Ich schlage die Augen auf. Die letzten Strahlen der Sonne sind gerade verschwunden. Mein Geist erwacht und ich befreie mich mit einem Ruck aus der lockeren Erde, in der ich mich die Nacht zuvor vergraben hatte. Meine weiße Bluse hat sich grau gefärbt und auch die schwarze Hose und die ebenfalls schwarzen Stiefel aus Leder sind voller Dreck. Die Sandkörner rieseln hinab. Ich fass mir durch mein fünf Millimeter langes, dunkles Haar, um es von der Erde zu befreien. Eine kleine Staubwolke entsteht. Nun klopfe ich meine Kleidung ab. Einiger Maßen wieder hergerichtet, mache ich mich auf den Weg in das Nahe gelegene Dorf. Dort sind kaum noch Menschen unterwegs. Eine ältere Frau läuft hastig zur Bushaltestelle, um den Bus dort noch zu erreichen. Ein Stück weiter steht eine kleine Gruppe Jungendlicher. Sie tragen schwarze Lederjacken. Einer von ihnen hat sich an die Wand gelehnt und scheint große Reden zu halten, jedoch interessierten sie mich nicht sonderlich. Ich hatte bereits meine Wahl getroffen. Ein etwa dreißig-jähriger Mann in einem blauen Anzug trotte durch die Straße. Er war betrunken und hatte sich schon seit mehrere Tagen nicht rasiert. Das Hemd hing aus der Hose und die Hosenbeine waren verdreckt. Ich ging auf ihn zu. Er bemerkte mich scheinbar gar nicht, was mich auch nicht sonderlich verwunderte. Mit einer Hand stützte er sich andauernd an der Wand ab, um sich auf den Beinen halten zu können. Als ich direkt vor ihm Stand, schaute er zu mir auf. Ich war gut einen Kopf größer als er. Sein Atem stank fürchterlich nach Alkohol. Mit der rechten Hand versuchte er mich davon zu scheuchen, was damit endete, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und zu Boden fiel. Ich packte ihn an den Schultern und zog ihn wieder nach oben. Die Gruppe Jugendlicher verschwand endlich und wir waren ungestört. Viel länger hätte ich auch nicht mehr warten wollen. Ich zog ihn zu mir, beugte meinen Kopf über seine linke Schulter und bohrte meine Zähne in seinen Hals. Kurzzeitig zuckte er auf und ein leises Stöhnen
war zu vernehmen. Ich hielt ihn fest und genoss es in vollen Zügen sein heißes Blut meine Kehle hinab gleiten zu lassen. Seine Kräfte verließen ihn langsam, jedoch hielt ich ihn aufrecht bis meine Gier gestillt war. Nachdem ich von ihm abgelassen hatte, lehnte ich ihn gegen die Hauswand. Er lebte noch. Ich tötete nie. Bevor ich ihn verließ, löschte ich seine Erinnerung an mich. Dazu war nicht viel von Nöten, denn ich musste es ihm nur einreden und schon traf ihn mein Zauber. Gesättigt und im Besitz meiner ganzen Kräfte machte ich mich wieder auf den Weg, um ein geeignetes Versteck in den Wäldern zu finden. So sehr ich die Unsterblichkeit schätzte, so unglaublich schwer fiel es mir auch nie wieder in das Licht der Sonne blicken zu dürfen. Ich war auf Ewig in Dunkelheit gefangen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2009.
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Dicke Enden
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