Bernhard Valta

Gestrichene Weihnachten

Dem letzten Monat des Jahres ging langsam die Puste aus, sieben Blätter befanden sich nur noch als dünner Rest am Abreißkalender. Es war wieder einmal der vierundzwanzigste Dezember, so in den späten Neunzehnsiebzigerer Jahren.
Vater Ludwig hatte vorher ohne erkennbarem Ziel den Inhalt hinter Türen und Läden in der Werkstatt durchsucht, inzwischen stand er an der Hobelbank im mittleren Raum, hinter sich eine Josephinische Kommode, die zur Restaurierung anstand.
Im Lichteinfall des großen Fensters mit Blick auf den Parkplatz las er einen seiner Secondhand- Cowboy Romane. Ab und zu qualmte es von seiner filterlosen Zigarette, die er selten aus dem Mund nahm - meistens nur um sich eine neue daran anzurauchen.
Unsere Restaurierwerkstatt war schon übersiedelt und befand sich nun im Parterre des neu errichteten, dreizehnstöckigen Hochhauses, nahe am Grazer Leonhardbach. Es war das erste von drei Wohnhochhäusern und stand auf dem Grund einer Anlage, die zur dreihundert Meter entfernten Reiterkaserne gehörte.
Hier waren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Werkstätten für alles, was mit der Versorgung der Pferde zu tun hatte, einfache Soldatenunterkünfte und einige Offiziersquartiere untergebracht. Das zweistöckige Gebäude an der Straßenseite schloss den geschotterten Hof zur Straße hin ab, seitlich gab es niedere Werkstättengebäude und die Rückseite bestand wieder aus einem zweistöckigen Trakt. Die beiden hohen Gebäude hatten jeweils einen Durchgang, der am äußeren Ende mit großen schweren hölzernen Toren abzuschließen war. Dies alles wurde 1974 dem Erdboden gleich gemacht und auf dem teuren Grund in guter Gegend entstanden ein vierstöckiger und je ein zwölf- beziehungsweise dreizehnstöckiger Neubau. Diese Gebäude hatten den modernen Standart mit eigenem Klosett, Zentralheizung, Heißwasserboiler, Lift und sogar ein im Stiegenhaus befindliches  Müllschlucker-System, das den eingeworfenen Inhalt höllisch lärmend nach unten in einen Raum im Parterre in einem dort aufgestellten großen Metallcontainer transportierte.
In der alten Anlage dagegen gab es nur ein Klosett pro Etage und nur ein weiteres für die Arbeiter der kleinen Betriebe auf dem ganzen Hofgelände.
In wochenlanger Arbeit hatten wir unsere angesammelten Materialien, die Werkzeuge und den noch zu restaurierenden Altmöbelbestand von der alten Werkstatt in den besagten Neubau geschafft. Großartige Gedanken gingen uns dabei nicht durch den Kopf, aber rückwirkend betrachtet, waren wir mitten drinnen in einer neuen Zeit - in den Siebzigerjahren, Zukunft war ein viel zitiertes Wort.

Das lag nun schon etliche Monate hinter uns. Es war kalt geworden, in der Werkstatt aber war es bacherlwarm. Ich ordnete etwas unschlüssig und ohne rechte Begeisterung Möbelteile und Leisten im vorderen größeren Raum, der einen Blick zur Brücke über den Leonhardbach und die daran anschließende Sonnenstraße gewährte. Hier gab es zwar kein Fenster, dafür so eine Doppeltüre, die wie alle Türen und Fenster im ganzen Gebäude aus Aluminiumprofilen bestand und durch vier große Doppelglasflächen Licht schenkte.
Eine Zeitlang stand ich in Gedanken versunken vor den Scheiben und ließ das Geschehen auf mich einwirken. Schneeflocken tanzten wie in mathematisch berechneten Abständen in der winterlichen Luft vor den Fenstern und bildeten einen feinen weißen Flaum am Boden, an den eisernen Flacheisengeländern, an den abgelaubten Sträuchern, den abgestellten Fahrzeugen sowie an den Köpfen der wenigen Fußgänger.
Weihnachten riss mich aus dem gewohnten Trott heraus. Dieser Termin lässt sich ganz einfach nicht verschieben, auch wenn es einem momentan nicht recht hineinpasst. Unsere Möbel- Restaurier-Arbeiten nahmen nie ein Ende, war ein Stück fertig, warteten schon zwei andere auf die Renovierung. Es ist nicht leicht, mit so einer zeitaufwändigen Tätigkeit alle Rechnungen und Löhne zu begleichen, für viele  Kunden waren gleichzeitig die Restaurierkosten ebenfalls ein unangenehmer Brocken. Trotzdem hatten wir aber beständig Arbeit und unser Spruch lautete folgerichtig: Kaputt wird immer was.

