Klaus Lutz

Der Arztbesuch 1


Das ich allein und einsam bin, habe ich schon beschrieben.
Das ich verloren und ein Ausgestoßener bin, habe ich auch
schon beschrieben. Das ich trotz allem kämpfe und nicht
aufgebe, habe ich auch schon beschrieben. Aber eins habe
ich bisher nicht erwähnt. Es fehlt mir einfach die Kraft dazu.
Und um diese Uhrzeit so Morgens um 11:40 fehlen mir auch
die Ideen dazu. Kann sein oder es ist möglich das ich es ge-
rade deswegen wage! Mir klar darüber zu werden, was das
ist, was mich so beschäftigt. Gerade wo es mir wieder deut-
lich geworden ist.

Gestern hatte ich deswegen einen Temin beim Gesundheits-
amt. Es war wie immer, wenn ich das Haus verlassen muß.
Es kam ein extra Bus. Fünf Helfer. Und dann war es wie im-
mer das Gleiche. Zuerst die Blicke! Einen Mann im Rollstuhl.
Ein meter Siebzig groß. Und dann 210 kg. Fünf minuten
Staunen. Und dann die Aktion. Gurte anlegen. Also mich fixie-
ren. Damit ich nicht aus dem Stuhl rutsche! Dann durch den
Hof. Durch den Eingang. und zum Auto. Die Spezialrampe
rausfahren. Die Winde in Betrieb setzen. Die Seile am Roll-
stuhl befestigen. Und mich dann langsam ins Auto ziehen.
Was gut ging. Die Winde quietscht wie noch nie. Die Helfer
unterstützen das ganze ein wenig durch schieben. Die
Rampe wird wieder eingefahren. Die Tür wird geschlossen.
Und dann die Fahrt. Und immer noch diese Blicke. Ich es-
se ein paar Pläzchen. Etwas Schokolade. Und frage höflich
nach einem Teller für Kuchen. Was die natürlcih nicht hat-
ten. Und eineTasse für meine Trinkschokolade, hatten Sie
natürlich auch nicht.

Nur immer wieder komische Blicke. Eben die Blicke die ich
gewohnt bin. Blicke von Menschen die nicht das Wesent-
liche sehen. Ungeübte Blicke! Keine Blicke die eine Schön-
heit erkennen. Die Seele! Das Herz eines Menschen! Sei-
ne Träume! Seine Ideen. Die hatten nur diese Blicke! Kei-
nen Teller für Kuchen. Und kein Mitleid dafür das ich die
Torte, die ich dabei hatte mit den Händen zu mir nehmen
mußte. Und dann auch noch eine blöde Bemerkung, da
mir etwas auf den Boden gefallen ist. Das, was ich einfach
nur noch so weg stecke. Und kein Verständnis für die Pro-
bleme, die so ein Körper hat! Gerade Morgens! Nach ein
paar Stück Kuchen, Schokolade und Plätzchen. Natürlich
arbeitet da der Körper. Die Verdauung. Da stellen sich natür-
lich auch Geräusche ein: "Flatulenz, Aufstoßen, Gerüche!"
Das ist alles Natur. Und so nehme ich das! Aber deswegen
alles was es an Fenstern gibt zu öffnen. Mich komisch an-
zusehen. Mit Blicken als wäre sonst was! Das ist schon aus-
sergewöhnlich!

Dann die Ankunft. Ich war ins Gesundheitsamt bestellt. Wie-
der die Winde. Mich aus dem Fahrzeig holen. Mein Proviant
einpacken. Die Säcke dafür wieder richtig verstauen. Wieder
komische Blicke. Irgendwie Bitter, Ratlos und Entzaubert.
Das Leben als wäre es nur schlimm. (ich sage einfach mal
schlimm. Wie gesagt Morgens habe ich nicht immer die kor-
rekten Worte.) Dann die Fahrt ins Gesundheitsamt. Direkt
zum Arzt. Dann konnten die Helfer gehen. Zum erstenmal,
mit einem mehr freundlichen Gesicht. Worüber ich mich ge-
freut habe. Jede Sympathie freut mich! Ich sage nur bis
gleich. Dann waren sie wieder da: "Die anderen Blicke!"

