Simona Bianco

Kelly


Kapitel 1
 

 
Regen prasselte sanft gegen das Fenster ihres Appartements im dritten Stock eines Hauses am North Lake Shore Drive. Sie saß in ihrem Schaukelstuhl und sah auf den Michigan See hinaus. Irgendwo im Haus weinte ein Kind, und Mrs. Dungan, die unter ihr wohnte, sah fern. Die Klänge des Fernsehers drangen zu ihr. Sie lächelte. Mrs. Dungan war schließlich schon 84 Jahre alt und hörte schlecht. Sie stellte ihre leere Kaffeetasse auf die Fensterbank und beschloss, das John G. Sheed Aquarium zu besuchen. Sie war schon unzählige Male dort gewesen. Während sie durch das Ozeanarium schritt und den Fischen zusah, konnte sie besonders gut entspannen. Sie zog sich warm an, denn an Oktobertagen wie diesen war es ziemlich kalt in Chicago. Sie verließ ihr Apartment und ging hinunter. Sie sah die Straße hinauf, wartete bis ein Taxi in Sicht kam und hob die Hand. Das Taxi hielt, sie stieg ein und sagte dem Taxifahrer, wo die Fahrt hingehen sollte. Schon nach 15 Minuten war sie am Ziel. Sie bezahlte den Taxifahrer, stieg aus und ging zum John G. Sheed Aquarium.
 
Sie kaufte sich ein Ticket und begann die Gänge entlang zu schlendern. Es war Sonntag, so dass auch zahlreiche Familien mit Kindern anwesend waren. Schmerzend wurde ihr wieder einmal ihre Einsamkeit bewusst. Doch sie war stets fest entschlossen gewesen, sich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Zu schwer und zu hart war ihr junges Leben schon gewesen...sie verlor ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz als sie vier Jahre alt gewesen war. Das war 1978. Anschließend verlebte sie ihre Kindheit und ihre Jugend in einem Waisenhaus in Houston.
 

 
Die Zeit war nicht leicht, doch im Großen und Ganzen hatte sie die Jahre unbeschadet überlebt. Aufgrund ihrer exzellenten, schulischen Leistungen verließ sie das Waisenhaus 1995, um im Rahmen eines Stipendiums an der University of Chicago Pädagogik und Psychologie zu studieren. Ihre Doktorarbeit hatte sie nie abgegeben. Sie durfte jedoch den Titel „Psychotherapeut“ tragen, und ihr großer Traum war es, Menschen zu helfen. Sie verließ die Uni im Jahr 2002. Bis dahin hatte sie nicht viel von der Welt gesehen.
 
Sie suchte sich ein Apartment und fand die kleine, schöne 2-Raum-Wohnung am North Lake Shore Drive, wo sie nun schon seit über vier Jahren wohnte. Sie hatte in verschiedenen Restaurants gejobbt nach dem Studium, um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Seit einem Jahr arbeitete sie bei einer Versicherungsgesellschaft in der Schadenannahme.
 
Wenn sie nicht gerade im Callcenter saß, was zum Glück nur zweimal in der Woche vor kam, dann beschäftigte sie sich damit, die handgeschriebenen Schadensanzeigen der Sachbearbeiter in das Computersystem einzupflegen. Keine wirklich anspruchsvolle Tätigkeit, doch ein gut bezahlter Job mit Krankenversicherung. Sie verdiente im Monat ca. 1600 $. Davon konnte sie gut leben und noch jeden Monat 300 $ sparen. Das tat sie auch, denn sie hatte ihren Traum von ihrer eigenen Therapiepraxis nie aufgegeben.
 

 
In ihrer Manteltasche vibrierte ihr Handy. Sie holte es heraus und las die Kurzmitteilung ihrer Freundin Beth: „Liebe Kelly, wie wäre es mit einem Cocktailding heute abend?“ – Lieb gemeint, doch irgendwie war ihr heute nicht nach Frauengesprächen. Sie begann die Absage für Beth zu schreiben. Plötzlich ein dumpfer Aufprall und eine harmonische, männliche Stimme sagte: „Oh, sorry, Miss! Ich habe sie nicht gesehen….” – Da war es passiert, sie war mit jemandem zusammen gestoßen, ihr Handy rutschte ihr aus der Hand und fiel auf den Boden. Sie sah erschrocken auf, doch konnte niemanden sehen, denn der Unbekannte hatte sich bereits gebückt, um ihr das Handy zurück zu geben. Er begutachtete es. Auf den ersten Blick musste Kelly zugeben, dass dieser Mann sehr attraktiv war. Einen guten Kopf größer als sie mit fast schwarzem Haar.
 
„Ich hoffe, es ist noch heil?“ – Sie sah in tiefgründige, braune Augen und konnte ein verschmitztes Lächeln erkennen, dass weiße, ebenmäßige Zähne zum Vorschein kommen ließ. Sie untersuchte ihr Handy, es schien in Ordnung zu sein. „Ist schon okay, kann ja mal passieren...“ Der hübsche Unbekannte reichte ihr die Hand: „Mein Name ist Andrew Fuller.“ Sie nahm seine Hand zögerlich entgegen: „Angenehm, Kelly Wilson.“ Er fragte sie, ob sie nicht ein Stück gemeinsam durch das Ozeanarium schlendern wollten. Dagegen sprach nichts.
 

 
Andrew erzählte, dass er vor zwei Monaten nach Chicago versetzt worden sei, er war als Architekt in einer großen Baufirma tätig. Es war sein erster Besuch im Ozeanarium. Kelly hörte ihm interessiert zu. Nach einer Weile fragte er sie, wie es wäre, gemeinsam ein Café aufzusuchen. Das ging Kelly entschieden zu schnell. Sie lehnte ab. Traurig blickte er sie mit seinen braunen Augen an. „Aber vielleicht haben Sie an einem anderen Tag Lust? Wie wär´s? Ich gebe Ihnen meine Telefonnummer und wenn Ihnen der Sinn nach belangloser Plauderei steht, dann rufen Sie mich an?“ Das war in Ordnung.
 

 
Sie holte abermals ihr Handy aus der Manteltasche und wartete auf seine Ansage. „773-4893355. Ich warte auf Ihren Anruf.“ Dieses Lächeln war schon sehr sympathisch, wie Kelly fand. Er blinzelte ihr zu und sah auf seine Uhr. „Ach, Du Schreck! Ich habe noch eine Verabredung mit einem Freund, und so wie es aussieht, habe ich in Ihrer Gegenwart glatt die Zeit verschwitzt...“ Er streckte ihr seine Hand entgegen, um sich zu verabschieden. Kelly bedankte sich für die nette Unterhaltung und versprach, ihn anzurufen. Ihre Wege trennten sich.
 

 
Ihr Freundeskreis war klein, denn sie hatte im Heim gelernt, auf sich selbst gestellt zu sein. Sie war sehr schüchtern und teilte ihren Lebensraum nicht gern mit anderen Menschen. Sie schmunzelte. Andrew war ihr sehr sympathisch, und diese braunen Augen und das Lächeln prägten sich in ihrem Gedächtnis ein. Ihre Freundin Beth Langfield hatte sie auf ähnliche Weise kennengelernt. Mit ihr war sie im Supermarkt mit dem Einkaufswagen zusammen gestoßen. Na, wenn das kein gutes Omen war!
 

 
Ihre letzte Liebesbeziehung lag schon mehr als acht Jahre zurück. Es war ein Junge von der Universität, der aus sehr gutem Elternhause kam. Er hieß Matt. Matt Allistor. Sohn eines Industriemagnaten aus Philadelphia. Matt stammte aus so gutem Hause, dass Kelly den Ansprüchen der Familie nicht gerecht wurde. Kurz vor der Verlobung trennte sich Matt von ihr. Sie sehnte sich nach einem Partner, doch diese Erfahrung hatte sie gelehrt, vorsichtig bei der Auswahl von Männern zu sein. In der Zeit nach Matt hatte es zwar einige Dates in ihrem Leben gegeben, doch es war nie wirklich etwas daraus geworden. Mit einem ihrer Dates war sie seit dem ersten Treffen jedoch befreundet: David Gains.
 

 
Es dämmerte bereits als Kelly das Ozeanarium verließ. Ihr Handy läutete. Sie sah auf das Display: Beth! Oh, Kelly hatte in der Aufregung um den Zusammenprall mit Andrew ganz vergessen, Beth abzusagen. „Hi, es tut mir leid, aber ich hatte einen kleinen Zusammenstoß...“ Sie berichtete ihrer Freundin vom Kennenlernen mit Andrew. Sie hielt sich kurz. Beth war begeistert, wollte sie doch schon seit langem, dass Kelly mal wieder ein Date hatte. Kelly würgte Beth jedoch ab, weil es empfindlich kalt geworden war und sie nur nach Hause wollte. Sie versprach Beth, dass sie sich im Laufe der kommenden Woche treffen würden.
 
Vor dem Ozeanarium warteten genügend Taxis, so dass Kelly kein Problem hatte, nach Hause zu fahren.
 

 

 

 

 
Kapitel 2
 

 
Montag morgen. Es regnete noch immer. Kelly hatte gefrühstückt, war fertig angezogen und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Sie fuhr stets mit dem Rad, denn so trieb sie regelmäßig Sport, und die Strecke von 3 km kostete sie nur einige Minuten.
 

 
Sie schloss ihr Rad an und betrat das Gebäude in der North Southport Avenue gegen 8.30 Uhr. „Guten Morgen, Bob!“, begrüßte Kelly den Empfangschef.
 
„Guten Morgen, Kelly! Hier wartet schon einiges auf Dich!“ Bob verteilte bei der morgendlichen Begrüßung die Arbeit an die einzelnen Sachbearbeiter. Der Empfang fungierte auch gleichzeitig als zentrale Postsammelstelle. So konnte rationeller gearbeitet werden. Es war sicher gestellt, dass jeder seine Tätigkeiten zugewiesen bekam, und Bob prüfte dabei auch gleich die Anwesenheit.
 

 
Kelly ging zum Fahrstuhl, um in ihr Büro im 2. Stock zu gelangen. Sie arbeitete in einem Großraumbüro mit vielen Frauen zusammen. Kelly achtete stets darauf, berufliches und privates nicht zu vermischen und hielt nichts von Freundschaften am Arbeitsplatz. Einige der Kolleginnen hatten kein Verständnis für Kellys Einstellung und mieden sie, doch das störte sie nicht.
 

 
Sie sah auf den Stapel Arbeit vor sich und atmete schwer aus. Irgendwie stand ihr der Kopf heute nicht nach Arbeit, doch es nutzte nichts, schließlich war sie froh, einen guten Job zu haben. So begann sie, und die Stunden schlichen dahin.
 

 
Kurz vor Feierabend gegen 17.30 Uhr rief sie Beth an und fragte, ob sie sich nicht heute sehen wollten. Beth freute sich und lud Kelly zum Abendessen bei sich zu Hause ein. Sie verabredeten sich für 20 Uhr und Kelly freute sich auf die Spaghetti Bolognese, die ihrer Meinung nach niemand so gut hinkriegte als Beth.
 

 
Kelly schwang sich auf ihr Rad und fuhr Heim. Zu Hause angekommen leerte sie erst einmal ihren Briefkasten, der jedoch außer Werbung nichts enthielt. Sie rannte die Treppe hinauf, schloss ihre Apartmenttür auf und ging hinein. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich erschöpft dagegen. Erst einmal durchatmen!
 
Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn auf die Couch. Das war natürlich der große Vorteil ihres Singledaseins. Sie brauchte nicht stets darauf zu achten, dass ihre Wohnung in einem pikobello Zustand war. Während Kelly ins Badezimmer ging, um sich ein Bad einzulassen, knöpfte sie bereits ihre Bluse auf. Welch eine Entspannung, dachte sie sich, als das warme Schaumbad sie umschlang. Und plötzlich und völlig unerwartet waren da wieder diese braunen Augen und das Lächeln! Andrew...aber einen Tag nach dem Kennenlernen anzurufen würde gegen die goldene Datingregel verstoßen. Nicht vor dem darauffolgenden Wochenende, wobei es ihr ohnehin schon unangenehm war, dass sie ihn anrufen musste. Selbst schuld, Kelly, Du hättest ihm auch Deine Nummer geben können, dachte sie sich. Nach dem Bad zog sie ihre Lieblingsjeans samt Lieblingspulli an. Sie rief sich ein Taxi, sprang in ihre ausgeleierten Adidas, steckte ihr schulterlanges, mittelbraunes Haar hoch und schlüpfte in ihren Mantel. Sie verließ die Wohnung und sprang ins Taxi: „6412 Lake Street, bitte.“ Das Taxi setzte sich in Bewegung.
 

 
Der Weg zu Beth war nur ca. 4,5 km lang, doch es war ihr zu kalt und auch zu spät, um noch mit dem Rad zu fahren. Chicago ist eine sehr große, nicht unbedingt ungefährliche Stadt. Zumindest für eine junge Frau, die allein unterwegs war. Das Taxi hielt vor dem Haus, in dem Beth wohnte. Kelly zahlte und stieg aus. Sie war dabei, ihr Portemonnaie in ihre Handtasche zu tun und während sie den Reißverschluss ihrer Handtasche zu zog, knallte sie mit jemandem zusammen. „Oh, sorry!“, stammelte sie verlegen und blickte auf. „Na, das nenn ich Glück!“ Es war Andrew. Sie lachten beide. „Wenn das kein Schicksal ist, dass wir beide ständig übereinander stolpern...“, sagte er. Und da war es wieder, dieses wunderbare Lächeln! Kelly wurde verlegen. „Ja, das ist wahr. Was treiben Sie hier in der Gegend?“, fragte sie ihn neugierig. „Ich arbeite hier, nur einige hundert Meter weiter die Straße hoch. Und Sie, wenn ich fragen darf?“ Sie zeigte auf das Haus hinter ihm: „Ich bin mit meiner besten Freundin verabredet! Zum Essen!“ – „Oh, da werde ich Sie wohl wieder nicht auf einen Kaffee einladen können, wie schade. Aber ich hoffe doch, Sie halten ihr Wort und rufen an?“ – Kelly nickte zustimmend. Sie verabschiedeten sich.
 

 
Erst jetzt wurde Kelly bewusst, dass sie ihr absolutes Freizeitoutfit an hatte, doch es schien Andrew in keiner Form gestört zu haben. Dennoch war es ihr peinlich. Nur gut, dass ihr diese Peinlichkeit nicht während ihres kurzen, gemeinsamen Zusammentreffens klar geworden war...sie klingelte bei Landing. „Na endlich, und dass Du mir gleich erzählst, wer der Typ war, mit dem Du geredet hast...“ Der Türöffner summte und Kelly stieß die Haustür auf. Sie stieg hastig die Treppen in den vierten Stock hinauf. Schwer atmend erreichte sie die Apartmenttür von Beth. Sie ging hinein, schloss die Tür und zog ihren Mantel aus. Beth Stimme ertönte aus der Küche: „Nun komm schon her und mach es nicht so spannend. Wer war dieser gutaussehende Typ im Anzug?“ – Kelly lachte: „Das war Mr. Ozeanarium!“ Beth sah Kelly verwundert an: „Habt ihr euch ein Taxi geteilt?“ – „Nein, Du wirst es kaum glauben, aber wir hatten schon wieder einen Zusammenstoß!“ Beth sah an Kelly hinunter: „Ob das so gut war, so wie Du wieder angezogen bist?“ Kelly verdrehte genervt die Augen. Mitunter war ihre Freundin recht schwierig, bestand sie doch stets und ständig darauf, dass Frauen auch stets wie Frauen gekleidet sein sollten, noch dazu wenn sie Singles waren! „Beth, bitte, Du weißt doch, dass ich schon den ganzen Tag im Job wie ein Püppchen aussehen muss...da bin ich froh, wenn ich es abends leger habe!“ Und während Beth die Spaghetti abgoss, begann sie Kelly wieder mal einen Vortrag darüber zu halten, wie wichtig es war, stets akkurat gekleidet zu sein. Wie gut, dass das Essen fertig war....
 

