruck erlaubt mir, hier bis 15:58 Uhr zu stehen. Das verwirrt mich etwas, doch die Meinige klärt mich über den Text am Automaten auf: von zwölf bis fünfzehn Uhr kostet es nichts. Man sollte eben doch noch viel mehr lesen.
Dann laufen wir los. Hund und Schirm lassen wir mal wieder im Auto. Nelly läuft nicht gerne durch Städte und wenn, ist sie fast ausschließlich mit Schnuppern beschäftigt, das hält auf.
Wir laufen in Richtung der Kathedrale Saint Corenthin, angefangen 1239, fertiggestellt unter Napoleon III, also zwischen 1852 – 70. Der Reiseführer meint sarkastisch, da hätte man sich mal wieder reichlich Zeit gelassen. Sie hätte einiges zu bieten, die Kathedrale, an Schönem und an Skurrilem. Leider ist sie seit 1994 eingerüstet und wegen teilweiser Einsturzgefahr geschlossen. Das wird wohl dann auch in den nächsten Jahren noch so sein.
Also zurück zur Rue Keréon, ehemals Straße der Schuhmacher. Dort steht eine lebensgroße, tiefschwarz gekleidete Oma vor einem Geschäft aus, ja was eigentlich? Überwiegend wohl aus Blech, der Rest aus Holz oder Ton? Wir haben sie einfach mal fotografiert und mitgenommen, das Foto, was sonst.
Dann regnet es wieder. Wir kaufen Postkarten, eine Wanderkarte der Gegend und flüchten uns in Les Halles. Markthallen in Frankreich sind für Hobbyköche wie mich ein Eldorado. Wir beschränken uns aber auf Fisch. Zwei Thunfischkoteletts, zwei Grenadierfilets und zwanzig Langustinos werden erstanden und durch den Regen getragen.
Die Kirche St. Mathieu ist offen. Ich bleibe mit meiner Fischtüte draußen stehen. Wir sind etwas vom Kurs abgekommen. Wunderschöne alte Fachwerkhäuser, enge Gassen, malerische Winkel mit viel Blumen, nicht nur am Fluss entlang, halten uns immer wieder auf. Ich möchte zurück zum Parkplatz, zu Hund und Schirm.
Als wir dort sind, hört es zu regnen auf. Mit Nelly besteigen wir den Mont Frugy und werden mit einer schönen Sicht auf die mit Schiefer gedeckten Dächer Quimpers mit ihren roten Firstziegeln und den tönernen Röhren auf jedem Schornstein belohnt. Es erinnert ein wenig an die Schornsteinfegerszenen im Film über Mary Poppins. Reizvoll anzuschauen auch, wie die nassen Dächer unter den zaghaften Sonnenstrahlen zu dampfen beginnen.
Quimper wäre Ausgangspunkt für zahlreiche Ausflüge, zum Beispiel in die Stangala Schluchten, sieben Kilometer nordöstlich von hier. Uns reicht es aber für heute. Wir fahren zurück nach Pont L’Abbe zu Leclerc in den Supermarkt, der sich hier bescheiden Hypermarché nennt. Von uns aus darf er das, er hat wirklich ein sagenhaftes Warensortiment im Angebot.

Wir hatten übrigens unsere Kreditkarte in einer Bank nochmals prüfen lassen. Sie war wirklich gelöscht und wird uns als Lehre dienen, eine zweite Karte zu besorgen und sie nie mehr außer Sichtweite zu geben.. Es war aber kein Problem, mittels der EC Karte Geld abzuheben. Es wurde nur alles ein bisschen aufwendiger.

Bénodet, St. L’Abbe, Penmarch, Tronoen.

Was macht man mit einem angebrochenem Nachmittag in der Bretagne, wenn es am Vormittag nur zu einem Spaziergang am Meer im Nieselregen gekommen ist? Man studiert einen Reiseführer, setzt sich ins Auto und fährt ein paar Kilometer ins Landesinnere, um sich dort in der näheren Umgebung umzuschauen. Und nach wenigen Kilometern schon erreicht man wieder einen kulturhistorischen Ort, denn da liegt vor einem die Chapelle Notre Dame de Tronoen mit ihrem aus dem 15, Jahrhundert stammenden Calvaire, dem angeblich ältesten der Bretagne. Erbaut auf einem leichten Hügel inmitten flacher, reichlich in Parzellen aufgeteilter Landschaft, beinahe einsam, übersieht man die wenigen, weit verstreuten, sich meist hinter krummen Gehölzreihen versteckten Gehöfte. Der ewige Wind formt die Bäume und zwingt den Menschen, seine Behausungen zum Schutz in Mulden und Bodensenken anzulegen. Nun wissen wir endlich, was der Reiseführer hier, was die Bretonen mit einem Kalvarienberg meinen. Bei uns versteht man ein bisschen etwas anderes darunter. Es kommt aber im Prinzip auf das gleiche heraus, nämlich die Hinrichtungsstätte Jesu Christi vor den Toren Jerusalems, bei uns meist als eine Abfolge des Kreuzigungsweges in Stationen dargestellt auf dem Wege zu Wallfahrtsstätten oder einfach nur über einen Hügel angelegt, in der Bretagne als steinernes Monument in umfriedeten Pfarrhöfen gestaltet.
Das Innere der Kirche, in der Bretagne selten anzutreffen, mit einem steinernen Dachgewölbe, üblicherweise meist eben ein umgedrehtes, hölzernes Schiff, aber mit strahlendem Blau versehene Fenster, eine bäuerlich fromme Pietá, ein Verkaufstisch für Postkarten, Broschüren und Kerzen und leise Orgelmusik aus einem Recorder als Einstimmung aus dem Hintergrund.

