Marie-Christin Gustav

Wo die Blumen sind - Kapitel 4 & 5

Kapitel 4 - head over heels

 

Sie wandte den Blick ab und schaute wieder Eddy an, der immer noch vor sich hin plapperte.

„.. und dann, du glaaaubst es ja nicht, kam der Typ an und meinte, was ich denn von seiner Freundin wollte!“ Er tippte sich an Stirn.

Marie hatte völlig den Faden seiner Erzählung verloren, falls er denn je einen gehabt hatte, gab sich aber aufrichtig Mühe, interessiert zu gucken. Sie merkte, dass sie glühte und die Tatsache, dass sie den Blick des anderen auf sich wusste, machte es nicht gerade besser.

,Junge, junge, du bist doch keine dreizehn mehr!‘, dachte sie halb ärgerlich, halb hilflos.

Eddy hielt in seiner Erzählung, wie er mit dem Konkurrenten in einem legendären Kampf auf Leben und Tod, wie er es ausdrückte, fertig geworden war – und sei der Kampf jetzt noch nicht legendär, würde er es unter Garantie werden - , plötzlich inne und legte ihr die Hand auf die Stirn, als hätte sie Fieber.

„Alles klar? So rot bist du bestimmt seit ‘nem halben Jahr nicht mehr geworden.. Du siehst aus, als hätte dich gerade jemand bei etwas sehr Verbotenem erwischt...“ Er grinste.

„Was? Nein.“ Unwillkürlich flogen Maries Augen zurück zu der kleinen Gruppe, sehr kurz nur, aber lang genug für Eddy, um es zu bemerken.

Er folgte ihrem Blick. „Aah! Lass mich raten – der Typ in Jeans?“, grinste er noch breiter. Marie wäre am liebsten im Boden versunken. Oder viel besser, in Luft aufgelöst, das ginge schneller und unauffälliger.

Der in dem Hemd hatte sehr wohl registriert, dass Eddy intereisseirt zu ihm hinüber schaute.

„Ed, hör auf, ihn anzustarren!“, zischte sie.

Endlich drehte er sich wieder zu ihr um und als könnte er Gedanken lesen, meinte er: „Stell‘ dich nicht so an, los geht’s, auf was wartest du noch! Besser als dieser sommersprossige Held vom Sommer ist der hier allemal. Und ich bin bereit, dir meine Geschichte irgendwann anders mal weiter zu erzählen.“

„Er ist kein Held, er ist sehr nett“, berichtigte Marie ihn.

„Jaa, nett. Ganz toll. So, ich bin jedenfalls weg. Man sieht sich!“ Er knuffte sie sanft am Oberarm und war in der nächsten Sekunde quer durch den Raum zu George, Pete und einem weiteren Gast geschlendert. Marie warf ihm dafür einen wütenden Blick hinterher und überlegte gleichzeitig, was sie tun könnte, damit ER nicht herüber käme.

Sollte er das aber nicht eigentlich doch irgendwie schon tun..

Um Himmels willen, nein bloß nicht!

Sie goss sich einen guten Schuss Martini nach und verließ mit gezielten Schritten den Raum, als sei ihr etwas sehr, sehr Wichtiges eingefallen, das auf keinen Fall auch nur eine Minute später erledigt werden könnte, und mied dabei sorgfältig jeglichen Blick in seine Richtung.

Mit einem Kopfschütteln schalt sie sich selbst einen Riesennarren und versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen.

Im Film verschwanden Frauen in solchen Momenten meistens auf der Toilette und ‚machten sich frisch.‘

Naja, Versuch wär’s wert.  

Im zwei Zimmer entfernten Badezimmer angekommen, verriegelte Marie die Tür und betrachtete sich im Spiegel.

Eine schlanke junge Frau blickte ihr entgegen, die man auf etwa Mitte zwanzig schätzen würde. Sie wurde oft älter geschätzt als die zweiundzwanzig Jahre, die sie war. Ihr rotes Oberteil saß locker und ließ eine ihrer Schultern frei über die ihre dunkelbraunen, nach unten hin etwas gewellten Haare fielen.

Marie betrachtete unbeteiligt die grüngrauen Augen ihres Spiegelbilds, runzelte die Stirn und lehnte dann mit verschränkten Armen am Waschbecken.

Sie konnte nicht nach Hause fahren, ohne mit ihm gesprochen zu haben; nicht sie.  

Das aber hieß, dass sie mit ihm sprechen müsste.. Könnte sie nicht Holly morgen nach seiner Handynummer fragen..?

