Barbara Greskamp

Eine E-Mail-Liebe


Es geschah an einem Donnerstagnachmittag…


Anne wollte mit ihrem Pferd ausreiten. Es war wunderschönes Wetter, der Himmel war blau gefärbt und es schien die warme Junisonne. Sie wollte sich in den Sattel schwingen und plötzlich riss der Riemen des Steigbügels. Anne stürzte und krachte mit dem Rücken auf den Boden.

Im Krankenhaus stellten die Ärzte einen Wirbelbruch fest, der in einer 4-stündigen OP wieder repariert wurde.

Während Anne im Krankenhaus lag und sich nicht rühren konnte, kam ihr die Idee, eine Geschichte über ihr Pferd zu schreiben.

Als sie wieder zu Hause war, setzte sie die Idee in die Tat um und stellte ihre Kurzgeschichte in einem Autorenforum im Internet vor.

Ein einziger Mensch antwortete ihr auf ihre Frage, ob sie diese Kurzgeschichte weiter fortführen solle. Sie freute sich so sehr über Sids aufmunternde Worte, dass sie sich herzlich bei ihm bedankte und ihm kurz schilderte, wie sie auf die Idee gekommen war, diese Geschichte überhaupt zu schreiben und welche ihre Vision dabei war.

Die  Korrespondenz zwischen Anne und Sid wurde immer interessanter, neugieriger, intensiver und  vertrauter.

Es war wie ein ruhender Bergsee im Mondschein, der Mond eine große gelborange Scheibe über dem See, die Landschaft in diffuses Mondlicht getaucht, und plötzlich beginnt die Oberfläche des Sees sich zu kräuseln, als würde sie von einer leichten Brise berührt...

die Worte wurden vertrauter, ein "gehauchter Kuss", ein "ich träum von dir" oder ich freu mich auf dich", ließen die Oberfläche des Sees leicht schwingen.

Altvertraute Gefühle, die lang vergessen waren, brachen in Anne wieder hervor. Sie freute sich auf die nächste E-Mail wie ein verliebter Teenager, ein permanentes Lächeln war auf ihr Gesicht gezaubert, alles war leichter, beschwingter, ihr Leben, welches bislang durchaus zufriedenstellend war, bekam einen neuen, wunderbaren Sinn. Sie war glücklich. Die Tage wurden heller, sie freute sich auf den Abend, um sich an den mittlerweile immer zärtlicher werdenden Worten von Sid zu erfreuen. Sie schrieben sich ihr Leben, vertrauten sich alles an – ja eine Seelenverwandtschaft war zu erkennen. Sie konnten sich nicht mehr gegen die Gefühle wehren, die sich immer stärker zu entwickeln drohten.

Die Wellen des Bergsees schlugen immer heftiger ans  Ufer.

Anne hatte Angst, mit Sid zu telefonieren. Sie hatte Angst davor, sich völlig zu verlieren und Begehrlichkeiten zu wecken, die nicht erfüllt werden konnten, denn Sid war nicht frei. Anne lebte alleine, wollte aber auf keinen Fall eine Beziehung mit einem verheirateten Mann haben. Auch hatte sie  Angst, die Stimme von Sid könnte ihre Illusion von ihm zerstören. Sie hatte Angst, konnte aber dem Wunsch, den Mann, in den sie mittlerweile verliebt war, zu hören, nicht widerstehen. Er mailte ihr seine Telefonnummer…und sie rief an. Klopfenden Herzens wartete sie auf seine Stimme – da war er, der geliebte Mann, seine Stimme enttäuschte sie nicht. Sein leichter Akzent, die jung gebliebene Stimme und das weiche Timbre ließen ihr Herz schneller schlagen.

Sein erster Satz war "oh Gott, bitte nicht!" was auch immer das bedeutete.

Es wurde zu einem Ritual. Sie telefonierten morgens, mittags und abends. Zwar immer nur für ein paar Minuten, aber sie erschufen ein paralleles Leben. Sie tauschten sich über alles aus. Er lebte virtuell in ihrer Familie mit, kannte die Kinder, Freunde, Kollegen, vor allen Dingen ihr Pferd. Sie schrieb ihm begeisterte Geschichten von ihren Abenden und den Erlebnissen mit ihrem Pferd, worüber sie am nächsten Tag am Telefon reden konnten, ebenso über die Kinder, den Alltag, alles eben, was in einem Leben passiert welches man gern mit seinem Partner teilt. Es war wunderschön. Anne fühlte sich nicht mehr allein, sie hatte jemandem ihr Herz geschenkt und nahm es in Kauf, dass es nur ein Leben auf der virtuellen Ebene sein konnte.

