Michael Reißig

Erstes Date mit Hindernissen

Marcel schien als notorischer Pechvogel schon aus dem Leib seiner Mutter gerutscht zu sein. Mutter Natur hatte es wahrlich nicht gut mit ihm gemeint. Mit verdammt breiten Schultern, dem rundlichen Gesicht mit der stark verknöcherten Schniefnase war der Rotgelockte bereits in der Schule bei Kids und Paukern auf Ungnade gestoßen. Im Sportunterricht gab der mopplige Trauerkloß zahllose Kostproben seines außerirdischen Könnens ab. Der Bock grinste schon von weitem, wenn er sah, wie Dickerchen ihm bleiern auf die Pelle rückte. Doch Marcel blieb nichts anderes übrigens als vor diesem „Monstrum“ zu kapitulieren. Verständlich, dass er mit fünfunddreißig Kilo Übergewicht keinen Bock auf diesen - alles andere als geilen - Bock hatte. Und auch der elastischen Hochsprunglatte sollte nichts anderes übrig bleiben, als resignierend sich unter seiner klumpigen Masse zu vergraben, um so wenigstens mal die eigene Bruchfestigkeit unter Beweis stellen zu können. Seine Mitstreiter würdigten diese Leistungen mit Lachkanonaden und mit „Schlappi, Schlappi“- Beifallsbekundungen. Den Spitznamen hatte Marcel natürlich aufgrund seiner ungewöhnlichen Art sich zu bewegen, sich eingeheimst, woran er sich aber längst gewöhnt hatte. Die Begeisterung des Sportlehrers über die fernsehtauglichen Turnkünste seines Zöglings hielten sich freilich in Grenzen. Immerhin gab ihm der Junge fast ständig die Gelegenheit, seine Stimmbänder vor dem Einrosten zu bewahren. Dass Schlappi auch am runden Leder nicht mit Rastellieinlagen brillieren konnte, war von vornherein klar. Lediglich wenn er zwischen den Pfosten des Handballtores verharrte, fühlte er sich in seinem Element und verschaffte sich mit seiner fülligen Masse gehörigen Respekt. Selbst die sichersten Schützen brachte der Breite schier zur Verzweiflung. Aber nicht nur im Sport hatten es seine Klassenkameraden auf ihn abgesehen. Da er vieles im Unterricht nicht so schnell wie gewünscht schnallte, erntete er meistens Spott und Hohn Lediglich im Deutschunterricht konnte ihm kaum einer etwas vormachen. Die Kunst, geniale Worte wie Pfeile zu verschießen und mit diesen auch noch zu jonglieren, hatte schon von Geburt an in seinen Genen gesteckt. Dennoch musste dieses gebrannte Kind viele gemeine Streiche über sich ergehen lassen. Da er es allerdings zusehends schaffte, sich seinen Angreifern zu stellen, ergriffen die Lehrer immer mehr für seine Peiniger Partei. Warum nur! Hatte diese total ausgebrannte Lehrerschar womöglich sogar selbst Angst Opfer gezielter Attacken zu werden, wenn sie Marcel schützend unter die Arme greifen würden?
Mit der ständigen Außenseiterrolle im Gepäck, konnte sich Schlappi dennoch nur schwer abfinden. Und auch die Mädchen der 10 a würdigten Marcel keines Blickes. Eine Ausnahme bildete die rothaarige Ines. Nur allzu gern hätte sie einen netten Jungen, mit dem sie Pferde stehlen könnte, in ihre Arme geschlossen. Auch an ihrem Leib hatten sich mittlerweile einige überflüssige Pfunde angesammelt. Doch bei passender Gelegenheit, wanderten ihre vor Sehnsucht glimmenden Augen klammheimlich in Schlappis Gesicht. Aber auch Ines war viel zu schüchtern und wollte auf keinen Fall in die Schusslinie notorischer Stänkerer geraten. Schon deshalb hatte das Mädchen keinen Mumm, Schlappi ein nettes Wort zu sagen, geschweige denn bei ihm anzubandeln. Mit Hängen und Würgen quälte Marcel sich durch das Schuljahr – schaffte aber dennoch seinen Realschulabschluss. Doch die begründete Angst, niemals aus seinem eigenen Schatten springen zu können, geisterte fast schon alltäglich durch seinen Kopf.
Nach einem Berufsvorbereitendem Jahr in einem anerkannten Berufsbildungswerk“, fand sich für den äußerst wankelmütigen Burschen endlich die passende Gelegenheit, um die Sau mal so richtig rauslassen zu können. Dank exzellenter Deutschnoten und nicht zuletzt wegen seiner ansprechenden mathematischen Leistungen, war es ihm gelungen, einen Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf zu ergattern. Bereits einen Monat später riss Marcel den Lehrvertrag, der ihm den steinigen Weg zum Einzelhandelskaufmann ebnen sollte, freudestrahlend in die Luft, obwohl er sich mit einer überbetrieblichen Ausbildung „anfreunden“ musste, die in der Beliebtheitsskala der meisten Arbeitgeber leider auf der untersten Stufe angesiedelt war.
So ganz nebenbei wollte er auch noch den Führerschein machen. Doch da kam die zappelige Art des Dickerchens mal wieder so richtig zur Geltung. Die theoretische Prüfung schaffte er erst im zweiten Anlauf, die praktische sogar nur im dritten. Als er die lang ersehnte „Pappe“ endlich fest in der Hand hielt, wollte seine Freude keine Grenzen mehr kennen. Geduldig graste er sämtliche Autohäuser der Region ab und rang sich nach langem Suchen für den Kauf eines preiswerten ziegelroten Renault Clio durch. Zwar hatte der schon sechs Jahre auf dem Buckel und ein kaum wahrnehmbares Beulchen grinste zaghaft von der Motorhaube, was der Freude jedoch keinen Abbruch tat. Zur Jungfernfahrt hatte er seine Eltern eingeladen. Eine Beifahrerin existierte allerdings noch nicht. Sein Herzenswunsch– sich an ein ruhiges einfühlsames weibliches Wesen anschmiegen zu können, wollte einfach nicht in Erfüllung gehen. Doch wie sollte er das am besten anstellen? Ein Mädchen auf offener Straße einfach anzuquatschen und das bei diesem perversen Gehabe! Um Himmels Willen! Dennoch – in den eigenen eckigen Wänden hocken, um vollends zu versauern, um eines Tages reif für die Klapse zu sein – das ging eigentlich gar nicht. Als die Drähte in seinem Hirn anfingen zu glühen, plumpste sein bleierner Schädel auf die geballte Faust seines abgestützten Armes.