„Oh, jetzt reicht‘s!“, fauchte sie halblaut und drehte sich wieder dem Spiegel zu.

Sie straffte die Schultern, kippte den Martini hinunter und öffnete sie die Tür, sie würde mit ihn ansprechen.

Jetzt. Sofort.  

Ihr Herz rutschte ihr in die Hose oder schlug bis zum Hals, sie wusste es selbst nicht, denn der Fremde kam in diesem Moment aus dem Wohnzimmer heraus.

Sie zwang ihre Beine zu laufen.

Etwa einen Meter vor der Küche trafen sie sich; sie konnte sein Parfum riechen, ein angenehmer, leichter Duft, der viel eher in den Sommer gepasst hätte als in diesen verregneten November.  

„Hey“, sagte er lächelnd mit einer dunklen Stimme.

„Hi“, antwortete Marie und hätte sich im nächsten Moment auf die Zunge beißen mögen, so merkwürdig schien ihre Stimme zu klingen.

„Und du bist..?“, fragte er und jetzt erst konnte Marie den Akzent in seinem Englisch hören.

„Marie“, sagte sie mit ihrer komischen Stimme; das ‚und du‘ blieb ihr im Halse stecken.

Sie musste den Blick abwenden von den dunklen, im Halbdunkel des Flurs schwarz schimmernden Augen mit den langen Wimpern.

„Ich heiße Maximilien.“

Marie streckte die Hand aus – hervorragende Idee, wie sie fand – und wiederholte ihr dünnes „Hi“.

Maximilien umschloss ihr Hand mit seiner: „Freut mich.“

Ihre Hände hielten sich etwas länger fest, als es nötig gewesen wäre.

Dann standen sie wieder voreinander und Marie musste lachen, ein kurzes, verlegenes Lachen. Seine Nähe brachte sie aus der Fassung und das dämmrige Licht machte es nicht gerade besser.

Deshalb stellte sie die erstbeste Frage, die ihr einfiel: „Woher kennst du Holly?“

„Vom Studium. Sie ist mit einem Freund von mir befreundet.“

Pause.

„Du bist kein Engländer, stimmt’s?“

 „Ja, nicht zu überhören, fürchte ich. Ich bin Italiener, seit einem halben Jahr hier und habe wahrscheinlich noch ein paar Monate vor mir.“ Er lächelte wieder. Marie schmolz dahin. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals in ihrem ganzen Leben so albern mädchenhaft gefühlt zu haben.

„Ein Italiener mit französischem Vornamen?“, fragte sie und versuchte, sachlich zu klingen. Oder wenigstens interessiert. Oder jedenfalls irgendwie nicht so albern wie jetzt.

„Mein Vater ist Algerier. Kein Araber, sein Großvater war damals ausgewandert aus Frankreich.“

„Ah.. und.. aber du bist in Italien geboren?“

„Ja“, sagte Maximilien einfach.  

Die Spannung zwischen ihnen machte Marie ganz kribbelig, diese Mischung aus Neugier, Interesse, Scheu, Unsicherheit und vor allem das Bewusstsein, das der jeweils andere ebenso dachte.

Maximilien schien es jedoch um einiges besser verbergen zu können. „Du bist wohl auch nicht englisch, denke ich.“

„Nein, ich komm‘ aus Deutschland“, gab Marie zu.

„Wirklich?“ Er schaute sie überrascht an.

„Was hättest du denn geschätzt?“

Er betrachtete sie. „Ich weiß nicht..“ Wieder blickten sie sich in die Augen und Marie hatte das Gefühl, dass sie zu schwitzen begann. 

Um etwas zu tun zu haben, strich sie sich einige Strähnen ihres kürzeren Ponys hinter die Ohren.

Er hatte die Hände in den Hosentaschen.

Marie war verloren. Ihr fiel absolut nichts mehr ein.  

„Weißt du, warum du so schön bist?“, fragte er aus dem Nichts heraus und seine Stimme hatte eine ein wenig andere Klangfarbe als zuvor, ein wenig rauer, vielleicht.

„Bin ich das?“ Maries Stimme hatte sich nicht gerade erholt.

Maximilien ging nicht auf ihre Gegenfrage ein, sondern hielt seine Augen auf die ihren gerichtet.

„Die Art, wie du die Menschen anblickst..“ Er machte eine kurze Pause. „Ungewöhnlich stolz, aber gleichzeitig .. sanft, dahinter..“

Maximilien musste ihren Herzschlag jetzt hören, unter Garantie.

