Ute Buchberger

Ferien mit Herrmann

 

Es ist jetzt schon so viele Jahre her, dass dieses Ferienerlebnis stattgefunden hat, dass man ruhig darüber reden bzw. schreiben kann.

 

Ende der fünfziger Jahre, Anfang der sechziger Jahre, als das Wirtschaftswunder in Deutschland in voller Blüte stand, war es „in“, wie man heute sagen würde, nach Italien zu fahren. Bella Italia war das Traumziel aller Deutschen, die es sich leisten konnten, ins  Ausland zu fahren.  Die gebildeten unter den Urlaubern, die Goethes Italienreise in der Schule büffeln mussten, wollten natürlich auf den Spuren des Dichterfürsten wandeln und die einfacheren Leute ließen sich durch die damaligen Schlagertexte von „Komm ein Bisschen mit, nach Italien“ und „Wenn bei Cqpri die rote Sonne im Meer versinkt“, in den sonnigen Süden locken. Die Nachbarn waren schließlich auch schon dort und haben sich den schiefen Turm von Pisa als Zuckerstreuer von dort mitgebracht. Auch die beleuchtete Gondel auf dem neuen Fernsehapparat machte was her.

So natürlich auch wir: mein Vater, meine Mutter, meine Wenigkeit, die Tochter und natürlich Herrmann mit Frau und Sohn. Herrmann war der Jugendfreund meines Vaters. Alles haben sie in ihrer Kindheit geteilt. Das erste Eis, die erste Brause und das gemeinsame Nachsitzen, wenn sie bei irgendwelchem Unfug erwischt wurden.  Auch als Erwachsene mit eigener Familie, waren sie so gut wie unzertrennlich. Selbstverständlich war es deshalb, dass der erste Urlaub ins Ausland  zu sechst angetreten wurde.

„Also fahren wir den ersten Tag mal bis zum Tegernsee, nehmen dort Quartier in der Pension  Kalkofen und  genießen den ersten Feriennachmittag am Seeufer. Am nächsten Tag geht es dann weiter bis Meran, der Perle von Südtirol. Ihr werdet Euch wundern, wie schön es dort ist. Schließlich habe ich lange Zeit in Meran als Soldat verbracht und diese Stadt in mein Herz geschlossen. „  „Wann fahren wir los?“ Fragte Herrmann, „Ich denke, wir sollten ziemlich früh aufbrechen, damit wir nicht in einen Stau oder in die Hitze geraten.“  Es wurde ausgemacht, sich morgens um vier Uhr vor Herrmanns Haus zu treffen und dann Richtung Süden, der Sonne entgegen,  loszufahren.

Ich schlief die ganze Nacht vor Aufregung nicht und  war dann gegen Morgen, als der Wecker barbarisch früh losrasselte, total übermüdet  und trotz der Sommerzeit fror ich. Der Morgen dämmerte gerade so herauf und die ersten Vögel stimmten ihr Gezwitscher an, als wir unsere Koffer in Vaters VW  Käfer verstauten. Ich schaute die umliegenden Häuser an. Überall schienen die Leute noch tief im Schlaf zu liegen. Die hatten es gut. Wir nicht. Wir mussten ja nach Italien. Vor Herrmanns Haus herrschte schon rege Betriebsamkeit. Herrmann saß vor der Haustür auf einem kleinen Campingstuhl und scheuchte Frau und Sohn treppauf – und treppab. „Was schleppen die denn da alles ins Auto?“ Wollte meine Mutter wissen.  Ja, da war ein buntes Sammelsurium auf den Bürgersteig aufgebaut.  Klappstühlchen, Klapptische, eine Gasflasche, ein Campingkocher, Taschen mit Lebensmitteln, Decken und Kissen und die Koffer. „Plant ihr den Auszug aus Ägypten?“ Fragte mein Vater. „Lass mich mal machen,“ antwortete Herrmann, obwohl er ja rein gar nichts machte, sondern nur Anweisungen ans Personal, sprich Frau und Sohn, verteilte. Dabei war er nicht gerade leise. Ein Fenster im Parterre wurde geöffnet und ein im  Schlaf gestörter Zeitgenosse verlangte energisch „Ruhe“.  Von wegen Ruhe, pah, wir fahren schließlich nach Italien.

 