Erwartungsfroh blätterte er im Anzeigenteil der hiesigen Regionalzeitung.
„Die wollen doch alle nur die größten Rosinen herauspicken“, dachte Schlappi im Stillen und pfefferte nach knapp einstündiger Suche dieses stinklangweilige Wurstblatt in den Papierkorb. Der Gebrannte hörte in sich hinein. „Wenn ich kein Schlappi mehr sein will, muss ich die Probleme mit den Mädchen endlich in den Griff bekommen und zweitens müssen überflüssige Pfunde schnellstens purzeln.
Richtig. Zwar kam diese Einsicht reichlich spät, zum Glück aber noch nicht zu spät. Der Glücksanbeter grub tiefe Denkfalten auf seine Stirn...

Getrieben von einem Tick begründeter Hoffnung, drückte er fast täglich die Einschalttaste seines Laptops und surfte durch die endlosen Weiten dieser virtuellen Welt. Partnervermittlungen gab es zwar wie Sand am Meer. Bei einigen lohnte es sich aber genauer hinzuschauen. Denn es hatte sich doch längst herumgesprochen, dass es nicht nur ein müdes Häufchen von diesen „braven biederen Geschäftsleuten“ gab, die selbst vor blutigem Seelenschmerz keinen Halt machten, die tief in die Trickkiste griffen, um die Kassen endlich mal wieder so richtig klingeln zu lassen.

Aber nicht mit mir!, schwor sich der ewige Verlierer fest ein und ballte beide Hände entschlossen zu der für ihn ungewohnten Siegerfaust.
Normalerweise müsste es eine Partnervermittlung für Menschen geben, die unter ihrer chronischer Schüchternheit wahnsinnig leiden. Warum ist denn keiner in der Lage, das Loch dieser echten Marktlücke zu stopfen?...

Die Früchte seiner fast schon phänomenalen Engelsgeduld sollte Marcel doch noch ernten. Nach längerem Surfen im Netz, war er auf das Portal einer Partnervermittlung aufmerksam geworden, in der ausschließlich Menschen mit Handicaps der verschiedensten Art die Gelegenheit bekamen, sich mit ihrer Visitenkarte auf dem Bildschirm zu verewigen. Marcel hatte die Gunst dieses unerwarteten Augenblickes genutzt und zügig sein Profil angelegt. Dass dafür ein Jahresbetrag in Höhe von zwanzig Euro fällig wurde, hatte ihn nur wenig gestört. Dieses war nämlich die Voraussetzung, um das Girl seiner Wahl mit einer netten Love-Massage zu überraschen. Fast täglich stand sein Laptop im Dauerstress. Seine neugierigen Augen durchforsteten diese Plattform mit den zahllosen Profilen in einer Akribie, die voll und ganz seinem Wesen entsprach. Nichts, aber auch gar nichts, wollte der edle Glücksritter dem Zufall überlassen. So war es nicht verwunderlich, dass diese zermürbende Suche einfach kein Ende nahm. Und siehe da - er wurde fündig. Das Mädchen war zwar zwei Jahre älter als er, dafür aber ebenso mit einer überproportionalen Leibesfülle ausgestattet. Als Handicap hatte sie Adipositas, Angststörungen und Kontrollzwänge angegeben. Für Marcel mehr als dieser berühmte Silberstreif am Horizont. „Die findet garantiert nicht so schnell einen Typen, der bereit wäre, derartige Bürden auf sich zu nehmen“, quasselte er mit sich selbst. Die zunehmende Taubheit in seinen Fingern machte ihm zwar das Leben schwer. Doch selbst ein Päuschen mit einem Käffchen, um wenigstens mal für ein paar Minuten tief durchzuatmen, kam für den Ungeduldigen nicht infrage. Möglichst schnell wollte er sich aus dem Würgegriff dieser tief in ihm sitzenden Einsamkeit selbst heraus manövrieren.
Am nächsten Abend starrten seine wasserblauen Augen argwöhnisch in ihr Profil. Im Posteingang lagerte eine erste Flirt-Mail. Auf hellblauem Grund prangte in weißen Lettern die glückliche Nachricht: „Hallo Marcel! Prima, dass Du mir geschrieben hast. Aus deiner Mail konnte ich entnehmen,, dass wir fast die gleichen Probleme haben"...

