Susanne Bruschke

Ein klarer Fall

Ich war es nicht. Wie oft soll ich es noch sagen. Ich weiß es nicht. Sie reden und reden und reden. Wem soll ich zuhören? Der Polizei oder meinen Gedanken? Unnötig, dies überhaupt in Betracht zu ziehen. Keiner von ihnen hat hier irgendeine Ahnung. Dauernd üben sie Widerspruch an mir und wollen sich keiner Logik unterwerfen. So ist das mit den Gedanken. So ist das auch mit der Polizei. Sie glauben mir nicht und sehen nur die Lüge in meinen Augen. Nur die Lüge, die keine ist. Eine Lüge, die für sich selbst spricht, so dass niemand mehr fragen muss. Wie ein Sturm fegen ihre Anschuldigungen über mich hinweg. Ein kalter Sturm. Eine harte Wahrheit.

Ihre Fingerabdrücke waren am Tatort. Ein Haar von Ihnen war am Tatort. Alle Beweise sprechen gegen Sie. Es wird einen Prozess geben. Sie müssen in U-Haft. Haben Sie jemanden, der sich um Ihr Kind kümmert? Wollen Sie einen Anwalt anrufen? Woher kannten Sie das Opfer? Sie müssen endlich mit uns reden, dann gibt es auch mildernde Umstände. Und so weiter. Ich höre nichts, nur eine Stimme schreit in meinem Kopf, unablässig, ohne mir Genaueres zu verraten. Ich sehe nichts, nur in mich rein. Kein schlechtes Gewissen. Ich schmecke nichts, nur den müden Geschmack einer Gleichgültigkeit. Diese Gleichgültigkeit ist neu für mich, eine schöne Seelentröstung. Durch sie allein zieht alles an mir vorbei. Wieder reden sie. Ihr könnt mir nichts anhaben. Das was hier passiert, stimmt nicht, stimmt so nicht. Passiert woanders. Hundertmal. Doch mir nicht. Hier schon gar nicht. Tatsache ist, ich kenne den Tatort nicht, ich kenne das Opfer nicht, ich kenne nicht mal die Stadt, in der das alles passiert sein soll. Ein schlechter Scherz oder ein guter? Es gäbe sicher Leute, die das hier komisch fänden. Ich stelle mir vor, da hängt eine versteckte Kamera und alle lachen. Ich lache mit. Was es denn da zu lachen gäbe? Fragen Sie. Sie tun sich keinen Gefallen. Womit? Ich kapiere nicht, was sie meinen. Jemand schüttelt den Kopf. Ein Polizist? Oder ich selber? Auch in Bezug darauf fehlt mir jede Einsicht. Ich will nicht verstehen.Will nicht erkennen. Oder tue ich es bereits? Wieder einen Schritt weiter. Ich bemühe mich wirklich. In Ansätzen. Lausche und lausche ich und höre plötzlich schlagartig, was die Stimme in meinem Kopf schreit. Beweise lügen nie. Natürlich nicht. Hört man in jeder Polizeiserie, selbst in der billigsten, die keine Quoten mehr einfährt. Ich sehe es vor mir. Einen Tatort übersät mit schlauen Spurenlesern, Computer, Labore, modernste Technik. Mein Urteil ist schon vollstreckt. Sie haben kein Alibi, tönt es weiter. Es hat keinen Sinn zu leugnen. Sie sind überführt. Wie im Fernsehen. Die gleichen Sprüche. Nichts Neues, was es zu sagen gäbe. Ich kann dazu erst Recht nichts sagen, verschränke nur die Arme. Wie das wohl aussehen mag? Wie meine Abwehrhaltung rüber kommt. Ich beobachte mich selbst, versuche eine missglückte Analyse meines Zustandes. Eine komische Person, die dort sitzt. Sieht dumm aus, will sich die Tat nicht eingestehen. Sieht nicht nur dumm aus, ist es wohl auch. Wer denkt schon nichts getan zu haben, wenn alles gegen ihn spricht? Vielleicht war ich es ja doch und sollte besser gestehen. Vielleicht bin ich jemand, der nicht weiß, was er tut. Ein Psychopath. Davon gibt´s viele. Auf einen mehr oder weniger kommt´s doch nicht mehr an. Losgelöst starre ich die Wand an. Das Verhör geht weiter, nimmt seinen LAuf nach eigenen Naturgesetzen, läuft vollkommen ohne mich ab. Wörter wie Tatwaffe, Motiv und Stichwunden, Obduktion und Haftbefehl streifen mich. Noch verwunden sie nicht. Sind nur Streifschüsse einer Sprache, die mich nichts angeht. Es ist ihre Sprache, also bin ich wohl nicht gemeint. Ihre gut gezielten Schüsse zischen an mir vorbei. Unwillig rau. Mehr als knapp daneben. Jemand ist gestorben, ermordet worden. Was denn nun? Ist doch beides dasselbe. Nein, dass ist es nicht und das weißt du. Mein verrücktes Gewissen versucht zu mir durch zu mir durch zu gelangen. Da sind die Chancen gleich Null. Denn alles hier ist nicht richtig, verdreht, auf den Kopf gestellt. Gestern war die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls für mich. Das heute hier soll mir sicher sagen: Nun bist du mal dran. Lange genug ging´s dir gut. Schluss jetzt, Fräulein. Leben sieht anders aus. Da kann´s nicht nur Hochs geben, da muss man auch mal im Keller sitzen und weinen. Lebenslänglich. In einer Zelle sitzen. Mein Weinkeller. Ich sehe sie schon, meine Zelle. Gemütlichkeit. Ist längst vorbei. Waschräume mit vergilbten Fliesen, eine Zigarette beim Hofgang. Andere Frauen mit verquollenen Gesichtern. Vergessen. Die, die keine Liebe verdienen. Nicht mal mehr von einem Hund. Getreten und verscharrt. Kein Teil mehr einer Gesellschaft, die sich zum Moralapostel aufbaut. Gut und böse. Böse und gut. Füllt den Wortschatz aus, lässt keinen Platz für andere Begriffe. Einfach muss die Welt sein. Weil sie sonst keiner versteht. Kein Blick über den Tellerrand. Nicht nach links. Und nicht nach rechts. Nur starr geradeaus. Das ist Gerechtigkeit. Schuldig oder unschuldig. So will es das Gesetz. Ich sehe bereits die Richter vor mir, die Schöffen, die Anwälte, auch die Presse. Hyänen, die aufs Futter warten. Ich werde die Hauptmahlzeit sein. Nebenbei nur ein Aktenzeichen.