Endlich hatte Herrmanns Familie alle ihre Habseligkeiten  im Auto, auch ein VW Käfer, ihres  Familienoberhauptes verstaut und die Fahrt ging los.  Ab in den Süden, Kinder war das schön. Wir fühlten uns wie die Könige!   Vater kannte ein gutes Rasthaus, in welches er seine Familie zum Frühstück führen wollte.  Vater kurbelte die Scheibe unseres VWs runter und gab Herrmann ein Zeichen, dass wir gedenken, die Autobahn zu verlassen. Gut. Zeichen angekommen. Auch Herrmann setzte den Blinker nach rechts. „Was, hier im Rasthaus einkehren? Nie und nimmer, seid ihr größenwahnsinnig? Wir picknicken. Für was habe ich denn alles eingepackt? Ihr könnt ja machen was ihr wollt.“  Herrmann drehte sich um und machte sich an seinem Auto zu schaffen. Die Familie war wie von Zauberhand zur Stelle und im Nu waren der kleine Klapptisch und drei kleine Stühle aufgebaut. Herrmanns Ehefrau Anni holte einen Korb,  eine Tischdecke  hervor. Dann Geschirr, eine Thermokanne mit Kaffee, belegte Brote und hartgekochte Eier. „Du kannst ja die hohen Preise im Rasthaus bezahlen, wenn Du willst, wir haben alles dabei, was das Herz begehrt.“  Lautete Herrmanns Kommentar, bevor er hungrig in ein Radieschen biss. Mein Vater stand mit  langem Gesicht vor der frühstückenden Familie. Meine Mutter hatte nur etwas Gebäck und eine Thermokanne Tee, für den ersten Hunger und Durst, eingepackt. Unsere Küche  hatten wir zuhause gelassen. Wir gingen ins Rasthaus. Es roch verführerisch nach frischem Kaffee, gebratenen Eiern mit Speck und frischem Brot. Das Wasser lief mir im Munde zusammen. „Also wir können Herrmann doch nicht so einfach da draußen alleine sitzen lassen. Wir sind doch jetzt für drei Wochen zusammen.“ Erklärte mein Vater und ging in Richtung eines Verkaufsstandes, wo  belegte Brötchen zu haben waren. „Wir hätten aber lieber richtig im Gastraum gefrühstückt“, erklärte hierzu meine Mutter, mit einem Seitenblick auf mich. Ich nickte.. „Sollen  wir  jetzt draußen im Stehen unser  Brötchen essen? Wie gemütlich!“ Meine Mutter zog die Stirn in Falten, was nichts Gutes für Vater verhieß. „Schatz, bitte, das eine Mal. Draußen sind ein Steintisch und Holzbänke, da können wir sitzen. So saßen wir denn in Herrmanns Nähe auf der Holzbank am Steintisch, den Vorgänger nicht gerade sauber hinterlassen hatten und bissen appetitlos in die schon etwas pappigen Brötchen.

 

„Sag mal, Walter,“ sprach Herrmann meinen Vater an, „ich habe so den Eindruck, als sei es Deinen Damen nicht gut genug, hier im Freien an diesem wunderschönen Morgen zu frühstücken.“ „Stimmt, ich hatte mir was anderes vorgestellt,“ meinte meine Mutter. „Na dann stellst Du Dir halt jetzt  wieder mal was anderes vor“, meinte Herrmann. Mein Vater blickte unter sich. Er stellte sich gerade das anschließende eheliche Kritikgespräch vor,  das im Auto später folgen würde.

 

Am frühen Nachmittag hatten wir unser erstes Reiseziel, die Pension Kalkofen am Tegernsee erreicht. Die Zimmer waren urig. Grüne  Bauernmöbel,  mit Blumensträußen darauf bemalt, schmückten die  Zimmer. Rot karierte Bettwäsche, einen Waschtisch mit Waschschüssel und Krug,  ein Tisch,  zwei Stühle, das waren das gesamte  Mobiliar. Toilette und Bad waren hinten bei Kalkutta, am Ende des Ganges.  Trotzdem waren wir glücklich und für eine Nacht würde es schon gehen. Zum Abendessen bekam ich den besten Eierpfannkuchen,   den ich je gegessen hatte. Wohlig sank ich später am Abend in das grüne Bauernbett mit der karierten Bettwäsche und lauschte auf das Murmeln eines kleinen Baches, der am Hause vorbeifloss. Am Morgen weckte mich ein Hahn. Seit meiner frühsten Kindheit, wo wir einmal bei Vaters Verwandten im Spessart Urlaub gemacht  hatten,  hatte mich, das Großstadtkind, kein Hahn mehr geweckt.  Herrmann war schon eifrig dabei, in seinem Zimmer frischen Tee für die Weiterreise zu kochen. „Wenn Du unterwegs eine Metzgerei siehst, so halte bitte an. Wir brauchen frische Vorräte,“ meinte Herrmann. Mein Vater nickte nur  und ging in die Gaststube um mit uns zu frühstücken. Diesmal war auch Herrmann nebst Familie mit von der Partie, da das Frühstück im Preis eingeschlossen war. Es herrschte fröhliche Stimmung. Herrmann konnte, wenn er es wollte, ganze Gesellschaften unterhalten und war sofort der Mittelpunkt eines jeden Geschehens, wenn im danach war und heute war im danach. Schließlich ging es heute über die Alpen ins viel gerühmte Südtirol.

Herrmann gelang es doch tatsächlich, Vater zu überreden, in Rottach Egern  drei Klappstühle zu  kaufen.  Der Tisch, so  meinte Herrmann, reiche für uns sechs, wenn jeder seinen Teller auf den Schoß nehme. Mutter sagte gar nichts mehr. Eine schöne Fahrt durch die Bergwelt lag vor uns. Später näherten wir uns Bozen. Langsam fuhren wir durch die engen, belebten Straßen. Auf einmal überholte uns ein Fahrzeug von rechts. Wir zuckten zusammen. Also so etwas. Dann kam die Erkenntnis. Herrmann war es, der da an uns vorbeizog und gleich darauf scharf bremste. Er hatte eine Metzgerei erspäht, die Vater entgangen war. Vater musste nun zusehen,  wo er so schnell halten konnte. Herrmann kaufte unterdessen Vorräte. Zwischen Bozen und Meran an einem Gebirgsbach schlugen wir dann unser Lager auf. Campingkocher, Gasflache, Tisch und Stühle, Töpfe und Kartoffeln. Ein wunderbares Bild. Anni kochte Kartoffeln und dazu gab es für alle Gulasch aus der Dose. Da saßen wir dann nun, beim fröhlichen Schmaus, als wir von Ferne Männergesang hörten, der immer näher kam. Mir wurde es mit meinen fünfzehn Lenzen, die ich auf dem Rücken hatte, gar nicht wohl zumute. Ich ahnte nichts Gutes. Und dann waren sie auf einmal da: Circa zwanzig junge Carabineri, die in voller Uniform, das Gewehr auf dem Rücken, an uns vorüber zogen. Sie schwenkten munter ihre Hüte und riefen laut „Bon Appetito!!“  Es wäre mir recht gewesen, wenn sich die Erde aufgetan und mich verschlungen hätte. Mir war es einfach nur peinlich, da im Grünen zu hocken, einen Teller mit Kartoffel und Gulasch auf den Knien  und ein Trupp junger Männer dazu. Ferien mit Herrmann – und erst der zweite Tag. Was würde er uns wohl noch  bringen?

