Torsten Jäger

Urlaub auf dem Mond

 

An Unwirklichkeit war diese Landschaft nicht zu überbieten. Wo noch kurz zuvor moosgrüne Felsen die Landschaft bedeckten, erhoben sich nun kleinere und größere Felsbrocken aus einem grauen Meer basaltartigem Untergrund. Hier hätte man mit Leichtigkeit jeden Sciencefiction-Film drehen können, der auf dem Mond oder einem anderen kahlen und fernen Himmelskörper spielte.

Die Straße wurde noch holpriger, als sie ohnehin schon in diesen Breiten waren und schlängelte sich mitten durch dieses Felsenland.

Die Reiseinformation in meinen Händen sagte, dass sich ausgerechnet hier ein beinahe paradiesisches und millionenfach belebtes Fleckchen Erde verbarg. - Unglaublich!

Hafnaberg - stand auf dem Schild geschrieben, das am Straßenrand zu einem kleinen Parkplatz wies. Hier sollte sich also jene Lebenswiege befinden?

Ich stieg aus dem Fahrzeug und trat zu einem Wegweiser, der in eine Richtung wies, in der den Besucher eine Art von Geröllwüste erwartete. Und hier sollte ich richtig sein?

Nun gut - der schwarzsandige schmale Pfad, der sich durch die Steinwüste schlängelte, wirkte zumindest ein wenig einladend, führte er doch durch eine ansonsten mit Felsbrocken und Steinen übersäte und damit nur schwer begehbare Fläche. Und auch die Landschaft hatte - trotz ihrer augenscheinlichen Lebensfeindlichkeit - ihren gewissen Charme.

Ich lief ein Stück weit hinein, folgte dem Weg - und stellte bald fest, dass das Wörtchen „Charme“ nicht der rechte Ausdruck war. Die Landschaft wirkte tatsächlich sogar anziehend. - Auf ihre ganz besondere Weise.

Der Sand unter meinen Füßen verursachte nur schwach hörbares Rieseln und die Stille rundherum war - zunächst etwas erdrückend - nun beglückend. Kein Vogel rief, kein Flugzeug summte, kein Auto brummte. Auch Wind herrschte hier seltsamerweise nicht und es war - trotz den niedrigen Werten von 6°C - hier überraschend mild.

Ich war keine fünf Minuten gelaufen und meine Augen erhaschten einen Blick auf den ersten trotzigen Bewohner dieser Wüste. - Ein rotes Kraut, sukkulent wirkend, reckte igelstachelartig seine Triebe empor und es wirkte beinahe grotesk, wie es da stand - inmitten der offenbaren Unlebendigkeit.

Meine Füße folgten weiter dem Weg und meine Blicke er scheinenden Unendlichkeit jener scheinbaren steinig-sandigen Einöde.

Alle paar Meter befanden sich nach oben hin spitz zulaufende Steinhaufen - Trollburgen, wie ich später erfuhr. Jedem Besucher war angeraten, eine solche kleine Burg zu bauen. Tat er es nicht, würde ihm dies das Volk der Trolle äußerst übel nehmen, ihm Steine in den Weg legen und ihn zum Stolpern bringen. - Und tatsächlich strauchelte ich mehrfach beim Gang durch den Sand. Wo niemand ein Stein vermutet hätte, lag er plötzlich unter dem steinigen Mehl und ließ den Geher wanken.

Nach weiteren Metern spürte ich, dass es auch mehr war, als bloße Anziehung. Dieser Landschaft wohnte ein Zauber inne und ich - der eigentlich nicht abergläubig ist - entschloss mich dazu, den Trollen eine kleine Burg zu bauen. Sicherlich hätte darin nur ein einziger jener Art Platz, aber sicherlich gab es auch Singles oder gar Einsiedler unter diesen Wesen…

Zwischen Trollburgen, roten Igelstachelpflanzen, Sand und Felsen, gesellte sich auch ab und an ein kleines Büschel Moos in die Landschaft. Ein paar gelbe Flechten wuchsen auf grauen, noch nicht lange erkalteten Lava-Formationen und eben jene hielten - als sei die Zeit schlagartig angehalten worden - den ursprünglichen Fluss des glühend heißen Gesteines für den Betrachter Bereit. - Steinflüsse, die verblüffende Muster, Kreise und Wellen für die Ewigkeit gebannt hatten.

Stapf - Stapf - Stapf…

Der Weg führte mich weiter und immer weiter. In der Ferne ruhte der Horizont in tiefem Blau auf der stillen schwarzgrauen Ebene, durchsetzt von wenigen weißen Fetzen weichender Regenstadt.

Wann würde jene Lebensoase auftauchen, wann die Millionenstadt inmitten des Felsensandlandes erscheinen? - Oder besser am Rande dieses Landes…

Allmählich - ich glaubte schon nicht mehr daran - mischte sich in der Ferne das helle Himmelblau mit dem dunklen des Meeres und gab so dem Zauber des Landes eine weitere Steigerung.

Unglaublich, dass ich hinter dieser Wüste wahrlich eine Oase des Lebens auftat. - Die blaue Oase des Nordatlantiks mit dem Golfstrom, den gewaltigen Fischschwärmen, den Schulen aus Schweinswalen und den Verbänden der Buckelwale.

Aber dies sollte nicht die Stadt sein, die mich erwartete. Sie hatte vielmehr ihren Platz inmitten der Felsenklippe, die sich in über dreißig Metern von der Wüste ins Meer erbaute.

Imposant! - Kolossal! - Überwältigend! - Kein Ausdruck wird dem Gefühl gerecht, welches mich beim Anblick jener gewaltigen Kolonie des Lebens überkam.

Momentan nur einige tausend Wesen - bald jedoch Millionen - würden hier weitere Lebendigkeit schaffen.

Möwen unterschiedlicher Art, zwei Seehunde auf Tauchgang, Seeschwalben und allerlei weitere gefiederte Wesen waren das Empfangskomitee.

Ein Lebensraum - ein Lebenstraum im Südwesten von Island!

Erfüllt von Ehrfurcht zog ich wieder von Dannen, zurück und zurück durch die Wüste…

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Unser aller Erbe: Kriminalroman von Torsten Jäger



Seinen wohlverdienten Urlaub hat sich Kommissar Heinz Kelchbrunner anders vorgestellt: Erst stößt er beim Graben in seinem Garten auf menschliche Gebeine, dann beschäftigt ihn ein weitaus aktuellerer Todesfall in seiner freien Zeit: Anna Einarsdóttír wird beim Spaziergang von einem Ast erschlagen – und das ist, wie sich herausstellt, nicht dem stürmischen Wetter geschuldet. Kelchbrunner und seine Kollegin Katharina Juvanic nehmen die Ermittlungen auf. Die Spur führt schließlich nach Island, die Heimat der Toten, und zum geplanten Bau eines Staudammes, der eine wertvolle Naturfläche akut gefährdet. Dass Kelchbrunner von oberster Stelle dorthin beordert wird, um weitere Nachforschungen anzustellen, kommt dem umweltbewussten Kommissar gerade recht. Vielleicht gelingt es ihm, nicht nur Licht ins Dunkel zu bringen, sondern gleichzeitig seine eigenen Schlafstörungen und einen schmerzhaften Verlust zu überwinden. Kaum in Island angekommen, muss er sich jedoch gleich mit störrischen Behörden und verstockten bis feindseligen Einheimischen auseinandersetzen. Es scheint, als sei niemandem hier an der Auflösung des Falles gelegen …

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