Marion – so hieß diese junge Frau – musste in ihrem jungen Leben noch mehr erdulden als Marcel, dem es ebenfalls kaum vergönnt war, an den Sonnenseiten des Lebens teilhaben zu dürfen. Wie sehr sich die Bilder doch anglichen. Marion war alles andere als eine „Sportskanone“. Mit ihren tolpatschigen Gebärden und ihrem speckigem Body, war sie im Sportunterricht immer in der Lage eine hollywoodreife Inszenierung abzuliefern– sehr zur „Freude“ ihrer sensationshungrigen Gefolgschaft. Diese ergötzte sich natürlich an ihrer spektakulären Performance, die sie auch noch gratis mitgeliefert bekamen. Kein Genuss für echte Bewegungsästheten, wohl aber für gierige Spötter. Ein Spitzname war war ihr schon deshalb sicher. Da sie wie eine bleierne Ente durch die aufreizende Botanik watschelte, war sie in den Augen ihrer Klassenkameraden seit der vierten Klasse nur noch die Ente. Beißender Spott sollte ihr auch in den folgenden Jahren noch so manche schlaflose Nacht bescheren.
Auch in Gegenwart ihrer Eltern fühlte sie sich wie der letzte Dreck. Diese hatten Marions älteren Bruder – der faktisch tun und lassen konnte was er wollte – als ihren Liebling auserkoren. Ihn hatte das Mädchen mit dem gebrechlichem Herzen längst abgeschrieben und seit langem wie die Pest gehasst. In die absurde Gefühlswelt ihrer Eltern konnte sich das Mädchen schon lange mehr hinein versetzen. Ständig hatten sie sich in den Haaren und Marion war oft nichts anderes übrig geblieben, als in ihr Kinderzimmer zu flüchten, wo wie sooft Tränen aus den Kanülchen ihrer smaragdgrünen Augen rollten. Dabei hätten diese doch so wundervoll leuchten können, wenn nicht dieses ständige entwurzelnde Gezetere stets aufs Neue ihren Alltag bestimmt hätte. Marion war schon zweimal in der so genannten Klapse“ - wie die Nervenklinik leider immer noch abschätzig betitelt wird - gelandet und „durfte“ ständig ihren trockenen Gaumen und ihren brennenden Magen mit bitteren Antidepressiva stressen. Wenigstens war es ihr vergönnt, im Kreise Gleichgesinnter ein wenig Abstand vom ermüdenden Grau ihres Alltages gewinnen.
Marion war von Beginn an bestrebt, Marcel die Wahrheit zu sagen, auch wenn diese ihn noch so bitter aufstoßen sollte. Ehrlichkeit war seit eh und jeh tief in ihrem Inneren verwurzelt.
„Wäre schön, wenn Du mir wieder schreiben würdest. Lass mich doch bitte nicht im Stich! Viele Grüße von Marion.“ Diesen Hilferuf wollte und konnte Marcel nicht ignorieren. Ohne auch nur eine Minute zu zögern, antwortete er auf ihre Mail, legte dabei aber jedes Wörtchen auf die Goldwaage. Marion und Marcel hatten sich fast jeden Abend im Chatroom getroffen und nach kurzer Zeit auch ihre Handynummern ausgetauscht. Marcel erfreute sich ihrer freundlichen glockenhellen Stimme, aber auch auf ihre emotionalen Worte reagierte er stets mit Herz und Verstand, indem er nicht mit tröstenden Worten sparte.
„Wie wäre es, wenn du am Freitag mich mal besuchen könntest? Ab Freitag habe ich nämlich Urlaub.“ Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Es spritzte einfach nur das Wort „Prima“ aus ihrer Kehle und sie brachte im Hochgefühl der Glückseligkeit sogar einen echten Freudensprung zustande. Marcel hatte in den vergangenen Tagen viel mehr als bisher auf sein Äußeres geachtet. Minutenlang hockte er vor dem Spiegel und erstaund antwortete das Spieglein, dass sein stupider Ausdruck in Form von schlaff herunterhängenden Mundwinkeln und müden todtraurigen Augen aus seinem Gesicht sich verdingt hatte. Ein glückseliges Strahlen umschmeichelte fortan sein gut gepflegtes Oberlippenbärtchen und auch das einst so klebrig fettige rotgelockte Haar glänzte nun und floss geschmeidig über sein Haupt, bis seine breiten, eckigen Schultern es bändigten.