Nach der schönen Mahlzeit am Busen der Natur fuhren wir weiter Richtung Meran.  Vorbei an Dorf Tirol mit der eindrucksvollen Burg der hässlichen Herzogin, Margarete Maultasch , von welcher sie aus einst Südtirol regierte. Sie gab sich unendliche Mühe, eine gute Landesmutter zu sein, konnte sich aber wegen ihres wenig ansprechenden Äußeren bemühen, so viel sie wollte. Eine gerechte Anerkennung ihrer Leistungen konnte sie ein Leben lang nicht ernten.

 

Kurz vor Meran bezogen wir unser Quartier. Vater hatte  in einer hübschen Pension sehr schöne Zimmer (nicht zu vergleichen, mit der Unterkunft am Tegernsee) gebucht, die sogar Herrmann überzeugten, der am liebsten einen Campingurlaub gemacht hätte.  Die Pension lag in einem wunderschönen Garten mit vielen Obstbäumen. Herrmann sah sich schon prüfend um, wo er am Abend seinen Campingkocher nebst Tisch und Stühlen aufstellen konnte. Vater wollte ihn davon überzeugen, es sich abends in einem der schönen Meraner Lokale gutschmecken zu lassen, aber Herrmann wollte durchaus das Geld einsparen.  Ab frühen Abend begannen wir dann mit der Besichtigung  der Stadt Meran. Ihr Name, die Perle von Südtirol, hat diese Stadt unbedingt verdient. Romantische Gässchen, wunderschöne Parkanlagen, interessante Geschäfte, einfach alles, was man sich für den Urlaub wünscht. Und dann noch der Flair des Südens! So ein Ahnen, dass hier eine ganz andere, heitere Welt beginnt.  Meine Erwartung auf dass, was noch so alles kommen wird, wuchs ins Unendliche. Herrmann hatte für die Schönheiten Merans erst dann einen Blick übrig, nach dem er endlich, nach langem Suchen,  einen Delikates Laden entdeckte, wo er drei Dosen Gulasch für ein Heidengeld erstand.  Vater hatte schon von zuhause aus Kontakt zu der Dame aufgenommen, bei der er  zu Kriegszeiten einquartiert gewesen ist. „Seine Schlummermutter“ , nannte er sie liebevoll. Besagte Schlummermutter erwartete uns in ihrem Zigarren- und Zigarettengeschäft und begrüßte uns alle auf das Herzlichste. Wir sahen uns einer patenten, alten Dame gegenüber, die uns in ein schönes Meraner Speiselokal führte. Sie war  natürlich Vaters Ehrengast.  Als sehr angenehm empfand ich es, dass man sich in diesem Lokal die Speisen selber zusammenstellen konnte.  Endlich brauchte ich keinen Salat aufessen, sondern konnte mir leckere Erbsen zum Schnitzel bestellen.

 

Als wir später zur Pension zurückkamen, saß doch tatsächlich noch Herrmann nebst Familie im Garten der Pension auf ihren Campingstühlen und liessen es sich wohl sein. Ein Preisvergleich der Rechnung im Lokal, mit der aus dem Delikatessen Geschäft, brachte ans Abendlicht,  dass die Ersparnis von Herrmann gar nicht so großartig war, wie er sich es vorgestellt hatte. Am nächsten Tag erkundeten wir noch einmal Meran und Umgebung und dann verstauten wir schon wieder unser Gepäck ins Auto und weiter ging die Fahrt zum schönen Lago Maggiore, unserem nächsten Reiseziel. 

 

Lago Maggiore, ein kleines Wunder der Natur! Eingebettet in die malerische Bergwelt lag der See vor uns. Die Borromäischen Inseln  in Mitten des Sees luden zur Besichtigung ein. Besonders die Isola Bella wollten wir uns ansehen. Die viel besungene Insel der Schönheit. Sogar Herrmann vergaß eine Weile, die Welt von der praktischen Seite aus zu betrachten und war begeistert.  Wunderschöne Villen, gebaut wie kleine Schlösser und Burgen säumten das  Ufer des Sees. Verwinkelte kleine Ortschaften luden ein, sie zu erkunden.  Heute nahm uns der Ferienort „Stresa“ für eine Nacht auf und auch hier waren die Zimmer sehr ansprechend. „Hunger“, meldete sich Mutter: „Hunger, ganz doll, bitte Mittagessen gehen!“

