Margit Farwig

Menschen im Hotel V

 

 

Nebenan aus der Bar erklingen leise Melodien. Der Pianist greift unnachahmlich in die Tasten, verzaubert seine Zuhörer. An der Bar sitzen lauschend Gäste. Sie rauchen Zigarette für Zigarette und trinken Glas für Glas.

Die dunkelhaarige Frau bemüht sich um Augenkontakt mit dem blendend aussehenden jungen Mann. Leicht schräg gegenüber vertieft er sich in sein Glas. Er hat längst begriffen, dass er gemeint ist, findet die Dame auch attraktiv, sehr attraktiv sogar. Ganz schüchtern sieht er in ihre Richtung. Das ermuntert sie erneut. Sie wirft ihm einen langen Blick zu. Ihm wird heiß. So offenherzig ist er noch nicht umworben worden. Bis jetzt gab er Signale.

„Bei dieser Frau ist alles anders, sie sieht auf den Grund meiner Seele. Sie ist älter als ich, davon gehe ich aus, aber sie versteht mich. Warum soll eine Frau nicht älter sein? Muss immer nur die Frau jünger sein? Wenn ich einmal ausprobiere wie es ist? Was kann schon passieren? Man hört jetzt öfter, dass Frauen sich ganz mutig und locker einen jüngeren Lebenspartner aussuchen und unheimlich glücklich dabei sind. Und nicht nur sie, auch die jungen Partner strahlen eine Freude und Zuversicht aus, dass man neidisch werden möchte. Was ist dran an den älteren Semestern? Wenn ich recht überlege, nehmen sich junge Frauen einen Mann, der ihr Vater sein könnte. Und warum,  d a  weiß man es. Sie wollen nicht nur gekonnte Liebe genießen, sie werden umschwirrt, verwöhnt von sich dankbar gebärdenden Männern, die es nicht fassen können, dass auf sie noch einmal das große Glück in Gestalt eines jungen Körpers fällt. Sie laufen auf zu Höchstformen. Es ist das umgekehrte Verhältnis.“

Nachdenklich, zögerlich wandern seine Augen zu ihren Beinen, zu ihren Hüften, sehen den wohlgeformten Po, gleiten den Rücken hinauf und enden an ihrem schlanken Hals. Ganz trocken wird sein Hals, er ringt nach Luft. „Sie ist schön!“

Natürlich ist ihr nicht entgangen, welche Wirkung sie auf ihn ausübt, wie er sie mit den Augen verschlungen hat. Sie wartet noch ein Weilchen, dann setzt sie ihren Angriff fort. Mit dem Sektglas beschreibt sie einen Kreis ins Blaue des Zigarettendunstes und nagelt ihn fest. Sie lässt seine Augen nicht los. Und in ihren Augen steht geschrieben:

„Heute wirst du mir gehören!“

Ganz langsam, jede Bewegung ein Manöver, rutscht sie vom Barhocker, ihre Füße wählen sicher die Spuren aus, auf welchen ER ihr heißhungrig folgen soll. Unauffällig steckt sie ihren Zimmerschlüssel in seine halb geöffnete Hosentasche. Dabei fühlt sie an ihm den Schock der Erregung. Nun weiß sie es endgültig. Er gehört ihr!

Der junge Mann löst sich von der Theke, greift in seine Hosentasche, fühlt den Schlüssel und hält sie bereits in seinen Armen. Er folgt ihr.

Der unnachahmlich in die Tasten greifende Pianist passt sich gern Situationen an, die sein ganzes Fingerspitzengefühl erfordern: „Dunkelrote Rosen schenk ich....“

 

© Margit Farwig 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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