Olga Walter

Reise nach Rußland. Woche Nummer zwei: matschig und warm.

 

Unser Urlaub tretete in seine zweite Hälfte über. Wir bekamen langsam Heimweh und meine Schwiegereltern waren schon sichtbar müde von dem ungewohnten Tagesverlauf. Andererseits … wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Das machte uns alle ein wenig traurig. Also machten wir aus den letzten Tagen einfach etwas Schönes.

Das Wetter änderte sich schlagartig. Bis Mitte der Woche war es noch kalt, dann aber brach der Frühling aus. Die Kinder versuchten noch das Beste daraus zu machen, allerdings taute es sehr schnell. Die Schneemänner waren über Nacht verschwunden, der inzwischen lieb gewonnener Tübing wurde unmöglich. Und noch schlimmer: Mit der Wärme wurden die Straßen praktisch unpassierbar. Wahre Reißströmungen sausten über alle Wege, der Hof verwandelte sich in einen riesigen Teich mit einer dünnen Schicht Eis darauf und alle bekannten Pfade waren binnen zwei Tagen versunken. Wir saßen zu Hause wie in der Falle und hatten nur den Fernseher, DVD-Player und Gesellschaftsspiele zur Unterhaltung.

Was mich noch bestürzte, waren die Berge von Müll, die plötzlich unter dem Schnee hervortraten. Die früher makellos weiße Straße verwandelte sich in ein hässliches Bild voll von Chaos und Abfall. „Blüten“ nennt man das hier. Im Zentrum der Stadt arbeitete rege der Straßendienst, weiter zum Stadtrand aber beachtete keiner den Müll unter den Füßen.

In dieser etwas bedrückten Stimmung warteten wir den Freitagabend ab. Da sollten nämlich unsere Freunde kommen, um sich von uns zu verabschieden. Am Sonntagmorgen ging es dann für uns Richtung nach Hause.

Den ganzen Freitag haben wir mit den Vorbereitungen für den Besuch verbracht. Die berühmte russische Gastfreundschaft hat ihren Preis. Den ganzen Tag wurde aufgeräumt und gekocht. Auf dem Tisch sollte auch an nichts fehlen. Dann kam der Abend. Es wurde dunkel und wir schauten besorgt ab und zu aus dem Fenster. Ob unseren Freunden etwas zugestoßen war? Bei dem Straßenzustand wäre das gar nicht wunderlich. Zum Glück passierte das „Etwas“ direkt unter unseren Fenstern. Da war diese heikle Stelle auf dem Hofweg, die sogar im Sommer für Spannung unter den Autofahrern sorgte. Jetzt im Winter war es geradezu gefährlich da durchzufahren. Die Fahrer hatten aber keinen anderer Wahl. Das war eine scharfe Kurve, wobei die Straße steil runter, dann rechts und dann geradeaus ging.  Auf diese Weise entstand quasi ein Knick. In seinem tiefsten Punkt lag der Abflussgitter für Regenwasser. Da der Abflusskanal aber dauernd verstopft war, stand da permanent Wasser hoch. Im Sommer lag die größte Schwierigkeit daran, dass man beim Durchfahren möglichst keine Autoteile auf der Fahrbahn liegen lassen würde. Im Winter wurde die ganze Sache mit einer Schicht Schnee und Eis verdeckt, sodass die Fahrbahn einigermaßen „geglättet“ war. Im Frühling aber erlebt man bei der Durchfahrt jedes Mal eine Überraschung. Wasser? Eis? Wie tief? Wer weiß … Da unsere Freunde ein Allradfahrzeug haben, haben wir uns deswegen keine Sorgen gemacht. Dies sollte aber das erste Mal sein, wo ich erleben dürfte, dass auch grenzenlose technische Möglichkeiten ihre Grenzen hatten. Das Auto blieb genau an dieser Stelle stecken. Nach ein paar Minuten wurde uns klar, die kommen da nicht allein raus. Mein Mann und mein Schwiegervater zogen sich schnell an und eilten zur Hilfe. Meine Freundin mit ihrer Tochter kam zu Fuß zu uns und wurden prompt fast bis zu den Knien nass. Zum Glück waren wir schon darauf vorbereitet. Das Auto wurde aus dem Matsch herausbefördert und alle waren schnell umgezogen, warm eingepackt und an den buchstäblich zusammenbrechenden Tisch gesetzt. Das Essen stellte sich als ein mehrstündiger Job dar. Auf jeden Fall haben die Kinder bis zum Kuchen nicht geschafft. Sie schliefen kurz vor der Mitternacht ein. Die Eltern haben sich diskret zurückgezogen und wir blieben unter uns.

