Margit Farwig

Menschen im Hotel

 

 

Die Frau mit den frisch gefärbten Locken zwängt sich durch die plötzlich aufspringende Tür. Prall gefüllte Tüten hängen an ihren Armen herunter. Sie wirkt nicht klein, auch nicht groß. Unentschlossenheit umgibt ihre Gestalt, verleiht ihr die Aura einer nicht mit allen Sinnen auf dieser Erde Weilenden. Ist das ein Lächeln auf ihrem Gesicht? Der erste Eindruck täuscht. Das war ein Lächeln, es ist geronnen.

Mitten in der Halle bleibt sie stehen. Sie weiß nicht mehr weiter. Unausgesprochen steht die Frage im Raum: „Was will sie hier? Gehört sie in dieses Haus, in dieses Hotel?“ Aus müden Augen blickt sie in die Runde. Ein energisches Kinn verliert sich in Bedeutungslosigkeit, unterstützt von nach unten gezogenen Mundwinkeln, die Lippen zittern stumm. Selbst die frech in die Höhe stechende Nase signalisiert Ratlosigkeit.

Verstört lässt sie die Taschen auf die Erde gleiten. Es sieht aus, als ob sie mit ihnen eins werden wollte. Unendlich langsam hebt sie den rechten Arm, streicht über die Stirn, will etwas wegwischen. Noch einmal streicht sie darüber, lässt ihn sinken, schließt die Augen, der Kopf sinkt auf die Brust. Wie ein Automat, der ständig dieselben Bewegungen ausführt, hebt sie ihren linken Arm, verfolgt die Zeiger auf der Uhr. Ein unüberwindlicher Berg an Zeit türmt sich in ihren Augen, lässt sie noch mutloser erscheinen.

Sie schaut wieder in die Runde, bemerkt die unverhohlene Neugier der Fremden. Ihr wird bewusst, dass sie hier zur Hauptrolle gezwungen wird, unfreiwillig, ohne Schauspielunterricht und ohne Gage. Gelangweilte Hotelgäste suchen Kurzweil, ein kleines Unglück, ein Missgeschick, das ihre Geister wieder belebt.

Die Frau zuckt zusammen, hält einen Moment inne. Dann straffen sich ihre Lippen, das energische Kinn schnellt in die Höhe, die Augen glänzen gehorsam und die frisch gefärbten Locken beginnen zu wippen. Mit letzter Kraft rafft sie die Tüten zusammen, schreitet ungewöhnlich gerade bis zum Empfang, fordert ihren Zimmerschlüssel und verschwindet ohne ein Wort zu sagen im Lift.

 

© Margit Farwig 

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