Der zapplige Geselle hatte sein hübsches Wägelchen gleich neben der Unterführung, die zu den Gleisen führte, abgestellt. Bis zur planmäßigen Ankunft des Regionalexpresszuges um 10.36 Uhr, musste der Minutenzeiger der Bahnhofsuhr immer noch zehn Sprünge machen. Doch dem Glücksritter kam es vor, als hätte dieser bei Marcel sich etwas abgeguckt. Die Lust sich zu bewegen schien ihm völlig abhanden gekommen zu sein. Das zermürbende Warten brachte sein Blut noch vielin Wallung. Endlich – fast auf die Sekunde genau - fuhr der in rotem Glanz schillernde Triebwagenzug tuckernd in den kleinen Bahnhof des malerischen Städtchens ein. Marcel hatte am Anfang des Bahnsteiges Stellung bezogen. Sein Begrüßungsgeschenk - einen tollen zart duftenden Rosenstrauß – hatte er so fest an sich gezogen - als gälte es ihn vor dreisten Räubern zu schützen. Als der Zug zum Stehen kam, fiel sein suchender Blick auf die sich öffnenden Türen des Waggons. Rein zufällig sah er, wie durch die Tür des letzten Wagens eine korpulente Gestalt mit leicht gekräuselter rötlicher Frisur grimmig durch die Verglasung starrte und auffallend hektisch mit einem Arm ruderte. Für ihn stand fest, dass es nur Marion sein konnte, die sich an der Tür zu schaffen machte, die ihr leider nicht den Gefallen tat, sich zu öffnen, obwohl ihr fleischiger Daumen immer wieder versuchte, diesen ominösen grünen Druckknof zu reizen. Leider vergebens. Sie drückte, ließ ab, drückte wieder. Dennoch kannte dieses lächerlich biedere Knöpfchen immer noch kein Erbarmen und dachte wohl nicht im Geringsten, der Tür den Öffnungsbefehl zu erteilen. Bei Marcel selbst, hatte es jetzt erst so richtig klick gemacht. Wie festgenagelt klebte er vor dem letzten Wagen des Zuges, dessen Tür sich einen Meter hinter der Bahnsteigkante befand. Dennoch wollte Marion unbedingt aussteigen, was jedoch vorausgesetzt hätte, einen kühnen Sprung zu wagen, zumal sich in buchstäblich letzter Sekunde die Tür doch noch öffnete. Doch beim Anblick der zu überwindenden Höhe wurde ihr schwindlig vor Angst, zumal dieses abenteuerliche Unterfangen wahrlich keine Kur für ihre aufgebauschten Knochen gewesen wäre. Der Zug stand lediglich etwas länger als eine Minute. Wild gestikulierend fuchtelte das Mädchen mit den Armen und wetterte mit drei anderen Reisenden, die ebenfalls aussteigen wollten, über diese unfreiwillige Schikane, die ihnen das börsenorientierte „Unternehmen Zukunft“ wieder einmal aufgedrängt hatte. Der Zugfunk hatte es echt versäumt, auf den bevorstehenden Halt hinzuweisen und es nicht mal für nötig befunden, die Fahrgäste darüber zu unterrichten, dass, wegen der Überlänge des Zuges, nicht alle Wagen am Bahnsteig halten konnten. Marion, die notgedrungen weiterfahren musste, dürfte dem Herzschlag wohl noch nie so nahe gewesen sein. Doch der auf dem Bahnsteig zurückbleibende Marcel blieb trotz aller Hektik relativ gelassen. Gedankenschnell fischte er das Handy aus dem Rucksack und wählte Marions Nummer an.
Obwohl der Dieselmotor des Zuges ohrenbetäubend dröhnte, drang ein leises Piepsen aus Marions Rucksack. Ein Glück, dass sie das Geräusch noch rechtzeitig wahrnehmen konnte. Nervös fingerte sie nach ihrem Filetstück und drückte dieses krampfhaft an ihr Ohr.
„Hallo Marion! Jetzt bloß keine Hektik! In fünf Minuten hält der Zug wieder! Dann steigst du aus und wartest am Eingang zur Bahnhofshalle. Von da aus hole ich dich mit dem Auto ab. Also tschüss – bis gleich!“ „Mache ich!", antwortete Marion wie auf Kommando und nahm ihr Handy ab.
Der Zug wurde immer langsamer, bis die Räder ganz aufhörten sich zu drehen. Das wieder ein wenig Hoffnung schöpfende Mädchen stieg aus und schloss sich spontan einem Pulk Reisender an, der begann, durch die graue Ödnis dieses unverschämt langen, dieser Ekel erregenden Unterführung sich zu wälzen, von deren Wänden hässliche Fratzen und unsägliche Hassparolen grinsten. Die „Begeisterung“ der treuen Kundschaft über diese übel riechende, mit reichlich Urin angesättigte „Touristenattraktion“, dürfte sich freilich in erträglichen Grenzen gehalten haben. Doch Marion war das alles piepegal. Am Ausgang des Tunnels angekommen, hatte sie nur noch Marcel im Kopf und sie wünschte sich sehnlichst, er möge sofort bei ihr sein. In Windeseile verstaute Marcel sein Handy. Mit einem Kopf voller Gedanken, hetzte er zum Auto. Den schmucken Rosenstrauß schleuderte er - ohne zu überlegen - einfach auf den Rücksitz. Dann rutschte er mühevoll in den Fahrersitz. Wie gewohnt, drückte er die Kupplung, legte den Rückwärtsgang ein und brachte den Motor zum Laufen. Nach wenigen Zentimetern scherten die Räder steil nach links aus. Urplötzlich hörte er ein merkwürdiges Knacksen. Erschrocken trat Marcel auf die Bremse und instinktiv drehte er seinen Kopf nach links.
„Der Spiegel, der Spiegel“, schrie er erschrocken auf. „Ausgerechnet jetzt!“, fluchte der bekennende Christ, der sich plötzlich von seinem Herrn im Stich gelassen fühlte. Nachdem er den Motor ausgeschaltet und sich aus seinem geliebten Gefährt geschält hatte, sahen seine fllimmernden Augen das ganze Elend. Der Rückspiegel war herausgerissen und müde, nach außen gerissene Federn ließen diesen an der stark eingedrückten Tür baumeln. Eine tiefe zerknitterte Delle – fast schon so groß wie ein Fußball – grinste ihm ins Gesicht. Den Tränen schrecklich nahe, klebte Marcel stumm vor seinem einstigen Stolz. In heller Aufregung hatte der ewige Pechvogel den Haltemast einer drei Meter hohen Werbetafel der „Deutschen Bahn“ übersehen und diesen mit dem Spiegel und der Fahrertür gerammt. Einige Lackspuren „zierten“ den weißen Lack des stählernen Metallrohres. Von einem Knick war nichts zu sehen, jedoch thronte das rotgetäfelte Anwesen in einer Schräge - die dem legendären Bauwerk von Pisa schrecklich nahe kommen konnte - in den gewittrigen Vormittagshimmel. Eine Hand voller „Gaffer“ hatte der Unglücksrabe auf sich gezogen, aber zu seinem Glück blieb es nur bei diesen verächtlichen Blicken. Beleidigende Worte hätten den Angsthasen vermutlich total aus der Fassung gebracht.
Warum musste das Schicksal immer wieder bei ihm zuschlagen? Er hatte schon fest daran geglaubt, dieses teuflige Pech endlich aus dem Weg geräumt zu haben – aber wieder weit gefehlt! Einmal Prügelknabe – immer Prügelknabe! So ist es leider viel zu oft im Leben!

