Margit Farwig

Menschen im Hotel IX

 

 

Kathrin Lange öffnet den Koffer, schließt ihn wieder. Erst stellt sie sich vor den Waschtischspiegel, schaut fragend hinein. Es ist das gleiche Bild, nichts hat sich geändert. Ihre Haare werden immer dünner und dünner. Seit ihrer Krankheit geht es bergab mit ihr. Am schlimmsten ist die Verunstaltung durch ausfallende Haare.

„Meine schönen Haare. Bald ist nichts mehr da, die Kopfhaut schimmert glänzend durch schüttere Haarbüschel. Ich kann nicht mehr“, murmelt sie verzweifelt in Richtung Spiegel, „sie waren mein ganzer Stolz.“

„Der Arzt behauptet, dass sie wiederkommen. Aber wann? Ich bin doch noch mittendrin. Das kann lange dauern. Was mache ich in der Zwischenzeit?“

Sie geht zurück zum Koffer, öffnet ihn zum zweiten Mal. Unter den Blusen liegt sie. Vorsichtig greift Kathrin Lange dort hin und holt mit zwei Fingern eine Perücke hervor. Schnell lässt sie sie wieder fallen.

„Was soll ich mit dem Ding? Wie ordinär!“

Missmutig nimmt sie die Perücke in die Hand, dreht sie um und um, läuft erneut zum Spiegel und setzt sich das Monstrum auf den Kopf.

„Verkehrt herum. Auch das noch!“

Mutlos korrigiert sie den Fehler und staunt plötzlich:

„Ach, gar nicht so schlecht. Nein, eigentlich sieht das ganz gut aus.“

Sie rückt näher an den Spiegel heran und schaut neugierig hinein.

„Und ich hatte solche Angst.“

Das helle Haar schenkt ihren blauen Augen frischen Glanz. Die Nase schaut kess ins Leben und die Augenbrauen zieht sie neu nach. Die haben doch arg gelitten.

Beruhigt steckt sie ihre neue Pracht mit Nadeln in den letzten eigenen fest.

„Ich werde mich umziehen und den ersten Gang nach draußen wagen. Irgendwie muss ich üben, damit unter Leute zu gehen. Ich will wissen, ob die was merken, ob ich auffalle oder ein ganz normaler Mensch bin wie bisher.“

Jetzt will sie es wissen. Hastig zieht sie sich die leichte Jacke über, prüft noch einmal ihr Spiegelbild: „Ich habe es geschafft. Ich habe wieder Mut. Das war richtig, am fremden Ort meine neue Rolle auszuprobieren.“

„Zuerst gehe ich in ein Café, dann flaniere ich an den tollen Schaufenstern vorbei. Vielleicht kaufe ich mir ein schickes Teil und dann setze ich mich in die Bar des Hotels. Wenn es mir immer noch gefällt, ich glaube, dann habe ich den Durchbruch geschafft. Schneller als erwartet fahre ich nach Hause. Mein Gott, was hatte ich für Ängste. Für mich war das Leben eigentlich vorbei. Den Rest der Therapie schaffe ich auch noch!“

Kathrin Soest feiert den Sieg des Lebens über den Tod, den Sieg der Hoffnung über die Verzweiflung.

 

© Margit Farwig 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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