Wir entschieden uns für ein schönes Lokal am See. Von außen sah es einfach, aber ansprechend aus. Herrmann ließ uns wissen, dass er, Frau und Sohn, noch nicht wüssten, was sie machen wollten. Falls sie sich entscheiden würden, auch im Lokal zu essen, dann kämen sie nach. Zu erst wollten sie sich noch die Gegend ansehen. Es wäre so schön hier, da müsse man nicht unbedingt im Wirtshaus hocken. Sprachs und verschwand. Mutter, Vater und ich, angetan mit neuen weißen Hosen und frischen Blusen, bzw Hemd, betraten das einfache, ansprechende Lokal. Ein langer, schmaler Gang empfing uns, der an den Wänden von Leuchtern erhellt  wurde. Der Gang führte  uns an eine vornehme Rezeption, wo ein freundlicher Herr uns erst in italienischer,  dann in deutscher Sprache  nach unseren Wünschen fragte.  Auf unsere Erklärung hin, dass wir zu Mittag essen wollten, beorderte er einen Ober,  uns in den Speisesaal zu führen. Der Ober fragte, ob wir auf der Seeterrasse zu speisen wünschten,   und wir sagten freudig „ja“!

 

Die Seeterrasse war ein Traum. Ein Blick über den See, hin zur Isola Bella und wir wussten, wir hatten uns richtig entschieden. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf den leichten Wellen des Sees, eine mittägliche Schläfrigkeit lag über dem Wasser. Beeindruckt nahmen wir Platz. An den Nachbartischen saßen Damen mit großen Sonnenhüten und Spitzenhandschuhen und löffelten ihre Suppe. Wir waren froh, dass wir uns zum Essen umgezogen hatten, so passten wir wenigstens in diesen Rahmen. „Hier hätte sich Herrmann nicht wohl gefühlt,“  meinte meine Mutter. „Na ja,“ meinte mein Vater, „wenn man vom Teufel spricht“  und sein Blick ging  dabei zur Terrassentür. Mutter und ich schauten in die gleiche Richtung.  Wir trauten unseren Augen kaum.  Da standen Herrmann, seine Frau Anni und Sohn Hellmuth. Alle drei gewandet in bequeme Jogginganzüge, die damals noch Trainingsanzüge hießen. Suchend sahen sie sich um und kamen dann, nach dem sie uns erspäht hatten, an unseren Tisch. „Wir wollen doch auch einmal am Seeufer Mittagessen, aber einen Platz für unseren Campingkocher und Tisch und Stühle haben wir nicht gefunden. Kurz entschlossen sind wir euch gefolgt. Nun wollen wir mal sehen, was die Küche zu bieten hat.“ Herrmann setzte seine Brille auf die Nase und studierte die Speisekarte. Wir entschieden uns alle sechs für Minestrone und hinterher einen Obstsalat. Alle anderen Gerichte waren vom Preis her gesehen, so ziemlich unerschwinglich.  Eine große Schüssel mit Suppe wurde gebracht und der Ober füllte uns die Teller. Auf dem Teller meines Vaters  befand sich außer der Suppe eine riesige Schnake, so als Fleischeinlage, oder wie? Vater hielt den Teller fest und schaute den Kellner stumm an. Dieser wurde rot im Gesicht, verbeugte sich und verschwand mit dem Teller in der Küche. Wir bekamen alle eine neue Suppe, neues Brot und mein Vater ein Eis als Entschädigung, das er mir dann abtrat.  Nach dem Essen warf Herrmann einen Blick auf seine Frau. Er musterte sie von oben bis unten:“ Anni, da hast du doch tatsächlich bunte Ringelsöckchen an den Füßen und das in so einem vornehmen Lokal“ Anni wehrte sich, was sie sehr selten tat. Sie sagte ihrer besseren Hälfte, dass sie sich ja schließlich passend fürs Essen im Grünen angezogen habe und für nichts anderes.  „ich denke, wir verlassen den vornehmen Laden, wenn wir das Schiff zur Isola Bella noch rechtzeitig bekommen wollen“, meinte Herrmann, „ich fühle mich hier nicht so recht wohl.“ Auch wir waren froh, als wir wieder auf der Straße standen und Richtig Schiffsanlegestelle marschierten. Vaters Suppe mit Schnakeneinlage, werden wir in Erinnerung behalten. Ebenso wie  Frau Anni in Ringelsöckchen.

 