 
Nach dem Mahl und dem gemeinsamen Abwasch saßen Beth und Kelly noch bei einem Glas Wein vor dem Kamin. „Wie läuft es denn mit Deinem Ben?“, fragte Kelly. Beth hatte Ben vor drei Wochen in ihrem Fitnessstudio kennengelernt. Ben war Autoverkäufer, zwar sehr gut aussehend, jedoch nicht sonderlich intelligent, wie Kelly fand. Beth´s Miene verdüsterte sich: „Ach hör mir bloß auf, am Wochenende konnten wir uns mal wieder nicht einig werden, was wir unternehmen wollten. Das ging mir dann so sehr auf die Nerven, dass ich nach Hause gefahren bin. Seither haben wir nichts voneinander gehört. Wahrscheinlich ist die Geschichte durch!“ – „Oh, das tut mir leid....“ Beth lächelte und drückte Kellys Hand. „Das braucht es nicht, erzähl mir lieber von Deinem Andrew....“ Das ließ Kelly sich nicht zweimal sagen und plauderte drauf los. Beth war amüsiert und ebenso wie Andrew war sie der festen Überzeugung, dass das Schicksal sein musste. Sie forderte ihre Freundin auf, Andrew schnellstmöglich anzurufen. „Aber Beth, Datingregeln!“ Beth winkte ab. „Vergiss doch mal Deine dämlichen Regeln, ruf ihn an, bevor ihn sich eine andere schnappt....“ Kelly überlegte. „Du weißt doch, dass ich nicht von der schnellen Sorte bin!“
 

 
„Richtig, Du bist so langsam, dass selbst eine Schnecke schneller ist als Du...stell Dich nicht so an! Ruf ihn an, er wartet bestimmt tatsächlich auf Deinen Anruf.“
 

 
Sie plauderten noch eine ganze Weile und als Kelly wieder zu Hause angekommen war, leuchteten auf ihrem Radiowecker bereits die Ziffern 1.13. Zeit, zu schlafen, denn morgen war Callcenter angesagt. Sie zog sich ihren flauschigen – wenn auch sehr alten – Flanellpyjama an, stellte ihren Wecker und kuschelte sich in ihr viel zu großes Bett....bevor sie einschlief, waren da wieder diese braunen Augen...
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 3
 

 
Die Woche verging wie im Fluge. Kelly war durch den Job derart ausgepowert, dass sie nur kurze Augenblicke lang an Andrew gedacht hatte. Es war Freitag, wo sie bereits mittags das Büro verließ, da sie freitags nur halbtags arbeitete. Sie schwang sich auf ihr Rad und machte sich auf dem Heimweg. Zu Hause angekommen schloss sie kurz ihr Rad an und ging dann noch schnell in den Supermarkt, um einige Lebensmittel einzukaufen. Sie hatte beschlossen, sich heute mal etwas zu kochen. Das tat Kelly nur selten, denn abends war sie meist zu erschöpft, um sich noch in der Küche zu betätigen, so dass sie sich unter der Woche größtenteils mit Mikrowellenfood begnügte.
 

 
Nachdem sie ihre Einkäufe getätigt und in ihrem Apartment angekommen war, zog sie sich erst mal um. Raus aus dem Röckchen, der Bluse und den Stöckelschuhen und rein in ihren rosa Jogginganzug. Sie verstaute die Einkäufe und kochte sich einen Kaffee. Kelly war passionierte Kaffeetrinkerin, unter ein bis zwei Kannen täglich war da nichts zu machen. Sicher war ihr bewusst, wie ungesund Kaffee war, doch während sie ihn früher mit Milch und Zucker getrunken hatte, so trank sie ihn heute nur noch schwarz und entkoffeiniert.
 
Die Kaffeemaschine blubberte noch, so dass Kelly Zeit hatte, ihre Post durchzusehen, doch außer der monatlichen Telefonrechnung war nichts Spannendes dabei. Apropos Telefonrechnung. Andrew. Sicherlich würde er an einem Freitag Nachmittag noch arbeiten, so dass es völlig ungefährlich sein würde, ihn jetzt anzurufen. Gesagt, getan. Sie kramte in ihrem Rucksack nach ihrem Handy, um Andrews Telefonnummer zu finden.
 

 
Als sie die Tasten an ihrem schnurlosen Telefon drückte, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Freizeichen. Es klingelte. Einmal. Zweimal. Nach dem fünften Klingeln sprang der Anrufbeantworter an, und die Stimme von Andrew ertönte: „Hallo, hier ist Andrew. Leider bin ich nicht da. Hinterlasst mir bitte eine Nachricht, ich melde mich umgehend.“ – Kellys Stimme versagte. Sie wartete den Piepton ab, doch sie brachte keinen Ton heraus. Wütend über ihre eigene Unsicherheit legte sie auf. Sie ging in die Küche und holte sich einen Kaffee. Sie stellte die Kaffeetasse auf der Fensterbank ab und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. Der Wind, der in Chicago so typisch war, fegte über den Michigansee...
 

 
Warum bin ich nur so ängstlich? Er wollte doch, dass ich ihn anrufe. Noch immer war sie verärgert. Sie stand auf und holte sich eine Zeitschrift. Wieder im Schaukelstuhl sitzend begann sie in dem Magazin zu blättern. Doch sie las gar nicht, sondern hatte immer noch den Klang von Andrews Stimme im Ohr. Sie beschloss, ihn noch mal anzurufen. Sie griff zur Fensterbank, auf der das Telefon lag und drückte auf Wahlwiederholung. Wieder lauschte sie dieser harmonischen Stimme. Es piepste abermals. Verdammt, wieder versagte ihre Stimme. Na prima, dachte sie, so wird das wohl nie etwas werden! Sie beschloss zur Entspannung ein wenig spazieren zu gehen. Kelly stand auf, zog sich an und verließ ihre Wohnung. Vor dem Haus blickte sie umher. Es verunsicherte sie, dass sie so durcheinander war, dass sie nicht in der Lage war, Andrew eine Nachricht zu hinterlassen. Sie ging die Straße entlang Richtung Lake Shore Park. Sie war sich sicher, dass ein Spaziergang im Park ihre Gedanken wieder in Ordnung bringen würde.
 

 
Es dämmerte bereits als sie um 18 Uhr wieder in ihr Apartment zurückkehrte. Sie ging ins Bad und ließ sich eine Wanne ein. Als sie wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte, fiel ihr Blick auf ihren Anrufbeantworter, der blinkte. Sie sah drauf und erkannte, dass sie bereits zweimal angerufen worden war. Sie drückte auf Wiedergabe. Der erste Anrufer hatte keine Nachricht hinterlassen, sondern einfach aufgelegt. Sie grinste. Das geschah ihr ganz recht, wo sie selbst nicht in der Lage war, eine Nachricht zu hinterlassen. Die zweite Nachricht wurde angesagt. „Guten Tag, mein Name ist Andrew Fuller!“. Oh Gott! Kelly erschrak! Oh nein, natürlich, ihre Rufnummer war auf seinem Anrufbeantworter, wie dumm, dass sie daran nicht gedacht hatte!
 

 
„Ich weiß zwar nicht, warum Sie nicht mit mir reden möchten, mich aber dennoch anrufen! Aber ich wollte Sie wissen lassen, dass ich den ganzen Abend zu Hause sein werde, so dass Sie es gern noch mal versuchen können!“ – Kelly wäre am liebsten im Erdboden verschwunden vor Scham. Sie hörte sich die Nachricht noch mal an. Und wieder. Und wieder. Es war kein nervöser Unterton in seiner Stimme zu hören. Was war jetzt zu tun? Sollte sie ihn anrufen?
 
Sie beschloss in der Badewanne darüber nachzudenken. Doch als sie in der Wanne lag, wurde sie immer unruhiger. Sie beeilte sich mit dem Baden, sprang aus der Wanne, trocknete sich ab und schlüpfte in ihren Pyjama. Mit einem Glas Wein zur Beruhigung in der einen Hand und dem Telefon in der anderen setzte sie sich auf ihre Couch. Sie stellte das Weinglas auf den kleinen Glastisch vor sich. Ein Blick zur Uhr: 20 Uhr. Okay. Ihr Herz raste. Ihre Finger zitterten.
 
Dennoch: sie drückte die Wahlwiederholungstaste auf ihrem Telefon. Die Zeit schien still zu stehen. Sie erschrak, als das erste Klingeln ertönte.
 

 
„Hallo Unbekannter oder Unbekannte!“ Seine Stimme klang erfreut. Kelly war nervös. Sie räusperte sich. „Hi, sorry, hier ist Kelly Wilson.“ – Andrew lachte. „Ich hatte gehofft, dass Du...ähm, Verzeihung, Sie das sein würden!“ Damit war das Eis gebrochen. Kelly schlug Andrew das Du vor. Beide waren sich einig, lachten und plauderten eine Weile. Als der Akku von Kellys Telefon piepte, war es schon Nacht...die Uhr zeigte, dass es bereits nach zwölf war. Die beiden verabredeten sich für den nächsten Nachmittag im Lake Shore Park. Als Kelly sich in ihre Bettdecke kuschelte, knurrte ihr Magen...ups, in der ganzen Aufregung hatte sie das Essen glatt verschwitzt...doch das war ihr egal nach diesem wunderschönen Telefongespräch....
 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 4
 

 
Es war bereits nach neun Uhr in der Früh als Kelly die Augen aufschlug. Sie setzte sich auf und sprang aus den Federn. Nach der Dusche ging sie zum Bäcker, um sich Brötchen zu holen. Als sie wieder zurück war, die Kaffeemaschine ausgeschaltet und sich den Küchentisch gedeckt hatte, klingelte ihr Telefon. Sie hatte sich gerade ihren Kaffee eingegossen. Und eine weitere Eigenheit von Kelly war es, sich durch nichts und niemanden beim Frühstück stören zu lassen.
 

 
Sie setzte sich an den Tisch, und im Wohnzimmer sprang endlich der Anrufbeantworter an. Sie lauschte. „Hi, Kelly. Ich wollte Dir nur sagen, dass ich mich sehr auf nachher freue....ach ja, ich bin es, Andrew.“ – Sie schmunzelte. Ihr Herz klopfte, und sie redete beruhigend auf sich ein: „Mal schön langsam, Kelly. Er ist auch nur ein Mann.“ Aber irgendwie schien er ihr sehr ähnlich zu sein. Doch nach Matt war Kelly vorsichtig geworden. Sie wusste jetzt zwar schon, dass Andrew ursprünglich aus dem Bundesstaat Georgia stammte. Seine Heimatstadt hieß Savannah, wo seine Familie noch heute lebte. Seine Familie waren seine Eltern und seine beiden Brüder, Joey und Steve. Er hatte in New York Kunsthistorik und Architektur studiert und betrachtete seinen derzeitigen Job nur als Übergangslösung. Andrew sagte, er habe noch keine Lust als selbständiger Architekt zu arbeiten, das sei ein Job für später. Er war 33 Jahre alt und hatte im Juni Geburtstag. Aber das alles hieß nicht, dass sie ihn kennen würde. Also entschloss sie sich ruhig zu bleiben und abzuwarten. Sie schmierte ihre Brötchen und las während des Frühstücks die Chicago Sun Times.
 
Nach dem Frühstück widmete sie sich ihrem Haushalt. Unter der Woche war Kelly meist zu erschöpft und vielleicht auch ein wenig zu faul, um ständig zu putzen. So sparte sie sich die lästige Hausarbeit bis samstags. Während des Putzens lief das Radio, denn Kelly liebte Musik und es erleichterte ihr die Arbeit. Zu guter Letzt warf sie ihre Waschmaschine an. Ein Blick zur Uhr verriet ihr, dass sie noch zwei Stunden Zeit hatte bis zum ihrem Treffen mit Andrew um 15.30 Uhr. So beschloss sie noch in Ruhe einen Kaffee zu trinken und sich dann so langsam zurecht zu machen. Als sie in ihrem Schaukelstuhl saß und auf den Michigansee hinaus blickte, klingelte ihr Telefon. Sie schmunzelte in der Hoffnung, Andrew hätte ihr noch etwas mitzuteilen. Sie hob ab.
 

 
„Die schönste Frau südlich des East Wacker Drive!“ Es war Kellys Freund David. Seit Wochen hatte sie nichts von ihm gehört. Sie setzte sich mit dem Telefon wieder in den Schaukelstuhl, und sie tauschten die neuesten Ereignisse aus. Doch die Zeit verging zu schnell, so dass es bereits 14.30 Uhr war, als sie das Gespräch mit David beendete. David wünschte ihr viel Erfolg mit Andrew, und Kelly musste versprechen, ihn auf dem Laufenden zu halten.
 

 
Sie sprang schnell unter die Dusche, denn beim Putzen war sie ganz schön ins Schwitzen gekommen. Dann hängte sie noch schnell die Wäsche auf und trocknete dann ihre Haare. Sie entschloss sich zu einem Pferdeschwanz. Schließlich stand sie ratlos vor dem Kleiderschrank. Spaziergang. Sie zog eine schwarze Jeans und einen weißen Pulli an, dazu trug sie schwarze Sneakers. Darüber ihren Mantel. Da konnte sie gar nicht falsch liegen. Ein wenig Rouge auf die Wangen, etwas Rosé auf die Lippen. Sie befand ihr Spiegelbild für gut und warf einen Blick zur Uhr, noch 15 Minuten. Sie musste sich beeilen.
 

 
Als sie den Park erreichte, wartete Andrew schon auf sie. Erleichtert bemerkte sie, dass auch er sportlich, leger in Jeans gekleidet war. Sie gaben sich die Hand. „Ich freue mich, dass Du endlich da bist. Die Zeit verging heute irgendwie nicht...“, er grinste sie verlegen an. „Darf ich bitten, Gnädigste?“ Er hielt ihr seinen Arm zum Einhaken hin, sie lachte und hakte sich bei ihm ein. So schlenderten die beiden über zwei Stunden durch den Park und sprachen über Gott und die Welt. Kelly gefiel seine unkomplizierte Art, und sie war begeistert von der Vertrautheit zwischen ihnen.
 

 
Als sie sich langsam dem Ende näherten fragte Andrew: „War das jetzt unser erstes Date?“ – Kelly lachte. Sie hatte das Gefühl, in seinen braunen Augen versinken zu wollen. „Ich denke schon.“ – Andrew grinste. „Darf ich Dich wiedersehen?“ – „Aber sehr gerne, Mr. Fuller. Rufen Sie mich doch einfach an...“ – Beide lachten. Sie verabschiedeten sich und beschlossen am nächsten Tag zu telefonieren.
 

 
Gut gelaunt und etwas durchgefroren kehrte Kelly in ihr Apartment zurück. Es war Zeit, Abendbrot zu essen. Seit sie Andrew kannte, aß sie weniger. Sie hatte keine Probleme mit dem Gewicht und war ein guter Esser. Sie beschloss, sich ein Steak mit Zwiebeln zu bereiten. Dazu würde sie ein übrig gebliebenes Brötchen vom Morgen und etwas Salat essen, doch vorher zog sie ihren Pyjama an. Sie saß gegen 18.30 Uhr in der Küche und aß gemütlich. Danach räumte Kelly noch die Küche auf und stellte ihre Spülmaschine an. Schließlich kuschelte sie sich mit einer Wolldecke in ihren Schaukelstuhl und las ein Buch. Das Schrillen ihres Telefons riss sie aus der Geschichte. Ein kurzer Blick zur Uhr. Kurz vor zehn. Vermutlich Beth, die wieder ein Drama mit ihrem Ben hinter sich hatte. Sie blickte auf das Display. Eine ihr nicht bekannte Handynummer.
 
