Paul Rudolf Uhl

Coventry - Pazifistischer Aufsatz

Pazifistischer Aufsatz, geschrieben am Vorabend des Irak-Krieges

 

Coventry

ist  eine Stadt in England, die Hitler vollständig zerstören ließ.

„Coventrieren“ nannte er es begeistert... Winston Churchill ließ im Gegenzug Hamburg „hamburgisieren“. Im Sommer 03 jährte sich zum 60. Mal die Wende im Luftkrieg der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Die Flächenbombardierung forderte mehr als 600.000 Tote, davon 80 000 Kinder.

 

Natürlich hat Hitler den Luftkrieg gegen Zivilisten begonnen, alles weitere war wohl nur Rache: „Auge um Auge“...

 

... Aber auch wenn Hitler den Krieg begonnen hat, auch, wenn deutsche Flugzeuge bereits 1937, im spanischen Bürgerkrieg, Guernica vernichteten (Picasso hat dazu eines seiner bekanntesten Bilder gemalt); wenn er auch schon bald nach dem Überfall auf Polen Warschau und acht Monate später Rotterdam bombardieren liesß und danach - 1940 – versuchte, England durch Raketen und Bomben in die Knie zu zwingen (was 40.000 Menschen das Leben kostete): Auge um Auge?

 

Was man Hitler auch immer vorwerfen kann: England und die USA haben ebenso schlimm gewütet, ohne jegliche Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, auf sog. Nicht-Kombattanten. Sie haben nicht nur den Tod und das Elend von Tausenden billigend in Kauf genommen: Geschichtsschreiber vermelden, dass  angeordnet war, „so viele Deutsche als nur möglich zu töten“. Die Briten nannten diese Schrecklichkeiten  „moral bombing“. Damit sollten die Massen demoralisiert und Volksaufstände gegen Hitler ausgelöst werden...

 

Londons bulliger Luftmarschall Arthur Harris, der als „Bomber-Harris“ in die Kriegsgeschichte einging und den selbst seine eigenen Leute als „butcher“ (Schlächter) bezeichneten, plante, in Hamburg einen Feuersturm zu entfachen, dessen Zerstörungskraft die des Hamburger Stadtbrandes von 1842 um ein Vielfaches übertraf. Deutschlands zweitgrößte Stadt sollte mit Tausenden von Brand- und Sprengbomben in Schutt und Asche gelegt werden.

 

Wegen schlechten Wetters wurde der Angriff sogar verschoben – auf den Sommer. Ende Juli/Anfang August brach dann die „Operation Gomorrha“ herein und auf einem Areal von 20 Quadratkilometern gab es für Hamburg einen Feuersturm apokalyptischen Ausmaßes: mehr als 40.000 Menschen verbrannten oder erstickten, viele unter schlimmen Qualen.

 

Es war bestimmt – wegen fehlender oder ungeeigneter Navigations- und Waffentechnik - auch die Unfähigkeit des Bomber Command, nachts gezielte und punktuell genaue Angriffe auf Rüstungs- und Zulieferindustrie- Anlagen zu fliegen. So machte die britische Führung aus der Not eine Tugend: die „Area Bombing Directive“ vom 14. 02.1942  befahl, als künftiges  Hauptziel Flächenbombardements durchzuführen, um die Moral der feindlichen Zivilbevölkerung – insbesondere der Industriearbeiter – zu zerstören. Ziele sollten nicht Werften oder Luftfahrtindustrien sein, sondern Siedlungsgebiete! Die Amis hingegen – besser ausgerüstet – zerstörten – wenigstens anfangs - gezielt hauptsächlich Bahn- und Industrieanlagen.

 

Harris und andere Befehlshaber – insbesondere und nicht zuletzt Whinston Churchill - scherten sich nicht um Aspekte der Menschlichkeit und auch nicht um das Gewissen der Piloten und der  Besatzungen der Bomber, an denen solche Greuel bestimmt nicht spurlos vorübergingen.  Die wilden Massaker wurden im eigenen Land als „gezielte Angriffe auf militärische Ziele“ bezeichnet und so gerechtfertigt... Der Historiker Conelly aber urteilte: „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Bombardierung von Zivilisten absichtlich erfolgte“.

 

Ein Bericht im „Spiegel“ nennt sogar einen der Piloten beim Namen: als Richard Mayce hinab blickte, sah er etwas Unbeschreibliches; eine Art Dantes Inferno, eine weite Fläche voller Weißglut – sogar das Wasser brannte! „Genau so muss die Hölle aussehen, wie wir Christen sie uns vorstellen“. In dieser Nacht wurde er zum Pazifisten.

 

Der britische Bombenkriegsexperte Max Hastings schrieb, die physische Vernichtung Deutschlands habe auch bei den englischen Truppen „wachsendes Entsetzen“ ausgelöst...

