Sebastian Poullie

Don Hagerlund - Die Hexe

Der rote Donner grollt über die harschen Ebenen. Elektrizität blitzt von den Augen der Welt, und es scheint, dass ihre brüchige Beständigkeit bald ins Wanken gerät. Vom Horizont her reißt ein Kreischen wie von Seelenlosen taube Menschen aus ihrem Schlaf. Wer sich aus den Fenstern lehnt, erspäht jedoch nichts. Sie sind noch zu weit weg, jene schwarzen Armeen, die schon bald wie garstige Schatten zackig über die Mauern dieser Dörfer rasen werden. Doch wir können sie schon sehen, da kommen sie, erstrecken sich breit über Himmel und Erde, schmettern ihre harkigen Füße machtvoll in den steinernen Boden, um sie dampfend und schnaubend wieder herauszureißen, schwerfällig, mechanisch. Millionen müssen es sein, mancher nur noch Rumpf, der sich auf eisernen Armen vorwärts schleift wie ein Gaul den Pflug über den vereisten Ackerboden. Da rasselt es heran, das behände Volk, die tödliche Bedrohung, ein Meer wie einer, ein Kollektiv, gerissen in seine Splitter und nun vorwärtsjagend, nur geradeaus, einem zornigen Rufe folgend. Die blutigen Einspänner, die hackenden Krähen, zerrissenen Raben, die Henker im Namen von werden ihr Werk tun, und sie werden es tun, wie du es wolltest. Genau wie du es wolltest, Don Hagerlund. Die junge Dame, die Don Hagerlund bei einem Stelldichein kennengelernt hatte, lud ihn, nach einem verkrampftem - denn weder Hagerlund noch ihr waren die Zungen sprachfertig gewachsen - aber dennoch wohlwollenden und spröd knisternden Abend auf ein zweites Treffen bei ihr zuhause ein. Hagerlund war von Kopf bis Fuß in Wolken eingebettet, ungeachtet der Tatsache, dass er noch vor wenigen Wochen, als er sie erstmalig an einem Obststand auf dem Marktplatz gesehen hatte, nicht umhin konnte, zu mutmaßen, die junge Dame sei eine gefährliche Hexe. Er hatte daraufhin ihre Verfolgung aufgenommen und sie, gut versteckt aus dem Dickicht am Rande des Weges, in kurzen regelmäßigen Abständen hart mit Äpfeln beworfen. Ihre verzweifelte Verwunderung versetzte ihn dabei derart in Erregung, dass er schneller und heftiger zu werfen begann. Schließlich entdeckte sie ihn, der inzwischen schon laut stöhnend unablässig nach immer mehr Äpfeln griff, nicht bemerkend, wie sie aufgebracht den ihn verdeckenden Busch beiseite schob. Aus Furcht vor einem Fluchzauber sprang Hagerlund auf und rannte, während Apfel um Apfel aus seinen Hosentaschen kullerte. Die Hexe hatte sein Gesicht nicht gesehen, zu gut war er getarnt gewesen hinter seinem falschen Bart, den er zu vergleichbaren Anlässen immer anzulegen pflegte. Noch zuhause hatte Hagerlund danach stundenlang geflucht und das Mädchen ob ihrer Unverschämtheit aufs Gemeinste verwünscht und ihren Leib in den größten Qualen imaginiert, dennoch er sich währenddessen hart anfasste. Und nun hier, alles anders, andere Menschen, andere Welt. Der Tag ist da, der Tag ist gekommen, nur Mut. Don Hagerlund betrat die Bresche durch den hölzern-morschen Eingangsbogen. Sein Fuß fing wenige Tropfen feuchter Schlammsuppe auf, wie ungeschickt spielend mit einem verwitterten Berst-Ast, dessen harte Tage sich schon gezehrt hatten in ein knorzendes Schlaum. Matsch für Matsch arbeitete sich Hagerlund tastend vor, klebrig glipschend seine Ärmel reinigend, auf die das Höhlenwasser nun umso aggressiver hinab troff. Marsa Winger, junges Mädchen, ziehe mich mit deinem Ruf, lass deine Stimme mir Leitwolf sein, auf dass ich hüllen kann dein zartes Fleisch in meine kasprigen Arme. Dein Dunst soll mir Aura sein, dein Mehl mir mein Brot, dein Saft mir mein Wasser. Aber da ist nichts, Marsa Winger, da bist du nicht! Da ist nur Höhle, ist nur Schlamm, nur nasses Nichts, nur dreckig Preis, der keine Ware mehr verdient. Marsa, war es Lüge? War es Tod? Bist du nur knochige Hexe, spindeldürres Weib, toter Fisch? Deine Hände will ich spüren, will ich brechen, wenn du wagst, mich zu entehren! Kein Weg kann ein guter sein, wenn er ein häßlich Ende nimmt. Marsa Winger, lass mich dich fassen, lass mich dich reißen wie ein Wolf, dein schlangenbesetztes Haupt, deine flirrenden Augen! Lass sie mich stechen, lass sie mich schneiden, reißen will ich dich und deinen Busen, dass dein Leib mir blutig zu Kopf hinaufsteigt! Marsa Winger, totes Fleisch. Marsa Winger, verhöhnende lachende Hexe, sitzt sich das Maul zerreissend in sicherem Versteck, an ihrer Seite der Teufel, seinen roten Penis eifrig in ihr Mark reibend und mitlachend über den verzweifelten