Margit Farwig

Menschen im Hotel VIII

 

 

„Neulich habe ich doch ein junges Mädchen aus der Tür dieses Lustmolches kommen sehen.

Ich kann das nicht verstehen, was die von dem will. Hören Sie überhaupt zu, Frau Beerendonk?“

Frau Beerendonk und Frau Angermann ruhen sich aus von ihrem Gang um den Block.

„Und wie, erzählen Sie weiter, Frau Angermann. Vielleicht ist sie minderjährig. Wir sollten aufpassen. Was er von ihr will, das liegt ja wohl auf der Hand. So ein hübsches Mädel mit so großen braunen Augen, Kastanien braunen Haaren und einer Figur wie von einem Model. Die könnte doch einen anderen Mann, einen jüngeren, kriegen!“

„Gestern habe ich gesehen, wie sie ihn geküsst hat. Das sah zwar harmlos aus, aber ich möchte nicht wissen, wie es hinter der Tür hergeht“, erwidert Frau Beerendonk.

„Nicht auszudenken, was die Eltern dazu sagen würden, wenn die davon Kenntnis bekommen würden. Die jungen Dinger sind heute so selbständig, die fragen nicht einmal mehr ihre Eltern.“

„Ja, Frau Beerendonk, ich habe genau aufgepasst, ob das wohl die Tochter sein könnte. Ist sie nicht. Sie geht immer an der rechten Seite dieses lüsternen Herrn.“

„Sie haben Recht, Töchter lässt man immer links laufen. Es deutet die Achtung vor den Erwachsenen an, ihres Vaters“, fällt Frau Beerendonk ihr ins Wort. Sie überschlägt sich fast.

„Schöner Vater, dieser Mann genießt die Nähe des jungen Blutes. Bringt seins wieder zur Wallung. Er ist galant, höflich und sogar freundlich. Ohne Scham bringt er sie ins Rampenlicht, auf die Bühne der Verwerflichkeit. Man sollte ihm sein Handwerk legen“, aufgeregt springt sie vom Sofa.

Frau Beerendonk zieht Frau Angermann auf das Sofa zurück und meint:

„Wir müssen sehr vorsichtig sein. Er hat bestimmt eine Ausrede parat. Solchen Verbrechern kann man nicht beikommen. Das muss sorgfältig geplant sein.“

„Psst, liebe Freundin, seien Sie still, sie kommen!“

Er strahlt und sie hängt ihm am Arm, so aufreizend.

Die beiden Sittenwächterinnen stellen ihre Ohren hochkant.

„Onkel Gernod, ich finde das wunderbar, dass Du Mama und Papa überreden konntest, doch noch zu kommen, ich bin Dir sehr dankbar“, sprudelt das nette Mädchen heraus.

„Das habe ich gern gemacht für meine liebe Nichte“, spricht der Onkel zärtlich.

Mehr verstehen die geschockten Damen nicht.

Sie erholen sich wider Erwarten sehr schnell.

„Eigentlich habe ich es immer gewusst, im Hinterkopf, so ein nettes Mädel. So ein nettes Mädel. Wie sie ihren Onkel angestrahlt hat“, sagt Frau Beerendonk.

„Sie haben Recht, diese herzige junge Frau, sie ist der Sonnenschein ihrer Eltern. Sieht man ja“, sagt Frau Angermann.

„Es ist Essenszeit, wir müssen uns frisch machen!“

„Wir müssen uns frisch  machen!“

Arm in Arm schlendern sie davon.

 

© Margit Farwig 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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