Wir fahren anschließend noch auf dem kleinen Sträßlein weiter bis ans Meer, durchqueren die Dünen, die unter den Stürmen des letzten Winters sichtbar gelitten haben und wandern auf dem schier endlos langem und breiten Sandstrand bis kurz vor das zerfallene Betonwerkes vor Treguennec, ein Überbleibsel der einstmaligen Organisation Todt und der Deutschen Wehrmacht, die hier zahlreiche Bunker des ehemaligen Atlantikwalls hinterlassen haben. Sie haben alle Bemühungen zur ihrer Beseitigung überstanden, versinken aber seit Kriegsende langsam und stetig im Sand und erinnern aus der Ferne mitunter an gestrandete Wale. Es ist nicht leicht, peinliche Gefühle zu unterdrücken zu dem, was unsere Altvorderen hier in ihrer Borniertheit angerichtet haben.
Vom Meer her treibt eine Dunstglocke Richtung Osten wie bei Schirokko in Italien, während sich landeinwärts tiefschwarze Wolken auftürmen. Blumenfelder in nächster Nachbarschaft von Tronoen zwingen zum abrupten Halt und zum Fotografieren. Eine Französin steht neben uns, schaut uns an, lächelt und sagt in akzentfreien Deutsch nur das eine Wort: „schön“.
Der Rückweg bringt uns zunächst zu dem nahegelegenen Pointe de Torche. Der Betrieb dort lässt erahnen, was hier an den bevorstehenden Pfingstfeiertagen geboten sein wird. Wir überlassen das Terrain gerne den Einheimischen, fahren über Penmarch zur dortigen Landzunge, um den mit 65 Metern höchsten Leuchtturm dieser Gegend, den Phare d’Eckmühl aus der Nähe zu betrachten. Seine Lichtstärke reicht siebzig Kilometer weit, nur ist er uns nie aufgefallen, weil es meist noch nicht richtig Nacht war, wenn wir gegen elf zu Bett gingen.

Auch wenn sein Name recht deutsch klingt, er gehört dem französischen Marschall Louis Nicolas Davout, Herzog von Auerstaedt, Fürst von Eckmühl, der die Preußen bei Auerstaedt geschlagen und die Siege bei Eggmühl und Wagram über die Österreicher entschieden hat. Er war einst Napoleons Kriegsminister und schloss 1815 nach der Schlacht bei Waterloo den Waffenstillstand mit den Verbündeten.
Im übrigen war es dann seine Tochter, die diesen 1897 eingeweihten Bau finanzierte.

Die Pfingstfeiertage als Urlaub in der Bretagne.

Obwohl die Bretonen in unzähligen pardons und fêtes ihren religiösen Gefühlen und Gedanken gerne Ausdruck verleihen, finden wir keinerlei Hinweise auf solche, mit viel Freude, Pomp und schönen Trachten begangene Feierlichkeiten zu den Pfingstfeiertagen. Wir versäumen also nichts. Wieder treibt der Wind die Regenschleier übers Dachfenster. Wenn der Wetterbericht im Fernsehen gestern Abend recht behält, dann regnet es auch die nächste Woche noch. Na denn.
Nach gemütlichem Frühstück hört es doch tatsächlich mal gegen zehn Uhr auf und wir ziehen mit Nelly los zu unserem nie langweilig werdendem Standardspaziergang, den Dünen von Mousterlin entlang, teils vor, teils auf teils hinter ihnen, in Richtung Le Letty, viereinhalb Kilometer bis ans Ende der Lagune und die gleiche Strecke wieder zurück.
Man könnte bei Ebbe hinüberwaten, auf die andere Seite, aber das muss ja nicht sein. Der Wind sorgt für kalte Ohren und Nelly wird nicht müde, kleinen runden Steinen hinterher zu jagen, die man am glatten Strand so wunderschön dahinkullern kann.
Kaum zu Hause fängt es wieder an zu regnen. Es gibt zumindest zeitlich keinen streng geregelten Tagesablauf mehr. Es ist früher Nachmittag, als ich mich in der Küche amüsiere, ein Futter für Nelly und ein Essen für uns zubereite, während die Meine sich eine Etage höher ihrem Yoga hingibt. Der Rest des Tages vergeht mit lesen und französisch lernen und als sich gegen Abend dann doch noch ein bisschen Sonne durch die Wolken quält, brauchen wir sie auch nicht mehr.
Mit dem Pfingstmontag beginnt unsere zweite Ferienwoche hier in Mousterlin. Manchmal hört der Regen für kurze Zeit auf oder es regnet eben in Schauern, aber eben nicht ununterbrochen. Dann ermuntern wir Nelly, mit uns zu gehen, setzen uns in die Kiste, fahren irgendwohin in die Nachbarschaft und warten auf eine kurze, trockene Periode. Wir sind am Vormittag in das Bénodet gegenüber liegende Saint Marine und weiter bis ans Ende, dem Pointe de Combrit gefahren, haben den letzten Schauer abgewartet und sind dann über die Felsen, die Klippen am Meer herumgeklettert bis zum Leuchtturm und dann einen mit blühenden Sträuchern gesäumten Pfad gefolgt, bis uns der nächste Schauer empfohlen hat, zurückzukehren. Dem Leuchtturm gegenüber steht, von einem Erdwall umgeben, Le Fourt, ein altes Fort. Es beherbergt irgend eine Ausstellung, die aber erst während der Hauptsaison geöffnet wird.
Nachmittags nehmen wir uns Beg Meil vor, einen der ältesten und für bretonische Verhältnisse wohl auch mondänsten Badeort. Wir parken hinter der Düne am Pointe de Maner und laufen die knapp drei Kilometer teils am sandigen Strand, teils über während der Ebbe freiliegende Felsformationen und stellen fest: hier gibt es schon wesentlich mehr Urlauber als in unserer Gegend, überwiegend englisch sprechendes Publikum, über das man sich fast ein wenig freut, weil man ihre Gespräche wenigstens versteht. Wasser und Wind prägen hier die Formen, ob skurrile Felsen im Wasser oder bizarr verbogene Bäume am Strand und manchmal hat es den Anschein, als ob sich die Sonne doch noch durchsetzt.