„Hallo?“
 
„Ich war noch unterwegs, und ich dachte, es wäre schön, wenn ich Dir jetzt gute Nacht sagen würde! Ich hoffe, Du hast noch nicht geschlafen?“
 
 Wundervoll! Andrews Stimme klang so warm und liebevoll. „Nein, ich bin noch wach. Das ist aber sehr lieb von Dir!“. Kelly war gerührt. In ihrem Heimleben und auch in den kurzen Beziehungen danach – Matt ausgeschlossen – hatte sie nicht allzu viel Zuneigung erleben dürfen.
 
„Okay, Kelly. Ich wünsche Dir eine gute Nacht, und ich freue mich schon, Dich morgen zu hören!“
 
„Gute Nacht, Andrew, und vielen Dank für Deinen Anruf!“
 

 
Kelly beschloss noch im Bett ein wenig weiterzulesen, doch sie war zu aufgewühlt. Glücklich kuschelte sie sich in ihr Bett und dachte an diese wundervollen, braunen Augen und dieses Wahnsinnslächeln. Andrew war ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen...
 

 
Kapitel 5
 

 
Wie an jedem Sonntag war Kelly auch an diesem mit Beth zum Brunch verabredet. Sie trafen sich immer um halb elf bei Beth, von wo aus sie gemeinsam mit dem Taxi ins „Kitsch’n River North“ fuhren. Dort brunchten sie dann und sprachen den Verlauf der vergangenen Woche durch.
 

 
Das Taxi hupte vor Beth’s Haus. Wenige Sekunden später saß Beth auch schon neben Kelly im Taxi. Die beiden begrüßten sich und Kelly gab dem Taxifahrer die Fahrtinstruktion. „Kleines, warum habe ich die ganze Woche nichts von Dir gehört?“, beschwerte sich Beth. Kelly entschuldigte sich und erklärte, dass sie nur wenig Zeit gehabt hat. „Was gibt es Neues von Mr. Unbekannt?“, fragte Beth. Und noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, setzte Kelly Beth über die neuesten Geschehnisse in Kenntnis.
 

 
Nachdem sie im Kitsch’n saßen und bestellt hatten, fragte Beth grinsend: „Kann es sein, dass Du ein wenig verliebt bist?“ – Kelly wurde rot vor Verlegenheit. „Also...hm...na ja....“, druckste sie, „ich glaube, ich mag ihn sehr!“ Beth hob beide Arme zum Himmel und sagte: „Danke Gott, dass ich das noch erleben darf. Ich hatte schon befürchtet, nach Mr. Allistor war es das, und Du würdest als alte Jungfer enden...“ Die beiden Frauen lachten. „Wie läuft es denn mit Dir und Ben?“, fragte Kelly. Beth winkte ab. „Vergiss es, das ist mir viel zu anstrengend! Ich habe ihn am Mittwoch abserviert.“ So schnell Beth ihre Lover fand, so schnell wurde sie sie auch wieder los. Kelly war manchmal regelrecht beeindruckt, wie schnell das gehen konnte. Beth war nicht kalt oder so, aber sie war sehr rational. Wenn sie auch nur ahnte, dass es Dinge zwischen ihr und ihrem Neuen geben könnte, die sie stören, beendete sie die Beziehung. Kelly war stets der Meinung, dass Beth noch nie wirklich verliebt gewesen sei und daher so schnell reagieren könne, doch Beth meinte, Liebe sei relativ. Aber genau die Tatsache, dass die beiden so unterschiedlich waren, hielt ihre Freundschaft lebendig.
 

 
Sofort nach ihrer Rückkehr nach Hause rannte Kelly zu ihrem Anrufbeantworter, jedoch stellte sie enttäuscht fest, dass niemand angerufen hatte. Es war früher Nachmittag. Doch sie war sich sicher, dass Andrew sich noch melden würde. Oder hatte sie sich geirrt? Sie zog ihren Jogginganzug an und setzte sich mit ihrem Buch auf ihren Lieblingsplatz am Fenster. Der Kaffee dampfte in der Tasse auf der Fensterbank. Es dämmerte bereits als endlich das Telefon läutete.
 
Sie hatte es sich natürlich mit ans Fenster genommen und hob nach dem zweiten Läuten ab. „Sorry, ich hab es nicht früher geschafft. Böse?“ Sie lachte. „Nein, natürlich nicht. Wie geht es dir heute?“ – „Gut, sehr gut....ich habe den ganzen Tag an unseren Spaziergang gedacht! Es war sehr schön und ehrlich gesagt, ich würde Dich heute gern noch sehen, wenn Du Lust und Zeit hast?“ – Innerlich war sie total aufgewühlt und überglücklich, doch sie antwortete gelassen. „Aber natürlich habe ich Lust und Zeit, wann wollen wir uns denn sehen?“ „Kennst Du das Justin’s? Das ist in der North Southport!“ Klar kannte Kelly das Justins, es war nur fünf Minuten von ihrem Arbeitsplatz entfernt. „Ja, kenne ich.“ – „Wie wäre es, wenn wir uns dort um acht Uhr treffen? Ich reserviere einen Tisch?“ Nun, nicht Gentleman...aber okay. Kelly bejahte, und sie verabschiedeten sich.
 

 
Kelly hüpfte durch ihre Wohnung wie ein dreijähriges Kind bei der Bescherung an Weihnachten. Beth hatte mal wieder Recht gehabt, ja, sie war verliebt...verliebt in diese Augen, dieses Lächeln, in Andrew.
 
Es war bereits nach sechs Uhr, so dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Sie sprang unter die Dusche, fönte ihre Haare, die sie am heutigen Abend mal offen tragen wollte. Sie stand vor ihrem Kleiderschrank und entschied sich schließlich für ihr dunkelblaues Cocktailkleid. Es war aus dunkelblauem Samt und hatte 5 cm breite Träger, die sich auf dem Rücken kreuzten. Dazu schwarze Seidenstrümpfe und ihre schwarzen Manolo Blahniks. Kelly war keine Schuhfetischistin wie die meisten Frauen, jedoch trug sie ihre Kleidung meist jahrelang, so dass sie stets qualitätsorientiert einkaufte. Und im Verhältnis zu anderen Damen war sie mit zehn verschiedenen Paar Schuhen noch sehr zurückhaltend! Darüber würde sie – wie immer - ihren schwarzen Mantel tragen. Als sie ihr Apartment verließ war es bereits 19.35 Uhr. Sie stand auf der Treppe vor dem Haus, steckte ihre Hausschlüssel in ihre Handtasche und rannte die Treppe hinunter.
 

 
„Wow!“ – Sie blieb am Fuß der Treppe stehen und schaute in Andrews begeistertes Gesicht. Da stand er an einen schwarzen 5er BMW gelehnt und hielt eine Rose in der Hand. „Du siehst zauberhaft aus, Kelly.“ Wie konnte das sein? Sie hatte ihm doch gar nicht ihre Adresse gegeben? Telefonbuch? Sie fühlte sich geschmeichelt. „Ich bin beeindruckt, woher wusstest Du?“ Er lächelte. Dieses Lächeln, das ihr fast den Verstand raubte. „Ich bin Dir gestern vom Park aus gefolgt.“ Wie romantisch! Sie hatte das Gefühl zu träumen.
 

 
Andrew öffnete ihr die Wagentür, verbeugte sich und lud mit der Hand zum Einsteigen ein. Als sie am Wagen angekommen war, hielt er ihr die Rose hin – sie war blau.
 
Auf der kurzen Fahrt zu Justin’s fragte Andrew sie, wie ihr Tag gewesen sei. Sie erzählte von ihrem Brunch mit Beth. „Darf ich Deine Freundin auch kennenlernen?“. Wow, er ging ja gut zur Sache. Sie schmunzelte über ihre Bedenken vom Nachmittag. „Na klar, sie freut sich auch schon wahnsinnig Dich kennenzulernen!“ Er lächelte sie an, und ihre Knie wurden weich. Sie betraten Justin’s und ein Kellner kam gleich auf sie zu, um Ihnen die Garderobe abzunehmen. Ein weiterer Kellner stellte sich vor: „Mein Name ist Jerry, und ich bediene Sie heute abend. Haben Sie reserviert?“ – Andrew antwortete: „Ja, auf den Namen Fuller.“ – Jerry schaute ins Gästebuch und vermerkte die Ankunft der beiden: „Sehr wohl, Mr. Fuller, ein Tisch für zwei Personen, wenn Sie mir bitte folgen würden?“
 

 
Das Justin’s war eine Mischung aus Bar und Restaurant mit einem wundervollen Pianospieler. Die Einrichtung war aus rustikalem Holz und sehr schlicht gehalten und wirkte doch elegant. Das gedämpfte Licht gab dem ganzen eine gemütliche Atmosphäre. Kelly und Andrew gaben ihre Bestellung auf und während sie auf das Essen warteten unterhielten sie sich ein wenig. Andrew fiel auf, dass Kelly nicht sehr viel über ihre Kindheit erzählt hatte. Ihre Miene verfinsterte sich. „Ich hatte keine sehr schöne Kindheit. Und ich glaube, ich bin noch nicht bereit, sie mit Dir zu teilen. Bist Du jetzt böse?“ Andrew legte seine Hand auf ihre. „Nein, alles zu seiner Zeit!“. Sie lächelten sich an. Sie aßen, tranken einen guten Wein und lachten viel. Andrew erzählte von seinem Job, sie von ihrem. Beide stellten fest, wie langweilig sie ihre Arbeit fanden, aber wie froh sie beide waren, einen Job zu haben. Sie erzählten sich ihre beruflichen Träume. Sie tanzten eng umschlungen. Der Abend verlief perfekt.
 
Schließlich war es bereits ein Uhr nachts, und beide würden in wenigen Stunden aufstehen müssen, um zur Arbeit zu gehen. Müde war keiner, doch die Vernunft siegte. Auf dem Weg nach Hause hielt er ihre Hand im Wagen. Kelly genoss seine Nähe. Vor ihrem Haus angekommen öffnete er ihr die Wagentür, half ihr heraus und brachte sie die Stufen bis zur Haustür. Sie standen sich gegenüber. Er war gut einen Kopf größer als sie. Beide waren ein wenig unsicher. Andrew sagte: „Zeit zu gehen.“ Sie nickte. Es fiel ihnen schwer. Er legte einen Arm um ihre Taille, zog sie näher an sich. Die andere Hand legte er vorsichtig an ihren Hals. Er beugte sich zu ihr, sie hielt ihm ihren Mund entgegen. Und da war er. Der erste Kuss. So wundervoll wie diese Augen, so wundervoll wie dieses Lächeln. Kelly schlang die Arme um seinen Hals und genoss seine warmen, fordernden Lippen. Sie lösten sich schließlich voneinander. „Ich muss Dir was sagen! Ich muss morgen für eine Woche beruflich nach L.A. Ich wollte es Dir vorhin schon beim Essen sagen, aber es war alles so schön, da wollte ich uns nicht die Laune verderben.“ Sie schluckte. Es verschnürte ihr die Kehle, doch was sein musste, das musste eben sein. Es konnte ja keiner von den beiden ahnen, dass alles so kommen würde, wie es gekommen war. Sie umarmte ihn. Kelly und Andrew brauchten keine Worte. Keiner der beiden wollte den Abschied unnötig verlängern. Er küsste sie nochmals, wünschte ihr eine gute Nacht und versprach sie anzurufen. Kelly wartete bis sie die Rücklichter seines BMW nicht mehr sehen konnte und ging glücklich die Treppe zu ihrem Apartment hinauf.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 6
 

 
Die halbe Woche war bereits vergangen. Es war Mittwoch. Bis dato hatte Kelly nichts von Andrew gehört. Sie war verunsichert. Hatte sie doch derartige Dinge schon öfter erlebt. Nur mit dem Unterschied, dass Kelly meist diejenige gewesen war, die nie wieder angerufen hatte. Sie war enttäuscht.
 

 
Sie war froh als sie um 18 Uhr ihre Wohnung betrat. Sie schmiss ihren Mantel auf die Couch – wie jeden Tag. Seit sie Andrew kannte führte sie ihr erster Weg zum Anrufbeantworter und tatsächlich, er blinkte. Schnell drückte sie die Starttaste. „Hi, sorry, dass ich mich nicht früher gemeldet habe, doch ich musste von einem Meeting zum nächsten und abends war es dann meist zu spät. Heute abend bin ich frei. Ruf mich doch bitte an, wenn Du magst. Meine Nummer ist: 800-201 44136. Ich freu mich!“ – Endlich! Da war er! Der lang ersehnte Anruf. Unsicherheit und Enttäuschung im Nu verschwunden. Sie duschte schnell, zog ein Nachthemd an und setzte sich mit einer Tasse Tee und dem Telefon in ihren Schaukelstuhl. Sie wählte seine Nummer. Nach dem dritten Klingeln hob er ab: „Guten Abend, Kelly.“ – Welche eine Wohltat war es, seine harmonische Stimme zu hören.
 
Kelly hauchte ein „Hi!“ in den Hörer.
 

 
„Wie geht es Dir? Es tut mir so leid, dass ich mich nicht eher melden konnte, aber so mitten in der Nacht wollte ich dann auch nicht anrufen...“, lachte Andrew. Sie genoss seine Stimme und lauschte seinen Worten. Er erzählte von seinen Terminen, sie von ihrer bis heute so einsamen und langweiligen Woche. „Wann kommst Du zurück?“, fragte Kelly. „Ja, wenn alles gut geht, dann lande ich Freitag abend um 22.30 Uhr in Chicago. Wollen wir uns Samstag sehen?“ – Kelly freute sich: „Na klar. Wann? Wo?“ – „Hm, na ja, wie wäre es, wenn Du abends um 19 Uhr zum Dinner zu mir kämst? Ich koche?“ Das konnte nur ein Traum sein. Gut aussehend. Intelligent. Romantisch. Charmant, und er konnte kochen. „Okay, warte ich schreibe mir Deine Adresse auf.“ Sie legte das Telefon auf den Tisch, um sich Zettel und Stift zu holen. „Gut, schieß los!“ Andrew nannte ihr seine Adresse. Sie fingen beide an zu lachen. Er wohnte in einem Apartment in der East Chestnut Street. Nur zwei Blocks von ihr entfernt. Er seufzte:
 

 
„Ach, ich vermisse Dich. Da haben wir uns gerade erst kennengelernt, doch die letzten drei Tage kommen mir vor wie drei Wochen.“ – Kelly grinste. „Wie schön, dass es mir nicht allein so geht. Ich hatte schon befürchtet, Du hättest doch kein Interesse an mir.“ Er lachte. „Ich habe seit unserem Kuss am Sonntag wirkliche Probleme, mich auf meinen Job hier zu konzentrieren! Ich freu mich auf Samstag. Lass es uns nicht so teuer machen. Es dauert nicht mehr lange.“ – „Okay, ich freue mich auch! Pass auf Dich auf und komm gut heim!“ – Sie legten auf. Erleichtert lehnte sie sich in ihrem Schaukelstuhl zurück. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Doch Kelly kam nicht umhin sich nach dem Haken zu fragen. Sie griff zum Telefon und rief David an. Er war begeistert von den Ereignissen und freute sich für Kelly. Er zerstreute ihre Bedenken: „Du solltest es genießen und nicht hinter alles und jedem eine Schlechtigkeit vermuten!“ – „Aber wenn...“. Er unterbrach sie: „Kein wenn und kein aber, lass Euch erst mal Zeit, Euch richtig kennenzulernen.“ Sie stimmte David zu. Schließlich kannten sie sich gerade einige Tage. Und bisher gab es auch keinerlei Gründe, an Andrew zu zweifeln. David und Kelly plauderten noch eine Weile. Nach dem Telefonat ging Kelly zu Bett und träumte von Andrew.
 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 7
 

 
Die nächsten zwei Wochentage krochen im Schneckentempo dahin. Die Zeit bis Samstag abend wollte und wollte nicht vergehen. Freitag nach der Arbeit ging Kelly mit David shoppen, damit der Nachmittag nicht zu lang wurde. David war freier Journalist einer Chicagoer Zeitung, so dass er seine Arbeitszeit frei gestalten konnte. Kelly genoss es, mit David zu shoppen. Schließlich war er ein Mann, der gut beurteilen konnte, wie ihre neuen Outfits auf Männer wirkten, wobei die Geschmäcker ja verschieden waren, jedoch war es schön, eine hilfreiche, männliche Meinung zu hören. Der Nachmittag verging im Flug, und Kelly war sehr erschöpft, als sie um 19 Uhr endlich in ihrem Apartment ankam. Mit von der Partie waren zwei neue Jeans, drei neue Pullis, zwei neue Blusen und ein neuer Rock. Schuhe hatte sie nicht gefunden.
 