Für einen Moment erwartete sie, dass er ihr näher kommen würde, es erschien ihr logisch und würde endlich, endlich!, die Spannung zwischen ihnen entspannen. Aber er bewegte sich nicht.

„Danke..“, brachte sie heraus.  

Bevor wieder Stille zwischen ihnen entstehen konnte, kamen drei Leute aus der Küche in Richtung Haustür, sie würden an Marie und Maximilien vorbei müssen. Der Flur war recht eng und um ihnen genügend Platz zum Vorübergehen zu bieten, trat Marie einen Schritt zur Seite und damit dichter zu Maximilien.

Die drei anderen gingen grüßend und lachend vorbei und verschwanden durch die Haustür.

Ein kalter Windstoß von draußen zog durch den Flur, aber Marie bemerkte es gar nicht. Sie blieb noch einige Momente so dicht bei Maximilien stehen, bevor sie wieder von ihm abrückte.

„Ja.. ich wollte eigentlich auch gerade gehen..“, räusperte sich Marie, um irgendetwas zu  sagen und hätte sich im nächsten Moment dafür ohrfeigen können, das war das Ungeschickteste, Unintelligenteste, Blödeste was sie überhaupt nur hätte sagen können.

„Ach so..“

„Aber ich..“, begann Marie und im gleichen Moment setzte auch Maximilien an zu reden. „Gib mir..“

Sie lachten verlegen. „Du zuerst“, forderte er sie auf.

„Nein, du“, erwiderte Marie.

„Ok.“ Er lächelte sein umwerfendes Lächeln. „Du könntest mir deine Adresse geben.. ich.. könnte dich vielleicht einmal besuchen kommen..“

Er blickte sie an und Marie war sich nicht sicher, was dieser Blick bedeutete.

„Ich.. glaube schon. Ich meine.. ja, sehr gern.“

Sie ging in die Küche und kritzelte ihre Adresse auf ein Stück einer Einkaufliste neben ‚Tomaten Kakao Ahornsirub Mozerela‘ - Orthographie war noch nie Hollys Stärke gewesen.

Maximilien wartete im Türrahmen.

„Nicht verlieren.“ Sie hielt ihm den Zettel hin. „Wann.. ahm.. kommst du denn vielleicht vorbei?“

„Wie wär’s mit.. morgen?“

Marie musste geschockt ausgesehen haben.

„Nicht? Ist dein Zimmer nicht aufgeräumt?“, fügte er grinsend hinzu und seine Augen blitzten amüsiert, als sie Maries trafen.

„Doch, klar. Also, mein Zimmer ist nicht aufgeräumt, aber morgen passt mir super. So gegen Mittag vielleicht.“

„Gut.. Dann ist das abgemacht.“

Sie verabschiedeten sich mit einem Kuss auf die Wange und für diesen kurzen Moment waren sie sich wieder so nah, dass die Welt um sie herum sich auflöste, verschwand, zu Staub zerfiel. Marie fühlte seine Hand in ihrer Taille, roch sein Parfum und spürte ein paar Bartstoppeln an ihrer Wange.

Dann nahm alles wieder seinen ursprünglichen Platz ein und die Hintergrundgeräusche, die Musik, das Summen von Stimmen, die den Atem angehalten zu haben schienen, blubberten fröhlich weiter vor sich hin.

Zögerlich Marie trat in die Nacht hinaus.

„Buona notte“, sagte er leise.

Sie hob kurz die Hand und zog dann die Tür hinter sich zu.

Wie im Traum ging sie zur U-Bahn, stieg ein, ließ sich vom sanften Hin- und her einlullen, fand mechanisch den Weg nachhause.

Schlafen war zwar jetzt gerade aussichtslos, aber nichtsdestotrotz goss sich Marie eine Kräutermischung auf, die, so versprach es die Verpackung, zu ruhigen Nächten verhelfen sollte. Schaden konnte es nicht.

Mit der Tasse in der Hand setzte sie sich an den Küchentisch und rührte gedankenverloren durch den Tee. Dabei wickelte sich ständig das Teebeutelschnürchen um den Löffelstiel, bis sie ihn schließlich entnervt auf den Tisch warf und zusammenzuckte, als er, welch Überraschung, mit einem in der Stille der Küche lauten Klappern auf den Tisch fiel.

Nach den ersten Schlucken von dem Kräutertee, der, wie sie unglücklich feststellte,  sehr nach Fenchel schmeckte, purzelten einige Zeilen aus einem ihrer Lieblingsfilme in ihr Bewusstsein.