Douarnenez und anderes.

„Heute ist eigentlich überhaupt kein Wetter“ stellt die Meine fest und ich gebe ihr recht. Ein grauer, eintöniger Himmel ohne Regen, ohne Wind. Das muss man hier ausnützen.
Wir wollen nach Douarnenez an der gleichnamigen Baie du Dourarnenez gelegen, jener Bucht, an der einst der Sage nach diese schöne Stadt Ys gelegen haben soll, das Sodom und Gomorrha der Bretagne. Paris hat seinen Namen nach ihr erhalten, weil es so schön wie Ys, par Ys sei.
Douarnenez gilt als viertgrößte Stadt im Finistere mit einem wichtigen Fischereihafen. Durch die Zusammenlegung mit den Städten Tréboul und Ploaré verfügt sie insgesamt über nicht weniger als vier Häfen Sie hat zwar den Charme einer Arbeiterstadt behalten und ist kaum als hübsch zu bezeichnen. Dafür aber hat sie viel Geschichte und viele Geschichten. Es lohnt, sich damit näher zu befassen.
Zu diesem Ziel bietet sich eine Tagesrundfahrt durch diese reizvolle und ständig wechselnde Landschaft an, zu der unsere diverse Reiseliteratur einige am Weg gelegene Schmankerl verrät.
Wir fahren daher von Mousterlin über Fouesnant – Quimper – Plonois – Guengat – Plogonnec – Locronan nach Douarnenez, von da zum Pointe de la Jument und über Poullan – Pouldergat – Pouldreuzic – Plonéour Lanvern zurück. Das sind etwa 145 Kilometer. Ob wir die Namen wohl alle richtig aussprechen, sei dahingestellt.

In Guengat kommt man natürlich nicht um diese gotische Kirche Saint Fiacre mit ihrem teilweise umfriedeten Kirchhof einschließlich Triumphbogen und einem kleinen Calvaire herum. Das heißt, herum kommt man schon. Aber man stößt unweigerlich beim Passieren dieser kleinen Gemeinde auf dieses leicht erhöhte Kirchengelände an der Rue de la Mairie. Und es ist ein beinahe anheimelnder Anblick, diese vielen Spitzgiebel und der durchsichtige Turm aus uraltem Gestein, mit Flechten und Moosen überwuchert und vielen kleinen blauen Blümchen bewachsen. Im Inneren sorgen bunte Glasfenster aus dem 16. Jahrhundert für eine mystische Beleuchtung.
Plogonnec bietet ein ähnliches Bild. Vom Hauptplatz aus bietet sich ein Blick auf die gezackte Giebelfassade, einen durchbrochenen Glockenturm mit Türmchen und Balustraden, dicht umstanden von großen Laubbäumen und daher nur in Details zu fotografieren. Außerdem ist sie verschlossen. Wir können die schönen Fenster nur von außen betrachten.
Dann kommen wir nach Locronan. Es gilt als das schönste Dorf Frankreichs und ist daher genau so überlaufen wie zu Hause etwa Rothenburg. Wir können nicht klagen, es ist noch keine Saison.
Da es gerne als Kulisse für meist im Mittelalter spielende Filme dient, genießt es den Vorteil, dass alle elektrischen Freileitungen unterirdisch oder diskret an den Hauswänden verlegt sind. Das macht diesen Ort natürlich besonders fotogen. Autos bleiben draußen vor dem Ort geparkt. Nur Einheimische dürfen das mittelalterliche Stadtbild stören. Eine Menge Engländer sind zu Besuch und Menschen mit schmalen Augenschlitzen und Stupsnasen. Man sieht sie eigentlich überall.
Die Kirche Saint Ronan aus dem 14. Jahrhundert mit ihrem wuchtigen, viereckigen Turm war leider eingerüstet, mit Planen verhangen und geschlossen, doch die malerischen Bürgerhäuser in fast einheitlicher Stilrichtung und die oft liebevoll gestalteten Hinterhöfe gaben reichlich schöne Fotomotive ab.
Dann folgt Douarnenez. Es empfängt uns über die Mittagszeit und wirkt gespenstisch leer, wie ausgestorben. Nur ein Rudel Möwen plündert mit lautem Geschrei einen Container mit Fischresten, offensichtlich für sie vor der großen Fischhalle am Hafen abgestellt. Wir überlegen uns, ein Fischrestaurant im Obergeschoss dieses Gebäudes aufzusuchen. Sicher hat man einen interessanten Ausblick von dort oben. Aber wir haben beim besten Willen keinen Hunger und lassen es bleiben. So konzentrieren wir uns auf das Schifffahrtsmuseum und die dazugehörende Peripherie. Es soll auf eine Initiative der Frauen von Douarnenez unter dem Motto „Rettet die alten Pötte“ entstanden sein, enthält Exponate aus aller Welt und umfasst auch ein Lehrstudio, in dem alte Schiffe in ihrer Originalbauweise entstehen. Man kann sich in Kursen daran beteiligen. Ein fast brusthoher Neptunkopf, aus einem mächtigen Baumstumpf geschnitzt, steht vor dem Eingang zur Werkstatt. Der dazugehörende Museumshafen wird offensichtlich auch durch Besatzungen oder Eigner von Oldtimersegelbooten gerne angelaufen und ist gut belegt.
Kéandraon als ein Abstecher mit einem etwa sechzig Meter über dem Meeresspiegel liegendem Aussichtspunkt an der Baie de Dournanenez ist nicht ganz so eindrucksvoll wie die mit unseren Freunden besuchten Kaps ganz im Westen, aber man muss ja mal selbstständig werden. Vielleicht liegt es auch nur am Wetter, das die Beiden mit nach Hause genommen haben. Ist es Seifenschaum oder irgendein Bindemittel, dass da in mehreren langen Schwaden auf dem Meere treibt? War da nicht vor ein paar Jahren so ein übles Tankerunglück vor der Küste der Bretagne mit Ölpest, Vogelsterben und all diesen durch Menschen verursachten Grausamkeiten? Man vergisst es, vielleicht Gott sei Dank, alles so schnell.
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Concarneau.

