Margit Farwig

Menschen im Hotel III

 

 

Die Sonne scheint wärmend zum Fenster herein. „Eine wunderbare Zimmerlage. Das erspart mir den Gang ins Sonnenstudio. Habe sowieso keine überflüssige Zeit. Wenn nur dieser Termin nicht wäre. Ein halbes Stündchen werde ich mir doch gönnen.“

Freudig gestimmt nimmt die junge Frau das Handtuch vom Halter, wirft es aufs Bett, beginnt sich auszuziehen. Stück für Stück reißt sie sich nun vom Körper.

„Ich werde langsam blass“, stellt sie fest und greift zur Lotion. Kreisend reibt sie ihren knackigen Körper ein. Sie dekoriert das Handtuch säuberlich auf ihre Schlafgelegenheit, öffnet noch schnell das Fenster und platziert sich der Sonne entgegen. Die Sonne scheint und scheint, sie gibt sich alle Mühe dieser Welt, der jungen Frau frische Bräune auf ihren Leib zu zaubern. Hat sie es nun zu gut gemeint oder war die Frau so müde? Sie strebt den Träumen zu, lässt sich fallen und schläft den Schlaf der Glückseligen.

Nicht so der Gast, der überhaupt keine Zeit zum Schlafen findet. Er läuft geschäftig den Flur entlang.

„Hoffentlich schaffe ich dieses Mal die Qualifikation! Es müsste doch mit dem Teufel zugehen bei meiner Ausbildung. Wahrscheinlich bin ich überqualifiziert. Kein Unternehmer will mehr zahlen als unbedingt nötig. Dann werden die Bewerber auf unseriöse Art und Weise vom Broterwerb ausgeschlossen. Soll ich mich dumm stellen oder wieder brillieren? Mal sehen, was die Situation dazu hergibt.“

„Ich mache mich jetzt frisch und dann soll es laufen wie es will.“

An seiner Tür angekommen, drückt er die Klinke herunter. Schon der erste Gang zum Waschbecken lässt ihn zusammenfahren.

„Das kann doch nicht wahr sein. Spinne ich, sehe ich Halluzinationen!?“

„Moment mal!“

„Was will diese Nackte auf meinem Bett in meinem Zimmer.“

„Hallo, Sie!“

Die Nackte rührt sich nicht, sie schläft.

„Gehören Sie zum Service?“

„Was sich die Gastronomen heute alles einfallen lassen, nur um die Gäste zu halten. Ich glaub’ das nicht.“

„An welcher Stelle kann ich die Frau wachrütteln? Ich kann sie doch nirgends anfassen. Die wird aufspringen und mich der sexuellen Belästigung bezichtigen. Ich versuche es noch einmal mit Lautstärke.“

Er nimmt ihren Rock, bedeckt sie damit und erhebt seine Stimme. „Hallo, wachen Sie bitte auf und räumen Sie den Platz, Sie haben sich in der Zimmernummer geirrt. Es ist mir auch egal, welche Nummer Sie haben, stehen Sie endlich auf und verschwinden Sie!“

Sie rührt sich, schlägt die Augen auf.

„Nett sieht sie aus, hübsch sieht sie aus, wie sie die Augen aufschlägt.“ Nach der ersten Überraschung regt sich der Mann in ihm. Unsanft wird er aus seinen keimenden Wünschen gerissen.

„Was fällt Ihnen ein, sind Sie wahnsinnig?“ Die Frau ist zu sich gekommen wie man hört.

„So hören Sie doch erst einmal hin was ich vermute! Ich komme auf mein Zimmer und Sie liegen da so splitterfasernackt. Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich Sie zugedeckt habe. Ich habe keinerlei Absichten was Ihre Person anbetrifft. Ich will nur mein Zimmer wiederhaben.“

Die Frau beruhigt sich.

„Ja, stimmt, Sie haben mich zugedeckt.“ Sie springt jetzt auf und sucht ihren Bademantel. Wieder kann der Beschimpfte einen Blick auf ihren schönen Körper werfen. Er sieht das nun als Entschädigung an für Ihr Verhalten und schaut noch genauer hin.

