Philo Delavida

Der Einzelgänger

Es war einmal ein Junge, der eine mittelmäßige Kindheit hatte. Er wuchs langsam zu einem jungen Erwachsenen auf. Nachdem er viel Schlechtes erlebt hatte, entwickelte er sich zum Einzelkämpfer. Er wollte niemanden etwas schuldig sein und so schuf er sich sein eigenes Zuhause, in dem er sich sichtlich wohlfühlte. Der junge Mann hatte sein Leben im Griff. Er ging täglich zur Arbeit, ohne krank zu machen oder zu Spät zukommen. Er hatte eine schöne, kleine Zweizimmerwohnung mit Ausblick zum Sonnenuntergang. Sein Leben schien nahezu perfekt, wenn man es nur von außen betrachtete. Innerlich aber war der junge Mann alles andere als glücklich und zufrieden mit seinem Leben. Er scheute nämlich die Öffentlichkeit, weil er in der Vergangenheit schon öfter schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

 Als er seine letzte Freundin verlassen hatte nahm er sich vor, für ganz lange Zeit Single zu bleiben, damit ihn keiner mehr verletzen konnte. Er war überhaupt nicht mehr in Stimmung eine neue Beziehung anzufangen, geschweige überhaupt eine neue Frau kennenzulernen.

Er drehte sich immer weg, wenn er Blickkontakt von einer Frau bekam. Außerdem zog er permanent ein genervtes Gesicht vor sich her. Wie lange dies so gehen sollte, wusste er selbst nicht. Die Hauptsache war, dass ihn niemand mehr verletzen konnte. Mit diesem Ziel ging er weiter durch sein Leben und merkte, dass es nicht gut war.

 

Er hatte kaum Familie, außer seinen Vater. Die Mutter verstarb vor ein paar Jahren. Mit seiner Mutter hatte er nie Kontakt, weil sie sich aus dem Staub machte, als er auf die Welt kam. Also war es für ihn eine fremde Person und so zeigte er keine Gefühle für sie. Es gab auch keine Tante, keine Oma, keinen Onkel und Opa. Sie lebten weit weg von ihm und starben später auch. Niemand aus der Familie nahm Kontakt mit dem jungen Mann auf. Das machte ihn nur rasend und deshalb blockierte es bei ihm. Er wollte nie eines seiner Familienmitglieder je kennenlernen und er merkte, dass es nicht gut war.

 

Von seinen ehemaligen Freunden hat er sich abgewandt, weil sie falsch und ein schlechter Umgang für ihn waren. Er war stolz darauf einen großen Fortschritt gemacht zu haben und wollte nie mehr mit der Vergangenheit tauschen. Sie gaben ihm das Gefühl an allem selbst Schuld gewesen zu sein. Dies glaubte er anfangs auch, merkte aber später, dass es doch nicht so war. Er hatte nur noch ein paar Kumpels, mit denen er aber nicht so glücklich war. Es waren eben nur Kumpels und keine richtigen Freunde, mit denen er durch dick und dünn gehen konnte oder ihnen einfach alles erzählen konnte, was ihn bedrückte. Er tat sich aber auch schwer neue Menschen kennenzulernen, da er sehr verschlossen war und niemand an sich ran ließ. Er sehnte sich schon nach einem richtigen Freund, aber der Wunsch verblasste mit der Zeit. Seinen besten Freund hatte er damals durch einen schweren Autounfall verloren. An diesen Augenblick dachte er jeden Tag, machte sich richtig kaputt damit und merkte, dass es nicht gut war.

 

Der junge Erwachsene entwickelte sich zu einem lebenserfahrenen Mann, mitte vierzig. Zu diesem Zeitpunkt litt er an schweren Depressionen, die auch immer stärker wurden. So stark, dass er sein Leben kaum noch in den Griff hatte. Er wurde auch häufig krank dadurch. Er sah immer und überall junge und glückliche Familien mit kleinen Kindern, Freunde die zusammen Bowling spielten oder etwas anderes unternahmen. Er sah das Lachen in den Gesichtern der Menschen. Doch in sich merkte er nur gefühlszerstörte und depressionsgefüllte Gedanken. Ihm wurde langsam bewusst, dass er vielleicht in die falsche Lebensrichtung ging und merkte, dass es nicht gut war.

