Marie-Christin Gustav

Wo die Blumen sind - Prolog & Kapitel 1

Prolog
Sie legte die Arme auf den Tisch und vergrub ihren Kopf darin in der Hoffnung, etwas würde sich verändert haben, wenn sie ihn wieder hob.
Es veränderte sich nichts.
Keine Fee, um ihr ein paar Wünsche zu erfüllen, keine Zeitmaschine, kein Liebestrank, keine Heinzelmännchen.
Heinzelmännchen?!
Sie legte stöhnend den Kopf wieder auf die Arme.
Die Tasse war leer und, sei es der Tee oder sei es die Tatsache, dass es kurz nach zwei Uhr nachts war, sie fühlte sich müde, nicht unbedingt in ihren Gedanken, aber definitiv in ihren Gliedern.
Sie hatte sich die Zähne geputzt und griff gerade nach ihrer Zahnseide, als sie meinte, ein Klopfen zu hören.
Sie horchte.
Nichts.
Scheinbar wurde sie paranoid. Umso besser. Alle Psychologen hatten einen an der Waffel.
 
Es klopfte noch einmal und jetzt war sie sicher, sich nicht verhört zu haben. Ihr Herz schlug schneller, als sie zur Tür ging und den Atem anhielt.
Es war alles still.
Langsam drehte sie den Schlüssel herum; das Schloss öffnete mit einem Klicken. Marie drückte die Klinke hinunter und die Tür knarrte leise.
Wieder hielt sie kurz den Atem an, als sie ihn erkannte.
 
„Öffnest du immer um diese Uhrzeit die Tür?“, fragte er leise lächelnd.
„Diebe klopfen nicht, oder?“, entgegnete sie ebenso leise.
 
 
 
Kapitel 1 - Das, was mit Regen anfängt und aufhört
 
Regen, überall. In den Schuhen, auf den Jackenärmeln, in den Haaren.
Marie seufzte tief, bevor sie aus dem Kaufhaus hinaustrat und die Kapuze ihres blauen Mantels über den Kopf zog. Warum um alles Welt lag London ausgerechnet in England!
Während Marie in Richtung Underground ging, versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren. Irgendetwas hatte sie vergessen einzukaufen, sie war sich sicher.
Sie hatte Lebensmittel eingekauft, die längst überfälligen Bücher, die sie für ihr Studium brauchte, eine neue Zimmerblume – ihre alte war, auf der Fensterbank vergessen, an einem solchen Tag wie heute kläglich ertrunken.
In Gedanken versunken stieß sie jemanden an, murmelte eine Entschuldigung und zog ihre Einkaufstüten wieder die Arme hoch. Wie immer in solchen Momenten empfand sie so viele Menschen, die an ihr vorbei hasteten, als nervenaufreibend.
Marie trat an den Rand des Gehwegs, um einige Momente innezuhalten. Sie stellte ihre Tüten ab, stopfte ihre Haare unter die Kapuze und schaffte es mit einiger Anstrengung, ihren Terminkalender aus der Tasche zu ziehen.
„Hey, du.“ Sie blickte mit einer Mischung aus Ungeduld und Überraschung auf.

Ein Mann, vielleicht Mitte Fünfzig oder Anfang Sechzig, stand vor ihr in einem langen Ledermantel. Von seiner breiten Hutkrempe tropfte das Wasser auf seine Schultern, seine Füße steckten in Turnschuhen, die völlig durchnässt waren, was ihn nicht weiter zu stören schien.
Er besaß ein kantiges, etwas flaches Gesicht, hohe Wangenknochen und einen breiten Mund. Es war von vielen tiefen Falten durchzogen, ein Gesicht eines Menschen, d asein bewegtes Leben hinter sich hatte.
 
Marie straffte ihre Schultern und strich eine Strähne aus ihrem Gesicht. Ihr Gegenüber war nicht gänzlich unsympathisch, aber sie wusste trotzdem nicht, ob sie ihn – wortwörtlich - im Regen stehen lassen oder sich auf eine Unterhaltung einlassen sollte.
 
„Ja? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie. Ihr Gegenüber lächelte ein wenig.
„Nein.. kann ich dir helfen?“, erwiderte er dann ernst und mit einem Marie unbekanntem Akzent. Jedenfalls war er kein Engländer, soviel war sicher.
„Danke.. ich wüsste nicht, womit“, sagte Marie skeptisch.
„Wissen, ja. Es kann helfen und stören, nicht?“ Seine Augen funkelten mit einer Mischung aus Neugier und Betrachtung. „Glaubst du an Zufälle?“ Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. „Egal, ob man es tut oder nicht, manchmal ist es besser, dem Schicksal nicht zu begegnen.“
 
Während Marie noch unschlüssig war, oder eher perplex nach dieser Antwort, trat er ein wenig dichter an sie heran und stellte sich neben sie, sodass sie sich ein wenig umwenden musste, falls sie sein Gesicht sehen wollte.
 
Ihr Unmut über die offensichtliche Zeitverschwendung kam zurück.
Bedauerlicherweise aber war sie von Natur aus ausgesprochen neugierig und machte deshalb im Stillen den Kompromiss mit sich selbst, ihm noch eine Chance einzuäumen.
Marie konnte plötzlich nicht anders und musste grinsen.
Wie absurd diese Situation war! Sie stand an einem verregneten, kalten, grauen Oktobertag auf einem Bürgersteig mitten in der Londoner City und ein wildfremder Mann stand neben ihr und philosophierte in aller Seelenruhe über das Schicksal.
Verstohlen blickte sie ihn an. Unter seinem Hut schaute ein Pferdeschwanz schwarzer Haare hervor, in denen keine einzige graue Strähne zu finden war. Vielleicht war er Zigeuner. Oder noch besser, Indianer mit spirituellen Fähigkeiten. Maries Grinsen wurde bei diesem Gedanken noch breiter.
Der seltsame Herr schob jetzt seinen Mantelärmel ein wenig hoch und warf einen Blick auf seine Uhr. Eine teure Uhr, wie Marie erstaunt bemerkte, damit war die Indianer-Theorie wohl hinfällig. Schade eigentlich.
„Tut mir leid, ich muss weiter“, sagte der Beinahe-Indianer unvermittelt.
„Kein Problem.“ In Maries Stimme schwang ein spöttischer Unterton mit.
Bevor der andere sich zum Gehen wandte, schaute er sie noch einmal an. Ihre Belustigung war mit einen Schlag verschwunden, als sein prüfender Blick schwer auf ihr lag und durch Mark und Bein ging. Er schien etwas sagen zu wollen. Dann aber tippte er nur kurz an seine Hutkrempe und ging mit hochgezogenen  Schultern im Regen davon.
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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