Marina Braun

Das erste Mal

Das erste Mal

 

Das „Erste Mal“ ist für eine Frau wie eine Gradwanderung. Sie muss interessant erscheinen ohne wie eine Bordsteinschwalbe zu wirken. Zu naiv oder zu erfahren könnte beides für ihn der Anlass sein, aus einer sich anbahnenden Beziehung nur einen One Night Stand werden zu lassen. 

Traditionsgemäß holen sich die jungen Männer ihre ersten Erfahrungen bei wesentlich älteren Frauen und die Mädels bei wesentlich älteren Vertretern der männlichen Rasse.

Ich persönlich kann nicht nachempfinden, dass ältere Frauen tatsächlich ein Lustgefühl dabei verspüren, einen Mann zu entjungfern. Nein, ganz im Gegenteil. Es wäre mir erstens zu umständlich, zweitens zu peinlich und drittens einfach zu lächerlich.

Männer sind megalomanisch. Kaum wissen sie, wie „es“ funktioniert, werden sie größenwahnsinnig. Einmal erfolgreich unter der Fuchtel einer alten, sabbernden Fregatte gewesen, entwickeln sie sich innerhalb kürzester Zeit zum selbst ernannten König alles Liebhaber.

Ja, man(n) kann jetzt zukünftig von einer Frau erwarten, dass sie keine Null im Bett ist. Allerdings sollte die Abgebetene nicht über die Erfahrungen verfügen wie die alte Fregatte, denn das würde voraus setzen, sie könnte schon genauso viele Liebhaber in ihrem Kalender angekreuzt haben wie besagte Entjungferin.

Nein! Er, der vor seiner Entjungferung nicht einmal eine perforierte Frau hätte aufreißen können, erwartet nun selbst ein weibliches Wesen, das möglichst noch Jungfrau, aber mit den Erfahrungen einer Edelnutte ausgestattet ist, damit er sich ganz entspannt hinlegen und bedienen lassen kann. Also eine Teufelin im Engelskostüm.   

Immerhin kommt beim ersten Mal nicht die Frage auf: „Liebling, hab ich dir weh getan? Du hast dich bewegt!“

Nein, diese Frage taucht nur beim 875sten Geschlechtsverkehr mit der eigenen Ehefrau auf, die er vor 30 Jahren als jungfräuliche Sandkastenliebe geheiratet hat. Es ist schon erstaunlich genug, wenn sie sich wenigstens einmal beim Sex bewegt. Wahrscheinlich war sie bei der Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten auf der Suche nach ihrer Nagelpfeile oder das Babyphon der abzuhörenden Enkel gab seltsame Geräusche von sich.

Wie viel Prozent der „Sex erfahrenen Frauen“ haben wirklich einen Orgasmus?

OK, zurück zum ursprünglichen Thema.

Sollten zwei Partner das (Un-) Glück haben, „es“ beide zum ersten Mal miteinander zu machen, müssen sie sehr viel Verständnis füreinander aufbringen. Fragen könnten da auftreten, wie zum Beispiel: „Ach, du mein lieber Gott, wie sieht DAS denn aus?“ oder noch peinlicher: „Und jetzt?“ oder „Wie geht’s jetzt weiter?“ und die peinlichste aller Fragen: „Hatte ich jetzt einen Orgasmus?“

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal in aller höflichster Form beim Dr. Sommer Team aus dem BRAVO Heft für die vielen Briefe entschuldigen, die ich in meiner Internatszeit an sie mit erfundenen Problemen schickte, um meine Wetten mit meinen Mitinsassinnen zu gewinnen. (Nein, ich hatte weder mit 12 Jahren, noch später das Gefühl, ein männliches Glied würde mir wachsen und ich hatte auch niemals irgendwelche lila gefärbten Pickel an irgendeiner Stelle, wo die Sonne niemals hin scheint!)

Verkappte Möchtegern-Autorinnen beschreiben das „Erste Mal“ mit Blümchen überladenen und Vögelchen zwitschernden rührseligen Worten über Situationen, die so niemals stattgefunden haben können. Besagte Lyrik-Verbrecherinnen erdreisten sich ebenfalls, einen 70 Worte umfassenden Satz, der lediglich ein Substantiv, sowie ein einziges Prädikat  beinhaltet, als vollständiges Gedicht zu veröffentlichen.

 

Das „erste Mal“ ist so ernüchternd wie die Feststellung, ungewollt schwanger zu sein oder die Tatsache, nie wieder eine Jungfrau werden zu können, sofern man nicht zwischen dem 20. Februar und dem 20. März geboren ist.

Sie werden sich fragen, woher ich alle diese Erkenntnisse habe? Aus Büchern, liebe Leser und Leserinnen, nur aus Büchern.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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