Es wurde gesprochen, gesungen und gelacht. Es war ein schöner Abend, oder besser gesagt, eine schöne Nacht. Die Uhr zeigte kurz nach drei als wir endlich ins Bett gegangen sind. Unsere Männer haben sich etwas bei dem Alkoholkonsum vertan und ließen sich nur schwer beruhigen. Wahrscheinlich haben sie sich so über das Wiedersehen gefreut, dass sie während dieser zwei Wochen die entgangene vierzehn Jahre nachholen wollten. Verständlich, aber folgenschwer. Das hatten sie am nächsten Morgen am eigenen Leib erfahren. Der sonnige Vormittag, der uns alle so freute, würden sie am liebsten unter einer Decke in einem dunklen Zimmer verbringen. Das Gefallen haben wir ihnen aber nicht getan: frische Luft kuriert jeden Kopfschmerzen, auch bei dem Kater.

Da wir auch in zwei Autos nicht gepasst hätten - die Cousine meines Mannes mit ihrer Tochter hat sich uns angeschlossen - haben wir uns für einen Busfahrt entschieden. Die plötzlich eingebrochene Wärme hat die Straßen zuerst in reißende Ströme, dann in matschige Sümpfe verwandelt. Die "Einheimische" schenkten dieser Tatsache keine besondere Achtung und wateten oder hüpften über die Pfützen und Matsch. Wir erinnerten uns langsam und schmerzlich an diesen ungewohten (oder abgewöhnten) Übungen und hüpften hinterher. Die Kinder waren über dieser Strassenzustand gleichermaßen entsetzt wie fasziniert. An der Haltestelle haben sie versucht,einem kleinen Bächlein zu folgen, waren aber prompt bis zu den Knöcheln im Matsch versunken und haben ihre Absichten aufgegeben.

Nach einem viertelstündigen Busfahrt sind wir im Stadtzentrum angekommen. Wir wollten einen Besichtigungsturm besuchen. Es wurde vor zwei Jahren als ein Museum der Stadt gebaut. Der Turm ist schmal gebaut, mit einer Wendetreppe und zwei Besichtigungsplattformen in zwei verschidenen Höhen. So wollte es der Zufall, dass der Turm 184m hoch ist, und genau 184 Stufen hat. Und er wurde in genau 184 Tagen errichtet. Die Besucher werden von einer netter Führerin begleitet, die die Geschichte der Stadt und des Turms erzählt. Auf der ersten Plattform befindet sich ein Fotostand, wo jeder Tag der Turmbau festgehalten wurde.  Auf der kleinenen Zwischenplattform ist ein winziger Souveniersladen eingebaut. Da haben wir für die Kinder wunderschöne bunte Stifte in Form einer Matrjoschka gekauft und ein Paar Schlüsselanhänger aus hiesigen Halbedelsteinen als ein Mitbringsel. Und ich habe mir ein wunderbares Buch mit alten Sagen gekauft. Aber am meisten haben mir die silbernen Glöckchen gefallen. Die hatten je nach der Größe alle anderen Ton und klangen so fein und zart. Ihre Oberfläche war mit der feinsten Gravour bedeckt. Leider waren sie auch teuer, sodass ich keinen kaufen konnte.

Auf der nächsten Plattform war ein kleines Museum: ein altes Esszimmer. Wir haben grade eine Schülerführung (die Schulen in Russland haben um diese Zeit keine Ferien) erwischt und dürften mithören. Es wurde über den Tischordnung und alte Traditionen erzählt.