Fortan galt es, seine Gedanken wieder in die richtige Bahn zu lenken. Was sollte er zuerst tun? Die Polizei anrufen? Oder vielleicht zuerst Marion? Marcel grübelte und grübelte. Er war sich nicht sicher, ob die Halterung der Werbetafel, schon vor diesem unfreiwilligem Schlenker, schräg in den Boden gestampft worden war. Doch der Junge hatte schon immer in einer ehrlichen Haut gesteckt, was ihm leider viel zu oft zum Verhängnis werden sollte. Sich einfach davonzustehlen, kam für ihn überhaupt nicht in Frage, da Zeugen gegen ihn aussagen könnten. Marcel nahm sein Handy in die Hand und tippte die Nummer der nächstgelegenen Polizeistation ein.
Eine junge Beamtin hatte sich ans andere Ende der Leitung geklemmt und sich mit freundlichem Unterton vorgestellt...
„Ich, ich... hab' 'nen Unfall gebaut“, wehklagte er mit zittriger Stimme. „Beruhigen Sie sich doch erst mal“, legte die Bedienstete Marcel ans Herz. Die Polizistin stellte ihm die üblichen Fragen und sicherte ihm zu, einen ihrer Kollegen an den Unfallort zu schicken.
Marcel war gerade dabei das Handy in seinen Rucksack zu verstauen, da jagte urplötzlich ein Gedankenblitz durch seinem Kopf, während am immer dunkler werdenden Himmel die grellen Blitze schon bedrohlich von Wolke zu Wolke sprangen. Auch das dumpfe Grollen verstärkte sich – seine missliche Stimmung auch.
In den Wirren der allgemeinen Aufregung war Marion beinahe aus seinem Gedächtnis entschwunden. Marcels Stirn war voller Sorgenfalten und er dachte, mit sich selbst hadernd: was soll die nur von mir denken!

Hypernervös kramte er das Handy wieder hervor, presste es fest an sein Ohr und tippte Marions Nummer ein. "Hallo Marcel! Warum kommst du nicht“, rief Marion - die wegen des trommelnden Platzregens unter dem schützende Dach der Bahnhofshalle geblieben war - erschrocken aus.
„Kommando zurück! Beim Rückwärtsfahren habe ich ein Werbeschild der Bahn gerammt, habe die Polizei angerufen und warte noch auf die Beamten. In der Fahrertür klafft eine hässliche Delle. Auch der Rückspiegel hat sich verabschiedet. Komm doch sofort mit dem nächsten Zug zurück!“

Muss das auch noch sein!“, wetterte Marion lauthals, was Marcel nachvollziehen konnte.
Wann fährt denn dein Zug?“ Wie von der Tarantel gestochen flitzte die junge Frau zum Fahrplan gegenüber. „Einen Moment, ich suche noch!...Verdammt! Schon in zwei Minuten! Tschüss, bis dann“, rief Marion und flitzte mit dem Handy in der Hand durch die lange „Bazillenröhre“, um zu Gleis Sechs zu gelangen. Wie eine alte Dampflok schnaufend, wetzte das Mädchen die letzten steinernen Stufen hinauf zum Bahnsteig und kletterte völlig erschöpft und in buchstäblich letzter Sekunde, in den noch haltenden Wagen des Doppelstockzuges. Und schon schlossen sich die Türen und einen kleinen Tick danach, glitt der Zug lautlos aus dem Bahnhof. Marion fand schnell einen Fensterplatz in dem nur zur Hälfte gefüllten Abteil. Hitze und Angstschweiß perlte von ihrer Stirn und auch ihr knallgelbes T-Shirt klebte förmlich auf der Haut. Doch plötzlich durchzuckte es gewaltig ihren Leib. Auf einmal hatten Marions Augen den Kundenbetreuer, der an der Tür zum Abteil stand, bemerkt. Erst jetzt war es ihr nämlich in den Sinn gekommen, dass sie prompt vergessen hatte, einen gültigen Fahrausweis am Automaten zu lösen. Glück im Unglück - der gestrenge Herr befand sich erst am anderen Ende des Abteils und begann zuerst einen Fahrgast zu kontrollieren, der zudem noch eine Auskunft erfragen wollte , was auch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen könnte. Die lieblich melodiöse Frauenstimme kündigte jetzt schon per Lautsprecher das Ziel ihrer Träume, Wünsche und Hoffnungen an. So nutzte Marion die Gunst dieses Augenblickes, um sich heimlich still und leise aus dem Abteil zu stehlen. Unter wildem Herzklopfen wartete sie am Ausstieg und stellte mit einiger Erleichterung fest, dass der Zug immer langsamer wurde und der Bahnsteig in wenigen Sekunden in ihr Sichtfeld huschen müsste. Endlich kam der Zug zum Stehen.
Als Marion aus dem Zug gesprungen war, pustete sie erstmal kräftig durch. Ihr war ein Stein vom Herzen geflogen. Doch schon von weitem konnte sie erkennen, dass Marcel - wie ein Häufchen Elend - am Unfallwagen klebte. Da nur wenige Fahrgäste ausstiegen, konnte er Marion schnell ausfindig machen und zeigte sich erkenntlich, in dem er den rechten Arm gen Himmel reckte. Marion erwiderte sein stummes Signal und rief schon von Weitem:
„Hallo Marcel!"
„Hallo Marion!"
Federnden Schrittes durchquerte sie die kurze Unterführung. Als das Mädchen die letzten Stufen bewältigt hatte, kam Marcel ihr entgegen, aber nicht nur er. Ihre Augen sahen schon aus sicherer Entfernung, wie der grüne Einsatzwagen der Polizei die letzten Meter über das berüchtigte Kopfsteinpflaster holperte. Marcels Kopf senkte sich ein wenig. Schüchtern gab er ihr die Hand und auch ihre Augen blinzelten nur zaghaft durch einen engen Schlitz.

