Monika Hoesch

Mein Stern


Mein Stern

Alexandra, kurz Alex genannt und Jens Bischoff leiten seit vielen Jahren gemeinsam die
Sternwarte.

Die Geschwister verstehen sich sehr gut und teilen sich diese Arbeit gerne. Jens kümmert sich um
die technischen Angelegenheiten und Alex organisiert Vorträge für interessierte Besucher. Oft
kommen Schulklassen vorbei, worüber sie sich besonders freut. Gerne vermittelt sie ihre Kenntnisse
und umso mehr freut sie sich, wenn die Kinder Interesse zeigen und viele Fragen stellen.

Ansonsten ist es eher ruhig in der Sternwarte, die Besucherzahl hält sich in Grenzen, verliebte
Pärchen und wissbegierige Einzelpersonen verlaufen sich dann und wann.

… außer Michel, er kommt fast jeden Abend vorbei, setzt sich in die letzte Reihe und sieht hoch ins
Universum wehmütig und einsam trinkt er seinen mitgebrachten Wein, erst das eine, dann das andere
Glas.

Alex hat ihn oft beobachtet, wenn er da saß, Gedanken versunken –
… und sah sie,
… die Tränen, die ihm übers Gesicht liefen.
Ihr Herz zog sich immer wieder zusammen bei dem Anblick des weinenden Mannes.

Ihr Bruder sagte ihr vor einigen Wochen, welches Schicksal sich hinter der traurigen Fassade
verbarg. Seit dem ging ihr dieser Mann nicht mehr aus dem Kopf. Er war unnahbar, sie versuchte
erst gar nicht ihn anzusprechen.

Michel verlor seine Freundin vor knapp einem Jahr bei einem Motorradunfall. Ein Geisterfahrer
erfasste seine Maschine auf der A17. Sie hatte nicht die geringste Chance und war sofort tot. Er
selbst lag 2 Monate im künstlichen Koma - seine körperlichen Narben waren inzwischen verheilt.

Ihr 25. Geburtstag.
Nie würde er diesen Tag vergessen.
Er schenkte ihr  einen Stern.
Ein Stern - nur für sie,
… für sie ganz alleine.
Er war Ausdruck für die unendliche Liebe, die er für sie empfand.

Dort stand er -
und leuchtete,  leuchtete - … als wäre nichts passiert!
Strahlte ihn an und schickte das Licht direkt in sein weinendes Herz. 

Ob Anna jetzt dort war, genau dort – auf ihrem Stern?
Er trank von ihrem Lieblingswein; aus ihrem Glas.
Flüsterte leise:  Anna, ich liebe dich so!
Warum nur? -  … warum DU?  
 … warum nicht ICH?

Alex saß in ihrer Kabine vor einer Unmenge von Knöpfen und Schaltern und sah immer wieder zu
ihm hinauf. Beklommen und melancholisch war ihr zumute, wenn sie ihn sah. Er sah so gut aus, wie
gerne würde sie einfach hingehen und ihn in den Arm nehmen, ihn trösten, ihn halten, ihm sagen,
komm’, lass’ es einfach ’raus, ich bin hier und halt’ dich fest! Er wirkte so hilflos, so verloren, verloren in
sich selbst.

Tag für Tag, das gleiche Bild   -  Tag für Tag der gleiche Schwermut!



Dummerweise hatte sie sich den Fuß gebrochen, einmal nicht richtig hingesehen und schon war sie
umgeklinkt, dieser verdammte Bordstein, diese blöden Schuhe! Irgendwie lief es nicht wirklich rund –
das Leben, ihr Leben! Ihr Bruder hatte Urlaub – tankte Sonne unter Palmen. … und sie?
… hatte das Ganze. 

Es hatte sich wieder eine Gruppe angesagt, diesmal Kindergartenkinder, es waren noch
Vorbereitungen zu treffen. Die Kinder durften mit der elterlichen Genehmigung bis zur Dunkelheit
bleiben und den Sternenhimmel erforschen.
 

Wenn da nicht diese störenden Krücken wären,
… und diese Schmerzen im Fuß, trotz Gips.
… und wie zum Teufel sollte sie Infohefte aus dem oberen Regal holen?

ER saß wieder oben,
starrte Löcher in den Himmel und nippte an seinem Glas.
Etwas genervt und ungeduldig rief sie zu Michel hoch.

Entschuldigung?
Könnten sie mir kurz helfen?

Michel reagierte nicht, in Gedanken war er, wie immer,
… weit weg.

Haaallo! Entschuldigen Sie, ich bräuchte mal ihre Hilfe!

Meinen Sie mich?

Na klasse, dachte sie. Wen wohl sonst, wenn kein anderer Mensch hier ist.

Ja!
Ich könnte ihre Hilfe gebrauchen. Wenn sie mal kommen
könnten?!

Michel stand auf und ging in die Steuerkabine.

Sie haben ja Krücken!
Ja, mein Fuß ist gebrochen
Oh, das tut mir leid! Kann ich was tun?
Ich bräuchte den Ordner dort oben, der mit der Aufschrift:
Infohefte KiGa
Ok. Kein Problem. Moment!  -  Ich heiße übrigens Michel!
Alex. … also Alexandra, aber alle nennen mich Alex!
Gut, Alex, ich bin ja oft hier, aber irgendwie hatten wir noch nicht
die Gelegenheit miteinander zu reden.
… sie haben ja auch immer viel zu tun, nicht wahr?
Ja, ja ist schon o.k.!

