Roman Scherer

Fingierter Rundgang durch Sulzbach Saar

Es ist noch nicht so sehr lange her, da war Sulzbach eine kleine, wenn auch etwas verschmutzte Bergmannsstadt. Weit ├╝ber hundert Jahren hatte man hier etwa 300 Meter tief unter der Erde das sogenannte ÔÇ×schwarze GoldÔÇť abgebaut.

 

Sulzbach liegt ungef├Ąhr zehn Kilometer nord├Âstlich von Saarbr├╝cken, zirka 36 Kilometer nordwestlich von Zweibr├╝cken und etwa 15 Kilometer von der deutsch-franz├Âsischen Grenze entfernt.

 

Das kleine, heute etwa knapp 15. 000 Seelen z├Ąhlende Sulzbach ist ein kleines Industriest├Ądtchen. Noch heute ÔÇô etliche Jahre nach Schlie├čung der Kohlengrube ÔÇô kann man den Abbau der Kohle erkennen. Denn vielen H├Ąuser sind fast ausschlie├člich von der Kohle geschw├Ąrzt und durch deren unterirdischen Abbau stehen sie schief und krumm in den ohnehin buckligen Stra├čen der Stadt. Aber dennoch anmutet Sulzbach vertr├Ąumt und ist auf seine Art sehr h├╝bsch.

 

Die sanften H├╝geln, in  deren waldreichem Schoss die kleine mittelalterliche Siedlung eingebettet liegt, lassen die Stra├čen mehr oder weniger steil auf- und absteigen. Manche Stra├čen sind so steil, dass man beim Hinaufgehen nach Luft ringend alle Augenblicke stehen bleiben muss, um sich ein wenig von den Strapazen zu erholen, bevor man sie weiter hinauf gehen kann.

*

Viel Interessantes gibt es in dem kleinen St├Ądtchen allerdings nicht zu sehen. Im Stadtviertel Kamerun kann man ein paar schiefe H├Ąuser und im Ortsteil Altenwald den schiefen Kirchturm der evangelischen Kirche bewundern. In der Stadtmitte, am Unteren Mark, kann man zudem noch das ehemalige alte Salzhaus und jenes St├╝ck Erde bewundern, an dem einst der erste mit Koks betriebene Hochofen Europas gestanden hatte. In der anschlie├čende M├╝hlenstra├če stehen heute noch die alten H├Ąuser, unter denen sich in fr├╝heren Zeiten einmal die Salzbrunnen befanden.

 

Heute will ich Sie, liebe Internetbesucherinnen und -besucher, einmal bei der Hand nehmen und in meine geliebte Stadt Sulzbach entf├╝hren. Ich will Sie in den Ort entf├╝hren - in dem ich vor etwas mehr als 70 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte - um Ihnen ein klein wenig von den wenigen Sehensw├╝rdigkeiten zu zeigen, die Sulzbach dennoch zu bieten hat. Es sind nicht besonders viele, aber immerhin einige. Lassen Sie uns an dem Ort beginnen, an dem bis zum Jahr 1965 mein Elternhaus gestanden hatte, in dem ich geboren wurde; in dem ich den gesamten ÔÇ×Zweiten WeltkriegÔÇť schadfrei erlebt hatte; in dem ich viele gl├╝ckliche Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre erleben durfte; in dem ich gelacht hatte und traurig war; und in dem ich so manche Tr├Ąne vergossen hatte.

 

Es war kein besonders sch├Ânes Haus, mein Elternhaus. Es war ein klobiger eineinhalb Stockwerke hoher, klobiger Kasten, der vor undenklich langer Zeit einmal wei├č gestrichen worden war. Aber der Ru├č der unendlich vielen Schornsteine und Schlote der Stadt, aus denen meist schwarzer Rauch herausquoll, hatte es mit der Zeit grau, an manchen Stellen sogar mehr schwarz als wei├č aussehen lassen.