Heute ist einmal etwas ganz anderes geboten, ein ganz anderer Tag. Zum einen haben wir heute einen ganz dicken Nebel und zwar so nass, dass er sich eigentlich nur durch die eingeschränkten Sichtverhältnisse vom sonst üblichen Nieselregen unterscheidet. Zum anderen hat meine Liebe heute schon wieder Geburtstag, kein Wunder, dass sie immer älter wird. Sie behauptet, an ihren Geburtstagen sei immer schönes Wetter. Nun, der Nebel deutet darauf hin, dass zumindest etwas Bewegung in das Wettergeschehen kommt.
Es muss nicht verschwiegen werden, dass ich in meiner Einfalt schon ganz früh fast fünfzig Kilometer über Land gefahren bin, um einen schönen Blumenstrauß zu besorgen. Aber außer dem Bäcker und dem Milchladen macht kein Geschäft vor neun Uhr auf. Tief frustriert komme ich zurück und gehe wenigstens mal mit Nelly Gassi. In Selbstmitleid versunken, warum muss sie auch immer zu unmöglicher Zeit Geburtstag haben, fange ich an, Blumen und Gräser zu pflücken und zu einem Strauss, ach was, Bukett zu formen. Möglicherweise ist er wirklich schöner als jeder gekaufte Strauß gewesen wäre. Zumindest behauptet dies meine Süße.
Was macht man an einem solchen Festtag mit unsicheren Wetterverhältnissen? Wir haben uns im Fernsehen schon lange keinen Wetterbericht mehr angeschaut, nur einen Derrick, wie er hier erstaunlicherweise fließend französisch spricht. Nun, wir fahren in die Stadt, in die nächstgelegene. Das ist Concarneau. Die Stadt ist wohl in erster Linie als einer der wichtigsten Fischereihäfen Frankreichs bekannt, der Drittgrößte im Schleppnetzfischen, die Nummer Eins im Thunfischfang. Und die Stadt ist bekannt durch ihre wohl einzigartige „Ville close“, die auf einer Insel gelegene, mauerumschlossene Altstadt.

Wir bummeln durch die mit Läden, Boutiquen, Konditoreien, Restaurants, Galerien und Souvenirläden umsäumte Hauptader und fühlen uns dabei alles andere als einsam, durchqueren das Grünviertel mit seinem Park, seiner Freilichtarena, klettern auf die Stadtmauer, auf der man ähnlich wie in Nördlingen, Rothenburg oder Chester fast das ganze Städtchen umrunden kann, lassen uns trotz schmackhafter Kuchenbrösel und deutscher Anrede nicht zum Kuchenkaufen überreden und nehmen stattdessen eine buntbemalte Blechschachtel mit Galettes de Fouesnant mit, kleine runde, wohlschmeckende Butterkekse.
Glauben, ein paar Anregungen zu Souvenirs für nette Menschen zu Hause zu bekommen, finden aber doch nichts Passendes, erstehen eine Katze, aus Holz geschnitzt, als kleines Präsent zum Geburtstag für die immer umfangreicher werdende Katzensammlung in unserem Haus und kaufen schließlich doch noch, weil es einfach zu kalt für die Jahreszeit ist, einen dunkelblauen Pullover mit der Aufschrift Bretagne für mich. Die Geschäftsinhaber sprechen englisch und Madame Jacq freut sich am nächsten Tag über so viel Anhänglichkeit.

Mittag essen wir im „Le Roof“. Das im Reiseführer empfohlene Feinschmeckerlokal „Chez Armande“ gleich links daneben gelegen hat heute seinen Ruhetag. Und am Abend bitte den Champagner nicht vergessen. Er steht seit gestern im Kühlschrank.
Doch bevor es Abend wird, bummeln wir zum xten Male mit Nelly am Strand die Düne entlang Richtung Le Letty, Richtung Bénodet. Und das Wunder geschieht, der Himmel öffnet sich zusehends. Gegen zwanzig Uhr ist keine Wolke mehr am Himmel zu sehen, abgesehen von einigen Kondensstreifen, Spuren der nach Amerika fliegenden Airliner, die langsam zerfließen.. Wie sagte meine Liebe heute morgen zu mir? „An meinem Geburtstag ist immer schönes Wetter!“

Und noch ein paar Tage Urlaub.