 
Nachdem sie die neuen Sachen verstaut hatte, gönnte sie sich erst mal ein entspannendes Bad. Danach aß sie noch ein paar Mikrowellen-Spaghetti und ging schließlich früh schlafen. Gegen elf Uhr wurde sie vom Klingeln ihres Telefons geweckt. Verschlafen hob sie ab: „Hallo?“
 
„Oh, Baby, Du schläfst, sorry. Ich wollte Dir nur sagen, dass ich zurück bin und mich wahnsinnig auf morgen abend freue...“
 
Sofort war Kelly hellwach als ihr Andrews Stimme in den Ohren klang. „Hey...das ist ja schön! Ich kann es auch kaum noch erwarten...“
 
„Schlaf weiter, Kleines, wir sehen uns morgen, ich drücke Dich!“
 
„Ich Dich auch, gute Nacht, Andrew!“
 
Selig schlief sie wieder ein.
 

 
Am nächsten Morgen war Kelly bereits um 7 Uhr ausgeschlafen, weil sie ja auch früh zu Bett gegangen war. Während der Kaffee durchlief, duschte sie erst mal genüsslich. Anschließend zog sie sich ihren geliebten, rosa Jogginganzug an und frühstückte ausgedehnt in der Küche.
 

 
Anschließend tat sie das, was sie jeden Samstag tat – sie erledigte ihre Hausarbeit. So vergingen die Stunden, und als sie auf die Uhr sah, war es bereits kurz nach drei Uhr. Sie aß noch einen Rest Salat, den sie im Kühlschrank hatte und ließ sich ein Bad ein. Gerade als sie in die Wanne steigen wollte, klingelte das Telefon. Sie hob ab. Es war niemand dran. Sie rief einige Male „Hallo“ in ihr Telefon und legte schließlich auf. Sie hatte bereits ein Bein in der Wanne als das Telefon wieder klingelte. Sie beschloss, nicht noch einmal dran zu gehen, vermutlich hatte sich da jemand verwählt. Und tatsächlich, ihr Anrufbeantworter sprang an und noch bevor der Ansagetext zu Ende war, wurde wieder aufgelegt. In einer großen Stadt wie Chicago war so etwas keine Seltenheit.
 

 
Kelly las in ihrem Buch und genoss es, wie das warme Wasser sie umgab. Sie lies noch zwei Mal heißes Wasser nachlaufen, bis sie schließlich die Wanne verließ. Nachdem sie ihre Haare frisiert hatte, stand sie wie so oft vor dem Kleiderschrank. Aber sie hatte sich ja neue Klamotten gegönnt, so dass es nicht weiter schwierig war. Sie zog eine schwarze Jeans an und diesen hellblauen, neuen Pulli, der ihre blauen Augen so schön betonte. Dann ging sie ins Bad, um sich ein wenig zu schminken.
 

 
Das Telefon läutete. Sie hob ab: „Hallo?“ Doch nichts war zu hören. Sie legte auf. Langsam kam ihr das ganze doch ein wenig eigenartig vor, doch sie verwarf ihre Gedanken schnell wieder. Sie hatte sich schon im Heim abgewöhnt, Angst zu haben. Angst war hinderlich, wie Kelly fand. Ihr Apartment hatte sie bei ihrem Einzug dennoch mit einer Alarmanlage ausstatten lassen, zur reinen Vorsicht natürlich.
 
Sie überlegte, wie der Abend mit Andrew wohl verlaufen würde. Ob es genauso schön wie am letzten Wochenende werden würde? War es zu früh, soviel zu denken? Würde sie über Nacht bleiben? Nein, Kelly, auf gar keinen Fall! Sie sah sich im Spiegel an und konnte ein Grinsen nicht verbergen. Natürlich würde sie bei ihm bleiben. Sie beschloss, Beth für ihr gemeinsames Brunch vorsichtshalber abzusagen! Gesagt, getan. Als sie nach ihrem Telefon griff, klingelte es. Sie hob ab und sagte gar nichts! Am anderen Ende der Leitung war es still. Sie hörte nichts. Kelly legte auf. Vielleicht ist mein Telefon kaputt, dachte sie, aber das werde ich gleich wissen! Sie wählte die Nummer von Beth. Nach einem kurzen Moment klingelte es am anderen Ende, doch Beth schien nicht da zu sein, denn niemand hob ab. Beth weigerte sich beharrlich, sich einen Anrufbeantworter anzuschaffen, sie war der Meinung, so ein „Ding“ wie sie es nannte würde wahre Kommunikation verhindern. Kelly beschloss ihrer Freundin eine Kurzmitteilung von ihrem Handy aus zu schicken: Liebe Beth, ich bin heute abend mit Andrew verabredet, und ich weiß noch nicht, wo und wie der Abend endet, so dass ich unser Brunch für morgen gerne absagen würde! Ich melde mich morgen! Liebe Grüße, Kelly.
 

 
Es war Zeit, sich auf den Weg zu Andrew zu machen. Sie zog Stiefel über ihre Jeans und ihren Mantel an. Und los ging es. Schlüssel, Handtasche? Jawohl, alles da. Auf einen schönen Abend.
 

 
Sie verließ das Haus und der kalte Abendwind schlug ihr ins Gesicht, doch Kelly war so glücklich, Andrew gleich zu sehen, dass es ihr gar nichts ausmachte. Sie rannte fast die zwei Blocks bis zu seiner Wohnung.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 8
 

 
Das Haus, in dem Andrew wohnte, lag East Chestnut Street, Ecke North Dewitt Place. Ein weißes Backsteingebäude, vermutlich aus den 50er Jahren, 15 Stockwerke hoch. Kelly suchte den Namen Fuller auf dem Klingeltableau. Aha, dachte sie, scheint ziemlich weit oben zu sein. Sie klingelte: 18.59 Uhr! „Hallo?“, ertönte Andrews Stimme aus der Gegensprechanlage.
 
„Ich bin’s, Kelly.“
 

 
„Schön, nimm den Fahrstuhl, ich wohne im 8. Stock.“
 
Der Türöffner summte, und Kelly drückte die schwere, gläserne Eingangstür auf. Die Eingangshalle war hell erleuchtet, der Boden aus beigem Marmor. Sehr edel, dachte sie sich. Im Gegensatz zu ihrem Haus, wo es keinen Fahrstuhl gab, und die Treppen knackten bei jedem Schritt verdächtig. Sie schämte sich fast. Vier Fahrstühle gab es. Sie drückte auf den Knopf, um sich einen Fahrstuhl zu ordern. Es dauerte nur wenige Sekunden bis sich eine Tür öffnete. Sie trat in den Fahrstuhl, dessen Wände mit rotem Samt beschlagen waren. Messingstangen, an denen man sich festhalten konnte.
 

 
Kelly drückte die acht. Die Tür schloss sich und der Fahrstuhl setzte sich kaum hör- und spürbar in Bewegung. Kaum, dass er losgefahren war, hielt der Fahrstuhl auch schon wieder. Die Tür öffnete sich. Aha, dachte sie als sie den langen Flur entlang blickte. Die Apartments mussten groß sein, denn es gab nur vier Türen soweit sie das überblicken konnte.
 

 
„Kelly?“ Sie drehte sich um. Aus einer Tür auf der linken Seite schaute Andrews Kopf heraus. Sie lächelte ihn an und ging zu ihm. Er zog sie in das Apartment, schloss die Tür und küsste sie lang und innig. Sie löste sich atemlos von ihm: „Wow, ich kriege ja gar keine Luft mehr....“ Er drückte sie an sich und nahm sie an die Hand: „Komm, wir machen einen kleinen Rundgang.“
 

 
Der Flur des Apartments war bestimmt 12 m lang, zumindest erschien es Kelly so. Er war schön hell in weiß gestrichen und auf jeder Seite hingen 5 Wandlampen, die ihn in einem gemütlichen Licht erstrahlen ließen. Sie erkannte vier Türen auf der rechten und drei Türen auf der linken Seite des Flures. Sie schluckte. Das Apartment musste ein Vermögen kosten. Matt kam ihr in den Sinn. Nicht schon wieder, dachte sie, nicht schon wieder, dass armes Mädchen reichen Mann trifft....Andrew schaute sie an und blieb stehen: „Stimmt etwas nicht mit Dir?“
 

 
„Doch,“, Kelly blickte betreten zu Boden, „ich bin nur so überwältigt.“ Andrew drückte sie an sich und lachte: „Brauchst Du nicht zu sein, die Firma zahlt das Apartment!“ Er schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Er ließ sie los und nahm sie wieder an die Hand. Er führte sie durch die erste Tür. Sie standen in seiner Küche. Kelly blieb fast das Herz stehen. Die Küche war größer als ihr Wohnzimmer. Sehr viel Chrom, schwarzes und weißes Holz, weißes Parkett auf dem Boden. In der Küche war ein großer Arbeitsplatz. Kelly war verunsichert. Sie fühlte sich von dieser Luxusküche überfordert.
 

 
Ein Durchgang in Form eines Bogens führte in einen anderen Raum. Andrew zog sie hinter sich her. Er führte sie ins Esszimmer. Das Esszimmer war zwar kleiner als die Küche, aber nicht weniger stilvoll. Auf der rechten Seite eine große Fensterfront. In der Mitte des Esszimmers ein Glastisch mit sechs Stühlen. Die Stühlen waren mit weißem Leder überzogen und vermutlich dicker gepolstert als Kellys Sofa. Die Wände waren oberhalb in einer Farbe, die irgendwo zwischen beige und ocker lag, und unterhalb einer weißen Zierleiste waren sie dann dunkelblau. An der Wand, direkt gegenüber dem Durchgang zur Küche hingen zwei große Bilder und in deren Mitte ein großer, runder Spiegel.
 

 
An der Decke hing ein Kronleuchter. Auf dem hellen Parkett, unter dem Tisch, lag ein großer, weißer Teppich. Eine Tür an der linken Seite der Wand führte wieder in der Flur. Kelly war begeistert und verängstigt zu gleich. Immer wieder schossen ihr die Bilder von Matts Mutter in den Kopf, wie sie zu ihr in der Küche in Matts Elternhaus sagte: „Kindchen, Du magst ja ein nettes Mädchen sein, aber Du bist einfach viel zu weit von unserem Niveau entfernt.“ Kellys Mund fühlte sich ausgetrocknet an. Andrew blickte sie besorgt an und drückte ihre Hand. Er zog sie auf den Flur.
 

 
Er öffnete die nächste Tür. Das Schlafzimmer. Ein Traum. Mahagoni. Die Möbel wie aus der Barockzeit, verschnörkelt mit goldenen Griffen an den Schränken. Parkett. Ein riesiges Bett an der linken Wand des Zimmers. Direkt neben den Betten wuchtige Nachtschränke mit wunderschönen Lampen. Über den Nachtschränken jeweils ein Fenster. Ein Balkon. Weinrote Vorhänge an allen Fenstern. Der Kleiderschrank sowie eine Kommode ebenfalls wunderschön verschnörkelt. Kelly wurde die Luft zu dünn. Andrew bemerkte, wie sehr Kelly mit der Situation überfordert war. „Weißt Du was? Wir machen erst mal eine Pause und gehen in die Küche! Willst Du was trinken?“
 

 
Sie nickte. Ihr fehlten die Worte. Andrew ging vor in die Küche und zeigte auf einen Sessel: „Setz Dich.“ Er öffnete eine Flasche Wein und goss Kelly und sich selbst etwas ein. Er gab ihr das Glas und stieß mit ihr an: „Auf uns!“ Kelly nickte. Sie hatte noch immer nicht die Sprache wiedergefunden. Sie nippte an ihrem Wein und merkte, wie die Anspannung langsam wich. „Ich weiß nicht recht, wie ich es sagen soll...“ Andrew unterbrach sie und legte ihr den Finger auf die Lippen: „Sag gar nichts, es ist okay.“ Sie lächelte ihn dankbar an. „Willst Du mir zusehen? Beim Kochen, meine ich?“, fragte Andrew und schaute sie aufmunternd an.
 
„Gern. Kann ich Dir helfen?“
 

 
Andrew lachte. „Nein, ich koche doch heute, aber komm und erzähl mir was von Dir.“ Langsam entspannte Kelly sich ein wenig und sah ihm zu, wie er Zucchini schälte und schnitt. Sie plauderten während Andrew eine Gemüsepfanne zauberte und Reis kochte.
 

 
„Magst Du schon mal den Tisch für uns decken?“, fragte Andrew.
 
„Aber gerne!“, erwiderte Kelly, „Wo stehen denn die Teller?“ Andrew zeigte ihr, wo sie alles fand, und während er die Gemüsepfanne und den Reis anrichtete, deckte Kelly den Tisch.
 

 
Andrew trug das Essen auf, zündete Kerzen auf dem Esstisch an, und schließlich setzten sich beide. Kelly tat sich auf. Ebenso tat es ihr Andrew nach. Schließlich begannen sie zu essen. Andrew tupfte sich den Mund mit der Serviette ab und fragte Kelly: „Magst Du mir vielleicht mal erklären, was vorhin bei unserem kleinen Rundgang mit Dir los war?“ Kelly schluckte das Essen in ihrem Mund herunter, nahm einen Schluck Wein und überlegte, was sie Andrew sagen sollte. Er sah sie besorgt an. Kelly zögerte noch, jedoch war sie sich sicher, dass die Wahrheit das Beste wäre: „Vor einigen Jahren hatte ich mal einen Freund, d. h. wir standen kurz vor der Verlobung. Er war aus sehr gutem Hause, und als wir bei seinen Eltern waren, da wurde mir erklärt, dass ich nicht standesgemäß sei.“ Andrew lachte. „Puh, da bin ich aber froh, dass ich aus einem ganz gewöhnlichen Elternhaus stamme.
 

 
Mein Vater war sein Leben lang Arbeiter, und auch meine Mutter hat ständig gearbeitet, damit die beiden mir überhaupt die Uni finanzieren konnten.“ Kelly fiel ein Stein vom Herzen. Sie genossen das Essen und lächelten sich glücklich an.
 