 

Folgen Sie ruhig meinen Fiktionen, die Sie von dem Ort, an dem einst mein Elternhaus stand, den Fischbacherweg hoch zur Gr├╝lingstra├če, zu dem h├Âchstgelegenen Punkt der Stadt Sulzbach f├╝hren.

 

Die Gr├╝lingstra├če ist ein letztes ├ťberbleibsel aus l├Ąngst vergangener Zeit des r├Âmischen Imperiums. Und somit sind wir am ersten historischen Punkt unseres gemeinsamen fiktiven Rundganges angelangt. Von hier oben aus hat man einen wunderbaren ├ťberblick ├╝ber fast den gesamten Stadtteil Sulzbach. Die kleine Stadt liegt eingebettet zwischen sanften H├╝geln, den Ausl├Ąufer des sogenannten ÔÇ×Schwarzw├Ąlder HochwaldesÔÇť die sich ├╝ber Sulzbach, St. Ingbert, Blieskastel, in s├╝d├Âstlicher Richtung, bis hin├╝ber zum Westrich dahinziehen und schlie├člich sanft in die Nordvogesen ├╝bergehen.

*

Jetzt f├╝hre ich Sie in meinem fiktiven Stadtrundgang den Quierschiederweg ein kurzes St├╝ck hinunter und biege vor Ihnen linker Hand in den Mellinweg ein.

 

Rechts f├╝hrt uns der Weg an einer etwa zwei Meter hohen Mauer vorbei, die bald schon von einem ebenso hohen Zaun aus fingerdicken Eisenst├Ąben abgel├Âst wird. Links stehen ein paar Dutzend alte, knorrige B├Ąume am Stra├čenrand. Sie sind der letzte ├ťberrest einer ehemaligen Parkanlage, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts die glanzvolle, hochherrschaftliche Villa der Familie Vopelius in sich verborgen hielt. Die Familie Vopelius war einmal eine der reichsten Familien des Saarlandes. Die Ver├Ąstelung ihres Stammbaumes reicht sicherlich bis in die kaiserliche Familie Wilhelm II., der Hohenzollern.

 

Nach ungef├Ąhr einhundertf├╝nfzig Meter, beginnen sich ungepflegten, von Ru├č geschw├Ąrzten, mit gepflegten, sauber angestrichenen H├Ąuser einander abzuwechseln. Dazwischen gibt es ein paar verwahrlosten G├Ąrten, andere wiederum wirken dagegen ordentlich, sauber angelegt und gepflegt.

 

Zwischen dem dritten und vierten Haus, die beide einen ungepflegten Eindruck hinterlassen, f├╝hrt eine breite Treppe hinauf zu dem Schulzentrum, das in der Parkstra├če, ungef├Ąhr achtzig bis hundert Meter oberhalb des Mellinweges vor gebaut wurde.

 

Ich f├╝hre Sie in meinen Gedanken den holprig gepflasterten Mellinweg entlang. Schlie├člich halte ich vor einer Einfahrt, die rechts aus dem noch immer eingez├Ąunten Gel├Ąnde herausf├╝hrt, inne. Ich mache Sie, liebe Internetbesucherinnen und Internetbesucher auf das zum Teil von Ru├č geschw├Ąrzten, aber dennoch gepflegt aussehende Geb├Ąude hinter dem Eisenzaun aufmerksam. Das war einmal die Grube Mellin. Bis weit in die 1960er Jahren fuhren hier Bergleute ein und aus. Sie arbeiteten bis zu 300 Meter tief unter der Erde. In drei Schichten f├Ârderten sie das schwarze Gold m├╝hsam zu Tage. Als man sp├Ąter feststellte, dass die Kohlen zur Neige gingen, hatte man die Grube kurzerhand geschlossen. Die Kohlen, die sich noch unter der Erde befinden, lohnen nicht mehr, dass sie abgebaut und gef├Ârdert werden. Die paar Kohlen, die es in Deutschland, vielleicht sogar in Europa noch gibt, werden ├╝ber kurz oder lang auch noch ihren Geist aufgeben m├╝ssen.

