Marie-Christin Gustav

Wo die Blumen sind - Kapitel 2 & 3

Kapitel 2 - Vom Sommer in die U-Bahn

 

Energie- und Wassersparen hin oder her; nach Einkauf- und einstündiger Regen-Jogg-Tour dehnte Marie die Dusche aus, bis Carolin nachdrücklich an die Tür klopfte.
„Meine Güte, ich will auch noch ins Bad!“
„Ja, gib mir noch zehn Minuten!“, rief Marie zurück und suchte hastig nach ihrem Rasierer.

In ihrem Zimmer schwebten ihr bereits Songs entgegen, die sie sich als Erinnerung an ein paar wärmere Tage vorhin schon heraus gesucht hatte. 
Sie lächelte wehmütig und auch ein bisschen traurig.

Es war ein schöner Sommer gewesen mit Collin. Es war klar gewesen, dass es nur für einen Sommer sein würde, trotzdem vermisste sie ihn manchmal nur umso mehr. Er hatte sie immer zum Lachen gebracht und wenn sie zusammen gewesen waren, war es, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.
Sie erinnerte sich sehr genau an ihn, das verschmitzte Lächeln, die Sommersprossen, die Art, wie er seine T-Shirts anzog.

In diesem Moment hoffte Marie inständig, dass der nächste Sommer bald beginnen würde.
Während sie sich noch ein wenig in ihren Erinnerungen verlor und sich dabei fühlte wie ein Kind, dass verbotenerweise Schokolade geklaut hatte, zog föhnte sie ihre Haare und als sie den Stecker des Föhns aus der Wand zog, stellte sie erneut fest, wie wenig Lust sie hatte, heute noch einmal aus dem Haus zu gehen. Sie war müde und hatte eine anstrengende nächste Woche vor sich.

Es klopfte an ihrer Tür und Carolin steckte den Kopf ins Zimmer.
„Wo ist denn dein Haarglätter, meiner ist im Eimer.“
„Hier.“ Marie reichte ihn ihr. „Sag, kommst du heute abend auf Hollys Party?“
„Ne, Frühschicht. Grüß sie!"
„Ja, mach ich. Schade. Aber schlaf gut!“

Wenn nur der Abend schon um wäre.
Als sie sich angezogen und flüchtig ein wenig Make-up aufgelegt hatte, klingelte ihr Handy.
‚Wo bleibst du?!‘ Mehr stand nicht in der SMS. Wie viel Uhr war es denn? Kurz vor elf schon! Sie hatte um kurz nach zehn bei Holly sein wollen.

Verdammt, verdammt, verdamt.
Und das Geschenk? Besser, das nicht vorhandene Geschenk. Spontan entschied sie, morgen einen Kuchen vorbeizubringen, sie hatte jetzt wirklich keine Zeit mehr.

Eine knappe viertel Stunde später trat Marie aus dem Haus und schlug den Kragen ihrer Jacke hoch.
Es regnete nicht mehr, aber die Luft war genauso feucht wie vorher und wohl noch kälter, aber sie war erfrischend und Marie atmete ein wenig auf.

Die U-Bahnfahrt danach war weniger erfreulich.
Vier Männer Anfang Dreißig saßen versetzt auf der anderen Seite, von denen einer sie während der ganzen Fahrt anstarrte, und als dann die Batterien ihres MP3-Players leer waren, war ihre Laune  auf dem Tiefpunkt.

 

Kapitel 3 - Der Blick

 

Kurz vor zwölf stand Marie vor Hollys Tür und klingelte.
Fast zeitgleich ging die Tür auf und Eddy fiel ihr entgegen.
„Guten Abend, schöne Frau, bitte, hereinzukommen!“, rief er grinsend.
„Hey, Ed“, lächelte Marie müde zurück.
 
Als sie drinnen ging in Richtung Wohnzimmer ging, wo die meisten Leute zu sein schienen, aber noch bevor sie dort ankam, hüpfte ihr Holly entgegen, anscheinend auch nicht mehr ganz nüchtern.
„Marieschätzchen, na endlich!“ Sie schlang die Arme um Maries Taille.
„AllesGute zum Geburtstag, auf dass ein gutes Jahr vor dir liegt!“ Trotz allem freute sie sich aufrichtig, Holly zu sehen. „Liebe Grüße auch von Carolin.“
„Hach, ja, danke, danke.“
Sie drückte Marie noch einmal, ließ sie los und batrachtete sie dann von oben bis unten. „Du siehst toll aus!“, urteilte sie.
„Danke, aber ich muss dir was beichten.“ Marie sah sie zerknirscht an. „Ich hab kein Geschenk für dich. Aber du darfst dir einen Kuchen wünschen und der wird dann morgen in deiner Küche stehen!“
„Ahh, das ist besser als die ganzen Bücher und CDs. Ich lieeebe deine Kuchen!“, freute sich Holly.
„Ja, ich weiß“, antwortete Marie einfach. Sie konnte Hollys Euphorie noch nicht ganz teilen.
„Komm, wir holen dir was zu trinken!“

Mit diesen Worten nahm sie Maries Hand und zog sie ins Wohnzimmer.
Kaum im Raum angekommen, ließ Holly allerdings ihre Hand los und begrüßte den nächsten, der hereinkamen überschwänglich.