Ich hatte mich wieder der Sortierung zugewandt, da vernahm ich, wie die zum Bach zeigende Türe geöffnet wurde. Da mein Vater eine gewisse Schwerhörigkeit besaß, ging ich hin zu ihm in seiner Rauchwolke und machte ihn auf den Besuch aufmerksam. Herein kam einer unserer Kunden, der etwas schrullige aber liebenswerte Herr Ingenieur Freda. Es war uns bekannt, dass er auch nicht gerade einer der Reichsten war, er musste die Restaurierung seiner geerbten und in Ehren gehaltenen Möbelstücke sorgfältig planen. Den Unterhalt seiner Familie verbesserte er sich mit der Züchtung und dem Verkauf von den in Mode gekommenen Thujensträuchern.
An der Hand führte er einen seiner Söhne, etwa acht Jahre alt. Dieser wiederum hielt in seiner anderen Hand einen kleinen Geigenkoffer. Der Herr Ingenieur, ein äußerst feinfühliger Mensch, gab uns freundlich lächelnd die Hand. Auf den Zehen tänzelnd und etwas umständlich erklärte er, sein Söhnchen wolle uns die Fortschritte darbringen, die er in seinen Geigestunden erzielen konnte. Er war sichtlich stolz auf das Kommende und wahrscheinlich aufgeregter als sein Kind. Der Bub tat nämlich ohne Umschweife pflichtschuldigst, was man von ihm erwartete. Er packte sorgfältig sein Instrument aus und spielte, nach kurzem Einrichten, solo und mit großem Ernst zwei Stücke vom Blatt. Der Ingenieur war selbst ganz hingerissen. Hatte mein Vater Rauch in die Augen bekommen oder was glänzte da so? Wir machten dem Jungen anschließend bewundernde Komplimente für sein Spiel und dankten ganz gerührt für diese nette, weihnachtliche Überraschung.
Nachdem wir den beiden Besuchern unsere besten Wünsche für das Fest auf den Weg mitgaben und uns herzlich verabschiedet hatten, musste ich nicht mehr lange überlegen. Ganz selbstverständlich waren die Schritte, die zu tun waren. Ich kramte das alte Baumkreuz hervor, passte den einfachen Christbaum ein und ging zusammen mit Vater damit in die Wohnung im zweiten Stock. Hier machten sich die jüngeren Geschwister sogleich daran, ihn mit kilometerlangem Lametta, hunderten Christbaumkugeln und sackweisen Süßigkeiten zu behängen. Mutter hatte auf dem elektrischen Küchenherd einen Weihnachtspunsch gekocht und ihrem freundlich grinsenden Gesichtsausdruck nach zu vermuten auch schon gekostet. Im Radio dudelte mehr oder weniger stimmungsvolle Musik. Die kleinste der Schwestern wurde vom Boden gehoben, jeder nahm seinen Platz am Küchentisch ein.
Dass unsere Wohnung mit einem Mal erfüllt wurde mit Weihnachten konnte nicht einmal mehr unsere kümmerliche Gesangsinterpretation von „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor dem festlichen Essen verhindern.

Horch! War da nicht eben das silberfeine Läuten eines Glöckchens?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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