Hagerlund, der halb weinend, halb rasend seine Wege durch das schmutzige Labyrinth sucht. Da ruft es in ihm, nein es ist ausser ihm, da stapft es von vorne, schlägt es Eisen gegen Eisen, ein Topf! Brutzelnde Flamme, gilbliches Messing, kochender Fisch, oh feinster Duft, oh Marsa Winger! Hier steht sie, Don Hagerlund, und lächelt, dass dir das Herz zerspringt, dass du dich selber willst zerreissen auf der Stelle! Kochen soll sie dich, strafen so hart, und verspeisen mit schmirgelnder Zunge! Und sie steht und lächelt, und ein Schritt, ein Wink, ein eigentlich Nichts, wirft sich auf dich hernieder, Don Hagerlund, würgt dich, und lässt dann los, kommt zurück und schmiegt sich, Hagerlund, schmiegt sich an deine heiße Wange und kühlt deinen Schmerz. Lass dich umhüllen, Hagerlund, denn das Gute darf. Marsa Winger, bin ich dein? Sie zeigt ihm den Fisch, lässt ihn betrachten in Ruhe und Sorgfalt, mit der Muße eines Jahreskapitäns. Er isst mit den Augen und lässt nicht ab, wünscht, er könnte verspeisen ohne zu vernichten, nimmt dann die Hand, lässt sie weiche Linien fahren über die rosigen Schuppen, malt zarte Muster im Kreise und längs und schmiegt, wie er es schmiegen möchte. Reibt des Fisches Auge mit Liebe und, wird es Geifer sein? Der Fisch zuckt, es gefällt dir, Marsa, gefällt dir, Marsa Winger, er tropft auf den Höhlenboden, weiße Kleie, sämiger Faden, Marsa, ich quetsche den Fisch, Marsa, ich reibe dich! Finger, Marsa, Finger, geht es tief, Marsa, atme schwer, atme nicht mehr, sieh mich tief an, fühle mich, sei gestockt, so fest und steif, Marsa, das bin ich, Don Hagerlund! Und da platzt es und rumpelt es von außen her! Es ist der Eingang, sie sind gekommen. Und da verwünscht er sich, tötet seine Worte, will zerschlagen, aber es fließt nur, und fließt zurück, ander den marten, eines wie anderes, und kehrt zurück und immer zurück und immer auf dich ein, immer auf dich ein, Don Hagerlund. Das kannst du auflecken, Hagerlund, das kannst du fingern, dich wird es auflecken, Hagerlund, dich wird es fingern mit eisengespickter Hand! Vorbei an ihm schleppen sich die schwarzen Armeen, vorbei umkreisen Marsa, ihre Arme, reißen sie in die Höhe, halten sie unten fest, nicht meine Marsa, hört auf, aber nein, Befehl ist Befehl, Hagerlund, sieh es ein, sie reißt, sie schreit, sie ist nicht mehr Leidenschaft, sie ist Trauer für dich, Hagerlund, sie verzeiht nicht, sie hasst jetzt, jetzt bettelt sie, jetzt winselt und wünscht dich zu den Toten. In der Mitte reißt ihr Körper auf und geht leicht wie eine Naht entzwei, ergießt sich ihr Inneres und sie schaut dich an, Hagerlund, du, wie kannst du, wie kannst du jetzt noch leben? Die rollenden Berserker demontieren Madame wie eine Puppe, arbeiten stumpf ihre Worte ab, schrauben und drehen und nehmen auseinander, hier den Arm, dies Bein ist gut befestigt, nehmen sie einen Ruck, hier geht es. Dort, diese Haut, schnell abgeschält, verdeckt sie ja nur die Sicht auf tiefere Schichten, hier gut Fleisch, Hagerlund, schau, und tief hier in dies Loch gepult schaut Knochen erstmals auf an die Tagesluft. Wir tun dir deinen Gefallen gut, Hagerlund, wie wirst du uns bezahlen? Und reißen auch die kleinsten Stücke behend entzwei, sie schreit nicht mehr, doch noch hallt sie nach und wird nicht aufhören, Hagerlund, gewöhne dich daran. Ihr Körper in deinem Bette, ihre Seele in deinem Kopf, stirb, Hagerlund, verrecke! Langsam schwindet das Chaos, ziehen sich die mechanischen Leiber zurück, versinken im schlammigen Boden, verschwinden lautlos. Wir werden wiederkommen, Hagerlund, du schuldest uns was, aber lasse dir Zeit, wir brauchens nicht nötig, genieße erstmal die Erfüllung, die wir dir verschafft, sieh die Hexe leidend, sieh die Hexe tot. Don Hagerlund bricht weinend zusammen. Er stürzt in ein Nichts, hohle Worte jammernd zerschmettert seine Haare wühlend, ziehend. Marsa Winger, du meine Liebe, du mein Leben, du ewig mein, was hab ich getan, was hab ich gewünscht? Unendlich tut es mir Leid und die Welt würde ich geben um es ungeschehn zu machen… Marsa Winger. Da blitzt es leicht auf in ihm und langsam erhebt er sich. Stück für Stück macht er sich daran, ihr Fleisch zu sammeln, es zu einem großen Haufen zu machen. Mit einem heißen Funken seiner Seele entzündet er ihn und die Hexe brennt lichterloh. Meine Seele wirst du nicht holen, Marsa Winger, meine Seele nicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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