Margit Farwig

70 Jahre Bücherverbrennung

 

 

Dies schreibt Bertolt Brecht, in „Besuch bei den verbannten Dichtern“:

„Das sind die Vergessenen“, sagte der Dante leise, „Ihnen wurden nicht nur die Körper, auch die Werke vernichtet.“

                                                                        ***

Sie wurden ihrer Stimmen beraubt, sie können uns nicht mehr sagen, was sie denken, was für Verse, welche Geschichten sie uns noch erzählen würden, welche Weisheiten, Erkenntnisse sie uns noch mitteilen wollten. Sie wussten, wie man Gedanken in Worte kleidet. Sie wussten, wie man diesen Gedanken auf die Spur kommt, sie hervorbringt, wendet, ausleuchtet und sie endlich auf ein weißes Blatt Papier setzt. Für uns, die wir jedes Wort gierig aufsaugen, an den Erkenntnissen teilhaben, sie zu unserem Gedankengut machen, damit wir daraus lernen, nicht immer dieselben Fehler zu machen. Gedankenwahrheit wirft sich nicht in den Ring, kämpft nicht mit unlauteren Mitteln, nein, sie steht mitten unter uns und ist wahr wie das Wort ausdrückt – Gedankenwahrheit. Nicht jeder Kopf, jeder Geist denkt gleichzeitig alle guten Gedanken. Jeder Mensch ist unterschiedlich beschenkt mit Gaben der Erkenntnis, es sind die klugen Geister, die uns in gewisser Weise die Arbeit abnehmen und wir lesen ihre Produkte, profitieren davon. Je mehr der Mensch liest, umso umfassender wird sein Gedankenbild. Er kann sich ein Bild davon machen, wenn er die fremden Gedanken in seine Handlungsweise einbaut und plötzlich merkt, das ist eine gute Sache, jetzt weiß ich weiter oder ich kann mir endlich die Dinge erklären, die für mich undurchschaubar, nebulös erschienen. Viele kleine und große Fortschritte führen in eine neue Welt, in die Befreiung von kleinlichem Gedankengut. Es verlangt im günstigsten Fall nach mehr. So ergeht es mir, wenn ich ein Buch ausgelesen habe und mich urplötzlich in der Wirklichkeit wiederfinde. Egal wie sie aussieht, eine Leere entsteht, die neu gefüllt werden muss und zwar mit meinem eigenen Leben. Es war so schön, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen und ganz weit weg zu fliegen. Geht nicht. Ein neues Buch muss her. So hangelt sich der Mensch von Buch zu Buch. Wer einmal von dem Virus befallen ist, kann sein Leben lang nicht mehr aufhören.

Allzu viel Geist zu besitzen, fordert Neid heraus. Jetzt kriechen hässliche Gedankenwürmer durch neidische Gefühlswelten und wenn alle Anzeichen rundherum stimmen, ist das, was geschehen ist nun die Folge. Dann glühen die Drähte heiß und es bestätigt sich, was Maxim Gorki im „Lied vom Sturmvogel“ schrieb: „Es liegt etwas Berauschendes im Kampf.“ Ob der Kampf auf dem Schlachtfeld oder im Kopf tobt, das spielt keine Rolle.

Dann muss ich unbedingt Charles Perrault erwähnen, der in seinem „Märchen vom Prinzen Piquet“ schrieb: „Was Ihr in diesen Märchen seht, ist kein Gebild der Phantasie, es ist die Wahrheit selbst.“

Wenn wir uns nun bemühen würden, in dem Menschen von nebenan oder von ganz weit weg einen Märchenerzähler zu wähnen, der uns, wenn wir ihn nicht verteufelt hätten, Geschichten erzählen könnte, wunderschöne Märchen aufgeschrieben hätte. Wir lieben doch Märchen, würden sie lesen und auf der Bühne aufführen sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen. Andächtig würden wir sitzen und hören und schauen. Wenn ich unseren Kindern Märchen vorgelesen habe, musste ich häufig mitweinen, ganz verschämt.

Hier hinein gehört von Erich Mühsam aus dem „Soldatenlied (1916)“:

„Vergesst den Freund im Feinde nicht!“

Haben nicht Soldaten an den Grenzen, den Fronten erlebt, wenn sie Wache schoben, dass sich Gefühle für den Mann an der anderen Seite einschlichen. War er nicht genauso betroffen von allem Elend des Krieges, dachte an die Lieben zu Hause, an den Wahnsinn des Kampfes, Mann gegen Mann. Sie sahen sich in die Augen und wussten, sie wollten nicht sterben, nicht durch die Hand des anderen und sie wollten auch selbst nicht den Leidensgenossen umbringen.. In diesen Momenten offenbart sich die menschliche Tragödie. Er könnte mein Freund sein, ist es schon geworden.

Nach jedem Krieg beginnt der Neuanfang. Jetzt wird aufgebaut, nicht nur das Materielle, auch über die Grenzen hinaus wird verziehen, werden neue Freundschaften geschlossen, die alten aufgefrischt. Mit menschlicher Vernunft, ohne die ewigen Besitzansprüche, ließe sich doch ein Krieg vermeiden. Wenn sich hinterher sowieso wieder alle „vertragen“ und erleichtert sind, dass das Elend vorbei ist, sollte man so konsequent sein und vorher all das auf den Tisch bringen, was jetzt läuft. Warum dann noch Krieg mit allen Begleiterscheinungen bevor es losgeht und wenn er zu Ende ist.

Ein Jahrtausende altes Spiel. Heute sind fast überall die Grenzen festgelegt. Hoffentlich sind wir jetzt so schlau und halten die Regeln ein. Was uns nicht gehört ist tabu und soll es bleiben.

Viele gute Ansätze sind da, die hoffen lassen. Es werden so viele Bücher geschrieben wie nie zuvor. Für jeden ist etwas dabei, der geistige Frischedienst wird bedient wie nie zuvor. Die Literatur- und Schreibwerkstätten wachsen wie Pilze aus dem Boden, pflanzen sich fort wie das Fadengeflecht der Pilze, genannt Myzelium. Lyrik und Prosa unterwandern Internetseiten, es wird gesammelt, oneline gestellt. Und es darf gestaunt werden. Wenn all das beherzigt wird, was dort geschrieben steht, könnten wir beruhigt sein. Dann würde nur noch Frieden auf Erden gelebt. Ein schöner Traum!

 

© Margit Farwig  2003 - gelesen „70 Jahre Bücherverbrennung in Köln“ in Köln 

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