Sabine Gabriel

Der gutmütige König und die unerfahrene Prinzessin

Es war einmal ein gutmütiger König in einem wunderschönen Land fernab von jeglicher weiterer Zivilisation. Wegen dieser solitären Lage und seiner grenzenlosen Gutmütigkeit versäumte es der gutmütige König, sein Land mit festen Grenzen zu versehen. Und so kam, was eines Tages kommen musste: eine unerfahrene Prinzessin gründete in der Nachbarschaft ein neues Reich, das sich schnell ausdehnte und überall da Halt machte, wo es auf eine Grenze stieß. Aber in Richtung ihres Nachbarn, unserem gutmütigen König, fand sie keinen Widerstand, der eine Grenze anzeigen könnte, und so geschah es, dass sie innerhalb kürzester Zeit das ganze Land des gutmütigen Königs besetzte.

 

Der gutmütige König wollte keinen Krieg auf seinem lande, und so ließ er die unerfahrene Prinzessin gewähren in der Hoffnung, sie möge bald an Erfahrung gewinnen und somit freiwillig das Land wieder verlassen.

 

Nun hatte aber der gutmütige König selber keine so klaren Vorstellungen, wo genau denn nun die Grenze zwischen den beiden Ländern verlaufen könnte, und so spazierte und hantierte er genauso im Land der unerfahrenen Prinzessin herum wie es diese in dem seinen tat. Einen krieg anfangen, um die unerfahrene Prinzessin hinauszuwerfen, mochte unser gutmütiger König ja nicht, also beschloss er, in seiner Hauptstadt einen steinernen Turm zu errichten, der bis in die Wolken reichte, und sich in diesen für die unerfahrene Prinzessin unerreichbar zu machen. Dies hier war jetzt sein Reich, und niemandem würde er jemals Zugang zu diesem kleinen reich gewähren, das nun noch von seinem ehedem so großen Reich übrig war. So sehr die unerfahrene Prinzessin auch an der Tür des steinernen Turmes rüttelte und schüttelte, er gab nicht nach, und der gutmütige König öffnete die Türe nicht einen einzigen winzigen Spalt. Nachdem sie nun schon sein ganzes Reich usurpiert und unter Kontrolle hatte, würde er ihr von sich nicht auch nur das geringste Bisschen noch gewähren!

 

Nun wurde die unerfahrene Prinzessin sehr einsam und traurig. Das sah der gutmütige König von seinem steinernen Turme aus, und so kletterte er hinab, um der unerfahrenen Prinzessin eine kleine Freude zu machen,d amit sie wieder lachen und fröhlich sein würde. Er begleitete sie in die Hauptstadt ihres Landes und baute ihr das wunderschönste Wolkenkuckucksheim, das man sich vorstellen konnte. Und wie die Augen der unerfahrenen Prinzessin strahlten, als sie dieses wunderschöne Wolkenkuckucksheim sah! Behende kletterte sie hinein, und schon hob es ab und flog bis in die Wolken. Die unerfahrene Prinzessin freute sich ob des schönen Geschenks und war dem gutmütigen König unendlich dankbar dafür, dass er sie endlich erhört hatte und ihr so ein wunderschönes Geschenk gebaut hatte.

 

Als die unerfahrene Prinzessin nun hoch droben in den Wolken auf ihrem wunderschönen Wolkenkuckucksheim hing, atmete der gutmütige König erst einmal auf. Endlich war er wieder frei und konnte in seinem lande wieder als freier Mann lustwandeln! Alles war wieder seins! Gleichzeitig stellte er fest, dass die unerfahrene Prinzessin, die nun hoch droben über den Wolken in ihrem Wolkenkuckucksheim saß, die Geschäfte ihres Landes nicht mehr ausüben konnte. Also begab sich der gutmütige König murrend und zähneknirschend daran, auch im Lande der unerfahrenen Prinzessin die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, wofür ihm die unerfahrene Prinzessin sehr dankbar war, hatte sie selber doch lange nicht so viel Erfahrung darin wie der gutmütige König, der ja schon so viel länger ein eigenes Königreich regierte.