Die Isola Bella ist wirklich ein kleines Schmuckstück! Herrliche Gartenanlagen,  Pfauenvögel , die in der Sonne ihr Rad schlugen und eine kleine Führung durch das hübsche Schloss auf der Insel., lassen den Ausflug unvergesslich werden. Später brachte uns das Boot wieder nach Stresa zurück. Hier kaufte Herrmann allerhand Kitsch und Krempel für Schwiegereltern und Nachbarn. Anni und Hellmuth bekamen Weintrauben, einen ganzen Berg voll. Das sei das Abendessen, meinte Herrmann, das Mittagessen sei schon teuer genug gewesen und erst die Preise für die Mitbringsel! Nein, Italien sei schon ein teures Pflaster. Er selber, Herrmann, wollte abnehmen und verzichte heute ganz auf eine Abendmahlzeit. Vater nahm ungehalten den Hellmuth zur Seite und sprach:“ Den Buben nehme ich mit zum Abendessen, Herrmann, der braucht doch etwas Handfestes in den Magen, er ist doch noch im Wachsen.“ Herrmann zuckt die Schultern und meint, das ab und zu mal fasten noch niemanden geschadet habe. So gehen wir  vier  abends auf die Piazza  und lassen es uns bei Spaghetti gutgehen. Nur Vater mag sie nicht. Er hat im Kriege genug von Spaghetti, Tomatensoße und  Parmesankäse zu kosten bekommen. Er meinte, es reiche für sein ganzes weiteres Leben aus. Er bevorzugt  Parmaschinken  mit Brot.  Vater erzählt uns von Venedig, unser nächstes Reiseziel und von den zwei kleinen Bungalows,  die er für uns,  auf einer Halbinsel vor Venedig, dem Lido die Jessolo,  gebucht habe.  Es ist ein schöner Abend. Überall brennen Lichter und die Luft ist mild. Vom See her weht ein leichter Wind. So langsam werde ich müde und freue mich auf mein Bett. Morgen werde ich Venedig sehen, die Königin des Mittelmeers.  Eine Stadt, so voll von Geschichte, dass wir eigentlich eine ganze Woche dort bleiben müssten, aber wir haben ja noch einiges auf unserem Reiseplan, was sich lohnt, angesehen zu werden. Ich bin neugierig und glücklich. Durch mein offenes Fenster schaut der Mond herein und sein silbernes Licht hat etwas Beruhigendes und Schönes. So langsam wandele ich ins Traumland hinüber. Ich träume von Gondoliere und Mandolinen und Mondschein.

 

Wir verlassen am nächsten Morgen den Lago Maggiore und fahren in Richtung Lido de Jessolo. Dort angekommen, beziehen wir in einem hübschen Bungalowdorf unsere beiden Häuschen. Sie sind klein, aber fein. Zum Bungalowdorf gehört auch ein großer Supermarkt, wo Herrmann alles findet, was ein sparsamer Mensch im Urlaub braucht und nach Herzenslust einkaufen kann. Er ist sehr zufrieden Hier kann er es aushalten. Nachmittags geht es an den Strand. Ich stehe zum ersten Mal am Mittelmeer und kann mein Glück kaum fassen. Es ist wirklich so blau, wie auf den Postkarten. Die Wellen schlagen leicht ans Ufer.  Der Sand ist so weich wie Puder. Wir fassen uns an den Händen und laufen hinein in das langsam tiefer werdende Wasser. Alle? Nein, alle nicht. Meine Mutter kann nicht schwimmen und ist wasserscheu dazu. Sie bleibt dort stehen, wo ihr das Wasser gerade bis zu den Knien reicht. Sie bückt sich und befeuchtet ihre Schultern und meint „heute sei das Meer besonders schön!“ Der Rest der kleinen Reisegruppe lässt sich nun auf den Wellen treiben, schwimmt und lacht und spritzt. Kinder, kann das Leben so schön sein. Das sind Ferien, wie ich sie mir wünsche. Blaues Meer und Sonnenschein.

 

Abends dauert es nicht lange, bis Herrmann sich bei den anderen Deutschen im Bungalowdorf bekannt gemacht hat. Der Mann hat, von einer Sparsamkeit abgesehen, einen Charme, der jeden gefangen nimmt. Die Leute scharen sich um ihn Er erzählt witzige Geschichten aus seinem Alltag, von unserer bisherigen Reise und über seine Familie. Am liebsten von seinen Schwiegereltern. Anni ist das nicht so recht, wenn ihre Eltern so durch den Kakao gezogen werden und versucht, ihn auf ein anderes Thema zu bringen.  Es ist ein lustiger Abend. Wir Kinder bekommen Pistazieneis, die Erwachsenen trinken Asti Spumante! Spät am Abend löst sich die lustige Gruppe endlich auf und jeder geht in seinen eigenen Bungalow zum Schlafen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe wieder  den Mond, der in den Zweigen eines Baumes hockt. Wie heißt es bei Wilhelm Busch so schön? „Im Apfelbaum sitzt auch der Mond und hat dem Feste beigewohnt!“ Nun, ob es ein Apfelbaum ist, in dem der Mond sich gerade aufhält, weiß ich nicht, aber es passt.  Gute Nacht, alter Mond, murmele ich noch, dann schlafe ich den Schlaf einer Gerechten.

 

Am Morgen haben die Erwachsenen Kopfschmerzen! Der Asti Spumante hat seinen Zoll gefordert. Leicht mürrisch hocken sie am Frühstückstisch. Herrmann geht ins Büro des Feriendorfes und erkundigt sich nach den Abfahrten des Schiffes nach Venedig. Herrmann hat auch schon einen Spitznamen bekommen. Die anderen „Dorfbewohner“ nennen ihn den Kojak, weil er dem glatzköpfigen, amerikanischen Fernsehkommissar, der so gerne Dauerlutscher  nascht, sehr ähnelt. Diese Fernsehserie ist in Deutschland sehr beliebt. Ein richtiger Straßenfeger. Herrmann lässt sich eh gerne mit Kojak vergleichen. Es passiert ihm immer öfter und schmeichelt ihm.  „Das Schiffchen geht um 14 Uhr, „  berichtet Herrmann, ich habe sechs Karten für die Hin- und Rückreise gekauft. Wir können  ins also noch Zeit lassen.“ Wunderbar, die Zeit reicht noch gut, um ein erneutes Bad im Mittelmeer zu nehmen. Meine Mutter geht nicht mit  zum Strand. Sie fürchtet um ihre Haarfrisur. Sie will in Venedig ordentlich „ um den Kopf herum“ aussehen, wie sie sich ausdrückt. Sie holt sich ein Liegeklappbett und nimmt lieber ein Sonnenbad, dass  ist nicht so nass, wie das Salzwasser. Wir andern tauchen wieder ein, die die sanften Wellen des Meeres, schlucken Salzwasser, husten und  spucken und tauchen unter. Herrmann macht den „toten Mann „. Ich will das auch tun und gehe unter wie ein Stein.  Später bekomme ich Vorwürfe wegen der zerstörten Frisur. Mutter schickt mich schnell noch zum Friseur.  Ich sehe ganz verändert aus nach dem Friseurbesuch, „so um den Kopf herum“ und muss mich erst einmal kämmen,  damit ich wieder „ich“ bin. Das Mittagessen fällt heute aus. Wir werden in der Lagunenstadt eine Kleinigkeit essen gehen. Herrmann nickt dazu.