Marie stellte erleichtert fest, dass wenigstens Paul bereits da war und gesellte sich, nachdem sie sich ein kleines Glas Bohle eingegossen hatte, zu der Gruppe, in der er stand.

Es waren fünf Leute; drei von ihnen kannte sie bereits, die anderen beiden stellten sich als Geschwisterpaar vor. Ingrid und Thomas, so hießen sie, studierten gemeinsam mit Holly und schienen zur netteren Sorte der oft sehr schicken Wirtschaftsstudenten zu gehören.

Nichtsdestotrotz blieb das Gespräch in der Gruppe oberflächlich und Maries Wunsch nach ihrem Bett meldete sich verstärkt zurück.

Als sie gerade darüber nachdachte, wann sie zu hause sein würde, wenn sie jetzt ginge, sprach Thomas sie an. „Bist du Raucher?“
Marie verzog das Gesicht. „Eigentlich nein. Ja.. nein, also, ich befürchte, ich gehöre zu dieser Gruppe, die sich Gelegenheitsraucher nennen.“
„Kommst du mit mir raus? Wäre doch eine gute Gelegenheit..“ Er zwinkerte. „Und wegen der frischen Luft und so..“
„Frische Luft, hm?“ Er bemerkte ihren ironischen Tonfall nicht. „Naja, gut, gehen wir raus.“
Ihr war kein Stück nach einem Flirt zu Mute, aber vielleicht tat sie ihm auch Unrecht.

Thomas bot ihr eine Zigarette an, aber Marie lehnte ab; ihr war tatsächlich mehr nach Frischluft zu Mute.

Einige Züge rauchte er schweigend, bevor er sich räusperte und sie dann anblickte.
„Gehe ich richtig in der Annahme, dass du keinen Freund hast?“, fragte er.
Marie runzelte die Stirn.
Er sah nicht schlecht aus, das war ihr aufgefallen.
Garantiert hatte er einige Zeit darauf verwandt, seine dunkelblonden Haare so in eine Form zu bringen, dass sie völlig ungestylt aussahen. Das hellblaue Oberteil, dass er unter einer braunen, modischen Jacke trug, betonte seine klaren blauen Augen und seinen athletischen Körperbau.

Eigentlich war sie eine Verfechterin der direkten Art, aber seine Selbstsicherheit wurmte sie.
„Warum?“
„Hast du oder hast du nicht?“
Marie zögerte kurz. „Nein. Also, warum?“
„Nur so.“ Eine Pause entstand. „Warum?“, fragte Thomas und blickte sie wieder an.
„Warum was?“, fragte Marie irritiert.
„Warum hast du keinen Freund?“

Sie begann sich ernsthaft über seine Direktheit zu ärgern.
Aber irgendwie interessierte es sie, wie weit er wohl gehen würde mit seinen Fragen und deshalb sagte sie nur mit einem schwachen Lächeln: „Ach, weißt du, ich glaube eigentlich nicht, dass hier der richtige Ort und die richtige Zeit für so etwas ist..“
Thomas betrachtete sie.

An einem anderen Abend wäre sie wohl auf seine Art eingestiegen und hätte sich die Zeit mit diesem belanglosen Flirt vertrieben.

Aber nicht heute.
Dafür war ihre Grundstimmung einfach zu mies.

„Komm schon, ich muss ja wissen, worauf ich mich einlasse.“ Er grinste und zeigte zwei Reihen schöner Zähne.
Ja, definitiv, stellte Marie im Stillen fest.
Pech für ihn, dass heute heute war.
Sie räusperte sich und blickte auf ihre Schuhe. Sie hatte jetzt langsam aber sicher genug. „Lass gut sein. Können wir das Thema wechseln?“
„Mhh.. ich glaube, du hast einfach noch nicht den richtigen getroffen..“, bemerkte Thomas, unbeeindruckt von ihrer Bitte, und trat einen kleinen Schritt näher.
Marie schaute ihn mit einem Blick an, der ihm deutlich sagte, dass ihr gar nicht passte, wie er sich verhielt.
„Ja, da hast du vollkommen recht“, pflichtete sie ihm bei und ging die Stufen zur Haustür hinauf.
„War doch nicht ganz ernst gemeint. Sorry, komm schon! Komm noch mal zurück!“, rief er ihr hinterher.

Im Wohnzimmer angekommen schaute sie sich suchend nach Holly um, um sich zu verabschieden, konnte sie aber nicht entdecken.
Stattdessen kam ihr Eddy entgegen gestolpert und hing sich über ihre Schulter.
Er war nun wirklich nicht dick, aber durch seine Größe brachte er doch ein ganz ordentliches Gewicht auf die Waage.