 
Nach dem Essen war das schmutzige Geschirr schnell im Geschirrspüler verstaut. „Kann ich Dich zu einem Glas Wein bei leichter Musik in meinem grauenhaften, riesigen Wohnzimmer überreden?“ Kelly buffte ihn zart in die Seite: „Na klar!“ Er drückte Kelly die Weinflasche in die Hand, und er selbst schnappte sich die Gläser. Mit einer Kopfbewegung signalisierte er ihr, ihm zu folgen. Als sich die Wohnzimmertür öffnete konnte Kelly den Anblick des gemütlichen Raumes genießen. Die Wände waren aus Naturstein. Eine kuschelige Rundecke stand vor dem Kamin. Über dem Kamin hing ein Plasmafernseher. Auf der anderen Seite des Raumes sah Kelly eine Balkontür. Auch im Wohnzimmer Parkett auf dem Fußboden und vor dem Kamin ein großer, beiger Teppich. Sie setzten sich. „Möchtest Du einen Blick auf den Balkon werfen? Du kannst die ganze Straße hinunter schauen, sieht abends sehr schön aus!“ Andrew streckte Kelly die Hand entgegen. Sie ergriff sie, und gemeinsam traten sie auf den Balkon heraus. Es war kalt. Kelly fröstelte es, und Andrew nahm sie in den Arm. Tatsächlich. Die Aussicht war herrlich, weit unter ihnen, kaum hörbar, fuhren die Autos, viele Fenster beleuchtet. „Es ist sehr schön hier!“, hauchte Kelly. „Ich hoffe, Du wirst noch oft hier bei mir sein.“, sagte Andrew lächelnd und drückte ihr einen sanften Kuss auf ihr Haar. Sie gingen wieder hinein. Kelly setzte sich wieder, und Andrew legte eine CD mit Kuschelmusik ein. Er hockte sich vor den Kamin und entfachte ein Feuer. Kelly bewunderte seine athletische Figur.
 

 
Er setzte sich neben sie und legte den Arm um sie. Kelly kuschelte sich an ihn und schloss die Augen. Sie konnte ihr Glück noch immer nicht fassen. Schweigend genossen sie die Zweisamkeit. Nach einer Weile fragte Andrew: „Kelly, wir kennen uns zwar noch nicht sehr lange, aber ich fühle mich sehr zu Dir hingezogen.“ Er schaute sie erwartungsvoll an.
 
„Mir geht es genauso. Ich hatte schon so ein komisches Gefühl, als wir zum zweiten Mal zusammengestoßen waren.“ Beide kicherten.
 
„Es ist ja noch zu früh, um Pläne für die Zukunft zu machen, aber ich möchte, dass Du weißt, dass ich kein Mann für, na ja, wie soll ich sagen? Ich bin kein Mann für eine Nacht oder so.“ Andrew lächelte sie verlegen an.
 
„Andrew,“, sagte Kelly und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel, „ich bin froh, dass Du das sagst. Ich bin auch keine Frau für ein Abenteuer.“ Er küsste sie zärtlich. Sie kuschelte sich an ihn, und gemeinsam saßen sie noch Stunden vor dem Kamin. An diesem Abend schlief sie nicht bei Andrew. Er brachte sie um zwei Uhr nachts mit dem Auto nach Hause.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 9
 

 
Es war bereits Vormittag als Kelly endlich erwachte. Sie streckte sich in ihrem Bett und warf einen Blick auf ihren Radiowecker: 11.25 Uhr. Solange hatte sie seit ewigen Zeiten nicht mehr geschlafen. Sie stand auf, zog ihren Badenmantel über und duschte erst einmal ausgiebig. Wieder in ihrem Bademantel, mit dem Handtuch auf dem Kopf und geputzten Zähnen setzte sie Kaffee auf und warf zwei Scheiben Toastbrot in den Toaster. Nachdem sie ihr Bett gemacht hatte und gerade wieder in die Küche gehen wollte, bemerkte Kelly, dass ihr Anrufbeantworter blinkte: 5 Anrufe! Wer konnte das sein? Beth wahrscheinlich, weil Kelly das gemeinsame Brunch abgesagt hatte.
 

 
Sie hörte ihren Anrufbeantworter ab, doch es war niemand zu hören. Stets wurde aufgelegt. Sie erinnerte sich an die anonymen Anrufe vom Vortag. Langsam wurde sie doch etwas verunsichert. Sie ging in die Küche, schmierte ihre Toast und setzte sich mit dem Frühstück und ihrem frischen Kaffee in ihren Schaukelstuhl. Während sie aß überlegte sie, was es wohl mit diesen Anrufen auf sich haben könnte. Sie beschloss, Beth anzurufen. So stand sie auf und griff zu ihrem Telefon. Beth meldete sich nach dem zweiten Klingeln:
 

 
„Hallo, wer da?“
 
„Ich bin’s.“, sagte Kelly.
 
„Hey, wie war Dein Abend oder Deine Nacht?“, kicherte Beth.
 
„Sehr, sehr schön. Aber ich habe ein ganz anderes Problem. Ich bekomme seit einigen Tagen anonyme Anrufe.“, erklärte Kelly.
 
„Hm, wer könnte das sein? Du hast doch keine Feinde, Baby.“, sagte Beth verwundert.
 
„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht verwechselt mich auch jemand?“, mutmaßte Kelly.
 
„Wie dem auch sei, behalte es im Auge und bleib ganz ruhig, wird schon nichts Schlimmes dahinterstecken. Nun erzähl mir endlich von gestern!“, beruhigte sie Beth. Kelly setzte sich mit dem Telefon wieder in ihren Schaukelstuhl, trank einen Schluck Kaffee und klönte eine Weile mit Beth.
 

 
Nach eineinhalb Stunden Gespräch war sie wesentlich ruhiger, was ihren anonymen Anrufer betraf. Sie legte das Telefon in die Ladeschale und ging ins Bad, um sich ihre Haare zu fönen. Sie stand gerade in Unterwäsche vor ihrem Kleiderschrank als ihr Telefon läutete.
 
„Hallo?“, meldete sie sich.
 
„Hallo Kleine!“, grüßte Andrew sie, „Ich hoffe, Du hast gut geschlafen?“
 
„Wie ein Baby! Und Du?“, fragte Kelly, deren Herz wie das eines verliebten Teenagers höher schlug.
 
„Ich auch. Unser gestriger Abend war sehr schön, findest Du nicht?“, fragte Andrew. „Doch, sehr schön, und die Stunden sind wie im Flug verstrichen.“, erwiderte Kelly.
 
„Hast Du heute schon etwas vor?“, fragte Andrew.
 
„Nein, wieso?“
 
„Dann würde ich Dich gern entführen. Passt es Dir so gegen vier Uhr? Ich hole Dich ab?“, sagte Andrew.
 
„Sehr gerne. Was haben wir denn vor?“, fragte Kelly. Ihr spukte bei der Frage das lästige Kleidungsproblem im Kopf herum.
 
„Lass Dich überraschen, aber zieh Dich schön warm an.“, sagte Andrew lachend. Sie verabschiedeten sich.
 

 
Kelly grinste. Er konnte manchmal wirklich ihre Gedanken lesen. Dick anziehen? Nun ja, es war Mitte Oktober und der Wind, für den Chicago so bekannt war, wehte schon empfindlich kalt. Sie zog sich ihren dicksten Pulli, eine Leggins und eine Jeans an. Ihre Stiefel und Ihr Mantel rundeten das Bild ab. Zur Sicherheit noch eine Mütze, Schal und Handschuhe. Als sie um 16 Uhr vor dem Haus stand, staunte sie nicht schlecht. Eine Kutsche, in der Andrew bereits auf sie wartete. Tränen des Glücks und der Freude schossen ihr in die Augen. Sie schritt die Treppe hinunter, und der Kutscher half ihr beim Einsteigen. Sie setzte sich neben Andrew und ließ sich von ihm mit der dicken, kuscheligen Lammdecke die Beine zudecken. Er grinste sie an. Sie schüttelte den Kopf, noch immer war ihre Kehle von dem Drang zu weinen wie zugeschnürt. Er küsste sie: „Sag nichts, genieß es einfach.“ Gesagt, getan. Und so fuhren sie zwei Stunden lang durch das herbstliche Chicago, wo an diesem Sonntag die Sonne schien.
 

 
Die romantische Kutschfahrt endete vor ihrem Haus. Sie küsste Andrew und bedankte sich: „Willst Du noch auf einen Kaffee mit rein?“ Andrew sah auf seine Uhr. Es war kurz nach sechs Uhr. „Nein, tut mir leid. Ich habe noch eine Verabredung mit einem Freund, sorry. Aber wir sehen uns morgen, wenn Du Zeit hast. Zum Dinner? Ich hole Dich dann um sieben ab, okay?“ Kelly war etwas enttäuscht, aber sie verstand ihn. Freunde waren wichtig im Leben. Sie beschlossen am nächsten Abend gemeinsam essen zu gehen. Sie küssten sich nochmals innig, Kelly stieg aus, winkte ihm nach und ging in ihr Apartment.
 

 
Sie hatte nicht gefroren unter der Lammdecke, dennoch machte sich Kelly erst mal einen Tee. Während der Tee zog, schlüpfte Kelly in ihren Pyjama. Ihr Blick fiel auf den Anrufbeantworter: 3 Anrufe! Sie drückte zögerlich die Starttaste und wieder niemand! Sie beschloss morgen vom Büro aus die Polizei zu informieren. Vielleicht konnte man ihr dort einen Rat geben, wie sie sich weiter verhalten sollte. Aber vermutlich würde man ihr nur sagen: „Wechseln Sie Ihre Rufnummer, Miss.“
 

 
Sie saß mit ihrer Teetasse in der Hand auf der Couch und überlegte. Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken. „Vermutlich Andrew“, dachte Kelly, nahm das Telefon aus der Ladeschale und schaute auf das Display. Eine Chicagoer Nummer, jedoch nicht Andrews. Sie meldete sich: „Hallo?“ Nichts. Keine Antwort. Es wurde aufgelegt. Okay, dachte sie sich, jetzt kann ich zurückrufen. Sie nahm sich Zettel und Stift, um aus dem Display die Rufnummer abzuschreiben. Sie notierte: 312-3372855. Sie rief die Vermittlung an, um zu erfragen, zu wem die Rufnummer gehört. „Miss, die Nummer gehört zum Peninsula Hotel.“ Kelly bedankte sich und legte auf. Rasch wählte sie die Rufnummer. Doch stand einem Klingeln ertönte die Stimme: „Sehr geehrte Anrufer! Unser Gast möchte derzeit keine Gespräche annehmen!“ Kellys Neugier war geweckt. Wer steckte hinter diesem Anruf? War es vielleicht die gleiche Person, die sie schon in den vergangenen Tagen angerufen hatte? Sie rief die Auskunft an, um sich die Nummer der Hotelrezeption geben zu lassen: 312-3372888. Sie wählte.
 

 
„Peninsula, guten Abend!“, ertönte eine männliche Stimme.
 
„Guten Abend, mein Name ist Kelly Wilson. Ein Gast Ihres Hauses hat versucht mich anzurufen. Könnten Sie mir vielleicht sagen, wer das war? Ich könnte Ihnen die Rufnummer nennen.“
 
„Tut mir leid, Miss. Wir dürfen keinerlei Angaben zu unseren Gästen machen. Ich bedauere.“, erwiderte der Hotelmitarbeiter.
 
„Vielen Dank.“, sagte Kelly und legte auf. Sie schaute zur Uhr. 21.30 Uhr. Sie beschloss am nächsten Tag nach der Arbeit in dem Hotel vorbei zu schauen. Kelly schlief in dieser Nacht sehr unruhig und war von Alpträumen geplagt.
 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 10
 

 
Kelly war wie gerädert als sie am Montag morgen in ihrem Büro saß. Wilde Träume hatten sie geplagt in der Nacht. Die Arbeit fiel ihr schwer, und sie beschloss, ihren Boss in der Mittagspause zu fragen, ob sie nach Hause gehen dürfte. Sie erklärte, dass es ihr nicht gut ginge, sie jedoch morgen wieder fit sein würde. Ihr Abteilungsleiter, Mr. Williams, war davon zwar nicht begeistert, ließ sie jedoch gehen. Sie fuhr mit ihrem Rad direkt zum Peninsula Hotel, das in der East Superior Street lag, nicht weit von ihrem Apartment. Sie schloss ihr Rad vor dem Hotel an und betrat die luxuriöse Eingangshalle des Peninsula. Sie schaute sich um, entdeckte die Rezeption und ging direkt dorthin. Sie erklärte der Dame am Empfang, dass sie gern wissen würde, wer sie am gestrigen Tage angerufen hatte. Die Dame berief sich – wie schon der Mann am Telefon – auf Diskretion, bat jedoch an, den Gast anzurufen, um ihn zu fragen, ob er Kelly sprechen wollte: „Wie war doch gleich Ihr Name, Miss?“
 

 
„Ich heiße Kelly Wilson.“, erklärte Kelly und sah die Empfangsdame gespannt an, die sofort den Hörer abnahm und die Nummer 55 auf der Tastatur wählte. Nach einigen Sekunden legte sie den Hörer wieder auf: „Es tut mir sehr leid, Miss Wilson, aber Mr. Preston meldet sich nicht.“ Mr. Preston? Die Gedanken in Kellys Kopf überschlugen sich, doch so sehr sie sich auch bemühte, zu dem Namen Preston fiel ihr nichts ein. Sie bedankte sich und verließ das Hotel.
 

 
Nachdenklich stieg sie auf ihr Rad und fuhr heim. Mr. Preston. Der Name sagte ihr beim besten Willen nichts. Sie beschloss, später nochmals im Hotel anzurufen. Zu Hause angekommen legte sie sich erst mal in die Wanne, um sich zu entspannen. Das warme Wasser machte sie müde, so dass sie sich nach dem Bad auf die Couch legte und ein wenig schlief.
 

 
Das Läuten des Telefons riss sie unsanft aus ihrem Schlaf. Sie rieb sich verschlafen die Augen und setzte sich auf. Noch bevor sie von der Couch aufstand, sprang ihr Anrufbeantworter an. Sie lauschte ihrer eigenen Stimme und wartete, wer sich wohl melden würde. Nichts. Aufgelegt. Sie war es leid. Sie stand auf und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es bereits 17 Uhr war. Andrew würde sie in zwei Stunden abholen. Während der Kaffee durchlief, wählte Kelly die Hotelnummer, doch abermals kam nur die Ansage vom Band. Sie rief in der Rezeption an und bat darum, mit Mr. Preston verbunden zu werden. Nach einem kurzen Augenblick teilte man Kelly mit, dass Mr. Preston nicht auf seinem Zimmer sei. Sie bedankte sich und legte auf.
 

 
Mittlerweile war der Kaffee durchgelaufen. Kelly holte sich eine Tasse und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz am Fenster. Ihre Gedanken kreisten um Mr. Preston. Wer war das? Was wollte er von ihr? Es ließ ihr keine Ruhe. Während sie ihren Kaffee trank, kreisten ihre Gedanken weiterhin um das Peninsula Hotel. Nachdem sie ihre Tasse geleert hatte, holte sie sich noch eine und stellte sich die Kleiderfrage. Eigentlich war ihr gar nicht nach Dinner, obwohl sie das Bedürfnis hatte, Andrew zu sehen. Sie zog einen Rock und eine Bluse an, dazu schwarze Hackenschuhe und einen Blazer. Kelly versuchte, sich wieder zu entspannen, doch immer wieder schoss ihr der anonyme Anrufer in den Kopf. Sie frisierte sich die Haare, schminkte sich und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. Es war erst viertel vor sieben, so dass es noch einen Moment dauerte bis Andrew erscheinen würde. Da klingelte das Telefon.
 