„Love is passion, obsession, someone you can't live without. If you don't start with that, what are you going to end up with? Fall head over heels. I say find someone you can love like crazy and who'll love you the same way back.”

„Na, großartig“, murmelte sie halblaut.

Sie legte die Arme auf den Tisch und vergrub ihren Kopf darin in der Hoffnung, etwas würde sich verändert haben, wenn sie ihn wieder hob, und sie wäre wieder die Marie, die sich nicht so hoffnungslos durch eine Unterhaltung mit einem männlichen Gesprächspartner stotterte.

Nichts passierte.

Keine Fee, um ihr ein paar Wünsche zu erfüllen, keine Zeitmaschine, kein Liebestrank, keine Heinzelmännchen.

Heinzelmännchen?!

Sie legte stöhnend den Kopf wieder auf die Arme.

Die Tasse war leer und, sei es der Tee oder sei es die Tatsache, dass es kurz nach zwei Uhr nachts war, sie fühlte sich müde, nicht unbedingt in ihren Gedanken, aber definitiv in ihren Gliedern.

Sie hatte sich die Zähne geputzt und griff gerade nach ihrer Zahnseide, als sie meinte, ein Klopfen zu hören.

Sie horchte.

Stille.

Scheinbar wurde sie paranoid. Umso besser. Alle Psychologen hatten einen an der Waffel.

Es klopfte noch einmal und jetzt war sie sicher, sich nicht verhört zu haben. Ihr Herz schlug schneller, als sie zur Tür ging und den Atem anhielt.

Wieder war alles still.

Das Türschloss öffnete mit einem Klicken und die Tür knarrte leise, als Marie sie öffnete

„Öffnest du immer um diese Uhrzeit die Tür?“, fragte er leise lächelnd.

„Diebe klopfen nicht, oder?“, entgegnete sie ebenso leise.

 

Kapitel 5 - Braune Augen mit Tee und Rotwein

 

„Jetzt stehen wir wohl schon wieder in einem dunklen Flur“, bemerkte Marie.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht..“

„Nein, ich bin ohnehin nicht müde. Mhh.. magst du was trinken? Wasser oder Tee?“

„Nichts geht ohne Tee in England..“

„Wie hast du so schnell hierher gefunden?“, erkundigte sich Marie.

„Ein Freund wohnt in der Gegend, ich kannte die Straße. Und mit dem Auto ist es nicht weit von Holly.“

„Du bist mit dem Auto unterwegs? Was für ein Luxus“, seufzte Marie.

Sie hatte es inzwischen geschafft, ihre normale Stimme wiederzufinden. Aber war das alles wirklich? Sie saß in der Küche, mit einem viel zu charmanten Mann namens Maximilien? Und er nippte an einer Tasse Tee.

Tee!

„Ja, es ist ganz praktisch.“

„Und.. na.. gab es einen bestimmten Grund, warum du jetzt so spät noch einmal vorbei gekommen bist?“

„Ich wollte dich sehen“, sagte er und legte den Kopf ein wenig schief, während er sie anblickte.

Was für eine Antwort erwartete sie auch bei so einer Frage.

Geschah ihr ganz recht, dass sie nichts zu sagen wusste.

Stattdessen stellte Marie die fünf Kerzen, die auf der Fensterbank die meiste Zeit vergeblich auf Einsatz warteten, auf den Tisch, zündete sie an und löschte die Deckenlampe. Das warme Licht der Kerzen war behaglich und ein entspannender Kontrast zum Regen des heutigen Tages oder eher des gestrigen.

Maximiliens Augen glänzten im Halbdunkel, aber Marie sah jetzt deutlich, dass sie nicht schwarz, sondern von einem ungewöhnlich intensiven, warmen Dunkelbraun waren. Zum ersten Mal senkte sie ihren Blick nicht.

„Wohnst du hier allein?“

„Nein.“ Marie schüttelte den Kopf. „Ich habe mich gemeldet auf eine Anzeige im Internet hin. ‚Krankenschwesterschülerin sucht Mitbewohnerin. Auch Psychologiestudenten willkommen‘“, zitierte sie die Anzeige von damals mit einem Lächeln. „War also genau das richtige für mich.“

„Psychologie? Wie Holly?“

Marie nickte. „Was ist mit dir, mit was wirst du mal deine Zukunft verbringen?“, fragte sie nach einer kurzen Pause.

Er trank einen Schluck. „Wer weiß das schon.. ich bin fertig mit Internationaler Wirtschaft und arbeite jetzt hier.“

„Und? Macht es dir Spaß?“

„Es ist ok.“ Sein Tonfall verriet, dass er keine große Lust hatte, darüber zu reden.