*

Als die Grube Mellin einige Jahre geschlossen war, hat man die F├Ârder- und K├╝hlt├╝rme, sowie den hundert Meter hohen Schlot kurzerhand eingerissen, beziehungsweise gesprengt. Verschiedene private Firmen der saarl├Ąndischen Industrie haben sich im Laufe der letzten Jahre hier angesiedelt.

 

Sie fragen sich sicherlich, ob es nicht gef├Ąhrlich war, so tief unter der Erde zu arbeiten! ? Dabei erinnere ich Sie ÔÇô werte Internetbesucherinnen und ÔÇôBesucher ÔÇô an das schreckliche Grubenungl├╝ck in Luisenthal. Denn am 7. Februar 1962 war hier ganz in der N├Ąhe, in der Grube Luisenthal, eine schlimme Explosion Untertage. Diese Explosion forderte 298 Todesopfer.

 

ÔÇ×Eine Explosion? ÔÇô Unten in einem Bergwerg, eine Explosion?ÔÇť h├Âre ich Sie laut fragten, ÔÇ×was kann in einer Kohlengrube denn schon explodieren?ÔÇť

 

Es war Gas, das explodierte - ein Sauerstoff-Gas-Gemisch. Aber auch durch ein Gemisch aus Stein- und Kohlenstaub kann es zu einer gewaltigen Explosion Untertage kommen. In Luisenthal war es Sumpfgas, das sich Untertage aus Methan und Kohlendioxid gebildet hatte und durch irgendeinen Funken entz├╝ndet wurde.

 

Nun f├╝hre ich Sie gedanklich den Mellin Weg wieder zur├╝ck. An dessen Anfang biege ich ÔÇô vor Ihnen hergehend ÔÇô links wieder in den Quierschiederweg ein.

 

In meiner Fiktion f├╝hre ich Sie zum unteren Ende des Quierschieder Weges, dort wo er in den Fischbacher Wege einm├╝ndet, dann gehe ich vor Ihnen her unter der Eisenbahnunterf├╝hrung hindurch.

 

Die Unterf├╝hrung wurde vor weit mehr als 50 Jahren von einer amerikanischen Fliegerbombe getroffen und teilweise schwer besch├Ądigt. Diese amerikanische Fliegerbombe hatte ein junger deutscher Landser v├Âllig zerfetzt und eine etwas ├Ąltere Frau ÔÇô eine Hebamme, die beruflich unterwegs war ÔÇô lebensgef├Ąhrlich verletzt und auf Lebzeiten k├Ârperlich entstellt.

 

Nur wenig sp├Ąter schweife ich mit Ihnen im Schlepp am Bahnhof vorbei, bis zu jener Stelle, wo einst das alte Knappschaftskrankenhaus stand, das Doktor Langguth 1862 seiner Bestimmung ├╝bergeben hatte. Nur ein paar kurze Schritte von hier entfernt wurde in dreieinhalbj├Ąhriger Rekordzeit ein neues, moderneres Krankenhaus regelrecht aus dem Boden gestampft, 1987 eingeweiht und seiner Bestimmung ├╝bergeben. An der Stelle, wo sich fr├╝her das alte Lazarett ÔÇô das einst der Saarknappschaft geh├Ârte, stand, befindet sich heute ein Parkplatz mit viel Gr├╝nzeug, einigen B├Ąume, viel Rasen mit bunten Blumen und Rosenstr├Ąucher.