… Ihnen geht’s nicht gut, nicht wahr!  -  Ich meine …
Alex brach den Satz einfach ab.

Danke für Ihre Hilfe, vielleicht möchten sie einen Kaffee?
Gerne.
… mit Milch und Zucker?
Schwarz!

… ach wissen Sie, manchmal wünschte ich mir, ich wäre auf einem
anderen Planeten, ganz weit weg von hier - … vielleicht auf der
Sonne!

Alex lachte.

Die Sonne ist kein Planet! Die Sonne ist ein Stern!
… alles was leuchtet ist ein Stern!
… außerdem würde dir tierisch heiß werden!

Oh, sorry! … darf ich du sagen?

Ja, sicher!
O.k. dann halt woanders - … Hauptsache weg!

Es schien schwierig eine entspannte Unterhaltung zu führen, mit diesem Mann.
Er sah wirklich sehr gut aus. Diese sanften Augen, sein melancholischer Blick …
- hatte was!
… wie gern würde sie ihm einfach zärtlich über die Wange streicheln?
Sein Mund …

Bist du noch länger hier heute?
Ich denke ja!
Gleich kommt eine Kindergartengruppe, ich könnte mit
Sicherheit ein bisschen Hilfe gebrauchen, wie wär’s? Hast du
Lust mir ein wenig zu helfen?

Warum nicht! Was kann ich tun?
Du könntest versuchen, die wilde Horde in Zaum zu halten.
Sie bekommen die Broschüre und einen Stift und wir gehen die
einzelnen Punkte zusammen durch, es ist interessant mit den
Kindern zu arbeiten,
… wirst sehen!

OK!
Wie ist das mit deinem Fuß passiert?

Ich habe nach den Sternen greifen wollen, hab’ nicht aufgepasst
und mir dabei den Fuß gebrochen!

Sie grinste …

Nein! - …  ich bin umgeklinkt ;-)

Dumme Sache!

Ja, … dumme Alex!
Ich bin perfekt im „hier“ schreien, wenn Missgeschicke verteilt
werden!

Was ist das für ein Wein, den du da trinkst? Sieht lecker aus!

… ein Tempranillo. Der Lieblingswein meiner …

(Pause)

… meiner Freundin.

Hör mal, ich möchte nicht aufdringlich sein!
Ich weiß über den schlimmen Unfall Bescheid und ich möchte
dich auf keinen Fall in irgendeiner Form verletzen. Wenn du
gerne Reden willst, ich bin eine sehr gute Zuhörerin! – 
 … eine der Besten ;-)

Lange, sehr lang sprachen sie über so vieles. Vieles das schmerzte, unvergessen war und Sehnsucht
hervorrief, Sehnsucht nach Nähe, nach Vertrautheit und Liebe.

Diese plötzliche Nähe, die sich entwickelte, eine vertraute Zweisamkeit entstand,
… es war irgendwie unwirklich. Wo kam dieses Vertrauen her?

Egal, es war da!
… und es war schön es zu teilen.

Ihre Blicke fanden sich, wieder und wieder.
Ihre Hände suchten den Kontakt zueinander, der Drang des anderen Haut zu berühren, zärtliche
Gesten – und  immer wieder beiläufiges Streifen der Körper mit Worten voller Herzlichkeit und
Verständnis füreinander.

Michel genoss ihre Nähe,
… genoss den Wein mit Ihr,
… genoss jede Minute, jede Sekunde ihres Daseins.

… rückte näher an sie heran,
… roch ihr Haar,
… ihr Parfum.

Sie war so weiblich,
… so schön,
… so sehr Frau!

Zeigst du mir den Stern?

Ihre Blicke schweiften durch das Universum auf der Suche nach einem Stern, den sie nicht wirklich
suchten. Was suchten sie? Nähe?
Diese Art der Nähe, die längst da war,
… so lebendig wie die Schläge der Herzen,
… die sich längst spürten, längst suchten und längst fanden?



Zärtliche Küsse,
sanfte Blicke,
suchende Hände,
Halt suchend
… und findend

voller Hingabe füreinander.

Innig, vertraut, versunken zwischen Welten leuchtender Sterne, in einem Raum, den zwei Mensch
füllten mit all ihren Sehnsüchten und all ihrer Liebe, die schon lange nicht mehr schlief und bereit war
neu zu erwachen!

Intensives Verlangen nach mehr machte sich breit - erlangte Macht!
Macht über zwei Menschen die zu Fühlen bereit waren,
die sich hingaben und die Liebe neu entdeckten –

… gerade in diesem Moment!

Laut, schrill und tosend stürzten 19 aufgeregte kleine Erdlinge in diese Stimmung, schrien
überwältigt von so vielen Eindrücken Worte des Erstaunens in den Raum und holten zwei gerade
noch durch das All schwebende Herzen abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück.
 

Nach knapp 10 Minuten der Organisation hörte man Alex’ Stimme laut und irgendwie voller Wärme
und Hingabe sagen …

… alles was leuchtet ist ein Stern - auch die Sonne
   ist ein Stern!
….

Michel hatte ihn zu Lebzeiten gefunden den Stern -  … seinen Stern!
Ihr Leuchten erhellte sein Herz.

Anna hätte es so gewollt!

Mit jeder Flasche Tempranillo war auch sie da!
… weich, nach Vanille duftend, kraftvoll und präsent

… ohne zu dominieren!



© Monika Hoesch

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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