Gedankenfäden, die sich trennen und abreißen. Ich bin wieder hier. Fort sind die Illusionen. Es ist sechzehn Uhr, genau auf den Punkt. Ich höre doch die Kirchenglocken schlagen. Ob Gott mich hier sieht? Bin ich ein Sünder? Wer weiß. Die Kirchenglocken erretten mich nicht. Gebete. Sie fallen mir nicht ein. Und noch ist kein Ende in Sicht. Verhör, Verhör! Und noch mehr Wortfetzen. Wie Speerspitzen auf einmal, nun verwundend. Ich winde mich in unsichtbarem Blut, gekrümmt, unterlegen. Niemand merkt´s. Ihre Anschuldigungen versetzen mir Hieb und Hieb. Hand heben! Hat der Zahnarzt gesagt. Hand heben, wenn es weh tut. Meine Hände sind schwer und pelzig. Sie zu heben wäre fehl am Platz. Reine Zeitverschwendung. Die Fronten sind geklärt. Für mich verhärtet. Wieder einmal. Stößt Widerwillen sauer auf. Saugt sich an meiner trockenen Kehle fest. Erreicht meine Stimmbänder. Versteht doch, ich war es nicht! Schreien will ich, dass die Wahrheit den Raum durchdringt. Aber nichts geht. Wie am Stuhl bin ich fest gewachsen. Selbst zum Haare raufen fehlt mir die Kraft. Auch um meine Tochter mache ich mir keine Sorgen mehr. Schlechte Mutter! Werden sie zusätzlich höhnen. Mörderin. Schlagzeilen am nächsten Tag. Ich werde sie mir ansehen. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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