 

Nachdem die unerfahrene Prinzessin nun also eine lange Weile die Langeweile in ihrem wunderschönen Wolkenkuckucksheim fernab der Erde und jeglicher Realität genossen hatte, fühlte sie sich ein wenig einsam so alleine dort oben und wollte wieder hinunter zu dem gutmütigen König. Der aber dachte gar nicht daran, die unerfahrene Prinzessin wieder herunter zu lassen – wie denn auch? Das Wolkenkuckucksheim schwebte eben einfach dort oben über den Wolken, und die kleine Besatzerin seines Landes war nun quasi seine Gefangene dort oben in den Wolken, während er sich in den beiden Ländern, die nun quasi eins waren, frei bewegen konnte. Vor niemandem musste er mehr in seinen steinernen Turm fliehen, dem Gefängnis, das er sich gebaut hatte, um wieder wenigstens ein kleines Stück Freiheit für sich zurück zu gewinnen.

 

Nun konnte sich der gutmütige König zwar wieder frei in diesem beiden Ländern bewegen, die quasi wie ein siamesischer Zwilling zu einem einzigen Land mit zwei Hauptstädten zusammen gewachsen waren, aber wirklich frei war er dennoch nicht, da er ja nun die Regierungsgeschäfte für zwei Länder übernehmen musste.

 

Eines Tages geschah es dann: das Wolkenkuckucksheim der unerfahrenen Prinzessin verfing sich im Geäst eines Baumes und kam nicht mehr weiter. Flink wie ein Wiesel kletterte die unerfahrene Prinzessin den Baumstamm hinunter und stürzte sich voller Freude, ihrer Einsamkeit da oben entronnen zu sein, dem gutmütigen König in die Arme – beinahe … denn dieser sah sie schon von weitem angelaufen kommen und flüchtete schnell in seinen steinernen Turm – und die unerfahrene Prinzessin blieb alleine zurück. Wild entschlossen nahm sie nun ihr Land wieder in Besitz, beide Teile, und wieder musste der gutmütige König damit leben, dass ihm gar nichts mehr gehörte und alles ihres war, während er dennoch die Regierungsgeschäfte für beide Reiche übernehmen musste, da die unerfahrene Prinzessin dieses Arrangement als sehr angenehm empfand und sie nun den ganzen tag Zeit hatte, zu tun und zu lassen, was und wie es ihr beliebte und den gutmütigen König zu immer neuen Arbeiten zu verpflichten, damit dieser keine Gelegenheit mehr hatte, vor ihr in den steinernen Turm zu flüchten. Nie wieder wollte sie so alleine sein wie während der langen Zeit in dem schönen Wolkenkuckucksheim weit oben über der Erde tief in den Wolken.

 

So gingen die Jahre dahin, und während der gutmütige König arbeitete, genoss die unerfahrene Prinzessin seine Gegenwart, und wenn der gutmütige König sich zum Schlafen und Ruhen in seinen steinernen Turm zurück zog, begab sich auch die unerfahrene Prinzessin zurück auf den Baum in ihr immer noch wunderschönes Wolkenkuckucksheim, für das sie dem gutmütigen König nun wieder außerordentlich dankbar war. Beide hatten sich mit dieser für beide unbefriedigenden Situation arrangiert, so gut sie es konnten, keiner war richtig glücklich aber auch keiner richtig unglücklich. Der gutmütige König trug eine schwere Bürde und dachte vor lauter Arbeit gar nicht mehr daran, dass sein Leben je ein anderes sein könnte als diese hier, vergaß auch, dass die unerfahrene Prinzessin vielleicht einmal freiwillig sein land räumen würde, wenn sie selber Erfahrung gesammelt hatte. Wie denn auch?