Sid war ein wunderbarer Mann. Er hörte ihr zu – erzählte aber auch gerne – stand ihr mit seinem Rat zur Seite, tröstete sie, half ihr bei den Problemen mit den Kindern, holte sie schon mal auf den Boden der Tatsachen zurück, beruhigte sie, wenn sie Angst hatte und vor allen Dingen liebte er sie und sagte es ihr immer wieder. Auch  sie liebte diesen Mann so sehr, dass sie bereit war, auf alles, was eine Liebe noch ausmacht, zu verzichten. Es war sehr schwer – auch der Gedanke, dass er seiner Frau und Familie enger verbunden war als ihr – natürlich nagte es an ihr und sie war nicht immer in der Lage,  ihre Gefühle diesbezüglich zu verbergen. Sie glaubte aber auch, dass es in der Liebe erlaubt sei, alles was einen bewegt, ehrlich zu äußern, auch wenn es weniger angenehm ist.

Anne nahm an seinem Leben teil, so gut es ging. Begleitete ihn virtuell in seiner Freizeit, „lag“ mit ihm in der Sonne, las mit ihm Gedichte im Internet, hörte mit ihm zusammen Musik, schaute sich die gleichen Filme an, um darüber mit ihm reden zu können, lebte mit ihm in seiner Fußballwelt und schrieb ihm Gedichte, Gedichte, die ihre Gefühle ausdrückten. Auch diese Saite in ihr hatte er zum Klingen gebracht.

Das Wunderbare an ihm war auch seine Liebe zu Tieren. Sie hatte immer davon geträumt, einen Partner zu finden, der so viel ehrliches Interesse und Begeisterung an ihrem Pferd zeigt.

Sie hatten es beide als ein ganz besonderes Zeichen gedeutet, dass sie sich über die Geschichte ihres Pferdes kennen gelernt hatten…

Ja, es war auch etwas Besonderes. Diese E-Mail-Liebe zwischen Anne und Sid. Eine Liebe, die nur am PC und am Telefon stattfand weil man keinem anderen Menschen wehtun wollte, weil man Angst hatte, sich zu sehen und sich zu verlieren, weil es zu einer Katastrophe hätte führen können – oder in ein neues, unbekanntes Leben?

 Sid hatte ein sehr eingefahrenes Leben. Er glaubte sich frei, Herr seiner Wünsche, doch hatte er jede Stunde des Tages vorgegeben, war verplant, war berechenbar. Die Telefonate mit Anne waren immer ein Nebenprodukt – sie wurden geführt während der Mittagspause, während des Autofahrens, während des Einkaufens, selten aber in einer wirklich freien Zeit- freien Zeit für Anne. Aus diesem Grunde glaubte Anne auch nicht, ihm seine Zeit zu stehlen, ihn von anderen ihm wichtigen Aktivitäten fern zu halten, denn  er tat ja gleichzeitig immer etwas Anderes. Dennoch fühlte Sid sich gehetzt, zu sehr in Anspruch genommen von seinem eigenen Wunsch,  Anne zu hören, Zeit mit ihr zu verbringen. Ihre verzweifelten Versuche ihm klar zu machen, dass er ihr keine Zeit opfere, sondern mit ihr doch immer nur telefonierte, während er sowieso etwas Anderes tat, waren vergebens. Er verstand es als Kritik und hatte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Sie stritten sich nicht, nein soweit ließ er es nicht kommen.

 Aber es kam, wie es kommen musste – ganz plötzlich, wie aus heiterem Himmel. Sie hatte ihn überfordert, war in sein Leben eingebrochen und er hatte es zugelassen. Er hatte sich überschätzt. Er konnte es nicht aushalten, so geliebt zu werden. Warum nicht? Es tat ihm doch niemand weh! Er ergriff die Flucht – vor was auch immer.

Anne hatte die Liebe wieder in ihr Herz gelassen, nach so vielen Jahren, hatte geglaubt und vertraut, lebte von ihren Träumen mit Sid,  und plötzlich hörte es auf wie es angefangen hatte…

 

Eine E-Mail mit sieben Zeilen – das war’s.

 

Der Mond scheint immer noch orangefarben über dem Bergsee, über den Menschen und über den Tieren. Nur der See, der liegt jetzt wieder ganz ruhig da im Mondenschein. Keine gekräuselte Oberfläche, keine leidenschaftlich aufgewühlten Wellen, nein, dunkel, still und einsam liegt er da...   

 
aber irgendwo über den Bergen schimmert ein Licht – das Licht der Hoffnung.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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