Es ist doch tatsächlich heiter, trocken und fast wolkenlos geblieben und wir haben keine sonderliche Lust mehr, noch viel in der Gegend umher zu fahren.
So genießen wir unsere Nachbarschaft im Sonnenschein, wandern nach Le Letty am Strand entlang und auf der der Lagune zugewandten Seite zurück und genießen stets von Neuem die unendliche Einsamkeit. An den Wochentagen begegnet uns hier kaum ein Mensch und immer wieder von Neuem reizvoll die in ihrer braungrünen Schwermut an Worpswede erinnernden Farbtöne am Ende, dem sumpfigen Teil der Lagune.
Gegen zehn Uhr am Vormittag hat die Ebbe ihren Tiefstand erreicht. Dann gehört die Lagune den Muschelsuchern. Gegen sechzehn Uhr ist der Wasserstand am höchsten. Dann wird dieser mit einem schmalen Zufluss zum Meer bei Le Letty versehene Binnensee zum Eldorado für Surfer und Segler. Dennoch, sechs Stunden reichen nicht aus, um das Wasser restlos abfließen zu lassen. Die Strömungen hinter dem Deich, hinter den Dünen hinken den Realitäten davor um einiges nach. Ebbe und Flut, hier in diesem Teil der Bretagne mit bis zu sechs Metern Unterschied ergeben ständige Veränderung der Landschaft an der Küste. Gemäßigt zu Zeiten des Halbmondes, ungezügelt bei Voll- oder Neumond. Dann heißt man es Springflut im Gegensatz zur Nippflut. Langsam kennen wir hier jeden Stein, jede Treppe, jeden Zaun und staunen immer wieder über das ständige und ideenreiche Bemühen, den Deich, die Dünen vor Wind und Meer zu schützen.

Das letzte Wochenende ?

Es ist Vollmond. In der Nacht hat uns erneut starker Regen und auf das Dachfenster prasselnder Hagel geweckt. Kaum war er vorbei, schien der pralle Mond durchs Fenster und formte einen eckigen Spot auf den friedlich neben meinem Bett auf seiner Decke schlummernden Hund.
Von den auf rheinische Art mit Lauch gekochten moules war leider die Hälfte schon tot, bevor ich sie ins kochende Wasser warf,. Man soll sie eben wirklich nur in den Monaten mit R kaufen, September bis April. Dann sind sie am besten. Der Rest hat trotzdem so geschmeckt, dass es gerne mehr hätten sein dürfen.
Auch das Grenadierfilet auf Wurzelgemüse war gut, fast besser als Goldbarsch. Ich habe später lange in der Literatur gesucht, was für ein Fisch das ist und musste schließlich lesen, dass er eigentlich in Amerika gefischt wird und dort vom Aussterben bedroht ist. Die waren noch in keinem französischen Fischgeschäft. Es handelt sich um einen bis einen Meter Größe wachsenden Tiefseefisch, der mit Schleppnetzen aus bis zu zweitausend Metern Tiefe gefangen wird. Er scheint durch die niedrigen Temperaturen und das damit verbundene langsame Wachstum einerseits sehr alt zu werden, andrerseits sehr lange zu brauchen, bis er fortpflanzungsfähig ist.
Das war also unser mit nachträglich leicht schlechtem Gewissen verzehrtes Samstagnachmittagessen. Quel dommage, seulement encore un jour, le dimanche. Man könnte sich an das Leben hier gewöhnen. Wahrscheinlich aber würde über kurz oder lang das Körpergewicht aus dem Ruder laufen.
Eine kaum zu beschreibende und nur schwer erklärbare Stimmung beschleicht uns. Wir haben uns nach ausgiebigem Frühstück ins Auto gesetzt und sind einfach nochmals losgefahren, nicht zuletzt, um einen Glascontainer zu finden, um uns von all den leeren Flaschen zu befreien. In Bénodet sind wir ein bisschen durch die Stadt gebummelt und schließlich an den Hafen hinunter, um endlich mal die große Brücke über den Odet zu fotografieren, über die wir so oft gefahren sind. Dort bin ich förmlich über diese Verre-Container gestolpert. So habe ich alle unsere „Geleerten“ losbekommen. Hätte ich mich in Pont L’Abbe nicht verfahren, wir hätten wohl nie diese reizvolle Stimmung des bei Ebbe leergelaufenen Hafens und die mit dem Kiel im Schlick steckenden Yachten gesehen.
Dann waren wir auf einmal in Loctudy, es liegt ja alles dicht beieinander, haben auf einen kleinen Parkplatz am Meer das Auto hingestellt, sind mit Nelly mal wieder über die Felsen am Strand geklettert, dabei die Krabben und Einsiedlerkrebse in den verbliebenen Pfützen zwischen den Steinen beobachtet und haben die Wolkengebilde am Himmel und den Leuchtturm in Bildern festgehalten. Doch Nelly scheint heute auch keine große Lust zur Fortbewegung zu verspüren. Wir sind die pralle Sonne nicht mehr gewöhnt.
Wir fahren weiter, immer „hinnern Deich“ entlang, kommen nach Lesconil und weiter nach Le Guilvinec, dem viertgrößten, wahrscheinlich aber reizvollsten aktiven Fischereihafen in der Bretagne, in dem auch ein reger Werftbetrieb herrscht. Er bildet mit der auf der gegenüberliegenden Seite des Ästuas gelegenen kleinen Gemeinde Lechiagat eine sympathische Einheit.
Umfangreiche Straßenarbeiten erwecken den Eindruck, der ganze Stadtplan solle umgekrempelt, neu gestaltet werden. Leider müssen sich auch Franzosen in geschlossenen Ortschaften über jede Geschwindigkeitsbegrenzung hinwegsetzen und so wird die an sich reizvolle und malerische Silhouette um den Hafen immer wieder durch hässliche Staubwolken gestört.
Das im Reiseführer gelobte Hotel Post erzeugt bei uns nach all den Miesmuschelbänken an der Küste den Wunsch auf ein kleine Portion Muscheln. Zu Hause liegt ja noch das Grenadierfilet im Kühlschrank. Es will lieber gegessen werden als zu stinken beginnen. Wir studieren die Speisekarte und finden den Preis für eine kleine Nascherei eigentlich zu hoch oder cèst trop cher, wie Franzosen sagen würden. Doch was tun, wenn einem das Wasser im Munde zusammenläuft? Die Läden machen erst wieder um halbdrei auf. Wir müssen zwei Stunden warten.
Also fahren wir weiter nach Treffiagat in die Dünen, bummeln am Strand bei blauem Himmel und einem kalten, kräftigen Wind aus Nordwest. Nelly latscht mit uns lustlos durch den lockeren Sand. Sie kann sich heute für keine Spiele begeistern.
Nach einer Stunde sitzen wir halt wieder ausgefroren im Auto und entscheiden uns, das Manoir de Kerazen, einen alten Herrensitz zu suchen, der in der Landkarte als Sehenswürdigkeit eingezeichnet ist. Aber das war ja wohl nichts. Wir finden zwar das Sträßlein, aber keinerlei Hinweis, dafür aber kurz darauf wieder die Ortstafel Pont L’Abbe.
Da fällt uns Leclerc, der Hypermarché ein. Der hat natürlich durchgehend geöffnet. Dort haben wir Muscheln, Scampi und eine Hundewurst an die Kasse getragen und haben nur einen Bruchteil des Preises auf der Speisekarte bezahlt. Eigentlich wollten wir gar nichts mehr kaufen, doch nun stimmte die Richtung wieder. Bis wir uns dann zu Hause den Mund abgewischt haben, ist es schon später Nachmittag geworden. Draußen dröhnt plötzlich ein Rasenmäher und erinnert uns an unsere Nachbarn zu Hause.

