Werner Wadepuhl

Erlebnisse beim Tierarzt.

Als ich mit Nellie zum ersten Male bei Doktor Luxemburg, dem uns am nächsten wohnenden Tierarzt, erschien, kräuselte sich uns eine Welle von Sympathie entgegen. „ Ach, ist der lieb!“ „Schau mal, die großen Augen“. „Wie alt ist der denn“?
Als Hundehalter hat man offensichtlich keine Kontaktprobleme.
„Sie ist vermutlich um die acht bis neun Wochen alt“, sagte ich.
„Und was ist das für ein Hund“?
„Keine Ahnung, mein Großer hat das schwarze Bündel Mitte Dezember mitgebracht, als er ausnahmsweise schon kurz nach Mitternacht glaubte, nach Hause kommen zu müssen. Er fand es bei minus acht Grad im Scheinwerferkegel am Straßenrand. Ein Findelkind sozusagen“.
Eine zweite Welle von Sympathie schwappte über uns hinweg.
„Darf ich ihn mal streicheln? Was für ein kuscheliges Fell. Das wird sicher mal ein ganz großer Hund. Er hat ja jetzt schon ansehnliche Pfoten“!
Kurzum, Nellie und ich waren der Mittelpunkt im Wartezimmer.
Wenig später hatte sie die notwendige Schutzimpfung in ihren Körper und wir fuhren nach Hause, der schönste, liebste, intelligenteste Hund auf Erden und sein um ein paar Scheine erleichtertes, aber stolzes Herrchen.

Ein Jahr später erinnerte uns eine vorgedruckte Postkarte daran, dass die Wiederholungsimpfung fällig sei, da sonst kein Schutz gegen diverse Krankheiten mehr bestehe.
Ununterbrochenes Bellen und Hecheln eines Rauhaardackels, der zur Bestrahlung in einem im Hausflur abgestellten, ringförmigen Gebilde sitzt, empfängt uns beim Eintreten in das Haus des Tierarztes und stimmt Nellie nervös. Sie ist nur mühsam dazu zu überreden, bis in das Wartezimmer vorzudringen. Ein riesiger weißer Schäferhund vor einem schwarzen Schnauzbart füllt nahezu die Hälfte der Bodenfläche vor den Stühlen in diesem, mit viel Grünpflanzen geschmückten Warteraum zur Praxis.
Ausreichend Distanz lassend nehme ich einen am Rande stehenden Stuhl, Nellie setzt sich zitternd darunter zwischen meine Füße. Der bestrahlte Rauhaardackel kläfft ununterbrochen. Sein schon etwas betagtes Frauchen sitzt ohne erkennbare Gefühlsregungen daneben.
Da folgt nach mir eine nicht unsympathische, ältere Dame im blauen Mantel, setzt sich mir gegenüber und stellt eine packpapierbraune Tüte vorsichtig auf den Boden vor sich.
Die Tüte raschelt.
„Haben sie da einen Vogel drin“ fragt der Schnauzbart.
„Nein, ein Meerschweinchen“ antwortet das Gegenüber.
„Nagt des net die Tütn durch“?
„Ich hoffe, dass ich es wieder mit nach Hause bringe“
„Was fehlt eam denn“?
„Die Haar fallen ihm aus, gleich büschelweise“, sagt die Frau im blauen Mantel. „Wissens, ich krieg immer die Tierle, die andere nimmer wollen und ich hab dann das Gfrett damit“.
„Ja, ja“, erwidert der Schnauzbärtige: „das Tierheim soll ja auch grad wieder voll mit Weihnachtsgeschenken sein, schlimm gell“?
„Ja, ja, die armen Tierle“.
Das Gespräch droht ins Stocken zu geraten, da zerrt ein großer, brauner Setter sein Frauchen durch die Tür in den Raum, drängt zielstrebig unter den Stuhl der Meerschweinchenfrau und rückt mit der straffgespannten Leine die übrigen Stühle in eine neue Position.


„Normalerweise ziert er sich nicht so, aber er ist letzte Woche hier operiert worden“ entschuldigt sich die Dame für den geräuschvollen Auftritt ihres Hundes und lässt sich neben der Tür nieder, streift mit einem Blick beiläufig meine immer noch zitternde Nellie und fixiert den weißen Schäferhund, der wiederum unverwandt auf den Setter schaut und sich mit der Zunge mehrfach über die Nasenspitze fährt.
„So überzüchtete Rassen sind halt recht anfällig“ meint sie nach einer Weile taktvoll mit Blick auf den Schnauzbart.
„Der ist nicht überzüchtet“! Ein Hauch von Protest schwingt in seiner Antwort mit. „Das ist sogar die Urform der Schäferhunde, bloß wird die vom Schäferhundverband nicht anerkannt, weil sie nach hinten nicht abfällt“. Ein Klaps auf das Hinterteil zwingt den Hund, sich vom Boden zu erheben.
„Schauns, der steht ganz waagrecht“!
Das waagrechte Tier gähnt und klappt wieder zu Boden.
„Davon gibt’s in ganz Deutschland nur so fünf bis sechshundert Stück“.
Dem hat die Setterfrau nichts entgegenzusetzen, aber man spürt, wie die Überzüchtung im Raum stehen bleibt.
Da hustet ein entzückender, aprikotfarbener Zwergpudel in den Raum, das dazugehörende Frauchen im fünften Jahrzehnt mit rötlichem, pfirsichflaumigen Gesicht und gleicher Frisur wie ihr Hund hängt an der Leine dahinter.
„Tu nur schön dableiben, gelt? Da, bleib schön“.
Ungerührt hustet der Neue auf den Schäferhund zu und sein Rasierpinselschwänzchen zittert aufgeregt zum Tänzelschritt seiner winzigen Füßchen. Hustend springt er sein Frauchen an und entscheidet für sie, dass sie sich neben den Schnauzbart zu setzen hat.