Eine ganze Zeit lang spannten sie das Gespräch auf diese unverfängliche Art und Weise weiter.

Nach einer weiteren Pause fragte Maximilien schließlich: „Hast du einen Freund?“

„Nein.“ Marie lächelte und war aus irgendeinem Grund heraus verlegen. „Und.. mh, du? Hast du eine Freundin?“

Er schüttelte den Kopf.

Marie blickte erst auf ihre Hände, dann wieder in seine Augen. Er schien sie zu betrachten, nicht mit diesem taxierenden Blick wie in Thomas‘ Ausdruck, der ihr so auf die Nerven gefallen war, vielmehr nachdenklich.

Aufmerksam.

„Du bist einsam, oder?“, stellte er mit sanfter Stimme aus dem Nichts heraus fest.

Maries erster Impuls war, abzuwehren, aber nur Sekunden später hörte sie sich sagen: „Manchmal, vielleicht.. aber wer ist das nicht?“

Maximilien saß ganz ruhig da und doch glaubte Marie, seine Gedanken beinahe hören zu können, auch wenn sie nicht wusste, was genau es für Gedanken waren.

„Bist du glücklich?“

Die Unvermitteltheit seiner Fragen in Verbindung mit der Unschuld und Sensibilität, aus der heraus sie entstanden, brachten sie aus dem Konzept.

„Mm..“

Sie blickte sie in die kleinen Flammen der Kerzen und wünschte sich erneut inständig, er würde aufstehen und über ihre Wange streichen in dieser ihm eigenen, behutsamen Art.

Keiner von ihnen bewegte sich; die Sekunden verstrichen, wurden zu Minuten.

Dann erhob er sich und stellte mit einem leichten Klirren seine Tasse in die Spüle. „Ich gehe jetzt, glaub' ich..“

Wieder schien es Marie, als spräche jemand anderes mit ihrer Stimme, als sie sich sagen hörte: „Magst du nicht noch ein wenig bleiben? Ich habe einen guten Wein da..“

Er zögerte und lächelte schließlich. „Nichts gegen Tee, aber zu Wein kann ich nicht nein sagen.“  

Der Faden ihrer Unterhaltung führte sie von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück,  Maximilien sprach von seiner Zeit, die er nach dem Tod seiner Mutter bei seinem Vater in Algerien verbracht hatte, Marie über das schwierige Verhältnis zwischen ihren Eltern, ihre eigene Suche nach sich selbst.

Die Sache mit Collin sei nun wirklich nichts Ernstes gewesen und Maximiliens langjährige Beziehung war nach einem Seitensprung seinerseits in die Brüche gegangen, den er, dass musste er zugeben, nur halbherzig bereute.

Sie philosophierten, diskutierten, lachten leise über einen spielerischen Schlagabtausch, dem eine Liebeserklärung an Maximiliens Heimatstadt Venedig folgte, während Marie verträumt sein Profil im Schein der Kerzen betrachtete.

Irgendwann hörten sie die Badezimmer- und wenig später die Wohnungstür.

„Das war Carolin, sie hat Frühschicht“, erklärte Marie und gähnte verstohlen.

Maximilien warf einen Blick auf seine Uhr. „Halb Sechs, hm?“

Er hustete und räusperte sich noch einmal. „Ich gehe dann jetzt wirklich. Vielen Dank für den Wein, du hast mir nicht zu viel versprochen.“ Er grinste.

„Kannst du noch fahren?“

„Klar, zwei Gläser Wein sind doch nichts.“ Er winkte ab. „Also, da das unseren Zeitplan durcheinander geschmissen hat, wie wär’s, wenn ich dich um acht abhole zum Essen?“

Acht. Acht.. irgendwas.. Acht Uhr, Samstag..

Paul und George.

Ihr Treffen am Nachmittag.

Seit zwei Wochen eingeplant.

„Ahm..“ Marie rang mit sich und seufzte. „Doch, ja, geht klar.“

„Sicher?“

Sie nickte.

„Schön.“ Er lächelte und Marie hatte das Gefühl vom Stuhl zu rutschen.

„Acht Uhr steh ich vor deiner Tür.“ Mit der Hand auf der Klinke sah Maximilien sie noch einmal an. Marie hatte ihre Hände in die Hosentaschen geschoben und erwiderte seinen Blick.

„Schlaf gut.“

„Ja, du auch“, sagte Maximilien leise.

Dann öffnete er die Tür und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trat er hinaus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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