 
Kelly nahm das Telefon in die Hand und schaute auf das Display. Es war die Nummer der Rezeption des Peninsula Hotels. „Hallo?“, meldete sie sich. Sie erkannte die Stimme der Empfangsdame: „Guten Abend, Miss Wilson. Ich habe eine Mitteilung für Sie von Mr. Preston. Er lässt fragen, ob Sie morgen Abend für ihn Zeit hätten, um hier im Hotel mit ihm zu Abend zu essen?“ Kelly war außer sich. Erst terrorisierte sie dieser Mr. Preston mit anonymen Anrufen, und jetzt sollte sie auch noch mit ihm essen? Obwohl es ihr die Möglichkeit geben würde, diesen Unbekannten endlich kennenzulernen. Sie zögerte kurz, doch sagte schließlich ja. „Danke, Miss Wilson. Würden Sie mir bitte Ihre Adresse geben? Dann wird Sie unser Chauffeur rechtzeitig abholen. Mr. Preston hat einen Tisch für 19.30 Uhr reserviert“
 

 
„Nein,“, sagte Kelly, „ich finde den Weg zu Ihnen auch allein. Danke.“
 
„Wir haben zu danken, Miss Wilson.“. Kelly legte ihr Telefon wieder auf die Ladeschale. Es läutete an der Tür. Das musste Andrew sein. Sie ging an die Gegensprechanlage: „Ja?“
 
„Hallo Baby,“, hörte sie Andrew fröhlich sagen, „bist Du soweit?“
 
„Ja, ich bin sofort bei Dir.“ Kelly liebte es, wie Andrew sie Baby nannte. Vergessen war Mr. Preston. Jetzt zählten nur noch Andrew und sie. Sie rannte die Treppe runter. Andrew stand gegen seinen BMW gelehnt vor dem Haus. Sie küssten sich zur Begrüßung, und Andrew hielt ihr die Wagentür auf. Sie stieg ein, er schloss die Tür, stieg ebenfalls ein, und sie fuhren los.
 

 
„Wohin geht es denn heute?“, fragte Kelly ihn.
 
„Wie wäre es mit italienisch?“, fragte Andrew zurück.
 
„Hm, lecker, sehr gerne.“, erwiderte Kelly. Sie fuhren den Lake Shore Drive entlang des Ufers des Michigansee entlang. Andrew erzählte von seinem Arbeitstag, doch Kelly war mit ihren Gedanken immer noch bei Mr. Preston.
 
„Kelly?“, fragte Andrew. Erschrocken zuckte sie zusammen: „Oh sorry, was hast Du gerade gesagt?“
 
Andrew lachte und schüttelte den Kopf: „Also manchmal denke ich, Du bist gar nicht bei mir. Wo warst Du mit Deinen Gedanken?“ Kelly war unsicher. „Ich war in Gedanken bei der Arbeit, entschuldige bitte!“, log sie Andrew an und legte ihre Hand entschuldigend auf seinen Oberschenkel. Er legte seine Hand auf ihre, und sie fuhren schweigend weiter. Die Fahrt endete in der Chicago Avenue. Als Andrew den Motor ausstellte, schaute Kelly auf. Sie standen vor einem Restaurant namens Campagnola. Kelly kannte es nicht. Andrew stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür. Er hielt Kelly die Hand hin, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Schließlich schloss er die Tür und verriegelte den Wagen mit der Fernbedienung. Sie betraten das Restaurant. Ein Kellner kam auf sie zu und Andrew teilte mit, dass er reserviert hatte.
 

 
Nachdem der Kellner den beiden ihren Tisch zugewiesen und sie sich gesetzt hatten, bestellten sie einen lieblichen Rotwein. Andrew blickte Kelly an. Sie versank in seinen Augen und hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn im Auto belogen hatte. Sie senkte den Kopf. Er ergriff ihre Hand. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und fragte ihn: „Sag mal, treffen wir uns jetzt noch mit anderen?“ Andrew zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Also, ich nicht, Baby. Und Du?“
 

 
„Nein,“, sagte sie lächelnd, „ich auch nicht.“ Und wieder eine Lüge, schoss es ihr durch den Kopf. Schließlich traf sie sich morgen Abend mit Mr. Preston. Aber wozu sollte sie Andrew unnötig beunruhigen? Wenn sie ihm von den Anrufen und dem Treffen erzählen würde, wäre er sicherlich in Sorge um sie. Sie war schließlich kein kleines Mädchen und konnte gut auf sich selbst aufpassen. Hoffte Kelly zumindest. Der Kellner kam an ihren Tisch, so dass Kelly aus dieser für sie sehr unangenehmen Situation erlöst wurde, und sie gaben ihre Bestellung auf. Kelly hatte sich für Tortellini in Sahnesoße entschieden, Andrew wählte eine Lasagne. Im Hintergrund spielte leise italienische Musik, und Kelly entspannte sich schließlich ein wenig. Sie fragte Andrew, ob sie beide vielleicht in dieser Woche mal gemeinsam ins Kino gehen wollten. „Aber gerne, Baby. Hast Du Dir schon einen Film ausgesucht?“ Sie war froh, ein anderes Thema gefunden zu haben.
 

 
„Nein, aber das können wir ja spontan entscheiden, oder?“, fragte Kelly. Andrew war einverstanden: „Wie passt es Dir denn morgen?“ Kelly hätte fast zugestimmt, doch da war ja Mr. Preston. „Tut mir leid, morgen bin ich schon mit meiner Freundin Beth verabredet. Übermorgen?“ Und noch eine Lüge. Sie war erschrocken über sich selbst. Und am schlimmsten war, dass sie keine Erklärung fand, warum sie eigentlich log. Der Kellner brachte das Essen. Kelly war erleichtert, denn so brauchte sie vorerst nicht mehr zu reden. Sie waren beide mehr als satt nach dem Essen. Der Kellner fragte, ob sie noch einen Verdauungsbitter wünschten. Sie verneinten beide. Über diese Einigkeit lachten sie. Andrew sah sie glücklich an, und Kelly schämte sich, weil sie ihn angelogen hatte. „Wo waren wir vorhin doch gleich stehen geblieben?“, überlegte Andrew.
 
„Wann wir ins Kino gehen.“, half ihm Kelly.
 
„Ach ja, Du sagtest übermorgen. Da kann ich leider nicht, ich habe am Abend ein wichtiges Meeting in Aurora. Ich werde erst spät wieder zurück sein. Aber Donnerstag wäre gut.“, erklärte Andrew.
 
Kelly überlegte. Sie würde Andrew zwei Tage nicht sehen. Und wenn am morgigen Abend doch alles nicht gut für sie laufen würde? „Gut, dann Donnerstag.“, erwiderte sie zögerlich.
 
„Fein. Suchst Du einen Film aus?“, fragte Andrew sie.
 
„Ja klar.“, antwortete sie.
 

 
Sie sprachen noch ein wenig über die Arbeit. Andrew erklärte ihr, dass die Baugesellschaft, für die er tätig war, plante, in Aurora ein Apartmenthaus mittlerer Größenordnung zu errichten. Das Gespräch mit den Investoren übermorgen sei sehr wichtig. Kelly sah in Andrews strahlende, braunen Augen und schämte sich wieder. Doch sie verwarf ihre negativen Gefühle. Schließlich wollte sie sich und Andrew den Abend nicht verderben, wo sie sich doch seit Matt so sehr nach einer Beziehung gesehnt hatte. Nach einer Weile verließen Kelly und Andrew das Restaurant. Es war bereits nach elf Uhr, und die beiden beschlossen, den Abend ausklingen zu lassen. Während der schweigsamen, aber nicht unangenehmen, Heimfahrt hielt Andrew die ganze Zeit ihre Hand. Sie lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen, um zu entspannen. Es war großes Glück gewesen, dass sie Andrew getroffen hatte. Doch sie sollte es nicht leichtsinnig wegen eines Mr. Preston, den sie nicht einmal kannte aufs Spiel setzen.
 

 
Andrew hielt vor Kellys Haus. Bevor sie aus dem Wagen stieg, knutschten die beiden noch eine Weile, wie verliebte Teenager. Atemlos lösten sie sich voneinander. Andrew seufzte: „Ich würde Dich ja zu gern darum bitten, mich mit hinauf zu nehmen. Aber die Datingregeln.“ Kelly begann zu lachen: „Sag bloß, Du hältst Dich auch daran? Kein Sex vor dem fünften Date?“ Andrew und sie lachten gemeinsam. Sie schaute ihn glücklich an: „Mr. Fuller, ich bin sehr verliebt in Sie.“ Erschrocken über ihre eigenen Worte schlug sie sich die Hand vor den Mund. Zärtlich zog er sie an sich: „Keinen Grund zur Verlegenheit, Miss Wilson, denn mir geht es ganz genauso...“
 

 
Als Kelly in ihrem Bett lag und sich in ihre Decke kuschelte, verschwendete sie keinen Gedanken mehr an Mr. Preston, sondern dachte an die Küsse von Andrew und daran, dass sie beide glücklich und ineinander verliebt waren.
 

 

 

 
Kapitel 11
 

 
Gut gelaunt sprang Kelly am Dienstag morgen aus dem Bett. Sie war bereits um sechs Uhr, eine Stunde vor dem Wecker, erwacht. Sie stellte die Kaffeemaschine ein und sprang unter die Dusche. Ihre Haare waren schnell gefönt und frisiert, die Kleidung hatte sie sich bereits am Abend zuvor zurecht gelegt. Sie trank in der Küche schnell ihren Kaffee und aß ihren Toast und beschloss, heute schon eine Stunde früher mit der Arbeit zu beginnen. Als Entschädigung, weil sie gestern früher gegangen war. Kelly liebte ihren Job zwar nicht besonders, aber sie war sehr gewissenhaft. Es war erst 7.20 Uhr als sie Bob begrüßte: „Einen wunderschönen, guten Morgen, Bob!“ Bob, der bereits Ende fünfzig war und kurz vor seiner Pensionierung stand, lächelte Kelly an: „Guten Morgen, Kelly. Du bist wohl aus dem Bett gefallen?“ Kelly zuckte die Schultern und lächelte ihn an. Sie war bereits am Fahrstuhl und konnte Bobs Gemurmel von „verliebte Mädels“ gar nicht mehr hören.
 

 
Sie hatte bereits um 14 Uhr ihr Arbeitspensum erledigt. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten, um Bob ihre Arbeit zu übergeben. Bob war erstaunt, wie viel Kelly heute erledigt hatte. Er gab ihr den Teil der Arbeit für den folgenden Tag, den er bis dato für sie erhalten habe. Kelly verschwand wieder im Fahrstuhl. Als sie wieder an ihrem Schreibtisch saß, konnte sie erkennen, dass ein Umschlag in dem Stapel war. Es war eine vertrauliche Mitteilung der Geschäftsleitung für sie. Ihr Herz fing an nervös zu klopfen. Was konnten die von ihr wollen?
 

 
Schnell riß sie den Umschlag auf und las, was dort stand: Sehr geehrte Miss Wilson, aus aktuellem Anlass ihren Arbeitsplatz betreffend, möchten wir Sie bitten, morgen um 11 Uhr im Büro der Geschäftsleitung zu erscheinen. Mr. Grosinski bittet um ein persönliches Gespräch. Mit freundlichen Grüssen, und so weiter. Kelly bekam Angst. Würde man sie feuern? Das fehlte ihr noch. Sie war erst seit einigen Monaten hier und nach ihr hatte niemand mehr angefangen. Und hieß es nicht immer, wer zuletzt kommt, der geht zuerst? Bitte nicht, dachte sie. Kelly versuchte, sich nicht verunsichern zu lassen und machte sich an die Arbeit für morgen. Um 18 Uhr drückte sie Bob einen Teil der neuen Arbeit in die Hand und verabschiedete sich. Sie schwang sich auf ihr Rad und fuhr nach Hause. Viel Zeit blieb ihr bis zu ihrem Treffen mit dem großen Unbekannten im Peninsula Hotel nicht. Zu Hause angekommen sprang sie sofort unter die Dusche. Sie zog einen schwarzen Hosenanzug und eine rosafarbene Bluse an. Ein wenig Farbe ins Gesicht, fertig. Die Uhr zeigte 19.10 Uhr, und Kelly rief sich ein Taxi.
 

 
Punkt 19.28 Uhr betrat sie die Lobby des Peninsula Hotels. Sie ging zur Rezeption und fragte, wo das hausinterne Restaurant sei. Der Empfangschef rief den Pagen herbei, der Kelly zum Restaurant führte. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie war unruhig und nervös. Der Umstand, dass Mr. Preston sie in einem Hotelrestaurant erwartete, beruhigte sie ein wenig. Der Restaurantchef empfing Kelly: „Bitte schön, Miss. Was kann ich für Sie tun?“ Kelly räusperte sich: „Ähm, ich bin mit einem Mr. Preston verabredet.“ Der Restaurantchef sah in das Gästebuch: „Sehr wohl, Miss. Einen Moment, bitte.“ Er winkte einen Ober herbei: „Steve, Tisch 10. Sie werden von Mr. Preston bereits erwartet, Miss.“ Kelly konnte die Anspannung kaum noch ertragen. Ein wenig spannend war diese Sache ja schon. Der Kellner ging voraus, und Kelly folgte ihm ungeduldig. An einem Tisch für zwei Personen blieb er stehen. Mr. Preston saß mit dem Rücken zu ihr, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Der Kellner räusperte sich: „Mr. Preston, Verzeihung, Ihre Reservierung ist da.“. Der vermeintliche Unbekannte stand von seinem Stuhl auf und drehte sich langsam um. Kelly blieb das Herz stehen, ihr wurde schwindelig, und bevor sie das Bewusstsein verlor erkannte sie noch, wer Mr. Preston war: MATT!
 

 
„Kel...bitte wach auf, Kel.“. Aus weiter Ferne konnte sie Matts Stimme hören. Sie öffnete langsam die Augen und erschrak nochmals. Über sie gebeugt war Matt, der sachte ihre Wange tätschelte. Sie sah ihn entgeistert an: „Du?“ Sie konnte es nicht glauben. Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Matt half ihr hoch und forderte die Menge auf, sich wieder zu setzen, es sei alles in bester Ordnung. Er setzte Kelly auf den Stuhl. Matt orderte beim Kellner einen Schnaps, damit sie wieder zu Kräften kam. Kelly konnte nicht sprechen. Kelly konnte nichts fühlen. Was war da in ihrem Herz? Wut? Angst? Ein Schock? Sie konnte es nicht sagen. Ein wenig Freude, den Mann, den sie so sehr geliebt hatte, wiederzusehen? Sie wusste es nicht. Der Kellner brachte ihr einen Scotch, den sie in einem Zug austrank. Sie rang nach Luft, um dem Brennen in ihrer Kehle ein Ende zu bereiten. Matt sah sie aus seinen grünen Augen ängstlich an: „Kel, es tut mir leid.“ Sie winkte ab. „Vergiss es, spar Dir Deine Entschuldigungen. Ich hoffe, Du hast einen verdammt guten Grund, warum Du mir so einen Schreck eingejagt hast.“ Matt sah betreten zu Boden.
 
„Nein. Ich habe keinen guten Grund.“
 
Jetzt fühlte Kelly etwas. Wut. Hass. Verachtung. Sie stand so ruckartig auf, dass ihr Stuhl umfiel. Die anderen anwesenden Gäste starrten sie an, doch sie merkte es nicht einmal. Sie beugte sich über den Tisch, bis sie ganz nah an Matts Gesicht war: „Mr. Preston, wagen Sie es nie wieder, aber wirklich nie wieder, mich zu belästigen.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Restaurant. Sie saß bereits im Taxi und war schon fast zu Hause angekommen als ihr auffiel, dass sie ihren Blazer vergessen hatte, doch das war ihr auch egal. Tränen strömten über ihr Gesicht. Sie war fassungslos. Was dachte sich der Typ bloß dabei? Und dafür hatte sie Andrew angelogen? Verdammt, Kelly Wilson, was hast Du Dir nur dabei gedacht?
 
Sie wollte gar nichts mehr denken. Als sie in ihrem Apartment angekommen war, köpfte sie eine Flasche Wein und heulte einfach nur still vor sich hin. Sie hatte den Stecker ihres Telefons rausgezogen, denn Matt würde vermutlich wieder anrufen. Morgen würde sie sich eine neue Telefonnummer besorgen. Als die Weinflasche leer war, fühlte Kelly nichts mehr. Ihre Augen waren vom Weinen geschwollen, und sie taumelte ins Bett.
 