 

Ein kleines Ausflugsschiffchen setzt uns über zum Markus Platz. Welch ein Anblick!  Venedig in seiner ganzen Pracht und Schönheit heißt uns willkommen. Auch Herrmann fehlen die Worte! „Mein Gott, ist das schön hier!“ Ruft Anni aus und läuft zögerlich über den Landungssteg auf festen Boden.  „Vati, das ist ja ein Traum!“ ergänzt meine Mutter Annis  Kommentar. Vati übernimmt die Führung! Wir sehen den Markus Platz, die Seufzer Brücker und besichtigen die San Marco Kirche. Auf der Rialto Brücke sind viele kleine Geschäfte. Herrmann findet hier eine Gelegenheit das bisher gesparte Geld unter die Leute zu bringen. Anni bekommt eine Strickjacke, Hellmuth ein paar kurze Hosen und er kauft sich ein buntes Hemd für den Strand.. Er ist in Geberlaune. Die Lauferei durch Venedig macht Hunger. Vor uns liegt ein hübsches Lokal. Die roten Tischdecken, mit den weißen Servietten sehen einladend aus. „Warte erst einmal, „ meint Herrmann, als Vater schon auf der Terrasse Platz nehmen will.“Wir gehen gerademal in die Metzgerei.“ „In die Metzgerei?“ Fragt Vater, „ Was willst Du dort kaufen?“ „Schinkenbrötchen, mein Lieber. Du glaubst doch nicht, dass ich hier in dieser Touristenstadt etwas in einem Lokal esse. Ich weiß doch gar nicht, was ich bekomme. Du kannst das ja machen.“ Vater zuckt die Achseln schnappt die Mutter und mich und lässt sich häuslich auf der Terrasse nieder.  Mutter und ich bestellen Schnitzel Milanese, Vater ein Gericht ohne Tomatensoße. Dazu gibt es Wasser, was bei der Sommerhitze am besten schmeckt.  Es dauert nicht lange, da kommt Herrmann mit Familie, beladen mit einer großen Tüte, zu uns an den Tisch. Geräuschvoll nehmen sie Platz und Herrmann winkt nach dem Ober. Mutter bleibt der Bissen im Halse stecken. Herrmann bestellt doch tatsächlich drei Wasser und drei Teller mit Besteck. Der Ober bringt das Gewünschte und unsere Reisebegleiter packen ihre Tüte aus. Anni bereitet Schinkenbrötchen zu. Ein Blick auf Mutters und mein verdutztes Gesicht lässt sie erstaunt die Frage stellen:“ Ich glaube, die genieren sich, hier ein Brötchen zu essen?“ Ja, das tun wir, wir genieren uns. Der Ober verzieht keine Mine und denkt sich seinen Teil. Herrmann nimmt mir die Gabel aus der Hand und zieht meinen Teller zu sich heran. „Ich will doch mal sehen, was da unter der Soße ist, ob das auch wirklich Schnitzelfleisch ist.“ Ehe ich mich versah seziert Herrmann mein Mittagessen. Mit skeptischem Gesichtsausdruck schiebt er mir dann den Teller wieder hin und meint „guten Appetit!“. Ich bin eigentlich nun satt. Es schmeckt mir nicht mehr. Ich schiebe die Stücke auf dem Teller hin und her. Herrmann hat noch Brötchen übrig, die Anni nach dem  Essen auf dem Markusplatz an die Tauben verfüttert. Herrmann macht von dieser Aktion mehrere Fotos.

 

Als wir abends mit dem Schiffchen wieder nach Lido di Jessolo zurückfahren, steht für uns fest: Venedig bei Nacht! Das müssen wir auch noch sehen. Morgen will Herrmann aber ausruhen. Einen Badetag einlegen. Übermorgen Abend allerdings, da ließ e er sich überreden. Ich kann es gar nicht abwarten, bis es soweit ist.

 

War Venedig tagsüber schon sehr schön, so ist es am Abend  überwältigend. Der Markus Platz erstrahlt in einem rosa Licht. Geigenspieler stehen in den Straßen- Cafés und spielen schöne, einschmeichelnde Melodien. Alles wirkt wie verzaubert. Mein fünfzehnjähriges Herz steht für diese Stadt in Flammen und romantische Bilder steigen in der Fantasie empor. Ich bin älter und wunderschön. Ich trag einen Traum von Kleid und an meiner Seite geht  ein Bild von Mann: Groß, stattlich, elegant, gut aussehend, gebildet reich und sehr männlich!!! Mit diesem Wunder von Mann laufe ich durch die Straßen und Gassen von Venedig, Hand in Hand gehen wir über die vielen Brücken und fahren mit der Gondel über den Kanal de Grande. Mandolinen und Mondschein! Vielleicht erfüllt sich ja einmal, in einigen Jahren dieser Traum für mich.  Vergessen werde ich jedenfalls Venedig bei Nacht niemals.