 

Eines Tages kam ein Weiser in das Land, das mit seinen beiden Hauptstädten wie ein siamesischer Zwilling wirkte, und wunderte sich sehr darüber. Als erstes traf er den gutmütigen König, als er bei der Arbeit war. Dieser zeigte dem Weisen stolz sein eigenes Reich, den steinernen Turm in seiner Hauptstadt. Der Weise wunderte sich noch mehr, dass solch ein kleiner Turm in diesem riesigen land das Reich des gutmütigen Königs sein sollte.

 

„Wem gehört denn dann das riesige Land um Deinen steinernen Turm herum?“ fragte neugierig der Weise den gutmütigen König.

 

„Das alles gehört der unerfahrenen Prinzessin, die vor vielen, vielen Jahren mal mein Reich besetzt hat und mich mit den Geschäften aller beiden Reiche betraut hat,“ antwortete der gutmütige König, als wenn dies das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.

 

Der weise wunderte sich immer mehr. Solch ein schönes Land! Und viel zu viel Arbeit für nur eine Person!

 

Nun wurde der Weise aber neugierig auf die unerfahrene Prinzessin, die es trotz ihrer Unerfahrenheit geschafft hatte, ein ganzes Königreich ohne Gegenwehr zu besetzen. Also besuchte er die unerfahrene Prinzessin, die er bbeim gemütlichen schlendern durch die gemeinsamen Länder fand. Stolz führte sie ihn zu ihrem wunderschönen Wolkenkuckucksheim, das der gutmütige König ihr vor vielen Jahren einmal gebaut hatte.

 

Der Weise wunderte sich noch mehr. Die unerfahrene Prinzessin war kein Kind mehr, eine junge Frau stand vor ihm, die längst hätte Königin sein können. Und was machte sie? Sie spielte immer noch herum wie ein kleines Kind. Der Weise spürte ihre grenzenlose Traurigkeit und Einsamkeit und fragte sie nach dem Grund für ihre Trauer, hatte sie doch alles, was sie wollte.

 

Die unerfahrene Prinzessin schluchzte und erzählte ihm, wie einsam sie sei mit dem gutmütigen König, der zwar alles für sie täte aber immer vor ihr in den steinernen Turm fliehen würde, so dass sie in ihm nie einen wirklichen Gefährten hatte.

 

Der Weise nahm die unerfahrene Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr zum gutmütigen König, den sie wieder fix und fertig bei der Arbeit antrafen. Erschrocken blickte er auf, als er den Weise mit der unerfahrenen Prinzessin auf einmal vor sich stehen sah, und wollte schon aufspringen und wegrennen – doch der Weise hielt ihn fest und bedeutete ihm, sich wieder zu setzen.

 

Auf die frage, warum er denn immer vor der unerfahrenen Prinzessin davon laufen würde, antwortete er: „Sie hat mein Land besetzt, hat mir alles genommen, was einst mein war, und nun mache ich alle die Arbeit für zwei. Ich bin abends einfach müde und kaputt und möchte nur noch meine Ruhe haben.“

 

Das konnte der Weise sehr gut verstehen.

 

Und auf die Frage, warum er denn die Arbeit für beide machen würde, antwortete der gutmütige König: „ Sie ist doch noch so jung und unerfahren, sie kann das doch noch gar nicht so gut wie ich, da geht es doch einfach schneller, wenn ich das alles selber mache.“

 

Auch das konnte der Weise gut verstehen.

 

Nun wandte sich der Weise der unerfahrenen Prinzessin zu und fragte sie, warum sie das Reich des gutmütigen Königs besetzt hatte.