Moment mal, die Polizei ist soeben angekommen!“ Marcel erschrickt kurz und drehte sich um. Zielsicher, aber mit schlackernden Knien, steuerte er das Dienstauto an. Mit angehobenem Arm setzte der Junge ein Zeichen. Zwei junge Beamte sprangen flugs aus dem Wagen, begrüßten den Fahranfänger mit einem flachen Händedruck und stellten sich wie üblich mit Namen und Dienstgrad vor. Die Bediensteten machten eine lockere Figur, während Marion – in unmittelbarer Nähe der Frontscheibe des Unfallautos - stumm ausharrte und mit einem flauen Gefühl in der Magengegend dieses für sie ungewöhnliche Prozetere in Augenschein nahm.
„Ich bitte um Entschuldigung! Beim Rückwärtsfahren habe ich versehentlich diesen Pfeiler gerammt. Ist mir aber das erste Mal passiert!“, beteuerte Marcel mit ängstlicher Miene. Warum hat er das besonders betont? Wollte er den Bediensteten glaubhaft machen, dass er sich ansonsten stets korrekt verhalten hatte und dieses Missgeschick nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen war? Die Uniformierten mögen es ihm geglaubt haben, denn diese unbändige Angst war ihnen leicht aus seinem Gesicht abzulesen. Der kleinere der beiden Herren nahm zuerst den Gesprächsfaden auf.
„Halb so schlimm – so ein kleiner Unfall kann schon mal passieren!“ Marcel gab sich größte Mühe, den Unfallhergang so genau wie möglich zu erklären. Auffallend wurde das Nervenbündel ruhiger. Seine Worte entsprangen nicht mehr so hektisch und spröde seinem Mund. Auf die Frage, ob das Stahlrohr schon vorher so schräg im Boden verankert war, blieb er einer Antwort schuldig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nie beachtet, ob diese Werbetafel gerade oder schräg gestanden hatte. Marcel war ja kein Hellseher der erahnen konnte, dass dieser Haltemast eines schönen Tages Opfer seiner noch nicht gänzlich ausgereiften Fahrkünste werden würde. Der Ordnungshüter packte die Kamera aus und schoss Fotos von allen Seiten – natürlich nicht fürs heimische Fotoalbum gedacht! So konnte Marcel die Erinnerung an dieses denkwürdige erste Rendezvous leider nicht in Bildern festhalten. Auch den Mast knipste der Gesetzeshüter mehrmals und natürlich von allen Seiten.
Abschließend waltete der Polizist seines Amtes und hielt den Unfallhergang in einem Protokoll fest. Der ewige Pechvogel durfte sich dann noch über ein anständiges Ordnungsgeld in Höhe von fünfunddreißig Euro „freuen" , welches er dem Bediensteten gleich bar in die Hand drückte.
„Für uns ist der Fall abgeschlossen – allerdings könnte es sein, dass die Bahn später noch von sich hören lässt, was allerdings nicht unsere Sache ist“, gab der Polizist unumwunden zu verstehen. Die Beamten reichten ihm zum Abschied freundlich die Hand, wünschten noch einen schönen Tag und brausten eilig davon, denn der nächste Crash wartete schon auf die Uniformierten...

Marcel näherte sich Marion, die immer noch total aufgeregt am Unfallwagen entlang, von einer Ecke zur anderen tapste. Das Gewitter war nur haarscharf an diesem unwirklichen Ort vorübergezogen, jedoch war aus der Ferne immer noch ein unüberhörbares Grummeln zu hören.
„Die Werkstatt ist nur ein Kilometer entfernt. Bei diesem Katzensprung geht es auch mal ohne Außenspiegel“, erkärte Marcel ihr geduldig.
„Du fährst aber ganz vorsichtig!“, flehte Marion, deren Magen sich mächtig zusammen krampfte, in allergrößter Sorge. Nicht nur ihr zu liebe schlich er durch die Schlaglochpisten der Stadt wie eine müde ausgebrannte Schnecke.
In der Werkstatt angekommen, blieb ihm eine längere Wartezeit erspart. Der Meister – zugleich der stolze Inhaber dieses Betriebes - war zwar sehr freundlich, stellte ihm aber in aller Deutlichkeit klar, dass ein Ausbeulen nicht mehr möglich wäre. Eine neue Tür müsse rein. Über tausend Euro würde er für diese Reparatur berappen müssen. Als diese nicht gerade frohe Kunde in sein Ohr drang, fing sein Magen erst so richtig an zu rebellieren. Er spürte Sodbrennen und auch Marions Herz begann wie wild in ihrer Brust zu springen. Freudensprünge ja, aber doch nicht solche Sprünge des Entsetzens! Trotz aller verständlichen Enttäuschungen zeigte sich der Inhaber von seiner großzügigen Seite und sicherte Marcel zu, nach einer gebrauchten Tür Ausschau zu halten, die er – der Abwrackprämie sei dank – in wenigen Tagen bekommen könnte. Da würde es bedeutend billiger werden. Am Montag könnte er wieder nachfragen, ob schon eine preiswerte Tür in Angebot wäre. Sofort willigte er ein.
Nachdem Marcel sich von dem freundlichem Herrn verabschiedet hatte, überraschte er Marion mit einem verlockenden Angebot:
„Zu gern würde ich mit dir in mein Lieblings-Eiskaffee gehen. Wärst Du damit einverstanden?" Marion musste nicht lange nachdenken. Ein knappes piepsliges „Ja“ entglitt müde ihrem süßen Spitzmausmund.
Beide genehmigten sich einen leckeren Schwarzwälder Eisbecher mit Sahne, obwohl die Bäuche der beiden gut Gepolsterten am liebsten erbost schreien würden: Lasst mich in Ruh'! Lasst mich in Ruh'!