„Na, alles klar, Schätzchen?“
„Ja, danke, Ed“, brachte Marie etwas angestrengt heraus und versuchte, ihre Haare unter seinem Arm zu befreien. „Weißt du, wo Holly ist?“
„Nein. Wieso? Hast du Sehnsucht nach ihr?“, fragte er und legte in theatralischer Geste seine freie Hand auf die Brust.
„Ich wollt‘ mich nur verabschieden, ich will nach Hause.“
Eddy winkte ab. „Hier ist nix mit nach Hause gehen. Wir trinken jetzt erst mal einen zusammen!“
„Nee, echt nicht..“, sagte Marie bittend, aber er ließ sie nicht los, sondern zog sie einfach mit sich zu dem Tisch mit Getränken.
„Nur, weil du stärker bist als ich“, murrte sie.
„Iss halt mehr Spinat.“
Eddy grinste und nahm endlich denn Arm von Maries Schultern.
Mit einer Hand umfasste er seinen Oberarm und machte eine Pose wie ein Body Builder.

„Popeye, der Seeheemann“, sang er laut und falsch und spannte seine Muskeln an, was bei dem weißen, engen T-Shirt, das er trug, nicht ganz unbeeindruckend war.
„Toll, Ed, du haust mich um", sagte Marie lahm.
„Das freut mich. Was trinkst du?“
„Was gibt’s denn?“
„Alles, was das Herz begehrt“, säuselte Eddy mit einem breiten Grinsen.
 
Marie konnte nicht anders und musste lachen. Er war zwar etwas unsensibel und laut manchmal, aber wenn man Spaß haben wollte, gab es wohl kaum bessere Gesellschaft.
Und im Grunde war er einfach ein herzensguter Kerl.

„Ok.“ Sie seufzte. „Gibt’s zufällig diesen selbstgemachten Beerenlikör von Claras Mum?“
Ed suchte kurz zwischen den Flaschen und zog dann triumphierend eine dunkle Flasche hervor.
„Das ist Martini“, bemerkte Marie und versenkte die Hände in den Hosentaschen.
„Ja, eben! Viel besser als so ein langweiliger Likör, den trinken nur Mädchen.“
Sie grinste. „Ach so, weil ja Martini das Getränk für echte Männer schlechthin ist..“
„Hey, James Bond trinkt Martini! Und wenn der kein Mann ist, dann.."

Er zuckte die Schultern und goss ihnen zwei Gläser ein und reichte ihr eines.
„Na dann, auf die Männlichkeit von James Bond. Man muss sich ja auch Ziele setzen, nicht wahr“, fügte Marie grinsend hinzu.

Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten, sagte Ed: „Du hast es erfasst, Süße. Wo wir schon mal bei Männlichkeit sind, ich MUSS dir DIE Story der Woche erzählen..“
 
Marie kannte diesen Ton zur Genüge, den er jetzt angeschlagen hatte, und stellte sich auf einen längeren Monolog ein und wie erwartet begann er, wie ein Buch von seiner neusten Fraueneroberung zu erzählen und zu schwärmen.

Marie hörte nur mit halbem Ohr hin, was, wie sie wusste, völlig ausreichend war, und ließ ihren Blick durch den Raum wandern.
Sie entdeckte Paul, der sich angeregt mit einem Kommilitonen unterhielt. Nach und nach sah sie immer mehr vertraute Gesichter.
Clara war da mit Jackson, Cecile, wie sie selbst eine Austauschstudentin, George, Andrew, Pete und, zu ihrem Bedauern, Barbara, die sich gerade lachend durch ihre blonden Haare fuhr.
Marie bemerkte, dass ihr Gesprächspartner Thomas war, der ihr ein Glas in der Hand und mit einem charmanten Lächeln gegenüberstand.
Sie grinste innerlich. Wenigstens war er schon über ihren Korb hinweg.

Alles in allem, das musste sie zugeben, war die Stimmung wirklich gut, was die Sehnsucht nach ihrem weichen Bett wenigstens ein bisschen linderte.

Maries Blick fiel auf eine Gruppe von zwei Männern und einer Frau, die schräg hinter Eddy und ihr standen. Sie unterhielten sich lachend und gestikulierend.
Der eine von den beiden Männern sah aus, als ahme er irgendjemanden nach. Er rückte eine imaginäre Brille zurecht, spitze die Lippen und sagte etwas, das Marie in der allgemeinen Lautstärke nicht verstand. Die junge Frau jedenfalls brach in herzhaftes Gelächter aus und auch der andere stimmte in ihr Lachen ein.

Interessiert sah sie ihn genauer an. Eine gut sitzende Jeans und ein schwarzes Hemd, das er in die Hose gesteckt trug und seinen wohlproportionierten Körperbau unterstrich, Marie schätze seine Größe auf über einen Meter achtzig.
Seine Hände, die sich locker um das Glas in seiner Hand schlossen, waren ebenso fein gezeichnet wie sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Als er jetzt lachte, strahlten zwei Reihen weißer Zähne.

In diesem Moment wandte er unvermittelt den Kopf und ihre Augen begegneten sich.

Marie spürte, wie sie auf der Stelle rot wurde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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