 

Weil er am Boden zerstört war und kaum noch klare Gedanken fassen konnte, verlor er auch noch seinen Job als Erzieher. Er war total Arbeitsunfähig und konnte keine Beziehungen mehr zu seinen Kindern aufbauen. Die Teamfähigkeit erlosch in rasender Zeit und schließlich wurde er entlassen. Dadurch, dass er seine Arbeit verlor, wusste er nichts mehr mit sich anzufangen. Er langweilte sich und war stets unausgeglichen. Weil ihm nichts mehr sinnvoll vorkam, fing er an Alkohol zu trinken. Es dauerte nicht lange und er war ein schwerer Alkoholiker. Der Alkohol veränderte sein Wesen erheblich und so wurde er zu einem gefühlslosen und sehr aggressiven Menschen. Die Nachbarn hassten ihn, die Kinder hassten ihn, ja selbst die Tiere hassten ihn. Durch den Alkohol zerstörte er die letzte Beziehung zur Familie, seinem Vater. Nun hatte er wirklich niemanden mehr. Außer sein elendiges und mitleid erregendes Spiegelbild. Alle Kontaktversuche die jemand aufzubauen versuchte, blockte er ab und merkte, dass es nicht gut war.

 

Als aus dem Jungen ein alter Mann wurde, wurde ihm klar, dass er sein Leben nicht mehr im Griff hatte und er den komplett falschen Lebensweg ging. Doch er war zu schwach um etwas daran zu ändern. Psychisch wie auch physisch. Er hatte wirklich nichts und niemanden mehr. Der Alkohol hatte ihn schon längst besiegt und seine Wohnung glich einer Müllhalte. Dazu wurde er schwer krank und ging nur noch zum Einkaufen hinaus. Da er Stress mit den Nachbarn hatte, interessierte sich auch niemand mehr für ihn. Seine Lebensqualität war nun endgültig erloschen. Aus einem Einzelkämpfer wurde ein Opfer des Schicksals. Alles was er sich lange Zeit aufbaute, verlor er nach und nach. Dies machte ihn umso wütender und er grenzte sich völlig aus der Gesellschaft aus. Er sprach mit niemanden mehr. Im Gegenteil er wurde ausfallend,  wenn jemand nett zu ihm war. Besonderst dann, wenn ihn jemand seine Hilfe anbot. Hilfe, die Alkoholsucht in den Griff zu kriegen. Hilfe, ihn in ein Altersheim anzumelden. Hilfe, für ihn einkaufen zugehen oder sonst irgendetwas zu tun. Doch alles wehrte er mit seinem aggressiven und mittlerweile verkorksten Wesen ab. Er lies nichts mehr an sich ran und merkte, dass es nicht gut war.

 

Als er nun noch ein bisschen älter war, war alles schon am Anfang vom Ende. Das Leid wurde immer größer. Eines Tages war er wie immer in seinem Sessel gesessen, um in die Bildröhre zu schauen. Er saß da und bereute sein Leben, das er bis jetzt gelebt hatte. Er dachte über seine Anfangszeit als Kind nach und vermisste die Kindheit sehr. Wie ein Geistesblitz kam ihn der Gedanke, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und das Beste daraus zu machen. Doch als er sich von seinem Sessel erhob, erlitt er einen Herzinfarkt. Er ging zu Boden und hatte große Schmerzen in der Herzgegend. Sein Telefon stand auf der anderen Seite des Raumes, das er zu erreichen versuchte. Er kroch langsam den Boden entlang und plötzlich ging ihm sein ganzes Leben in ein paar Sekunden nochmal durch den Kopf. Dabei merkte er, dass es nicht gut war.

 

Noch bevor er das Telefon erreichen konnte, viel er ganz zu Boden und rührte sich nicht mehr. Kurz darauf klingelte es an seiner Wohnung. Es war sein Nachbar, der das Rumpeln hörte. Er trat die Tür ein aber leider kam er zu spät. Der Mann war bereits schon Tod. Er sah auf dem Wohnzimmertisch etwas Geschriebenes. Der Text war eine Art Geschichte. Eine Kurzgeschichte die der Mann schrieb, kurz vor seinem Tod. Die Überschrift lautete: DER EINZELGÄNGER. Der Nachbar befand sich in einer ähnlichen Situation, wie der alte Mann und las sich die Geschichte aufmerksam durch. Er war schwer traurig und entsetzt zu gleich. Aber er lernte daraus und gründete später eine eigene Familie. Als die Kinder etwas älter wurden, erzählte er ihnen davon. Sie waren sehr betroffen. Danach nahm er sie mit, um das Grab von dem einsamen und unbekannten Einzelgänger zu gießen.

 

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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