Margit Farwig

10. Kanonatuta oder Flitzpiepe

 



Ein Vetter 4. Grades nannte Kanonatuta immer Flitzpiepe. Er hatte den Namen irgendwann aufgeschnappt, fand Gefallen daran und heftete ihn dann an Kanonatuta. Und irgendwie passte er zu ihr.
Gewiss klang Piepe ein wenig leise, aber Flitzflöte oder Flitztrommel ergaben keinen Sinn. Das war wohl schon in Ordnung.
Für Kanonatuta war das überhaupt nicht in Ordnung. Jedes Mal ärgerte sie sich darüber, wenn der Vetter 4. Grades sie so rief. Am liebsten hätte sie überhaupt nicht hingehört und reagiert. Aber gerade dieser Vetter besaß Eigenschaften, die so schnell kein zweiter Vetter aufweisen konnte.
Er sammelte leidenschaftlich gern Töne. Er fing Vogelstimmen ein. Er lauschte ins Weltall, ob nicht ein Englein himmlisch singen würde oder ein ganzer Engelchor.
Er segelte um die Welt auf allen Meeren und bettelte im Reich der Wale um ihre Singtöne. Jawohl, auch Wale singen und verständigen sich untereinander im Wasser.
Daher gelang es Kanonatuta selten, ihn auf ihre verschiedenartigsten klangfrohen Geräusche aufmerksam zu machen.
Wie zufällig schlenderte sie zu seinem Haus, dem dritten in der zweiten Straße hinter der ersten Ecke, beladen mit ihrer kleinsten Flöte, der Pikkoloflöte, um den Vetter ein wenig auf den Geschmack zu bringen. Sie blies also einen Ton.
Er war zu Hause. Schon bald hörte sie, wie ein Fenster geöffnet wurde und zwei

neugierig erstaunte Augen fast aus dem Gesicht kullern wollten.
„Ah, guten Tag Flitzpiepe, hast du noch mehr davon?“, fragte er neugierig.
Das Wort Flitzpiepe überhörte sie zähneknirschend.
Sie wünschte artig guten Tag und zählte alle Instrumente auf, die gerade zu Hause standen, lagen oder hingen.
„Ah, das trifft sich gut. Die Tonkiste ist leer, ich komme mal eben raus“, antwortete der Vetter 4. Grades. Er kam und Kanonatuta rief ihm zu: „Dann komm mit!“
Unterm Arm trug er einen buntbemalten Karton, der einen gut sortierten Malkasten vor Neid erbleichen lassen würde.
Sie kannte diesen Karton zu gut. Ihr ganzer Stolz war es, ihn mit den schönsten und ausgefallensten Tönen zu füllen.
Sie rannte, so schnell ihre Füße sie tragen konnten, nach Hause und kehrte bepackt mit silbern und golden funkelnden Instrumenten zurück.
Eine Auswahl quer durch sämtliche Achtelnoten, Viertelnoten, halben und ganzen Noten verwickelten sich auf der Stelle zum fast unentwirrbaren Notenknäuel.
Zusammen marschierten sie zum Kinderspielplatz mit der großen Rutsche. Der Vetter 4. Grades schlug vor, dass Kanonatuta auf die Rutsche steigen möge. Er reichte ihr ein Instrument nach dem anderen nach oben. Ganz schnell lief er dann ans Ende der Rutschbahn, hielt den Karton auf und Kanonatuta blies mit runden Backen und rollenden Augen einen Ton nach dem anderen.
Die kleinen und großen und größeren, die gefüllten, weniger gefüllten und gar nicht gefüllten Noten purzelten auf das Blech der Rutsche, hüpften vor Vergnügen in die Höhe und landeten wieder auf der Rutschbahn und klangen, je nach Füllung, höher oder tiefer.
So ein Noten-Ping-Pong bedeutete für Kanonatuta höchstes Glück. Alle Noten hielten auf Balance so lange sie konnten, um mit den nachfolgenden Kullertönen gemeinsam ein Stück des Weges zu hüpfen.
Unten angekommen rollten sie geradewegs in den bunten Karton.
Kanonatuta und der Vetter freuten sich so, dass ihre Herzschläge wie auf einem Trampolin immer höher und höher sprangen.
Das dauerte so lange, bis die Tonkiste bis an den Rand gefüllt war. Kanonatuta beendete ihre Blaskunst.
Überglücklich klappte der Vetter 4. Grades den Deckel zu. Nach und nach wollte er das Schatzkästlein öffnen und sich noch einmal nach Herzenslust daran erfreuen.
Er bedankte sich bei Kanonatuta und verschwand hinter der 1. Ecke in der 2. Straße im 3. Haus.
Kanonatuta lief sehr zufrieden mit sich und der Welt heimwärts.


© Margit Farwig  1993
 

 

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