Ganz oben befindet sich ein Plattform mit einer großen Glocke. Um da zu gelangen, mussten wir eine ziemlich steile Treppe erklimmen und in eine schmale Lücke oben im Dach steigen. Ich bin nicht schwindelfrei und habe mich immer weit von dem Gelände gehalten, was auf der kleinen Terasse kaum möglich war. Aber die Aussicht war atemberaubend. Die Stadt unten lag wie auf dem Teller. Um die Stadt herum standen die uralte Berge, wie grauhaarige alte Krieger. Leichter Dunst über den Bergen war mit Sonnenstrahlen durchgezogen und der restliche Schnee auf den Bergenspitzen glitzerte im Sonnenschein. Der Frühling war hoch oben noch nicht angekommen.

Man muss noch die Glocke extra erwähnen. Der Turm wurde gänzlich dank der Spenden der Stadteinwohner und der Baufirma, die diesen Auftrag ausgeführt hat, gebaut. Die Glocke wurde als ein Extraauftrag gefertigt. Ihre Oberfläche ist mit kunstvoller Gravur bedeckt, die meistens verschiedene orthodoxe Heiligen darstellt. Aber am Rande der Glocke sind alle Namen der Spender eingraviert. So wollte die Stadt sich an den Menschen bedanken. Man sagt, dass, wenn man die Glocke läutet und sich etwas wünscht, geht der Wunsch in Erfüllung. Es mag stimmen, aber keiner von uns wollte das testen. Eins kann ich sagen: wenn wir das gemacht hätten, bekämen wir von dem lauten Klang garantiert Kopfschmerzen, und das wünschte sich keiner.

An den Turm ist noch eine kleine Kirche angebaut. Eine orthodoxe Kirche darf eine Frau nur mit bedecktem Kopf betreten. Zum Glück hatte ich ein Halstuch dabei. Still betraten wir die Kirche. Sie war neu, in hellen Gold- und Holzfarben gehalten und mit schönen Ikonen ausgestattet. Die orthodoxen Kirchen haben mich schon immer fasziniert. In dem kleinen Raum mischte sich Sonnenschein mit Kerzenlicht und Wachsgeruch, was eine unverwechselbare ruhige und friedliche Atmosphäre schaffte.  Man fühlte sich wunderbar ruhig.  Wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich eine alte Tradition aufleben lassen. Wenn man sich in einer Krise befand, ging man in eine Kirche - oder in ein Kloster für kurze Zeit - und man hat nachgedacht und gebetet. Das beruhigt die aufgewühlte Seele und bring die Fähigkeit zurück, vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Als wir aus der Kirche traten, wartete auf uns schon die nächste Überraschung. Auf dem Kirchenplatz stand ein Mann mit einem Pferd. Für ein kleines Entgelt konnte man eine Runde reiten. Das Pferd sah ziemlich betagt aus, aber unsere Kinder waren sofort hin und weg. Da existierte nichts mehr außer diesem wunderbaren Ross. Natürlich haben wir uns überreden lassen, natürlich dürften die Kinder reiten. Vor allem hat sich unsere Kleine riesig gefreut: Das war ihr Traum, ein Pferd zu reiten. Leider ist ein Reitunterricht für uns unerschwinglich. Dann eben jetzt ein kleiner Ritt. Als unsere Jüngste sich in den Sattel hievte und dann ihre Runde glücklich abgeschlossen hatte, hat der Pferdebesitzer erstaunt gefragt, ob sie schon geritten hatte. Nein, haben wir erwidert, aber sie hat Genetationen von Vorfahren im Blut, die Jahrhunderte lang im Sattel verbracht haben (mein Mann ist ein Tatare, dieses Volk war bis vor 200 Jahren noch ständig unterwegs) . Da unsere ältere Tochter keine animalische Neigungen hat, hat wohl die Jüngste die ganze Wucht des wilden Lebens ihrer Vergangenheit abbekommen.

Und so kehrten wir nach Hause glücklich und traurig zugleich. Traurig, weil nun unser Abschied bevorstand. Wer weiß für wie lange.