*

Meine fiktive F├╝hrung bringt Sie immer weiter, ein kurzes St├╝ck durch die Salmstra├če, dann geht es durch die neue Stra├če ÔÇ×An der KlinikÔÇť an dem Hochhaus, dem neu erbauten Krankenhaus vorbei, und schlie├člich linker Hand die ehemalige Hauptstra├če hoch, die neuerdings in Sulzbachtalstra├če umgetauft wurde, ein St├╝ck stadteinw├Ąrts. Dieser Stra├če folgen wir ungef├Ąhr 40 oder 50 Metern, biegen  gleich, nach den Stadtwerken, rechter Hand von dieser ab und gelangen nach 60 oder 70 Metern in den 1958 und 1959 angelegten Stadtpark. Zur Einweihung dieses Parks bekam die Stadt Sulzbach vom Rosengarten Zweibr├╝cken zwei wundersch├Âne Schw├Ąne ÔÇô ein Paar ÔÇô geschenkt. Diese hatte man auf den kleinen Teich inmitten der Parkanlage gesetzt. W├Ąhrend den ersten Wochen wurde gut auf die beiden Schw├Ąne aufgepasst, aber nichts geschah, sie schienen sich in ihre neue Umgebung gut eingew├Âhnt zu haben. So? ÔÇô Haben  Sie gedacht? ÔÇô In der dritten oder vierten Woche konnte man die beiden V├Âgel nirgendwo mehr finden. Tagelang suchte man sie ├╝berall, vergebens. Bis irgendjemand aus Zweibr├╝cken bei der st├Ądtischen G├Ąrtnerei in Sulzbach anrief, dass das Paar der Schw├Ąne nach Zweibr├╝cken zur├╝ckgekommen sei, und dass man sie wieder im Rosengarten abholen k├Ânne. Drei volle Monatelang flogen Frau und Herr Schwan von diesem Zeitpunkt an t├Ąglich nach Zweibr├╝cken in ihre alte Heimat zur├╝ck, um anderntags wieder nach Sulzbach zur├╝ckgeholt zu werden. Erst nach dem n├Ąchsten Winter hatte das Paar sich an das neue Zuhause gew├Âhnt, nachdem man es den Winter ├╝ber in einem daf├╝r geeigneten offenen K├Ąfig eingesperrte hatte.

 

Meine Gedankeng├Ąnge f├╝hren Sie weiter, durch die Parkanlage und finden uns bald bei der evangelische Kirche in der Stra├če ÔÇ×Auf der SchmelzÔÇť wieder. Nach einem kurzen Aufenthalt in dem altehrw├╝rdigen Gotteshaus mache ich mit Ihnen einem kleinen gedanklichen Abstecher zu dem neu angelegten ÔÇ×Unteren MarktplatzÔÇť. Nun befinden wir uns genau dort, wo im Jahr 1766 erstmals auf europ├Ąischem Festland Eisenerz, in der hierzu neu entwickelten und f├╝nf Jahre zuvor erbauten Eisenschmelze, wo anstatt wie bisher mit Holzkohle, mit Kohlekoks Eisen geschmolzen wurde. Von hier aus folgen wir zusammen den f├╝nf, sechs Dutzend Schritte zur evangelischen Kirsche zur├╝ck. In der H├Âhe dieser Kirche biegen wir links ab und finden uns letztlich in der M├╝hlenstra├če wieder.

 

Ich glaube, diese Stra├če ist die ├Ąlteste Stra├če von Sulzbach. Denn hier in der M├╝hlenstra├če waren einst, um das Jahr 1549 herum, die Salinen und Salzbrunnen. Unter manchen H├Ąuser dieser Stra├če m├╝ssen sich heute noch einige dieser Salzbrunnen befinden.

 

In den sp├Ąten 1940er Jahren st├╝rzte eines dieser Uralth├Ąuser eines nachts ein. Die Bewohner wurden mitten in der Nacht wie durch ein Wunder ÔÇô von wem auch immer ÔÇô gewarnt und konnten so gerettet werden. Unter den Tr├╝mmern konnte man damals Wasser rauschen h├Âren. Irgendwer sagte, es sei einer der alten Salzbrunnen.

 

Seit neuster Zeit feiert man in Sulzbach zur Erinnerung an die Salzgewinnung das ÔÇ×SalzbrunnenfestÔÇť, mit jahrmarkt├Ąhnlichem Treiben und historischem Umzug.