Das kläffende Hecheln des Rauhaardackels und das Husten des Pudels wird unterbrochen durch das Öffnen der Sprechzimmertüre. Eine bärtige Gestalt überdurchschnittlicher Größe lächelt in die Runde: „Wer ist der Nächste bitte“?
Der Schnauzbart zieht kurz an der Leine, „komm, gemma“.
Es wird merklich geräumiger im Wartezimmer. Da schiebt sich ein auf Jeans getragener Drahtkorb herein, ausgefüllt mit einer grünblauen Decke, überragt von einem jugendlich frischen Mädchengesicht, das überwiegend aus strahlenden Zähnen besteht, eingerahmt von einem Lippenpaar, das dieses Strahlen nicht im geringsten einengt. Zwei lustige Augen blicken selbstsicher in die Runde, mustern die Hunde und mit sicherem Instinkt wird ein Stuhl angesteuert, der von allen Gegnern gleichweit entfernt erscheint.
Nun sitze ich mit vier weiblichen Wesen alleine. Es ist einen Moment ruhig, Nellie und ich werden keines Blickes gewürdigt.
„Was habens denn da in ihrer Decke eingewickelt“ fragt die Pudelfrau die strahlenden Zähne.
„Eine Katze“.
„So, so, eine Katze“.
Damit ist das Thema erledigt. Hundebesitzer halten anscheinend nicht viel von Katzen. Der Pudel hustet wieder.
„Hat er es am Herzen“ fragt die Meerschweinchenfrau.
„Ja, und immer wenn er aufgeregt ist, fängt er an zu husten“.
„Wie alt ist er denn“?
Letzten Herbst war er zehn Jahre alt“.
„Sehen sie“, sagt die Meerschweinchenfrau, „ so einen hab ich auch gehabt. Genau so alt ist er gewesen. Der hatte es auch am Herzen. Und das Husten kommt vom Wasser in der Lunge. Meiner hat das auch gehabt. Ein Viertel Jahr später haben wir ihn einschläfern lassen müssen, es war nicht mehr zum anhören, wirklich nicht mehr zum anhören, sag ich ihnen“.



Die Pudelfrau schluckt und streichelt ihren possierlichen Liebling, der sich inzwischen am Katzenkorb abstützt, zärtlich übers Fell. „Der Herr Doktor hat sicher ein paar gute Tropfen für dich“, sagt sie, halb zu ihrem Hund und halb zu ihrem Gegenüber. „Komm nur schön zum Fraule und lass das Kätzle in Ruh“ sagt sie und zieht das hustende Bündel an sich.

Nellie hat sich inzwischen beruhigt zu Boden gelegt und beobachtet, den Kopf zwischen ihre dicken Pfoten gelegt, abwechselnd die vier Frauen mit Pudel, Katze, Meerschweinchen und Setter. Da kommt ein Drahtkäfig, groß wie eine Kommode, durch den Flur in den Raum, schiebt sich wortlos mit Hilfe eines streng gescheitelten blonden Mädchens, die Haare zu einem Knoten im Nacken zusammengefasst, in das vom Schäferhund geräumte Eck und füllt den eben erst frei gewordenen Raum wieder auf. Da fehlen eigentlich nur noch die Reitstiefel, geht es mir durch den Kopf.
Die Meerschweinchenfrau beendet das Pudelschicksal mit den Worten: „Mischlinge sollen da ja viel robuster sein“. Ein kaum wahrnehmbarer Blick streift uns, aber nur ganz beiläufig, doch die Einschläge kommen näher. Wann trifft mich die Feinfühligkeit der Patientenbegleiter.
Ich schau mir neugierig das in der Drahtkommode sitzende graue Kaninchen mit kurzen Stummelohren und langem Schwanz an, auf jeden Fall ein Nagetier, es könnte ein Chinchilla sein.
Die Herrenreiterin lässt es uns anmerken, dass sie mit ihrer Begleitung aus besserem Hause kommt. Drei halbzernagte Kistenbretter sind waagrecht im Käfig durch Wäscheklammern gesichert. Eine jämmerlich zur Ruine zernagte Holzkiste steht schief am Boden vor einem Heuhaufen. Das Nagetier hüpft ungerührt von Brett zu Brett. Der Pudel vergisst das Husten. Dem Rauhaardackel ist die Puste ausgegangen. Die Meerschweinchenfrau schließlich fragt als Erste: „Das ist aber kein Kaninchen, oder“?
„Nein, ein Chinchilla“ kommt die knappe Antwort.
„So groß sind die, die hätte ich mir aber kleiner vorgestellt“
„Das ist sogar noch ein relativ kleines Tier“ sagte die streng Gescheitelte und man merkt es an ihrem Tonfall, dass sie nicht gewillt ist, auf weitere Fragen einzugehen.
„Wenn man bedenkt, wie viele da für einen Pelzmantel nötig sind“ fügt das Katzenmädchen hinzu.
Da öffnet sich die Sprechzimmertür: „Wer ist der Nächste bitte“? Ich schnappe mir meine zwölf Kilo Schnauzerspanielpudel und enteile diesem geballten Forum weiblicher Feinfühligkeit, bevor es mich doch noch in die Mangel nimmt. Es hätte ja noch kommen können, bevor der Gesprächsstoff ausgeht.




( Nach wahren Erlebnissen 1992 aufgeschrieben ).

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