Das Kaffee war in den Nachmittagsstunden gut gefüllt – wie immer in diesen heißen Sommertagen. Super gelaunte Liebespärchen und sexy gekleidete Kirchererbsen, in heißen Pants, zum Teil sogar in gewagten Highheels mit krachenden Absätzen steckend, die mit affig geilem Gelächter die Stielaugen ihrer infrage kommenden Beute gebührend unter die Lupe nahmen, sodass sie selbst kaum imstande waren, ihre genüsslichen Kalorienbomben wild in sich hinein zu stopfen - brachten den allseits beliebten Kalorientempel beinahe aus den Fugen.
Anfänglich kamen nur haarkleine Worte schüchtern aus den beiden Schleckermäulchen gekrochen. Doch Marion und Marcel ließen sich anstecken von diesem pubertären Gekichere, sodass es den beiden nach endlos langer Zeit der Abstinenz endlich wieder mal vergönnt war, ihre fast schon eingerosteten Lachmuskeln aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Von Minute zu Minute wurden die zwei Moppligen immer gesprächiger und konnten so den Ärger - wenigstens für ein paar läppische Minütchen – aus ihrer Gefühlswelt verbannen. Doch leider kannte die Zeit keine Gnade. „Verflixt und zugenäht! ich wollte dich doch noch mit einem tollen Rosenstrauß überraschen! Ich Schussel hab' den doch prompt ins Auto geschmissen und liegen gelassen!"
„Ist doch nicht so schlimm“, beruhigte Marion ihren Schussel. Kann doch mal passieren bei diesem Stress“, sagte sie warmherzig.
Die beiden kamen sich immer näher, doch die Zeit saß ihnen mächtig im Nacken. Marion legte mit viel Gefühl Marcels linke Hand auf die der ihren. Wohlige Wärme durchzog ihre Adern und auch ein erstes leises Kribbeln konnte sie auch schon verspüren. Kurz nachdem Marcel der hübschen Servicekraft den fälligen Obulus in Höhe von fünfzehn Euro in die Hand gedrückt hatte, gingen die beiden Hand in Hand zum Bahnhof, der zum Glück nur zehn Minuten vom Eiskaffee entfernt lag. In gerade mal einer dreiviertel Stunde hieße es dann Abschied voneinander zu nehmen - zumindest fürs Erste. Beide blieben etwa einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt stehen. Marcel legte seine linke Hand sacht auf ihrem Schulterblatt ab. Schon jetzt durchströmten erste Wellen wohliger Wärme Hals und Nacken des Mädchens. Wie von selbst wanderte die Fingerkuppen seiner Hand über die Nackenpartien und dann zum Hals hinüber. Ein erstes leises Kribbeln warf ein unübersehbares Bündel von Lachfältchen in die untere Gesichtshälfte und den Nacken. Seine Stirn näherte sich allmählich der ihren. und auch Schlappis Mund wollte in den wichtigsten Sekunden seines Lebens absolut nicht schlapp machen. Er spitzte seine Lippen, aber auch „Entchen“ formte ihre Lippen so, dass ein Verschmelzen beider Münder kaum noch abzuwenden wäre. Doch wie es bei schüchternen Menschen, die unter ihrerem chronischen Liebesentzug unsäglich gelitten haben, nun mal ist, geschieht das nahezu ausnahmslos in reizvollem Schneckentempo. Ein Grund von vielen, weshalb diese Menschen echte Gefühle noch viel stärker wahrnehmen, als jene von totaler Geilheit besessenen Typen, die am liebsten jeden Tag eine andere, beziehungsweise einen anderen. Doch selbst für die scheuesten Rehe ist ein Entfliehen vor diesem immer heißer werdenden Kribbeln fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Und der Erkundung dieser unsagbar schönen neuen Welt, die für ihn zwar immer noch im Verborgenen, wenn auch schon in horizontaler Reichweite lag - in der es nur noch Sonnenschein gibt, in der kein kalter Regen mehr dem Herz entrinnt, in der vom dunklen Schmach der Einsamkeit befreite Seelen sich vereinen, in einem flammenden Paradies, in der nur noch das schimmernde Blau vom Himmel springt - wollte Marcel sich nun nicht mehr verschließen. Doch da müssten natürlich beide Herzen dieselbe Sprache sprechen...