„Mein Name ist Norton, Robert Norton“, stottert er, „und wenn ich etwas falsch gemacht habe, entschuldige ich mich selbstverständlich.“

„Das werden Sie wohl müssen!“

„Wieso?“, fragt er.

„Ganz einfach, weil Sie sich in der Zimmernummer geirrt haben, nicht ich. Mein Name ist Helga Soest, Mieterin dieses Zimmers, 2. Etage.“

Robert Norton schlägt sich an den Kopf. „Ich Esel, ich unseliger Dummkopf, ich habe mich in der Etage geirrt. Dritte Etage, meine Güte, ich muss in die dritte Etage.“

Frau Soest lächelt nun.

„Es ist nichts passiert, Herr Norton. Im Gegenteil, Sie haben mich vor einer Riesendummheit bewahrt.“

„Wie kann das?“

„Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte ich doch tatsächlich einen wichtigen Geschäftstermin verpasst, einen sehr wichtigen sogar. Sie haben gesehen, wie tief und fest ich eingeschlafen war. Habe sogar vergessen, meine Tür abzuschließen.“

Robert Norton wittert eine Gelegenheit, er besinnt sich auf seine Männlichkeit und wünscht eine Begegnung mit ihr.

„Sie meinen also, sie haben etwas gutzumachen? Da wüsste ich etwas.“

Karin Soest war gedanklich auch nicht untätig geblieben. „Er schaut gut aus, in bin frei, habe sonst wenig Gelegenheit, einen Mann kennen zu lernen. Bei dem Job. Mal sehen, was er will, vielleicht revanchiert er sich mit seinem untadeligen Körper. Das würde ich Gleichberechtigung nennen. Er soll sich aber beeilen, ich muss los.“

„Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Ich meine, wenn Sie Ihren Termin wahrgenommen haben und dann so ganz allein sind. Die Großstadt steckt voller Gefahren.“

„Aha, er hat angebissen.“

„Schreckliche Angst ist meine Begleiterin. Ich fürchte mich regelrecht vor die Tür zu gehen.“

„Hier bin ich, verfügen Sie über mich, ich kenne mich aus. Wir können uns auch in der Bar unseres Hotels treffen zu einem Drink. Ganz wie sie wollen.“

Er dachte nicht ganz uneigennützig. Er dachte sogar nur an sich.

„Ich muss mich aber beeilen, bis dann.“

„Bin schon weg, viel Erfolg auch.“

Bis zur Tür geht er gemessenen Schrittes. Als er die Tür hinter sich schließt, rennt er vergnügt den Flur entlang zur Treppe und nimmt zwei Stufen auf einmal.

„Das ist ein gutes Omen. Ich werde die Stelle bekommen, ich bin heiß – auf alles!“

 

© Margit Farwig  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Zwei sensible Frauen, die sensible Gedichte schreiben. Beide schürfen tief. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Beide schöpfen aus ihrem emotionalen Reichtum und ihrem souveränen Umgang mit Sprache. Dabei entfalten sie eine immer wieder überraschende Bandbreite: Manches spiegelt die Ästhetik traditioneller formaler Regeln, manches erscheint fast pointilistisch und lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und Empfindungen des Lesers. Ein ausgefeiltes Sonett findet sich neben hingetupften sprachlichen Steinchen, die, wenn sie erst in Bewegung geraten, eine ganze Lawine von Assoziationen und Gefühlen auslösen könenn. Bildschön die Kettengedichte nach japanischem Vorbild! Wer hier zunächst über Begriffe wie Oberstollen und Unterstollen stolpert, der hat anhand dieser feinsinnigen Texte mit einem Mal die Chance, eine Tür zu öffnen und - vielleicht auch mit Hilfe von Google oder Wikipedia - die filigrane Welt der Tankas und Rengas zu entdecken. Dass Stefanie Junker und Monika Wilhelm sich auch in Bildern ausdrücken können, erschließt an vielen Stellen eine zusätzliche Dimension [...]

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