 

Die Planung des Horror-Szenarios war perfide: zuerst werden Luftminen – darunter riesige „Blockbuster“ abgeworfen, deren Druckwellen Dächer abdecken, Fenster wegblasen und Brandmauern einstürzen lassen. Dann regnen Brandstäbe und Phosphorbomben in die geknackten Häuser, in denen nunmehr Zugluft wie durch einen Kamin rauscht und jeden kleinen Brandherd zum

 

Großbrand anwachsen lässt; schließlich werden durch Spreng-und Splitterbomben, teils mit Zeitzünder – Wasserleitungen zerstört, Straßen verkratert und Löschtrupps ausgeschaltet, so dass sich die zahllosen Einzelbrände ungehindert zu einem einzigen, rasenden Flammenmeer vereinigen können...

Die teuflische Folge solcher Zerstörungstechnik ist, dass sich über den in Brand gesetzten Stadtteilen eine gigantische Heißluftsäule bildet, die orkanartige Stürme produziert und Tausende von Tonnen Sauerstoff absaugt. Die Menschen – gleich, ob in Luftschutzkellern oder im Freien – krepieren an Hitzschlag oder Überdruck, Verbrennungen oder Kohlenmonoxid - Vergiftung.

 

So stand dann auch eine 6000 m hohe Rauchsäule über Hamburg. Hingegen fiel – so berichtet der Spiegel weiter – keine einzige Bombe auf die Schienenstränge, auf denen die Todeszüge nach Auschwitz rollten, obwohl dies bekannt war...

 

Hitler und seine Vasallen hatten ja beabsichtigt, auch New York anzugreifen: 1941 drängte der „Führer“ auf eine rasche Verwirklichung eines viermotorigen Transporters, mit dem ein unbemannter Kleinbomber ausgeklinkt und z.B. das Empire State Building und andere Hochhäuser zerstört werden konnte-  „um mit Terrorangriffen auf amerikanische Millionenstädte dem Amis und den Juden eine Lektion zu erteilen“... – Osama Bin Laden lässt grüßen...

 

Trotzdem: bei aller Notwendigkeit, dem Deutschen Reich Einhalt zu gebieten: derartige Unmenschlichkeiten hätten nicht sein müssen, der Krieg wäre von den Alliierten auch ohne das Flächen-Bombardement in kurzer Zeit gewonnen worden...

 

Die Angriffe auf wehrlose Städte, in denen Zehntausende von Flüchtlingen  herumirrten (Dresden und der Siedlungsbrei des Ruhrgebiets) waren keine militärisch notwendigen Angriffe, sondern stellten eine Hinrichtung der Bevölkerung Nazi-Deutschlands dar.

 

Die Frage, ob Verbrechen gerechtfertigt sind, um Verbrechen zu bekämpfen, beantwortete Mahatma Gandhi, der die britischen Kolonialherren aus seiner Heimat durch die Gewaltlosigkeit vertrieben hatte, so: „In Dresden und Hiroshima hat man Hitler mit Hitler bekämpft“.

 

... Und wieder schicken sich zwei der alliierten Mächte an, gegen ein aufmüpfiges Land, das einen Diktator an der Macht hat, in den Krieg zu ziehen. – Werden wir dasselbe Szenario sehen müssen wie vor 60 Jahren?

 

Eines meine ich, sicher zu wissen: gäbe es im Irak kein Öl, so wäre es den US und den Briten völlig egal, was ein Diktator in seinen Lande treibt. Ziel ist es doch, sich auf die Ölquellen dort zu setzen, um sie zu sichern und auszubeuten oder wenigstens den weiteren Bezug des begehrten und immer weniger werdenden Rohstoffes zu sichern... welche Nebenfolgen für die weltweite Politik, für das Ökosystem unserer Erde, für das Verhältnis zwischen Christen und Moslems wird dieser mögliche Krieg haben???

 

Krieg – ob er nun durch Moral, Ethik, Fanatismus oder wirtschaftliche Notwendigkeit  hervorgerufen wird, ist immer das Ende der Vernunft, das schlimmste, das „dem breiten Volk“ passieren kann. Dennoch ist Krieg seit Anbeginn der Menschheit üblich. Er muss im Wesen des Menschen verankert sein!

 

Ist der Mensch nicht doch ein Irrtum der Evolution?

 

 

Anmerkung: große Teile der Argumentation und Zitate sind aus dem „Spiegel“ 2 /02 entnommen.                                                                  P.U.  10.01.03

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Paul Rudolf Uhl).
Der Beitrag wurde von Paul Rudolf Uhl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Paul Rudolf Uhl:

cover

Ein Schelm von Paul Rudolf Uhl



„Ein Schelm“ umfasst 95 Gedichte auf 105 Seiten, Größe: 19,2 x 14,6 cm, Klebebindung, größtenteils farbig illustriert. Das Büchlein erscheint im Selbstverlag.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (9)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krieg & Frieden" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Paul Rudolf Uhl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Siebengestirn - die Plejaden von Paul Rudolf Uhl (Romantisches)
Ängste eines jungen GI von Rainer Tiemann (Krieg & Frieden)
Meine Bergmannsjahre (dreizehnter Teil) von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)