Entgegen seinem Willen zog sich Entchens rundlicher Kopf um eine Armlänge zurück, während die nicht zu übersehende Verlegenheitsröte schon der eines Vampirs täuschend echt nahegekommen war. Doch in solch aufregenden Phase einen Rückzieher zu machen, wäre wohl für beide die denkbar schlechteste Alternative. Denn Ängsten - egal um welche Formen von Ängsten es sich handelt - kann man nur dann erfolgreich die Stirn bieten, wenn man sich diesen stellt. Entchens auserwählter schien das zuerst begriffen zu haben. Entschlossen, aber mit viel Gefühl, zog er Marions hochroten Kopf wieder ganz nah an sich heran. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er ihr in dieser wichtigen, in dieser wegweisenden Phase des sich Abtastens, tröstende Worte schenken sollte:
Hab' doch keine Angst. Ich bin doch für dich da! Ich bin doch ganz lieb zu dir!“ flüsterte Marcel ihr zärtlich zu. „Und vorsichtig bin ich doch außerdem noch. Ich bin doch genauso aufgeregt wie du. Und so unerfahren wie du bin ich doch auch noch. Eine männliche Jungfrau sozusagen!"
Ich bin dafür noch eine echte Jungfrau - eine waschechte sogar!“
Schon dieser eine, dieser lapidar scheinende Satz deutete doch auf viel viel mehr als nur auf diesen einen kleiner Anflug von Witz und Charme hin, den Marion gekonnt, aber auch ein wenig gewagt ihrem süßen Erdmännchenmund entglitten war. Für ihr Dickerchen das wichtigste Zeichen schlechthin? Oder sollte er sich schon wiedermal, wie sooft in seinem bisherigen verkorksten Leben geschehen – getäuscht haben?...
Ein hübsches, ein freches, sogar ein nicht zu verachtendes breites Grinsen in ihrem Gesicht sollte jedoch auf weitaus mehr als nur diesen berühmten einen Hoffnungsschimmer hindeuten. Das war dem erwartungsfrohen Jungen natürlich nicht entgangen. Mutig gab er seinem Herz einen Stoß und einen Wink später durfte sich Marions Kirschmund an Marcels erster bescheidener Gabe erfreuen. Dem Jungen war sehr wohl bewusst, dass ihm in diesem denkwürdigen Augenblick nicht nur dieser berühmte einsame Stein aus seinem Herzen geplumpst war. Marions umschlossene Lippen, die unter dieser verdammt schrecklichen Ungeküsstheit maßlos leiden mussten, die fast schon erstarrt wirkten, durften sich an ersten netten Gaben in Gestalt von hauchzarten Küssen erfreuen.
„Du machst das so schön! Du bist so zärtlich und so lieb!“, lobte Marion ihr  goldiges Juwel in höchsten Tönen.

„Jetzt Aber jetzt bist du erst mal an der Reihe!“, bat Marcel, dessen Mundwinkel schon von einigen hübschen reizvollen Lachfältchen umspielt waren, seinen Glücksgriff auf die betont sanfte Tour. Unter wildem Herzklopfen zieht sie den Jungen noch fester als bisher an sich heran. Irgendein unsichtbares Wesen musste Marion irgendwelche geheimnisvollen Pillen verabreicht haben, denn das Mädchen tat das, was Marcel zwei Minuten zuvor nicht mal für möglich gehalten hatte. Fest umschloss sie seinen Mund - der Beginn eines Kusses der plötzlich gar kein Ende mehr nehmen wollte. Ihr Auserwählter glaubte in einem falschen Film zu sein, in einem Film wie er schöner nicht mehr sein konnte. Auf einen Kuss folgte schon der nächste, meistens noch viel schöner als der vorausgegangene. Beide waren kaum noch imstande den herrlichen Durst nach diesem salzigen Aroma, das beide Zungen gekonnt von einem Gaumen zum anderen spülten, stillen. Als ihre zarte Hand auch noch begann, seinen Rücken zu erforschen, wobei der lange Weg auch seine sensibelsten Punkte streifte, spürte er zum ersten Male in seinem noch so jungen Leben dieses unglaubliche, dieses durchdringende Kribbeln, nachdem er sich schon längst gesehnt hatte.Wie ein dickes Wollknäuel klebten die frisch Verliebten aneinander. Eine Menschentraube wälzte sich lustlos durch die Unterführung und drängte die beiden unwirsch auseinander. Gemächlich rollte der blitzende Triebwagenzug in den Bahnhof ein – für Marion und Marcel aber immer noch viel zu schnell. Am liebsten würden sich die beiden an den Zeiger der Uhr hängen, um diesen sofort anzuhalten. Keine Chance! Dieser drehte sich unaufhörlich weiter. Er drehte sich nach jener Präzision, die ihm vorgeschrieben war. „Wäre es dir passend, wenn ich nächstes Wochenende zu dir kommen würde“, wünschte sich Marcel sehnlichst.
„Würde mich riesig freuen!“, antwortete Marion, deren Stimme zwar schon ein wenig euphorisch klang, in der aber auch ein Anflug von Traurigkeit lag. Ein kurzer Abschiedskuss, ein kleines Tschüss und dann kletterte Marion in den Waggon. Die rechte Hand warf sie spontan an ihren Mund, um mit einem angedeuteten Abschiedskuss noch mal "Ich liebe dich!" zu sagen. In diesem Augenblick rollte der Zug an. Marcel winkte ihr noch einige Augenblicke hinterher. Der Zug wurde kleiner und kleiner, bis er in einen Wald tauchte und schließlich ganz aus seinen wehmütigen Augen entschwand.


Wochen und Monate sind vergangen. Marion und Marcel genießen das innige Glück einer trauten Zweisamkeit. Mögen die beiden Glücklichen nun endlich Boden unter den Füßen gewinnen und nicht wieder solche „Böcke“ schießen wie früher in der Schule an ihren „Lieblingsgeräten“. Doch was wäre aus den beiden Pechvögeln geworden, wenn es diese Plattform im Internet nicht gegeben hätte? Schwer zu sagen. Vermutlich hätten sich die beiden in ihrem winzigen Mauseloch verkrochen und wären aus diesem nie mehr herausgekommen. Zu jedem Topf gehört nun mal ein passender Deckel. Viel zu lange waren die beiden auf der Suche und waren nun endlich fündig geworden. Wurde auch höchste „Eisenbahn“ - die hoffentlich die beiden nicht mehr im Stich lassen wird – so wie an jenem denkwürdigen Tage geschehen, den sie bestimmt im Kalender noch rot ankreuzen werden.

 


 

 

 

 

Zwei ausgesprochene Pechvögel finden im Internet zueinander.
Doch das Pech sollte beiden treu bleiben, bis...
Eine spannende Geschichte.
Lassen Sie sich überraschen!
Michael Reißig, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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