*

Nun f├╝hre ich Sie gedanklich durch die Stra├če ÔÇ×Im HessenlandÔÇť weiter und folgen gleich danach der Sulzbachtalstra├če zur├╝ck in die City. Schlie├člich biegen wir am ÔÇ×Oberen MarktplatzÔÇť rechts ab, gehen die Marktstra├če hinauf und gelangen schlie├člich in die Wilhelmstra├če. Diese wandern wir in Gedanken langsam hoch, bis fast zum oberen Ende. Rechter Hand, dort wo einst das alte Wilhelmschulhaus gestanden hatte, halte ich eine kurze Zeitlang inne. In diesem Schulhaus, das es seit einigen Jahren nicht mehr gibt, sehe ich mich als ungef├Ąhr zehn- bis vierzehnj├Ąhriger Sch├╝ler wieder. Denn diese Schule besuchte ich fast f├╝nf Jahre lang. Noch heute sehe ich mich neben meinem besten Freund in der f├╝nften Bankreihe sitzen und aufmerksam dem Schulunterricht folgen. Es waren Zeiten der Not, die Zeit nach dem schrecklichen ÔÇ×Zweiten WeltkriegÔÇť. Er war aber dennoch eine sch├Âne Zeit. Wir hatte zwar keinen Luxus, aber wir waren gl├╝cklich. Die ├Ąltere Generation unter Ihnen wird sich sicher noch gut daran erinnern k├Ânnen.

 

Nun muss auch einmal gesagt werden, dass ├╝ber der Stadt Sulzbach nicht sehr viele Fliegerbomben von den  US-Amerikanern (Amis) oder von den Briten (Thomys) abgeworfen wurden. Nur etwa zehn oder zw├Âlf H├Ąuser und die schon erw├Ąhnte Eisenbahnbr├╝cke wurden getroffen, die H├Ąuser in Schutt und Asche gelegt. Gott sei es gedankt, hierbei waren nur drei oder vier Menschen zuschanden- oder umgekommen. Noch heute, ├╝ber 60 Jahre nach Kriegsende, kann man an manchen H├Ąuser und Geb├Ąuden die Einschlagl├Âcher der Bomben- und Granatsplitter sehen.

 

Meine fiktiven Gedankeng├Ąnge f├╝hren Sie noch ein kleines St├╝ck die Wilhelmstra├če hinauf, bis zur Einm├╝ndung in den Grubenpfad. Diesem schmalen Weg folgen wir bis zum hinteren Ende, dort weisen meine Sinne auf drei durch Grubensch├Ąden seltsame schr├Ągstehende H├Ąuser hin. Langsam wandern meine Gedanken mit Ihnen im Schlepp weiter, bis zur oberen Giebelseite des ersten Geb├Ąudes, die sich auf scheinbar geheimnisvolle Weise tief zur Erde hin herunterneigte. Es scheint, der Zahn der Zeit habe daran Schuld. Gewiss, das auch, aber in erster Linie hat die Grubensenkung an dieser Schr├Ąglage gewisserma├čen Schuld. Schiefe oder weniger schiefe H├Ąuser gibt es im gesamten Sulzbacher Grubenbereich, aber so etwas von Schief wie diese drei H├Ąuser gibt es nur noch im Stadtteil Altenwald: N├Ąmlich der Glockenturm der evangelische Kirche. Dieser hat sich so sehr zur Seite geneigt, dass man unwillk├╝rlich glauben muss, er w├╝rde jeden Moment in sich zusammenst├╝rzen und etliche Menschen unter sich begraben.

 

Langsam f├╝hren meine Gedanken Sie weiter, die Wilhelmstra├če zur├╝ck, biegen nach ungef├Ąhr dreihundert Meter nach rechts in die G├Ąrtnerstra├če und folgen dieser, wir kommen bald links an der ÔÇ×St├Ądtischen FesthalleÔÇť vorbei, biegen anschlie├čend vor der Eisenbahnbr├╝cke abermals rechts ab und gelangen letzten Endes wieder zum Fischbacherweg. Bald biegen wir in meinen Fiktionen rechts in die Ludwigstra├če ein. Hier bei der vorerst vorletzten Station meiner kleinen gedanklichen F├╝hrung, halte ich wiederum einige Augenblicke lang inne. Denn hier vor dem niederen Haus auf der rechten Seite, war mir 1945, kurz vor Kriegsende, etwas schrecklich sonderbares passiert:

*

Ich kam an diesem warmen Sommertag aus der Schule und lief den Fischbacherweg hoch, um so schnell wie m├Âglich nach Hause zu gelangen. Als ich ungef├Ąhr zwanzig oder drei├čig Meter vor der Einm├╝ndung der Ludwigstra├če in den Fischbacherweg lief, h├Ârte ich pl├Âtzlich in weiter Ferne ein tieffliegendes Flugzeug brummen, das sehr schnell n├Ąher kam. Ich wusste sofort, dass dieses Flugzeug kein gew├Âhnliches feindliches Flugzeug war, sondern ein amerikanischer Jagdbomber (im Volksmund ÔÇ×JaboÔÇť genannt), der bekanntlich auf alles, was sich irgendwie bewegte, schoss. Auch auf Frauen, Kinder und ├Ąltere Menschen. Sie nahmen sogar Tiere unter t├Âdlichen Beschuss. ├ängstlich schaute ich hoch gegen den leicht bew├Âlkten Himmel, den meine argw├Âhnische Blicke sehr aufmerksam nach diesem Jabo absuchten. Dann, pl├Âtzlich sah ich dieses scheu├čliche, in der Sonne silberngl├Ąnzende Flugobjekt. Es flog in einer H├Âhe von ungef├Ąhr f├╝nfzig bis achtzig Meter ganz dicht hinter mir. Ich begann, so schnell ich irgendwie konnte, zu laufen. Und weil ich dachte, ich k├Ânnte diesem bl├Âden Ochsen, der den Jabo flog, irgendwie entkommen, indem ich einfach in eine andere Richtung lief, rannte ich rechts in die Ludwigstra├če hinein. Denn eine andere M├Âglichkeit sah ich im Moment nicht. Ich lief ein ziemliches St├╝ck diese Stra├če entlang, als ich pl├Âtzlich ganz dicht hinter mir ein Maschinengewehr aufbellen h├Ârte. Meine Hose war gestrichen voll, ich lief deshalb etwas schneller, w├Ąhrend die Sch├╝sse hinter mir, neben mir und ├╝ber mir niederprasselten. Ich h├Ârte einige Querschl├Ąger zischen und pfeifen. Einige andere dieser verteufelten Dinger sp├╝rte ich sogar ganz dicht am Kopf vorbeisurren. Ich lief eben kurz vor dem letzten Haus in der Stra├če, da sp├╝rte ich pl├Âtzlich, dass ich an meinem linken Oberschenkel von etwas sehr hei├čem getroffen wurde. Es brannte wie die H├Âlle, so dass mir pl├Âtzlich mulmig wurde. Im Unterbewusstsein h├Ârte ich noch, eine Frau meinen Namen rufen, merkte, dass jemand mich bei den Schultern packte und irgendwohin zog. Dann war alles schwarz vor meinen Augen. Mir schien, als fiel ich Kopf ├╝ber, Kopf unter, Purzelb├Ąume schlagend in ein unendlich tiefes und schwarzes Loch. Nach einer gewissen Zeit h├Ârte ich ein ohrenbet├Ąubendes zischendes Rauschen, mir kam das Rauschen beinahe wie das Gel├Ąute unendlich vieler Glocken vor. Dann fand ich mich auf einer herrlichen, mit menschlichen Worte nicht zu beschreibenden Wiese mit tausenderlei bunter Blumen wieder. Hier waren sehr viele Menschen versammelt, die nur damit besch├Ąftigt waren, ├╝ber irgendetwas miteinander zu reden. Das Unwahrscheinliche daran war, ich h├Ârte diese Menschen zwar miteinander sprechen, aber ich sah nicht, dass sie dabei die Lippen bewegten. Als ich nach scheinbar unendlich langer Zeit wieder zu mir kam, lag ich im Sulzbacher Krankenhaus und meine Mutter sa├č tr├Ąnen├╝berstr├Âmt neben mir. Sie sagte mir sp├Ąter, ein Querschl├Ąger habe mein Oberschenkel gestreift und ungef├Ąhr f├╝nf bis sechs Zentimeter aufgerissen. Man habe es mit drei, vier Stiche n├Ąhen m├╝ssen, aber ├╝bermorgen k├Ânne ich bereits wieder nachhause gehen.