Am nächsten und letzten Tag unseres Aufenthaltes haben wir uns noch ein paarmal vom Meer verabschiedet. Wir sind am Vormittag ein letztes Mal nach Le Letty gelaufen. Bei Vollmond ist die Ebbe jetzt besonders tief, der Strand somit breiter als sonst und noch nie haben wir die Lagune so leer und all die Segelboote und Katamarane im Trockenen liegen gesehen, so leer, dass man mit hochgekrempelten Hosen die gegenüber, zu Benodét gehörende Seite zu Fuß erreichen konnte.
Am Abend sind wir dann noch einmal an den Pointe de Mousterlin gefahren und, weil sich dort das Meer mit keinem guten Geruch in Erinnerung behalten lassen wollte, nochmals an „unseren“ Strand. Nelly sitzt lange zwischen uns und schaut aufs Meer hinaus, das jetzt gegen achtzehn Uhr wohl seine Höchstmarke erreicht zu haben scheint. Bis wir uns endgültig von ihm trennen, fehlt schon fast wieder ein Meter.
Ein Gedenkstein auf dem Deich, mit Blumen geschmückt, erinnert uns schmerzlich an unsere gemeinsame Vergangenheit. Es gibt hier in der Bretagne viele davon. „Aux fusilles de Mousterlin“ steht in den Stein gemeißelt zu lesen. Siebzehn Menschen wurden hier im letzten Krieg von den Deutschen erschossen.
Inzwischen ist es zehn Uhr abends und noch immer hell. Die Sonne ist untergegangen und alle Wolken haben sich in Nichts aufgelöst. Ein strahlender Sternenhimmel umgibt uns hier zu unserer letzten Nacht in Kerneing.





Die Heimreise.

Auf der Rückfahrt werden wir überwiegend Autobahnen benutzen. Das Ferienhaus müssen wir bis zehn Uhr geräumt haben. Mit Schlüsselübergabe wird es wohl halb elf werden, bis wir Fouesnant verlassen. Da wir uns auf Campanile-Hotels konzentriert haben, mussten wir berücksichtigen, dass es zwischen Le Mans und Paris direkt an der Strecke keine gab. Ich habe mir La Ferté Bernard ausgesucht. Das liegt etwas abseits der Strecke, doch 450 Kilometer am Tag sollten genügen, um den Urlaub noch zu genießen.
Das Packen am Ende des Urlaubs ist immer einfacher als zu Beginn, auch wenn wir so Einiges mehr im Wagen unterzubringen haben. Die Übergabe des Hauses an Madame Jacq ist in wenigen Minuten erledigt. Sie spricht französisch, wir fast nur deutsch, keiner versteht, was der andere sagt, wir lächeln uns an und sind uns einig. Wir bezahlen unsere Stromrechnung, bekommen unseren Scheck mit der Kaution zurück und schon kurz nach neun Uhr verlassen wir unser schönes Ferienparadies schweren Herzens.
Reisen statt Rasen steht irgendwo an Württembergs Autobahnen. Wir wollen noch nicht einmal reisen. Wir wissen, dass hier bei den leeren Autobahnen die Strecke nach La Ferté Bernard fast zu kurz ist. Im neuen Campanile Prospekt gibt es jetzt auch ein Hotel in Chartres. Vielleicht habe ich es aber auch nur übersehen. Sei´s drum, wir haben Zeit. Deshalb habe ich aus den Reiseführern noch ein paar Rosinen abseits des Weges gepickt. Wir wollen uns nur ganz langsam von der Bretagne verabschieden und das Wetter ist uns dabei wohlgesinnt.

