Hella Schümann

Das Geschenk, oder wie ich fast zur Trinkerin wurde

 

 

Meine Laufbahn als Sängerin begann als kleines Kind. Zuerst sang ich in einem Kinderchor und dann in Kirchenchören.  Immer ragte meine Stimme heraus, obwohl ich stets versuchte mich zurückzuhalten, denn ein Chor mit einer heraus fallenden Stimme ist ein schlechter Chor, finde ich.

Zu Hause war mein Gesang auch zu laut. Das kommentierte meine Mutter so: „Ich hatte früher eine schöne Stimme.“ (Ich habe sie nie singen gehört). Oder ziemlich abfällig: „Da kommt die Nachtigal vom Anton Weg.“

Ich sang gerne, vor allen Dingen im Treppenhaus, wegen der Akustik. Doch die Kommentare meiner Mutter ließen meine Stimme für lange Zeit verstummen. Mein größter Wunsch war es Klavier spielen zu lernen, doch wir besaßen keins und die Zeiten waren schlecht, sodass ich mit einer Gitarre abgefunden wurde. Mit 21 Jahren zog ich nach Berlin und arbeitete dort als Kindergärtnerin, ein Beruf, den ich ersatzweise gelernt hatte, da ich eigentlich Opernsängerin werden wollte, aber nicht durfte. Meine schwerhörige Freundin Adelheid, schwerhörig erwähne ich nur, weil diese Sache mit Adelheids Bruder so kurios war. Also ihr Bruder war Bandleader und suchte eine Sängerin und sie hatte ihm erzählt, wie gut ich singen könnte. Wir verabredeten alle drei ein Treffen bei mir zu Hause. Instinktiv zog ich an diesem Tag eine lange Hose und einen weiten schlabberigen Pullover an. Bandleader Volker erschien und das erste, was ich ihm bieten sollte war die Ansicht meiner Figur: „Stehen Sie doch mal auf und drehen Sie sich langsam.“ Ich drehte mich so, dass man weder von meinem Busen, der ja nicht zu übersehen ist, noch von der hinteren Rundung etwas sehen konnte. Ich hatte eine gute weibliche Figur, aber was wäre das für eine Karriere gewesen, nach der Anstellung in einem evangelischen Kindergarten meine Figur mit Gesang in einem amerikanischen Offiziersclub zur Schau zu stellen. Meinen Gesang wollte er dann auch gar nicht mehr hören.

Drei Jahre arbeitete ich erst mal in einem „anständigen“ Beruf, wie meine Eltern es wollten, doch dann begann ich, mich auf die Prüfung an der Musikhochschule vorzubereiten, um meinen Traum zu verwirklichen und Opernsängerin zu werden. Ich nahm Klavier- Gesangs- und Theorieunterricht, heiratete dann aber und begrub endgültig meinen Traum, denn beinahe wäre ich eine alte Jungfer geworden, wie meine Mutter mir drohte. Jetzt versuchte ich es mit einem großen Chor und sang dort 12 Jahre lang, ab und zu auch Solo in der Kirche, manchmal zu Trauungen, - bis ich mich scheiden ließ. Zwar war ich es, die die Scheidung gewollt hatte, doch die „Schande“ einer geschiedenen Frau und vor allen Dingen das Theater um meine geliebte Tochter, die sich zum Bleiben bei meinem Mann entschloss, schnürte mir den Hals zu, sodass ich viele Jahre keinen Ton mehr herausbrachte.

Als ich dann bei meinem zweiten Mann mal wieder vorsichtig den Versuch unternahm zu singen, wischte er meine Stimme gleich wieder weg, indem er sagte, ich solle nicht so unnatürlich singen. 

Ich hatte doch nicht Gesangunterricht genommen, damit ich hinterher wieder so singe wie alle anderen.

Ungefähr 20 Jahre lang blieb mein Mund versiegelt. Mit 50 Jahren ließ ich mich ein zweites Mal scheiden. Ich begab mich in eine Therapie und bekam danach eine Kur verordnet. Es gab dort einen Chor, dem ich mich gleich anschloss.

Vor der Kur hatte mir eine Kollegin von ihrem Gesangsunterricht erzählt und mir eine neue Technik erklärt, wie man laute kräftige Töne produziert. Ich saß nun bei dem Chor in der zweiten Reihe und nach dem ersten Lied verließen die vorderen Sänger ihre Plätze, weil ich so laut wäre, dass sie ihre eigenen Stimmen nicht hören konnten. Einmal wollte ich so singen, dass es auch mir Spaß machte. Ich dachte nicht daran, meine Stimme zurückzunehmen. Leider hatte ich jetzt aber ein Handicap: Immer, wenn ich ein besonders schönes Lied sang kamen mir die Tränen und dann war ich nicht in der Lage, vernünftig zu ende zu singen.

Inzwischen sind wieder ein paar Jahre ins Land gegangen, ich bin nun 59 Jahre alt und arbeitete im Büro der Stadtverwaltung. Da erwähnte ein Kollege, wie schön er es fand, als Weihnachten auf dem Flur im Rathaus ein Mitarbeiter Trompete geblasen hatte. Wie ein Schlag durchfuhr es mich: Wie wäre es, wenn ich auf dem Flur vor unseren Büros Weihnachtslieder singen würde, zumal ich so nette Kollegen samt Chef habe.

Im August fing ich an zu üben, doch bei fast jedem Lied kamen mir die Tränen. Wut stieg in mir hoch, sollte es nicht möglich sein, ohne heulen zu singen? „Dann übe ich eben so lange, bis ich aufhöre zu weinen.“ Ich probte und probte und weinte und weinte. Außerdem war jedes Mal meine Stimme verschleimt. Ich probierte alles Mögliche aus, um die Stimme klar zu bekommen. Das Einzige, was half war ein halber Amaretto. Also trank ich vor jeder Probe ein halbes Gläschen Alkohol. Drei Wochen vor Weihnachten und der Tränenfluss ließ sich nicht stoppen. „Wein doch ruhig, nach den traurigen Erfahrungen, die du gemacht hast, hast du auch das Recht zu weinen, “ sagte ich zu mir. Augenblicklich war die Traurigkeit verflogen und meine Stimme entfaltete sich und trug mich fort auf die Seite des Glücks. Plötzlich konnte ich so singen, wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Am Tag vor Weihnachten sollte die Überraschung für meine Kollegen steigen. Das einzige, was sie wussten war, dass die Türen zu den Büros um 12 Uhr geöffnet würden. Ich hatte einen Kassettenrekorder mit einer Karaoke  CD mitgebracht. Die Musik hatte mein Freund auf dem Klavier eingespielt und so fing ich, strahlend vor Glück und ohne Lampenfieber, an zu singen.

Alle waren erstaunt über meine schöne Stimme, sie wollten mich in einen Chor stecken, oder ich sollte meine Stimme aufnehmen lassen und vor allen Dingen sollte ich das wiederholen, vielleicht im Frühjahr mit Frühlingsliedern. Auch zwei Kollegen von einem anderen Amt waren vorbeigekommen und die Musik verband uns zu einer großen Familie, eine seltsam lockere Atmosphäre entstand.

Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich, was Glück ist… und mein Freund sagte zu mir: „Ich bin stolz auf dich.“

 

Nun habe ich endlich gefunden was ich immer wollte:
http://www.kuenstlertreff-herford.de/kuenstler/kt24/index.html
Hella Schümann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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