 

„Habe ich das?“ fragte die unerfahrene Prinzessin mit unschuldigem Augenaufschlag. „Ich habe keine Grenze gespürt“, sprach sie weiter. „Wo fing denn das Reich des gutmütigen Königs an? Und wo hörte es auf?“ fragte sie ratlos.“ Ich habe mein Reich in alle Richtungen ausgedehnt, und da, wo ich eine Grenze spürte, habe ich aufgehört. Aber in Richtung des gutmütigen Königs gab es nichts, was mir als eine Grenze aufgefallen wäre. Im Gegenteil: ich habe mich gefragt, was dieser landlose König hier in meinem Reich tut und habe mich gefreut, dass ich Gesellschaft hatte und jemanden, der mir meine Arbeit abnahm. Ich war sehr traurig, als der gutmütige König auf einmal mitten in meinem Reich anfing, sich diesen steinernen Turm zu bauen und diesen als sein Reich bezeichnete, in das er sich immer mehr bis zur Unerreichbarkeit zurück gezogen hatte – und dabei war er doch immer so lieb und so gut zu mir, hat mir sogar dieses wunderschöne Wolkenkuckucksheim gebaut.

 

„Du wusstest also gar nicht, dass Du das Reich des gutmütigen Königs besetzt hattest?“ fragte der Weise ganz erstaunt die unerfahrene Prinzessin.

 

„Nein, woher sollte ich das denn wissen, wenn es keine Grenze gab?“ fragte die unerfahrene Prinzessin ganz erstaunt zurück.

 

„Und es gab auch sonst keine Anzeichen, dass diese land bereits dem gutmütigen könig gehörte?“ fragte der Weise die unerfahrene Prinzessin weiter.

 

„Nein“, antworte sie spontan – und dann – langsamer: „Ja, vielleicht gab es da doch das Eine oder Andere – aber das war am nächsten Tage immer wieder verschwunden, so dass ich gedacht hatte, ich hätte mir das nur eingebildet – und so zog ich weiter und freute mich über diese wunderschöne Land, in dem ich dem armen heimatlosen Mann, den ich dort traf, ein Zuhause geben konnte.“

 

Der Weise verwunderte sich immer mehr und mehr über diesen Wirrwarr von Missverständnissen und Unausgesprochenem.

 

Auf die Frage des Weisen, warum er denn der unerfahrenen Prinzessin nie gesagt oder sonst wie deutlich gemacht hätte, dass sie sich auf seinem lande befinden würde, antworte der gutmütige König schlicht: „Ich wollte keinen Krieg.“

 

Das konnte der Weise gut verstehen.

 

Und so trug er dem gutmütigen König und der unerfahrenen Prinzessin auf, sich auf eine Grenze zwischen ihren beiden Reichen zu einigen und diese Grenze nie wieder ungefragt und ohne ausdrückliche Einladung des anderen zu übertreten.

 

Nachdem ja nun alle Missverständnisse beseitigt waren, taten der gutmütige König und die unerfahrene Prinzessin wie ihnen geheißen – und bereuten es nicht. Nachdem nun jeder wieder in seinem eigenen Reich lebte und regierte, war der steinerne Turm nicht mehr nötig und zerfiel, denn nun hatte der gutmütige König wieder sein ganzes Königreich zur Verfügung und musste sich nicht mehr mit einem kleinen steinernen Turm als seinem eigenen Reich zufrieden geben.

 

Die unerfahrene Prinzessin musste nun ihre Regierungsgeschäfte selber führen und hatte so keine Zeit mehr für ihr wunderschönes Wolkenkuckucksheim, so dass dieses oben in den Wipfeln des Baumes immer mehr verfiel, bis nichts mehr davon übrig war.

 

Im Laufe der Jahre wurde aus der unerfahrenen Prinzessin eine weise Königin, und aus dem gutmütigen König wurde im laufe der Jahre ein weiser und gütiger König, der nie wieder vergaß, die Grenzen seines Landes deutlich zu markieren und der sich hinfort gut überlegte, wem er Einlass in sein blühendes Reich gewähren wollte.

 

So lebten sie nun hinfort in Liebe, Frieden und Wahrhaftigkeit miteinander und doch jeder im eigenen Reich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann könnt Ihr sies auch heute noch dort besuchen – vorausgesetzt, sie lassen Euch ein.

 

Alles Liebe von Sabine J

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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