 

 

 

 
Kapitel 12
 

 
Das Läuten ihres Weckers fühlte sich am nächsten Morgen in Kellys Kopf an wie ein Erdbeben. Nachdem sie den Wecker ausgestellt und sich auf die Bettkante gesetzt hatte, bemerkte Kelly erst, wie stark ihre Kopfschmerzen waren. Der Wein hatte zwar beim Schlafen geholfen, aber sie bereute es, die ganze Flasche ausgetrunken zu haben. Sie hielt sich den Kopf als sie in Richtung Badezimmer taumelte. Sie öffnete ihren Medizinschrank und betete, noch Aspirin zu finden. Fand sie auch. Sie nahm ihren Zahnputzbecher, ließ kaltes Wasser hineinlaufen und löste darin Aspirin auf, am besten gleich zwei.
 

 
Und hinunter damit. Danach stellte sie sich unter die Dusche, wobei sie unfähig war, sich zu bewegen. Sie ließ einfach nur das heiße Wasser über ihren Körper laufen. Als sie aus dem Bad kam, war es bereits halb acht. Sie sprang in die Klamotten und zum ersten Mal ging sie ohne Kaffee aus dem Haus. Als sie mühselig in die Pedalen ihres Rades trat fiel ihr siedendheiß ein, dass sie ja heute um elf Uhr einen Termin bei Mr. Grosinski hatte. Und ausgerechnet heute war sie in einer so schlechten Verfassung. Da fiel ihr auch wieder ein, warum es ihr so schlecht ging. Dieser Mistkerl! Was wollte Matt von ihr? Mittlerweile war die Neugier schon fast größer als die Wut. Aber für diese Sache hatte sie jetzt keine Zeit. Sie musste Gas geben, um pünktlich im Büro zu sein und mit ihrer Arbeit zu beginnen, denn noch immer wusste sie nicht, was sie heute im Gespräch mit der Geschäftsleitung erwartete.
 

 
Als der Zeiger der Uhr sich der elf näherte, wurde Kelly langsam nervös. Um zehn vor elf beschloss sie, langsam zum Fahrstuhl zu gehen. Auf dem Weg dorthin kam ihr Mr. Williams, ihr Abteilungsleiter, entgegen. Er klopfte Kelly im Vorbeigehen auf die Schulter und sagte: „Viel Glück!“ Jetzt stand für Kelly fest, dass es ein sehr ernstes Gespräch war, was dort auf sie wartete. Sie ging in den Fahrstuhl und drückte die fünf. Die Sekunden kamen ihr wie Stunden vor. Die Fahrstuhltür öffnete sich. Kelly trat heraus und ging auf Rosie zu, Rosie war die Sekretärin von Mr. Grosinski. „Guten Tag, Rosie.“, sagte Kelly. Rosie sah von ihrer Arbeit auf: „Oh, hallo Kelly. Ich sage ihm Bescheid.“ Kelly nickte zustimmend. Sie fühlte, wie sich ein dicker Kloß in ihrer Kehle bildete. Rosie nahm den Hörer ihres Telefons ab: „Mr. Grosinski, Miss Wilson ist jetzt hier. Ja, natürlich.“ Rosie legte den Hörer auf: „Kelly, Du kannst zu ihm rein. Ich bringe Euch gleich Kaffee.“ Kelly klopfte an der Tür von Mr. Grosinski und trat ein. Mr. Grosinski blickte auf und nahm seine Brille ab. Er lächelte sie freundlich an, was Kelly nur noch mehr verunsicherte. Sicherlich wollte er sie beruhigen. „Miss Wilson, es freut mich, nehmen Sie doch bitte Platz!“ Er zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Kelly hatte feuchte Hände vor Aufregung. Sie setzte sich. Rosie kam herein und brachte Kaffee. Sie stellte das Tablett auf den Schreibtisch von Mr. Grosinski: „Danke, Rosie. Miss Wilson, wie hätten Sie gern Ihren Kaffee?“ Mr. Grosinski war Mitte fünfzig. Er war sehr groß und kräftig gebaut, hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und trug einen Schnäuzer, der stets hin und her wippte, wenn er sprach. Kelly bat um schwarzen Kaffee. Er stellte die Tasse vor sie hin. Mr. Grosinski sah Kelly an und begann zu lachen: „Mein Gott, schauen Sie nicht so ängstlich aus der Wäsche. Sie werden nicht gefeuert.“ Kelly atmete erleichtert auf. „Miss Wilson, ich habe Ihre Personalakte studiert. Und seit Monaten haben Sie herausragend gearbeitet. Ich bin der Meinun! g, dass ich Sie mit einer anspruchsvolleren Tätigkeit vertraut machen sollte. Sie wissen, dass wir eine der führenden Versicherungsgesellschaften der Vereinigten Staaten sind.“ Kelly nickte zustimmend. „Einer unserer größten Kunden hat persönlich um Betreuung durch Sie gebeten.“ Kelly zog verwundert die Augenbrauen hoch und sah Mr. Grosinski fragend an. „Preston Industries, Inc. aus Joliet.“ Kelly merkte, wie ihr der Zorn im Hals hinauf stieg: „Mr. Grosinski, darf ich fragen, ob es ggf. Mr. Matt Preston war, der darum bat?“ Mr. Grosinski nickte: „Sie kennen sich also schon?“ Kelly war entsetzt. Wollte Matt sie jetzt etwa erpressen? Kelly nickte. „Mr. Preston und ich kennen uns von der Universität, wir haben zusammen studiert.” Mr. Grosinki sagte, dass er das wüsste. „Was genau soll ich denn tun?“, fragte Kelly vorsichtig. „Mr. Preston möchte, dass Sie sämtliche Versicherungsbelange von Preston Industries Inc. prüfen, ggf. ändern und verbessern und letztendlich sämtliche Verträge mit anderen Gesellschaften kündigen, damit Preston Industries Inc. hier versichert wird. Das Auftragsvolumen, über das wir hier sprechen, sind mehrere Millionen Dollar.“ Mr. Grosinski schaute Kelly prüfend an. „Trauen Sie sich das zu, Miss Wilson?“ Seine Worte hallten in Kellys Kopf. Sie wusste, was passieren würde, wenn sie es ablehnte. Mr. Grosinski würde sie mit größter Wahrscheinlichkeit feuern: „Mr. Grosinski, besteht auch die Möglichkeit, dass diese Tätigkeit jemand anderes macht, oder besteht Mr. Preston....“ Mr. Grosinski unterbrach Kelly: „Keine andere Möglichkeit, Sie oder niemand. Wäre doch schade, wenn wir den Auftrag verlieren würden?“. Da stimmte Kelly ihm zu. „Was muss ich zuerst tun?“, fragte sie. Wobei Kelly ganz und gar nicht wohl bei dem Gedanken war, für Matt auch noch arbeiten zu müssen. Doch eine andere Wahl hatte sie nicht, sie brauchte ihren Job. Mr. Grosinski freute sich. Er sagte Kelly, dass sie ab sofort nicht mehr in ihrer gewohnten Abteilung arbeiten solle, sondern im ersten Stock bei den Sachbearbeitern eing! earbeite t würde. Am kommenden Wochenende würde eine hausinterne Schulung stattfinden, die sie besuchen sollte, und am Montag sollte sie sich um acht Uhr morgens hier einfinden, damit eine Besprechung weiterer Details zusammen mit Mr. Preston erfolgen könne. Kelly willigte ein und verließ das Büro von Mr. Grosinski.
 

 
Was wollte Matt damit bezwecken? Wollte er sie so zwingen, wieder den Kontakt mit ihr aufzunehmen? Sie war wütend. In Gedanken versunken fuhr sie mit dem Fahrstuhl wieder in den zweiten Stock, um ihre persönlichen Sachen von ihrem Schreibtisch einzupacken, um sich dann im ersten Stock bei Mr. Dungan zu melden. Mr. Dungan war noch jung, vermutlich Mitte 30, aber er leitete nun schon seit zwei Jahren die Vertragsabteilung. Freundlich begrüßte er Kelly: „Guten Tag. Sie müssen Miss Wilson sein, Mr. Grosinski hatte sie angekündigt. Mein Name ist Ian Dungan, ich bin ihr neuer Abteilungsleiter.“ Kelly nahm die ausgestreckte Hand entgegen. Mr. Dungan führte sie durch die Abteilung. Im Gegensatz zu ihrem Großraumbüro arbeitete hier jeder in seinem eigenen Büro. Er machte sie mit den Mitarbeitern bekannt und führte sie in ihr Büro: „Miss Wilson, richten Sie sich erst mal ein. Morgen früh um acht Uhr legen wir dann richtig los!“. Er lächelte sie an, zwinkerte ihr freundlich zu und ließ sie dann in ihrem Büro allein. Sie sah aus dem Fenster und ließ sich erschöpft in ihren Bürostuhl fallen. Das konnte nicht wahr sein! Tränen schossen ihr in die Augen. „Kelly, wo bist Du da wieder rein geraten?“, fragte sie sich. Auf der anderen Seite würde sie durch diese Beförderung sicherlich auch mehr verdienen. Die Frage war nur, konnte sie es ertragen, für Matt zu arbeiten? Wut. Trauer. Druck in der Brust. Sie fühlte alles, was es zu fühlen gab. Ob sie wollte oder nicht, sie musste mit Matt darüber sprechen. Mit einem Taschentuch tupfte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und sah sich in ihrem Büro um. Die Wände waren in apricot gestrichen, der Teppich in seichtem Orange. Die Möbel aus Nussbaum. Ein großer Schreibtisch, auf dem ein Bildschirm stand, unter der Arbeitplatte eine herausziehbare Tastatur. Ein Bücherschrank, der bis dato noch ganz leer war, eine kleine blaue Ledercouch mit einem kleinen Glastisch daneben. Eine kleine Anrichte, auf der noch eine alte Kaffeemaschine stand, vermutlich von einem ehemaligen Mitarbeiter. ! Sie grin ste. Hier fühlte sie sich wohl, aber war sie auch den Anforderungen der neuen Tätigkeit gewachsen? Sie hatte an der Uni auch ein Semester Vertragsrecht studiert, jedoch ganz zu Anfang ihrer Studienzeit, wo sie noch der Meinung gewesen war, Anwältin werden zu wollen.
 

 
Sie beschloss Mr. Dungan noch nach den Arbeitszeiten zu fragen. Sie hob den Telefonhörer ihres Telefons und wählte die 12. „Ja, Miss Wilson?“, meldete er sich. „Entschuldigen Sie die Störung, Mr. Dungan, aber wie sind die Arbeitszeiten hier?“, fragte Kelly schüchtern. „Oh, ja, das hatte ich Ihnen nicht gesagt, warten Sie, ich komme zu Ihnen.“ Er legte auf. Wenige Minuten später klopfte es an Kellys Bürotür. „Herein.“, sagte sie, und entgegen ihrem Willen wurde sie von etwas wie Stolz durchflutet. Mr. Dungan betrat ihr Büro. Er gab ihr eine Stempelkarte: „So, Miss Wilson. Hier oben tragen Sie Ihren Namen ein. Die Stempeluhr hängt direkt neben dem Fahrstuhl. Wenn Sie morgens kommen, stempeln Sie die Karte, und wenn Sie abends gehen ebenfalls. Und Ihre Arbeit erhalten Sie ab sofort natürlich nicht mehr von Bob.“. Kelly musste ziemlich eingeschüchtert ausgesehen haben, denn Mr. Dungan fing an zu lachen und klopfte Kelly auf die Schulter: „Miss Wilson, keine Sorge, hier lässt Sie niemand hängen. Wenn Sie nicht weiter wissen, so wird immer ein Kollege oder eine Kollegin bereit sein, Ihnen zu helfen. Wir duzen uns hier übrigens alle, wie ich schon sagte, ich bin Ian.“. Er streckte ihr abermals die Hand entgegen. Sie fühlte sich schon ein wenig entspannter und nahm seine Hand: „Ich bin Kelly.“.
 
„Gut, Kelly. Dann wissen Sie ja soweit alles. Wir arbeiten hier so in der Regel von montags bis donnerstags von 8 Uhr bis 16.30 und freitags bis 12 Uhr. Okay?“, erklärte Ian. Kelly nickte zustimmend: „Vielen Dank.“. Mr. Dungan verließ das Büro. Kelly blickte auf ihre Armbanduhr, 15.30 Uhr. Sie schaltete ihren Computer an. Es klopfte abermals an der Tür. „Herein?“, sagte Kelly. Eine blonde Frau betrat Kellys Büro. „Guten Tag, Kelly. Ich bin Donna.“, sagte sie freundlich und gab Kelly die Hand. „Was kann ich für Sie tun, Donna?“, fragte Kelly. „Ich bin Deine Sekretärin, Kelly.“, sagte sie lachend, „Mir fiel das auch schwer mit dem duzen. Morgen machen wir zusammen eine Liste von dem Büromaterial, das Du noch benötigen wirst, okay? Wie trinkst Du Deinen Kaffee?“. Kelly war überwältigt. Langsam entwickelte sich die ganze Sache doch sehr positiv, doch nichts desto trotz musste sie mit Matt sprechen. „Donna, am liebsten trinke ich meinen Kaffee schwarz.“, erwiderte Kelly. „Gut, dann bis morgen früh, Du kannst jetzt Feierabend machen, hat Ian gesagt.“, sagte Donna und winkte Kelly freundlich zu.
 

 
Kelly wusste nicht, was sie denken sollte. Stolz? Freude? Auf der anderen Seite fragte sie sich immer noch, was Matt mit dieser Aktion bezweckte. Sie beschloss ihn anzurufen, um sich nochmals mit ihm zu treffen. Mit diesen Gedanken packte sie ihre Handtasche, zog ihren Mantel an und verließ ihr Büro. Wie das klang: mein Büro! Sie fuhr nach Hause, und wenn sie daran dachte, wie furchtbar sie sich noch gestern abend gefühlt hatte, musste sie lachen. Doch dann kam ihr Andrew wieder in den Sinn, und die Lügen, die sie ihm erzählt hatte. Sie musste morgen abend unbedingt mit ihm reden, statt mit ihm ins Kino zu gehen. Kelly, für jedes Problem gab es eine Lösung! Sie beschloss die Sache ausführlich mit Beth zu besprechen.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 13
 

 
Als Kelly am nächsten Morgen aus dem Fahrstuhl kam, ihre Karte abgestempelt hatte, machte sie sich auf den Weg in ihr Büro. Sie staunte, als sie ihre Hand auf die Klinke ihrer Bürotür legte: Miss Kelly Wilson stand dort auf einem Messingschild an ihrer Tür. Wow. Kelly hatte am Vorabend noch mit Beth telefoniert. Beth war begeistert von der Beförderung, jedoch keinesfalls von den Umständen. Beth riet Kelly, das beste aus der Situation zu machen und auf gar keinen Fall wieder auf Matt reinzufallen. Doch diese Angst hatte Kelly nicht, sie fühlte nichts für Matt außer Verachtung für die Mittel und Wege, die er genutzt hatte, um an sie heran zu kommen. Als Kelly ihr Büro betrat, stand ein großer Blumenstrauß auf ihrem Schreibtisch. Ihre Miene verfinsterte sich, weil sie sich sicher war, dass Matt dahinter steckte. Sie nahm die Karte, die in dem Strauß steckte, und las: Herzlich Willkommen bei uns! Und alle Kollegen hatten unterschrieben. Sie hatte die Tür aufgelassen und eine weibliche Stimme räusperte sich hinter Kelly. Kelly drehte sich um, und vor ihr stand Donna mit einem Becher Kaffee in der Hand: „Guten Morgen, Kelly.“. Kelly lächelte Donna an: „Guten Morgen, Donna.“. Sie nahm dankend den Kaffee und stellte die Tasse erst mal auf den Tisch, um ihre Jacke auszuziehen. Sie deutete auf den Blumenstrauß: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“. Donna winkte ab: „Das machen wir doch immer so, schalte doch schon mal Deinen PC ein und melde Dich an, ich komme dann gleich zu Dir.“. Donna verließ den Raum, und Kelly setzte sich an ihren PC, um sich in das hausinterne Betriebssysteme einzuloggen. Donna kam herein, brachte ihren Bürostuhl mit und setzte sich neben Kelly. „So, jetzt zeige ich Dir erst mal, wie Du Nachrichten an Deine Kollegen sendest.“.
 