Rennes hat uns bereits auf seiner Ringautobahn mit Verkehrsstaus empfangen, ungewöhnlich und für uns inzwischen ungewohnt. Was sollen wir in der Stadt.
Auf der 463 verlassen wir die Autobahn, die in der Bretagne gebührenfrei ist, dafür aber nur als Schnellstraße mit 110 Kilometer pro Stunde befahren werden soll und fahren zunächst nach Chateaugiron, von da auf der 92 nach Janze und auf der 41 bis kurz vor Retiers. Straßen sind in Frankreich wunderbar gekennzeichnet An einem kleinen Nebensträßchen finden wir die Feensteine, Le Roches aux Fees.
Sie gehören zu den eindrucksvollsten megalithischen Monumenten Frankreichs, weshalb wir uns den Abstecher zur größten Ansammlung von Menhiren und Dolmen zwischen Plonharnel und Carnac für dieses mal gespart haben. Wir sind uns sicher, wir kommen wieder.
Wir sind fast alleine hier. Ein der Ausrüstung nach zu schließender Berufsfotograf mit einer Autonummer Württembergs leistet uns Gesellschaft. Was müssen das für Feen gewesen sein, die hier bis zu vierzig Tonnen schwere Steine aufeinander geschichtet haben. Der Reiseführer meint, ihre Schleier waren sicher aus Jeansstoff.
Als nächstes wird uns vom Reiseführer nachdrücklich empfohlen, einem etwa acht Kilometer westlich von Vitré gelegenem, gottverlassenem Dorf namens Champeaux einen Besuch abzustatten. Dort könne man eine der faszinierensten Kirchen der Bretagne entdecken, deren Pracht und Erscheinung einmal mehr in keinem Verhältnis zur Größe des Ortes stehe. Also fahren wir von den Feensteinen wieder nach Norden über Piré, Chancé und Chateaubourg auf einsamen Sträßchen und kommen in dieses völlig ausgestorben wirkende Dörfchen.
Verblüffend aufwendig ist die Innenausstattung der Kirche aus etwa fünfzig geschnitzten Chorstühlen im Stil der Renaissance. Als Meisterwerk aber gelten die Kirchenfenster aus dem 16. Jahrhundert sowie das fünfteilige Altarblatt mit der Leidensgeschichte Christi.
Es geht eine eigenartige Stimmung von dieser Kirche und den darum herumliegenden schlossähnlichen Anlagen aus, einst ein Donherrenstift, zumal wir hier während der Mittagszeit keiner einzigen Menschenseele begegnen.


Dann kommen wir nach Vitre, einst eine bedeutende Stadt des Mittelalters, die bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Reichtum und Wohlstand aus dem Tuch- und Textilienhandel erlangte Als Grenzstadt hatte sie über die Unabhängigkeit der Bretagne zu wachen. Die aus dieser Epoche stammenden Häuser und Gassen verblüffen durch ihre gepflegte Erscheinung, ein gewisser Wohlstand scheint sich erhalten zu haben. Das burgähnliche, hoch über der Stadt thronende Schloss bietet einen geradezu majestätischen Anblick. Neben einem Museum beherbergt es das Rathaus dieser Stadt.
Vom Parkplatz am Fuße des Schlosses und des gegenüber liegenden Bahnhofes aus, durch den man sich nach genossener Einsamkeit irgendwie wieder mit der übrigen Welt verbunden fühlt, bummeln wir hinauf durch die engen Gassen mit ihren kleinen Läden, Boutiquen, Bars, Crêperien und Teesalons, kaufen ein paar Postkarten, freuen uns über das schöne Wetter und probieren auf dem Rückweg unser Französisch aus beim Erwerb von Speiseeis aus der Kühltruhe. Dass wir dabei einen Teil der Renovierungskosten für diese urige Kneipe mit übernommen haben, soll uns nicht weiter belasten.
Etwa fünfzehn Kilometer müssen wir auf wiederum leerer Landstraße zurücklegen, um wieder auf die Autobahn zu kommen. Dann sind es noch etwa einhundert Kilometer bis Le Mans und nach weiteren achtunddreißig Kilometern verlassen wir die A 11 bei der Ausfahrt La Ferté Bernard, das knappe zehn Kilometer nördlich liegt.
Der Lageplan des Hotels im Prospekt war so klar und übersichtlich, dass wir es eigentlich auf Anhieb hätten finden können. Dummerweise meinte ich, dem Hinweis „Centre Ville“ folgen zu müssen. Durch Zufall haben wir es dann doch recht schnell gesehen und den richtigen Weg dorthin genommen.
Es liegt wiederum in einem Neubaugebiet, durch großzügige Straßen erschlossen, die meist noch alleine durch zukünftiges Baugebiet führen. Doch ganz in der Nähe finden wir ein Sport- und Freizeitgelände mit einem größeren See wie in einem Naherholungsgebiet unserer Heimatstadt, futuristisch anmutende Sporthallen und das Ganze parkähnlich erschlossen, sodass wir den am Abend ausprobierten Hundespaziergang am nächsten Morgen vor unserer Weiterreise gleich noch einmal absolvieren.
Angestellte der Gemeinde waren mit Pflegearbeiten beschäftigt. An ihrem gelben Kommunalfahrzeug übersetzen wir „La Ferté Bernard, die Stadt, die den Sport liebt“.