Der Arzt sieht mich an. Sagt nichts. Gibt mir nur die Hand.
Und untersucht mich. Betastet nur die Fettwülste, die über
den Rollstuhl hängen. Am Rücken! An den Seiten! Im Brust
und Magenbereich. Hebt sie mit zwei Händen an. Läßt Sie
wieder fallen. Fragt, ob er Bilder machen darf. Ich sage ja.
Und er fotografiert. Professionell! Keine Schauspielerei. Wie
so ein verhinderter Fotograf. Oder die Mimik eines geschei-
terten Künstlers. Eines! Mir fällt im Augenblick kein Name
ein. Von einem berühmten Fotografen! Dann setzt er sich.
Sieht mich an. Schweigt und sieht weiter. Und dann beginnt
Er. Und ich entdecke doch den Künstler! Den Dramatriker.
Ein halbes Jahr noch, wenn ich meine Freßsucht nicht in
den Griff kriege. Und dannn nur Fakten: "Fünfzig Kilo las-
sen sich weg operieren. Einfach weg schneiden. Das ent-
lastet das Herz! Den Kreislauf! Den Organismus. 30 Kilo
lassen sich durch eine Diät verlieren. Dann steigt meine
Lebenserwartung. Wobei er nicht sagen kann, was da
steigt. Die Tage! Die Monate! Die Jahre!

Und dann das Praktische. Ich brauche ein Spezialtoilette
auf die ich passe. Einen Meter breit. Mit einer Spezialspül-
ung. Also eine besondere Vorrichtung. Die den Darmaus-
gang nach der Defäktion reinigt (Defäktion: "Entleerung des
Darmes!") Da dies auf normalem Weg bei mir nicht mehr
geht. Ein spezieller Kran wurde auch genehmigt. Und die
fünf Helfer die ich benötige für den Toilettengang behalte
ich auch. Dann die Reinigung meines Körpers überhaupt.
Auch da bekomme ich weiterhin, fünf Helfer am Tag, für
eine Stunde. Dann hat er mich um eine Stellungnahme
gebeten. Was mein Leben betrifft. Was ich auch wahr
genommen habe. Zuerst habe ich ihn aufgeklärt. Was
tatsächlich entscheidend ist für einen Körper: "Es ist die
Psyche!" Ein Körper mit gesunder Psyche hält jedes Ge-
wicht aus. Nach einer Stunde meiner Erklärungen. Und
nachdem er immer nervöser und blasser wurde. Dachte
ich mir, lege eine Pause ein. Und habe ein paar Plätzch-
en gegessen. Gefragt ob er einen Teller hat, für Torte.
Und zufällig auch etwas Sahne. Worauf er das Zimmer
verlassen hat. Wie es ist nach ein paar Plätzchen hat
sich wieder mein Körper gemeldet. Und eine Flatulenz
riesig! Auch ungewöhnlich für mich. Da öffnet sich die
Tür. Er sieht Rein. Und schließt sie wieder. Öffnet sie
wieder! Rennt durch den Raum und verläßt ihn. Auch
wieder rennend. Auch eine Frau sieht kurz duch die Tür
rein. Sieht mich an: "Wunderschön die Frau!" Ich lächle
kurz! Total verliebt. Aber schon ist sie wieder weg. Nach
einer halben Stunde kommt der Arzt wieder. Ohne Tel-
ler ohne Sahne! Und sagt: "Alles ist in Ordnung!" Und
nimmt nun seinen Gang. Verabschiedet sich von mir
etwas fahl im Gesicht. Völlig verändert! Also irgend-
wie anders. Wie zu dem Zeitpunkt als ich in den Raum
kam. Eine Stunde und ein anderer Mensch.

Danach kommen wieder die Helfer. Bringen mich ins
Auto. Der gleiche Vorgang. Der gleiche Ablauf. Und
fahren los. Da sehe ich, das sie meine Tüten mit Kek-
sen vergesssen haben. Und ich bitte Sie zurück zu
fahren. Worauf wieder diese komischen Blicke kom-
men Und sie einfach weiter fahren. Aber das hat ein
Nachspiel! 



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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