 

Wir verleben noch ein paar  erholsame Tage am Strand und fahren auch noch einmal nach Venedig, wo Herrmann Mitbringsel einkauft. Bunte Aschenbecher aus Muranoglas, Blumenvasen  und Kerzenständer, auch aus demselben Material  und eine beleuchtete, kleine Gondel, die auf dem Fernsehapparat der Schwiegereltern ihren Platz finden soll. Mutter kauft für sich, für Vater und mich hübsche Sandalen. „So was Schönes findet man in Deutschland nicht,“ meint sie. Ansonsten wird tagsüber gebadet. Am Abend gehen Hellmuth und ich ins Freilichtkino, das genau neben dem Bungalow Dorf zu finden ist. Wir sitzen auf einfachen Holzbänken und schauen Edgar Wallace Kriminalfilme an. Jeden Abend einen anderen. Spannend, spannend. Einmal geht auch mein Vater mit.  Mutter will nicht, sie spielt lieber mit Anni eine Runde  Romme´. Herrmann findet man „im deutschen Eck“ im Bungalow Dorf. Dort ist er Mittelpunkt und das gefällt ihm.

 

Dann heißt es wieder unsere sieben Sachen zusammen packen. Weiter geht unsere Italienreise. Von der Adria zur Riviera. In Genua sehen wir uns den Hafen an, den Herrmann als laut und schmutzig empfindet. Alassio gefällt ihm da schon besser.  Unser Quartier beziehen wir dieses Mal in Diana Marino, einem ruhigen, kleinen Ferienort. Die Landschaft an der Riviera ist sehr, sehr schön. Weiße Felsen, bunte Sträucher und Blumen und blaues Meer. Welch ein Farbenspiel! Das Auge kann sich kaum satt sehen. Abends fahren wir nach Alassio, wo Herrmann zu seiner großen Freude einen deutschen Biergarten vorfindet.  Hier wird echtes Münchner Bier ausgeschenkt. Brezel und Radi sind auch zu haben. Haste Du nicht gesehen hat er Platz genommen und uns bleibt nichts anderes übrig, als es ihm gleich zu tun. Mutter kritisiert, dass sie nicht nach Italien gereist ist, um dann in einem deutschen Biergarten zu landen. Herrmann winkt ab. Er ist froh, etwas Deutsches zwischen den Zähnen zu haben. Dabei hat er sich doch in der meisten Zeit selber versorgt. Dosen von Gulasch sind warm gemacht worden. Kaltschalen wurden angerührt und die Dosen Kalbsleberwurst und Presskopf, die verzehrt worden sind, waren auch nicht wenig.  Alassio hat seinen eigenen Reiz. Kleine verwinkelte Gässchen, originelle Osterias  und viele, viele Touristen.

 

Die Riviera hat keinen Sandstrand, wie wir es von der Adria her gewöhnt waren. Hier ist alles felsig. Mutter zieht es vor, hier überhaupt nicht ins Wasser zu gehen. Wir anderen klettern über die Felsen und gelangen so ins Meer.  Eine Fahrt mit der  Pferdekutsche am Nachmittag macht auch Spaß. Auch Herrmann ist mit von der Partie. Eine Nacht in San Remo wird uns genauso in guter Erinnerung bleiben, wie die in Venedig. Überall ein Duft von Blumen!  Dann heißt es, sich so ganz langsam in Richtig Heimat in Bewegung zu setzen. Was sind schon drei Wochen Urlaub, wenn es so viel zu sehen und zu staunen gibt?

Am späten Vormittag verlassen wir Diano Marina und fahren nach Monte Carlo. Donnerwetter, hier ist es aber mondän! Ellenbogenreiben mit der Prominenz nennt Herrmann diesen Aufenthalt in dem schönen Fleckchen Erde. Ja, ja, Geld müsste man haben. Viel Geld! Na ja, wir wollen nicht unzufrieden sein und jeder Stand hat seine Bürde. Es wird Zeit, etwas zu sich zu nehmen. „Bitte, hier nur einen Imbiss“ meint Herrmann. „ Hier werden die Preise gepfeffert sein.“ Dass er hier in diesem Ort der reichen Leute seinen Campingkocher nicht auspacken kann, hat er schon gemerkt.  Wir finden ein unauffälliges Lokal und fragen den vor der Tür stehenden Kellner, ob wir einen kleinen Imbiss bekommen könnten. Er ist sehr beflissen und klatscht in die Hände!  Sofort erscheinen drei Gehilfen. Sie bringen einen Tisch nach draußen, decken weiß ein,  bringen  einen Brotkorb herbei, stellen Gläser, Teller und Bestecke bereit. Ganz toll, machen sie das. Wir nehmen begeistert Platz. Das Brot duftet köstlich.  Es folgen Wasser, Wein, eine große Schüssel mit Himbeeren, Butter und  eine Platte mit kalten, gekochten Hühnern. Uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Niemand denkt mehr daran, was das wohl kosten solle. Alle langen tüchtig zu. Am Ende wird uns die Rechnung präsentiert. Jede Familie hat für 60,00 DM (was zu dieser Zeit sehr viel Geld war) einen kleinen Imbiss zu sich genommen. Herrmann fängt an zu lachen. Er lacht aus vollem Halse, die Tränen laufen ihm die Wangen hinunter. „ Das ist gut,“ japst er zwischen den Lachern. „Ein kleiner, feiner Imbiss, aber ich bereue nichts. Es war sein Geld wert. Einen Imbiss in Monte Carlo! Unvergessen wird er mir bleiben.“ Wir alle fangen auch an zu lachen. Sein Lachen ist ansteckend. Es befreit. Es hat super gut geschmeckt und die Reisekasse erlaubt uns diese Extravaganz noch. Also, was soll es? Gut war es.