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Langsam f├╝hre ich Sie in meine Fiktionen das kurze St├╝ck die Ludwigstra├če wieder zur├╝ck, biege mit Ihnen erneut rechts in den Fischbacherweg ein, schreite vor Ihnen ungef├Ąhr drei├čig, vierzig Meter die Stra├če hoch, bis wir letztendlich kurz vor meinem Elternhaus anhalten. Ich weise auch hier auf zwei Begebenheiten des schrecklichen Krieges hin: Hier, auf der rechten Seite, kann man in der Mauer noch ganz genau die Umrisse erkennen, dort wo sich damals der Eingang zu einem unterirdischen, provisorisch eingerichteten Stollen, der dem Schutz der Zivilbev├Âlkerung diente, befand. Einen nur provisorisch unterirdisch eingerichteter Raum in dem wir w├Ąhrend den zahlreichen Luftangriffen zu tiefst deprimiert sa├čen. W├Ąre nur eine sehr kleine Fliegerbombe in der N├Ąher heruntergefallen und explodiert, w├Ąre keine auch noch so winzige Maus mehr lebend aus diesem Stollen herausgekommen.

 

Dann gehen wir nur vierzehn oder f├╝nfzehn Meter weiter den Fischbacherweg hoch und stehen jetzt genau im Durchgang zu meinem Elternhaus. Links neben uns ist das Haus der Familie Engler, rechtst das der Familie Reinke. Am Tag vor der Kapitulation, kurz vor der Mittagszeit, wurde das Haus der Englers von einer franz├Âsischen Granate getroffen und stark besch├Ądigt. Auch mein Elternhaus wurde dadurch leicht besch├Ądigt. Leicht? ÔÇô Was man halt so ÔÇ×leichtÔÇť nennen kann. Aber, Gott sei es gedankt, bei diesem letzten Akt unserer damaligen Feinde, wurde kein Mensch get├Âtet oder gar schlimm verletzt.

 

Hier vor meinem Elternhaus begann und endet nun meine kurze fiktive F├╝hrung durch meine Vaterstadt Sulzbach. Ich hoffe, dass ich Ihnen, liebe Internetbesucherinnen und -besucher damit ein kleines St├╝ck der Stadt Sulzbach vor Augen habe bringen k├Ânnen.

*

In stillem Gedenken an all diejenigen, die in den beiden letzten Kriege, die von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 stattfanden, f├╝r ihr Vaterland ÔÇô f├╝r Russland, f├╝r Polen, f├╝r Frankreich, f├╝r England, f├╝r Kanada, f├╝r Amerika, f├╝r Deutschland und... und... und... ihr Leben verloren haben. Insbesondere aber an all die vielen, die ihr Leben durch Nazigewalt verloren haben. Gott habÔÇÖ sie alle selig.

 

 

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Anfang ÔÇô Ein leiser Traum von Thorsteiin Spicker



Eine Expedition in dass Auf- und Ab des Lebens, der Sehnsucht und kleine leise Tr├Ąume, Gef├╝hle aus einer Welt die tief das innere selbst bewohnen, beschreibt der Autor in einer Auswahl von Gedichten die von Hoffnung gen├Ąhrt die Tinte auf das Papier zwischen den Jahren 2002 und 2003 flie├čen lie├čen. "Unentdecktes Niemandsland ist immer eine Herausforderung die G├Ąnsehaut zaubert. Auf den Blickwinkel kommt es an, den man sich dabei selbst zurechtr├╝ckt..."

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