Klaus-D. Heid

Der Brief von Gott



„Für wie blöd haltet ihr mich eigentlich, hm?

Ist es nicht schlimm genug, dass ihr in großer Mehrheit nicht mehr an mich glaubt? Müsst ihr mich und meinen Sohn nun auch noch dazu missbrauchen, euch moralische Selbstbefriedigung zu verschaffen, indem ihr permanent vom ‚lieben Gott’ und vom ‚niedlichen Christuskindlein’ schwätzt? Stille Nacht, Heilige Nacht? Was ist euch Menschen denn noch heilig? Ist’s der Glaube an mich – oder sind’s doch eher die ‚ach so besinnlichen Weihnachtstage’, die euch volle Bäuche und leere Kassen bescheren?

Mein Zorn ist grenzenlos, wenn ich eurem Treiben zusehe.

Schminkt euch den lieben Gott ab, ihr Ignoranten! Meine Liebe ist erschöpft! Erwartete ich von euch vielleicht zwei kümmerliche Tage der künstlichen Besinnung? Habe ich nicht das Liebste für euch gegeben, damit ihr an jedem Tag eures Lebens an den Tod meines Sohnes erinnert werdet? Und ihr? Was macht ihr aus eurer Chance? Euch ist ein dickbäuchiger Weihnachtsmann lieber, als ein unsichtbarer Gott? Geht’s bei euch nicht ohne einen Götzen, den ihr anbeten könnt? Steht in dem Buch, das ich euch zu lesen gab, irgendwo etwas von Weihnachten oder vom Weihnachtsmann?

Wie nennt ihr dieses seltsame Fest? Fest der Liebe?

Welche Liebe meintet ihr denn? Die 2-Tage-Liebe? Die Selbstliebe? Die Geldliebe?

Die Liebe, die ich von euch erwartete, war eine andere Liebe. Sie sollte selbstlos, friedsam und grenzenlos sein. Sie sollte mit dem tag eurer Geburt beginnen – und mit dem Tag eures Todes enden. Sie sollte euren Nachbarn ebenso einschließen wie den Fremden, der auf der anderen Seite eures verseuchten Planeten lebt. Ich habe die Liebe geschaffen, damit ihr sie nachempfinden und nachleben könnt. Ich habe sie nicht geschaffen, damit ihr sie euren Bedürfnissen anpasst!

Wer unter euch denkt an den Schmerz, den ich erlitten habe, als ich meinen Sohn für euch opferte? Wer unter euch denkt an die Schmerzen und an die Trauer, die mein Sohn fühlte, als er sich durch euch umbringen ließ? Wo ist denn eure Einsicht? Wo ist euer schlechtes Gewissen? Könnt ihr mit dem Wort ‚Gewissen’ überhaupt noch etwas anfangen, ihr Kleingläubigen, wenn ihr alltäglich das Elend seht, das ihr auf die Welt gebracht habt?

Ihr redet von ‚Besinnung’, wenn ihr euer Weihnachtsfest feiert? Wessen besinnt ihr euch denn? Besinnt ihr euch, wieder mal ein paar Euro für die ärmsten der Armen zu spenden? Besinnt ihr euch, nicht mehr so oft fremdzugehen, zu morden, zu stehlen, zu lügen und zu neiden? Oder besinnt ihr euch nur darauf, das Wort ‚Besinnung’ neu zu definieren?

Nachdem ich euch schuf, war mein Werk gut. Jetzt, nachdem ihr euch selbst überlassen ward, ist nichts mehr gut an euch. Ihr habt nichts Gutes aus euch gemacht. Ihr habt es vielmehr geschafft, dass ich es bereue, meinen Sohn für euch geopfert zu haben.

Eure Ignoranz stinkt zum Himmel!

Ihr haltet euch an Traditionen fest? Ihr braucht dieses Lametta-Tingeltangel, um euch wohl zu fühlen? Versucht nur ein einziges Mal, euch selbst von hier oben zu betrachten. Was seht ihr dann? Ihr sehr eine sogenannt christliche Welt, in der ich zu einem kirchlich versklavten Kasper verkommen bin. Ihr seht eine sogenannt andersgläubige Welt, in der man sich unzählige Scheingötter geschaffen hat. In jeder dieser Welten herrschen Kriege, Hungersnöte und Lethargie. Seht ihr euch? Und wisst ihr auch, was ich am liebsten möchte, wenn ich eurem Treiben zusehe?

Dann aber sage ich mir, dass ihr selbst euch Strafe genug seid. Ihr löscht euch aus. Ihr meines Widersachers bester Zuträger. Ihr seid euer eigener Untergang. Und ihr wisst es! Ihr wisst es und lebt damit, als gäbe es immer ein Morgen.

Ihr täuscht euch gewaltig!“

Gott

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