 

Wir fahren heute noch ein gutes Stück in Richtung Heimat. Wir landen am Genfer See. In Montreux.  Trotz Herrmanns Vorschlag, bei einem Bauern zu übernachten, suchen wir eine Pension am Seeufer. Eine freundliche, alte Dame nimmt uns auf. Ja sie hat noch genügend Zimmer frei, auch wenn es nur für eine Nach ist. Ob wir mit zu Abend essen wollen. Die Pensionsgäste bekommen heute eine hausgemachte Kartoffelsuppe mit frisch gebackenem Brot. Meine Eltern stimmen begeistert zu. Herrmann meint eher nein. Sie hätten noch Brötchen und Schinken. Sie speisen auf dem Zimmer.

Abends sitzen wir im Speisesaal: Die Mutter, der Vater und ich. Wir nehmen an einer langen Tafel Platz, wo noch mehr Gäste auf die Kartoffelsuppe warten. Die Bedienung bringt mehrere große Suppenterrinen herein. Jeder darf  essen, so viel er mag. Ein großer Brotkorb steht auch bereit. Die Suppe schmeckt mir sehr gut. Eine so gute Kartoffelsuppe konnte nur meine Tante Marie, die  im Spessart lebt, kochen. Diese hier ist  der ihren ebenbürtig. Ich lange tüchtig zu. Auf einmal gibt es einen lauten Knall!! Der ganze Saal sitzt plötzlich im Dunkeln. Mutter, den Kopf noch über ihrem Teller gebeugt flüstert uns zu:“ Das war der Herrmann!“ „Das war der Herrmann“, antwortet mein Vater und ich muss kichern. Kurze Zeit darauf geht das Licht wieder an.  Ein paar Minuten, nach dem  es wieder hell wurde, kommt Herrmann, nebst Anni und Hellmuth mit verlegenem Grinsen zur Tür herein. Sie sehen, dass an unserem Tisch noch drei Plätze frei sind und nehmen neben uns Platz. Herrmann flüstert leise:“ die Sicherung hat nicht standgehalten. Als ich meinen Wasserkocher anschaltete, um Tee fürs Abendessen zu kochen, flog sie raus. Stockfinster ist es gewesen.“ „Das haben wir gemerkt,“ antwortete Vater.“ Wir saßen auch im Dunkeln. „ Artig bestellt Herrmann  für sich und die Seinen  eine Terrine mit Kartoffelsuppe, und meint später, dass er etwas versäumt hätte, wenn er diese nicht probiert hätte. Die Brötchen will er später essen.  Er nimmt dann noch einen Krug Bier für Anni und sich und eine Limo für Hellmuth mit aufs Zimmer, damit die Brötchen nicht so trocken schmecken ( was sie bestimmt schon sind. Er hat sie morgens zubereitet). Die Eltern und ich gehen noch ein Stück am Seeufer spazieren, ehe wir uns zum Schlafen hinlegen. Die letzte Nacht in einem fremden Bett. Morgen schlafen wir schon wieder zuhause. Ein wunderschöner Urlaub liegt hinter uns. Viel gelacht haben wir, jede Menge Spaß hat es gemacht, mit Herrmann, Anni und Hellmuth  unterwegs zu sein.

 

Auf einmal reden wir nur noch von zuhause. Wir spüren eine innere  Unruhe. Es zieht uns mit Gewalt ins heimatliche Frankfurt zurück.  So schnell hatten wir anderntags noch nie gepackt und gefrühstückt. Es geht nach Hause! Wir freuen uns auf die Großeltern, die Freunde und Nachbarn. Was werden wir nicht alles erzählen: vom Tegernsee, von Meran, vom Lago Maggiore, von Venedig, Alassio, Monte Carlo und least not last Montreux, wo Herrmann die Pension ins Dunkel setzte. Die Ortschaften fliegen nur so an uns vorbei. Diesmal geht Herrmann auch anstandslos   mit ins Rasthaus  und es schmeckt ihm sogar.

Ein paar Stunden später sehen wir ihn dann wieder: „Den guten, alten Henninger Turm“ der uns Italienreisende von Ferne begrüßt! Jetzt wissen wir, wir haben es geschafft. Frankfurt hat uns wieder. Alle sechs sind heil und gesund wieder gelandet.  Noch einmal kurz einen Rastplatz angefahren und Hände schütteln! „Schön war es mit Euch. Wir sehen uns zum Bilder angucken!“ Nächstes Jahr reisen wir wieder zusammen. Ja, nächstes Jahr um die gleiche Zeit, wird es neue Ferien geben. Ferien mit Herrmann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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