Martina Lehner

Der Ring

Nervös trommelte sie mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln auf der Lehne des pompösen, ganz in weiß gehaltenen Polstersessels. Irgendwie gehörten diese rot lackierten Nägel nicht zu ihr, stellte sie mit einem unsicheren Blick darauf fest. Aber ihre Freundin hatte darauf bestanden, ihre eine Maniküre eigens für den heutigen Abend zu verpassen. Somit gab sie ein überaus gepflegtes und elegantes Bild von einer Frau in den Mittdreißigern ab.

 In der anderen Hand hielt sie ein Glas eisgekühlten Aperitiv. Hastig nahm sie einen kleinen Schluck daraus. Ihre Augen schweiften über die glatte Fläche des Sees, in dem sich die letzten Sonnenstrahlen eines warmen Sommertages rot spiegelten. Eigentlich könnte es ein wunderbarer lauer Abend am See sein, aber sie hatte Geschäftliches im Sinn. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass er bereits zu spät war. Oh, wie sie Unpünktlichkeit hasste! Die anderen Gäste lümmelten entspannt in den bequemen Sofas auf der Seeterrasse des Weinlokals und genossen sichtlich den Abend. Von allen Seiten drang  Gelächter und Stimmengewirr an ihre Ohren. Sie fühlte mit ihrer Hand nach dem kleinen Päckchen in ihrer Handtasche. Es war ihr nicht leicht gefallen, den mit einem großen Rubin besetzten Ring ihrer Großmutter online zu versteigern. Aber es war leider notwendig. Das Geld in ihrer Familie war knapp. Ihr Mann verdiente nicht besonders gut und sie konnten für die Renovierung ihres alten Hauses jeden Cent gebrauchen. Sie hatte kein Problem damit, wenig Geld zu haben. Damals, als vor vier Jahren ihre erste Tochter geboren wurde, hatte sie sich freiwillig für einen verlängerten und damit unbezahlten Mutterschaftsurlaub entschlossen. Als knapp zwei Jahre später ihre zweite Tochter geboren wurde, war erneut nicht daran zu denken, in ihren alten Beruf als Lehrerin zurückzukehren.

Deshalb war in ihr der Entschluss gereift, den Schmuck ihrer Großmutter zu verkaufen. Leicht war ihr die Entscheidung nicht gefallen. Es war nicht nur ein wertvoller Ring, nein, es waren lebendige Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit, an Bratäpfelduft und köstliche Krapfen. Ihre Oma war eine ganz besondere Frau gewesen. Vom Schicksal wie so Viele im Krieg schwer getroffen, hatte sie immer ein Lächeln und einen weisen Spruch für ihre Kinder und Enkelkinder parat gehabt. Ihre Kochkünste waren außerdem unübertroffen.

Ein elegant gekleideter Mann, der gerade das Lokal betrat, lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. In der Abenddämmerung konnte sie sein Gesicht nicht ausmachen, aber die Art wie er ging, kam ihr seltsam vertraut vor. Er steuerte direkt auf sie zu. War er etwa der Käufer ihres Ringes? Um einander zu erkennen, hatten sie verabredet, dass er eine weiße Nelke mitbringen würde. Und tatsächlich! Er hielt eine weiße Nelke in der Hand! Ihr Puls begann zu rasen. Hoffentlich klappte alles mit dem Deal. 250 Euro waren kein Pappenstiel. Das Geld konnte sie gut gebrauchen. Doch was war das?! Der Mann trat in diesem Moment aus dem Schatten heraus und im Licht der Laternen erkannte sie ein vertrautes Gesicht! Ihr Mann! Was sollte das bedeuten?

„Du? Was machst du hier?“

Mit einem Lächeln setzte er sich neben sie.

„Ich habe den Ring für dich zurück ersteigert. Ich weiß doch, wie sehr du daran hängst. Da konnte ich es nicht zulassen, dass du ihn verkaufst. Es sollte eine Überraschung sein.“

„Die ist dir aber gelungen!“, sagte sie lächelnd und gab ihm einen langen zärtlichen Kuss.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Martina Lehner).
Der Beitrag wurde von Martina Lehner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Jahre wie Nebel: Ein grünes Jahrzehnt in dunkler Zeit von Horst Lux



Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Martina Lehner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Neu oder gebraucht? von Martina Lehner (Liebesgeschichten)
Ich liebe diese Frau von Özcan Demirtas (Liebesgeschichten)
Auszug aus "Befreiungs-Schläge" von Elke Lüder (Autobiografisches)