Nur etwa achtzig Kilometer sind es auf unserer zweiten Etappe von La Ferté Bernard bis Chartres. Mein liebes Weib möchte mir die Kathedrale zeigen, die sie von einem früheren Besuch her kennt. Ich bin ihr immer noch dankbar dafür. Bei wiederum strahlendem Himmel fahren wir am Vormittag auf schnurgerader, von Platanen umsäumter Strasse reibungslos durch die Stadt bis in die Nähe von Notre Dame de Chartres, finden auch hier wieder trotz bereits erheblichen Besucherandrangs und unendlich vielen Reisebussen einen schattigen Parkplatz für Nelly, die wieder einmal im Auto bleiben muss und ziehen los.
Abgesehen vom Petersdom ist es für mich dass wohl gewaltigste Kirchenbauwerk, das ich, so glaube ich mich wenigstens zu erinnern, je von innen gesehen habe. Da sind Worte nicht ausreichend, um es zu schildern. Man muss es sehen, bewundern, staunen und ehrfürchtig in sich aufnehmen und man kann es in Bildern, Postkarten und einschlägiger Literatur mit nach Hause nehmen.
Bei La Ferte ohne Bernard verlassen wir die Autobahn für eine Mittagsrast, entscheiden uns für die Ortschaft Ussy du Marne und teilen mit einer Zigeunersippe in freundschaftlichem Abstand die friedlich an der Marne liegenden und als Parkplatz gekennzeichneten Uferwiesen.
Später möchten wir bei Verdun den Gedächtnisstätten des Ersten und Zweiten Weltkrieges unsere Referenz erweisen, verlassen bei dem Hinweis „Voie Sacre de Verdun“ die Autobahn und finden trotz längerem Suchen und Umherfahren nur einen französischen Soldatenfriedhof in unmittelbarer Nachbarschaft eines in Erschließung befindlichen Industriegeländes. Auffallend für uns ist es, wie aus der Uniformiertheit der Grabkreuze immer wieder andersgeformte Tafeln herausleuchten. Bei näherem Hinsehen zeigt es sich, dass selbst im Tod der Unterschied zwischen Christen, Juden und Moslems gewahrt blieb.

Eigentlich hätten wir es von hier aus in einer Gewalttour bis in die Nacht hinein über Saarbrücken, Kaiserslautern, Ludwigshafen, Heilbronn und Stuttgart nach Hause schaffen können, aber wir haben in Saint Avold eine letzte Übernachtung gebucht und lassen uns noch etwas Zeit. Auch hier empfängt uns das gewohnte Bild, Restaurant und Schlaftrakts baulich voneinander getrennt, stets auf gleiche Weise angeordnet. Wir genießen noch einmal das üppige kalte Büffet einschließlich Obst, Käse und Dessert, dieses mal aber kaum zwischen Urlaubern, sondern wohl überwiegend unter Geschäftsreisenden, die hier auch in etwas lauteren Gruppen auftreten. Am nächsten Tag geht es dann auf gewohnten und bekannten Straßen wieder nach Hause.

Und ein Nachwort.

Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, den Eindruck gewonnen haben, die Bretagne taugt nicht für die wertvolle, stets zu kurze Urlaubszeit, da regnet es viel zu oft, dann darf ich Ihnen Mut machen und sagen, probieren Sie es, vorausgesetzt, Sie suchen wirklich Erholung, Ruhe, Einsamkeit und die Schönheit eines Landes. Wir waren noch mehrere Male dort, haben uns sogar mit den einen oder anderen Freunden, die gleichzeitig irgendwo in der Bretagne ihren Urlaub verbrachten, getroffen. Wir haben die Presqu´Ile de Crozon, die Halbinsel Crozon vom Cap de la Chèvre über den Pointe de Pen-Hir bis zur nördlichen Spitze, genannt Pointe des Espagnols erwandert, wir haben Les Montagnes Noires, die Schwarzen Berge im Landesinneren besucht und dort stundenlang, im Wind stehend nicht nur die Landschaft betrachtet sondern auch den Drachenfliegern, den Gleitschirmfliegern zugeschaut, wir haben die Heimat des Zauberers Merlin, der Fee Viviane und des Königs Artus mit seinen zwölf Rittern der Table ronde im Forêt de Brocéliande in der Gemeinde Paimpont einen Besuch gegönnt und wir sind ganz in den Norden an die Côt de Granit rose gefahren und haben auf dem Zöllnerpfad von Ploumanac´h all diese skurrilen rosa Felsgebilde, von denen viele ihren eigenen Namen haben, stets von Neuem bewundert. Wir haben die Baie de Morlaix und das eindrucksvolle Eisenbahnviadukt gesehen und schließlich auch die Site de mégalithique de Carnac, den Spielplatz von Obelisk mit all seinen rätselhaften Steinen. Und das ist längst nicht alles. Die Bretagne bietet ja so unendlich viel. Wenn wir ab und zu deutschen Urlaubern begegnet sind, waren es eigenartigerweise stets Lehrer mit ihren Familien und es gibt unendlich viele Campingplätze, oft viel näher am Meer gelegen als Hotels oder Ferienanlagen. Sicher hat uns immer mal wieder ein Regenschauer oder gar ein Wolkenbruch erwischt, aber in all den späteren Jahren hatten wir eigentlich überwiegend heiteres, manchmal sogar zu heißes Wetter und es gab sogar ein Jahr, da wurde die Liegewiese vor unserem Ferienhaus schon langsam gelb. Es gibt kein Urlaubsland, in das wir so gerne noch einmal fahren möchten. Unseren Hund gibt es leider nicht mehr. Wir sind völlig frei in unserem Tun. Sicher könnte man auch den Autoreisezug von Karlsruhe nach Quimper benutzen oder dorthin fliegen und einen Leihwagen nehmen, denn ganz ohne eigenes Fahrzeug wird es doch etwas beschwerlich oder man ist zu eingeschränkt. Leider sind auch unsere langjährigen Gastgeber inzwischen in den Ruhestand getreten und in keinem Katalog mehr zu finden. Doch wir träumen immer noch von der Bretagne, vielleicht schaffen wir es auf unsere alten Tage, nochmals dorthin zu fahren und wenn nicht, es bleibt uns ein schöner Traum.

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