 

 

Abschied

 

Alles kommt früher oder später zu seinem Ende. Auch diese wunderbaren zwei Wochen sind zu Ende gegangen. Also stand der Abschied bevor.

Die Gäste waren am Nachmittag abgereist. Unsere Freunde haben uns fest versprochen, uns nächstes Jahr zu besuchen. Ich freue mich schon darauf.

Unser Flug startete am frühen Sonntagmorgen. Da wir noch ca. vier Stunden bis zum Flughafen brauchten, haben wir uns entschieden, schon am Samstag gegen Mitternacht zu fahren. Die Sachen waren gepackt und im Auto verstaut. Wir – betrübt und irgendwie müde. Meine Schwiegereltern verbrachten die letzten Stunden mit den Mädchen. Wenn sie sie wiedersehen, werden die beiden bestimmt schon jungen Damen sein. In diesen Momenten spürt man die Entfernung besonders heftig.

Gegen Mitternacht ging es los. Mein Schwiegervater, der uns zum Flughafen bringen musste, machte letzten Autochek. Letzte Umarmung, letzter Kuss, letzte Worte. Die Reste von Schnee knirschten unter unseren Füssen. Das Auto wendete und meine Schwiegermutter blieb in der Dunkelheit hinter uns.

Die Kinder waren bald eingeschlafen. Ich schaute traurig aus dem Fenster. Die Landschaft, die ihre weiße Zauber verloren hatte, sah beinah bedrohend aus. Die Straße barg Dutzende Gefahren. Der Schnee verschwand, der Winter hinterließ tiefe Gruben und ungeahnte Wellen auf dem abgenutzten Asphalt. Mein Schwiegervater kann auch in der Dunkelheit schlecht sehen, deshalb blieb mein Mann auf der Hut. Er durfte leider nicht selbst ans Steuer, weil er die Straße nicht kannte und, falls wir der Miliz den Weg kreuzten, es Schwierigkeiten wegen seinen europäischen Führerschein gäbe. Irgendwann schlummerte ich ein, aber die Hüpfübungen von unserem Auto, die die Kinder überhaupt nicht zu spüren schienen, weckten mich immer wieder auf.

Mit kleinem Umweg und in aller Frühe sind wir am Flughafen angekommen. Es war menschenleer und erstaunlich sauber. Mein Schwiegervater hat mit uns noch ein paar Minuten verbracht und machte sich auf den Heimweg. Nun ging es nach Hause.

Der Rückflug ist fast ohne besondere Ereignisse verlaufen. Nur beim Zwischenstopp wurde unser Flug wieder mal verschoben. Diesmal aber nur um vierzig Minuten. Und bei der Landung in Deutschland wurden wir gründlich durchgeschüttet. Die Ursache dafür war ein starker Seitenwind. Die Kinder waren von den Empfindungen glatt begeistert. Mich quälten ganz andere Gefühle: Mein Magen ging auf die Reise und das machte mir echt zu schaffen. Und dann …

Die Flugzeuglücke ging auf und wir fanden uns mitten im Sommer. Sonne, Wärme und fast heimisch wirkender Flughafen. Himmlisch!

Auf unseren Abholdienst mussten wir leider eine halbe Stunde warten. Es gab da einige Missverständnisse. Das verdirb uns aber nicht die „Zuhause“-Laune. Wir wurden zu unserem Wagen gebracht und sind Richtung Heim aufgebrochen.

Zu Hause standen wir mitten in unserem Wohnzimmer und wurden plötzlich von einem seltsamen Gefühl gefasst: Uns allen war so, als ob wir eine Reise zwischen zwei Dimensionen gemacht haben. Unsere Reise ähnelte auf einmal einem Traum. Alles schien so unwirklich zu sein.

Ja, das waren zwei Wochen, die ruhig vier sein könnten. Sie durchbrachen unser Alltag und waren alles andere als ein gewöhnlicher Urlaub. Sie waren alles andere als beruhigend oder gar entspannend und doch sind wir sehr entspannt und zufrieden zurückgekommen. Also … Vielleicht wage ich doch noch eine Reise Richtung Heimatland …

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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