 
Donna machte Kelly mit den neuen Anwendungen etwas vertraut, die sie jetzt nutzen konnte. Kelly schrieb sich fleißig alle wichtigen Dinge auf. Kurz vor dem Mittag orderten sie dann das Büromaterial, was Kelly noch benötigen würde: „Um zwei Uhr kommt Dein Faxgerät, jeder Mitarbeiter hat ein eigenes. Ich habe Dir hier schon mal das Telefonverzeichnis mitgebracht, ich lege es neben das Telefon. Und um drei Uhr kommen die ganzen Bücher, die Du jetzt lesen musst, um Dich mit den wichtigsten Vertragsdaten vertraut zu machen. Und jetzt hole ich uns mal etwas zu essen, wie wäre es denn mit einem schönen Thunfischsandwich und einem Orangensaft?“. Kelly lächelte Donna an: „Was würde ich nur ohne Dich tun?“. Donna winkte ab: „Wir machen nur unseren Job, oder?“. Sie zwinkerte Kelly zu und verließ das Büro. Kelly atmete tief durch. Sie hob den Telefonhörer ab und versuchte Matt zu erreichen, doch er war nicht auf seinem Zimmer. Sie hinterließ ihm die Nachricht, dass er sie bitte zurückrufen sollte. Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz vor eins. Sie wählte Andrews Büronummer. „Fuller. Guten Tag.“, erklang seine Stimme. „Hey, ich bin’s. Störe ich?“, fragte Kelly vorsichtig. „Aber nein, Baby. Ich habe Dich gestern abend versucht anzurufen, aber nicht einmal Dein Band ist angesprungen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“, sagte Andrew. Kelly hatte vergessen, den Stecker ihres Telefons wieder reinzustecken. Sie schlug sich die Hand vor den Kopf wegen ihrer eigenen Dummheit. „Oh, sorry. Mein Telefon war defekt. Ich musste mir neue Akkus kaufen, aber heute abend wird es wieder gehen.“, log Kelly, wie so oft in letzter Zeit. „Dann ist ja gut. Wollten wir nicht heute abend ins Kino?“, fragte Andrew. Ja, das Kino, aber eigentlich wollte Kelly Andrew heute abend die Geschehnisse der letzten Tage erzählen. „Hm,“, sagte sie, „wie wäre es, wenn ich uns etwas koche und Du mich mal besuchen kommst?“. Andrew war begeistert. Sie verabredeten sich für halb acht bei Kelly. Sie hauchte einen Kuss in den Hörer und legte auf. Und wieder wa! r da die ses miese Gefühl in der Magengegend, weil sie ihn belogen hatte. Zu Unrecht. Grundlos. Aber sie würde die Konsequenzen für ihr Handeln tragen, das hatte sie schon immer. Bevor sie sich weiter den Kopf zerbrechen konnte, betrat Donna ihr Büro. Sie servierte Kelly ihr Sandwich und den Orangensaft. Donna aß in der Kantine und fragte Kelly, ob es okay sei, wenn sie um 14 Uhr weiter machen würden. Kelly stimmte zu und war froh, einige Zeit alleine zu sein. Voller Hektik verging Kellys erster Tag in der neuen Abteilung. Sie war froh, als sie um 17 Uhr ihr Apartment betrat, doch viel Zeit blieb ihr auch dann nicht.
 

 
Als Andrew um halb acht kam, war Kelly geduscht, die Spaghetti Bolognese fertig, und sie öffnete ihm in Jeans und Pulli ihre Apartmenttür. „Ich hoffe, Du bist nicht enttäuscht von meiner bescheidenen Behausung?“, lächelte sie ihn an. Er betrat ihr Apartment, zog sie in seine Arme und küsste sie stürmisch. „Mit Dir ist es auch in einem türkischen Knast schön!“, sagte er glücklich. Er biss ihr zart ins Ohrläppchen und hauchte ihr ins Ohr: „Baby, heute ist unser sechstes Date, weißt Du das?“. Ihre Augen leuchteten auf, und sie nickte ihm zu. Während des Essens erzählte Andrew von seinem Meeting in Aurora. Alles war gut gelaufen, und Andrew würde zum ersten Mal in seiner Karriere ein eigenes Projekt leiten. Kelly sagte ihm, wie stolz sie auf ihn war, aber dass sie auch sehr viele Neuigkeiten für ihn hätte. Nachdem sie das Geschirr in der Spülmaschine verstaut hatte, zeigte sie Andrew ihr Apartment. Er schaute sich um und sagte: „Klein und fein, wie Du!“. Er küsste sie auf die Nasenspitze. Sie wies ihn an, schon einmal auf der Couch Platz zu nehmen. Aus der Küche holte sie eine Flasche Wein und zwei Gläser, schaltete Musik an bevor sie sich zum ihm auf die Couch setzte. Er legte den Arm um sie und zog sie an sich: „So, Baby, jetzt bin ich aber neugierig. Erzähl mal.“. Kelly war etwas nervös, wusste sie nicht, wie Andrew reagieren würde. Sie begann bei den anonymen Anrufen und endete in ihrem neuen Büro. Als sie ihre Erzählung beendet hatte, schaute sie Andrew erwartungsvoll an. Sie versuchte, eine Gefühlsregung in seinem Gesicht wahrzunehmen. Doch sie sah nichts. Andrew hatte den Arm von ihren Schultern genommen und drehte sein Weinglas in seinen Händen. Kelly legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Sein Schweigen machte ihr Angst: „Warum sagst Du nichts?“
 
„Warum hast Du mir nichts gesagt?“, fragte er zurück. Sie sah betreten hinunter und zuckte mit den Schultern. Andrew stellte sein Weinglas auf den Tisch und stand auf. Er sah auf sie herab. „Ich gratuliere Dir zu Deiner Beförderung. Die Umstände gefallen mir nicht, und ich kann nicht verstehen, warum Du mich so belogen hast. Ich brauche ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken.“. Mit diesen Worten ließ er sie zurück. Er zog seine Jacke an, und als Kelly die Tür ins Schloß fallen hörte, kullerten ihr bereits die ersten Tränen über die Wangen.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 14
 

 
Kelly wachte auf als es sie fröstelte. Sie setzte sich auf und blickte verwirrt um sich. Den Schmerz wegen Andrew hatte sie mit dem restlichen Wein betäubt und war irgendwann weinend eingeschlafen. Mit pochenden Schläfen stand sie von der Couch auf und taumelte durch das Wohnzimmer. Sie ertastete den Lichtschalter und schaltete das Licht ein. Ihre Augen suchten die Wanduhr: 4:30 Uhr. Sie brauchte nicht mehr ins Bett zu gehen, in eineinhalb Stunden müsste sie ohnehin aufstehen.
 

 
Sie ging in die Küche und setzte sich Kaffee auf. Wieder durchströmte unendliche Traurigkeit ihren Körper. Müde und erschöpft ging sie erst einmal unter die Dusche, um die Lebensgeister in ihrem Körper zu wecken. Danach fühlte sie sich ein wenig besser. Matt. Andrew. Ihr Kopf war leer und ihr Herz so schwer, dass es wie ein Stein in ihrer Brust drückte.
 

 
Kelly steckte erst mal den Stecker ihres Telefons wieder in die Dose. Ein weiterer Blick zur Uhr: 5:10 Uhr. Sie ging in die Küche, nahm sich eine Tasse Kaffee und ging zurück ins Wohnzimmer. In ihren Bademantel gekuschelt, mit einem Handtuch um den Kopf setzte sie sich in ihren Schaukelstuhl am Fenster und blickte den Lake Shore Drive hinunter, der im Dunkeln noch schöner aussah als am Tage.
 

 
Kelly Wilson, was hast Du Dir dabei gedacht? Sie konnte nicht begreifen, warum sie ihr frisches Glück mit Andrew für Matt aufs Spiel gesetzt hatte. „Wäre ich doch bloß ehrlich gewesen....“, murmelte sie traurig vor sich hin. Wieder rannen ihr Tränen über die Wangen. Sie wischte sie mit dem Handrücken ab. Könnte sie doch alles ungeschehen machen...Wut keimte in ihr auf. „Ich hasse Dich, Matt Preston!“, rief sie laut.
 

 
Kelly fragte sich, ob sie Andrew heute anrufen sollte. Aber vermutlich würde er ohnehin nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen. Er hatte gesagt, er bräuchte Zeit, um darüber nachzudenken. Abermals warf sie einen Blick auf die Uhr: kurz nach sechs. Sie beschloss, sich für die Arbeit fertig zu machen und dann langsam mit ihrem Rad ins Büro zu fahren.
 

 
Nachdem sie sich angezogen hatte, stellte sie ihre Tasse in die Spülmaschine, schaltete die Kaffeemaschine aus und warf ihren Mantel über. Auf der Kommode neben der Wohnungstür lagen ihre Schlüssel und ihre Handtasche. Sie griff beides und verließ ihre Wohnung. Trübsinnig radelte sie zur Firma und grübelte verzweifelt darüber nach, was sie tun könne, um Andrew zurück zu gewinnen. Und der Gedanke daran, für Matt arbeiten zu müssen, verursachte ihr Magenschmerzen. Sie schloss ihr Fahrrad an und ging in das Firmengebäude.
 

 
Bob begrüßte sie: „Guten Morgen, Kelly. Warum so traurig heute?“ Sie hob den Kopf und sah in Bob’s freundliches Gesicht: „Ach, Bob, wenn Du wüsstest...“ Sie versuchte ihn anzulächeln, doch es gelang Kelly nicht. Sie betrat den Fahrstuhl und drückte auf die 1.
 

 
Bis auf einige Sekretärinnen war die Abteilung noch menschenleer. Kelly stempelte ihre Karte und ging in ihr Büro. Es hatte sich noch einiges getan am Vortag: Bücherregale mit dicken Wälzern über Versicherungs- und Vertragsrecht standen in ihrem Büro. In einem weiteren Regal standen Ordner, die von A bis Z beschriftet waren. Neben ihrem Schreibtisch stand ein kleiner Schrank, auf dem sich ihr Faxgerät befand. Sie öffnete die Tür des Schrankes: ein Karton Papier sowie weiteres Büromaterial, welches Donna wohl gestern noch geordert hatte.
 

 
Auf Kelly’s Schreibtisch befand sich eine Unterlage aus weinrotem Leder. Köcher, Stiftablagen, sowie Ablagekörbe aus Messing befanden sich ebenfalls auf ihrem Schreibtisch. Kelly sollte glücklich sein, doch sie war es nicht. Die Umstände ihrer Beförderung und der Verlust von Andrew waren für Kelly ein zu hoher Preis.
 

 
Sie hing ihren Mantel an die Garderobe in ihrem Büro und verstaute ihre Handtasche in einer ihrer Schreibtischschubladen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, schaltete ihren PC ein und meldete sich an. Dann bemerkte Kelly zu ihrer Linken eine Unterschriftsmappe. Sie zog sie vor sich und schlug sie auf. Arbeitsvertrag prangte in grossen Lettern auf dem ersten Blatt. Sie begann zu lesen. Ihre Beförderung war amtlich. Sie bekam jetzt ein Grundgehalt von 2450 $, zzgl. weiterer Provisionen für abgeschlossene, bzw. zu verwaltende Verträge. Sie las weiter. Ein Dienstwagen. Wow, dachte Kelly, damit hätte ich nicht gerechnet. Kelly grinste. Für den Weg zur Arbeit lohnte sich das gar nicht, aber wenn die Geschäftsleitung das so vorsah. Aufmerksam las sich Kelly den Rest des Vertrages durch; sie konnte sich auch eine neue Wohnung suchen. Die Kosten bis 1000 $ würde die Firma tragen...sie war entzückt. Sie entschied sich, den Vertrag zu unterschreiben und nahm sich gleich das für sie bestimmte Exemplar heraus und legte es in den Ablagekorb mit der Aufschrift private. Sie blätterte weiter in der Unterschriftsmappe und fand die Anmeldung für das Seminar, welches Mr. Grosinski ihr schon angekündigt hatte. Es fand am nächsten Wochenende statt. Kellys Miene verdüsterte sich als sie den Tagungsort las: Peninsula Hotel, Chicago. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich Matt mittlerweile wieder in Joliet aufhalten würde. Sie füllte die Anmeldung aus und unterschrieb sie. Wieder lag ein zweites Exemplar für Kelly dabei, welches sie heraus nahm. Sie blickte auf ihre Ablagekörbe und tatsächlich: Fortbildung. Sie legte die Anmeldung hinein. Ein Klopfen an ihrer Bürotür liess Kelly aufschrecken. Daran musste sie sich noch gewöhnen. „Herein!“, rief sie und blickte erwartungsvoll zur Tür. Donna betrat Kellys Büro: in der einen Hand eine Tasse Kaffee und unter ihrem Arm einige Mappen. „Guten Morgen, Kelly.“, rief Donna ihr freundlich entgegen. Sie wies auf dem Stuhl gegenüber von Kelly und fragte: „Darf ich?“. Kelly läch! elte zur ück: „Natürlich, Donna, nimm Platz.“.
 

 
Donna stellte die Tasse vor Kelly ab und setzte sich schließlich Kelly gegenüber. Sie legte die Mappen vor sich auf den Tisch. Kelly nippte an ihrem Kaffee. Eine Wohltat als der heisse Kaffee ihre Kehle hinunter lief. Sie genoss diesen Moment und schloss die Augen: „Hm, Donna, Du kochst wahnsinnig guten Kaffee...“. Donna lachte: „Vielen Dank, aber der Kaffee kommt aus einer Maschine. Der Kaffee ist portioniert, also schmeckt er immer gleich...“. Kelly lachte ebenfalls. Sie warf einen Blick auf die oberste Mappe, die vor Donna auf dem Schreibtisch lag, und das Lachen verging Kelly schlagartig: PRESTON INDUSTRIES INC. Donna entging der düstere Gesichtsausdruck Kellys nicht: „Der Auftrag gefällt Dir wohl nicht, hm?“, fragte sie vorsichtig. Kelly winkte ab: „Job ist Job! Egal, ob er mir gefällt oder nicht. Ich gebe immer mein bestes.“ Donna nickte. Sie öffnete die Mappe und erklärte Kelly, dass sie die aktuellen Versicherungsverträge des Unternehmens enthielt, sowie Randinformationen über das Budget und die Wünsche des Kunden. Donna erklärte Kelly, wie sie die Daten in die EDV einpflegen könne, so dass das System die besseren Konditionen ermitteln würde. Kelly fiel ein Stein vom Herzen, denn sie hatte keine Ahnung vom Vertragsrecht der Versicherung für die sie arbeitete. Donna ahnte Kellys Gedanken und sagte aufmunternd: „Mach Dir keine Sorgen, Kelly. Nach der Schulung am Wochenende bist Du viel schlauer als jetzt! Hast Du die Unterschriftenmappe gesehen?“. Kelly nickte bejahend und reichte Donna die Mappe. Donna kontrollierte die Dokumente und sagte: „Fein, dann kann ich die Unterlagen weiterleiten.“.
 

 
Bis kurz vor Mittag waren Donna und Kelly damit beschäftigt weitere Fälle durchzusprechen. Unter anderem enthielt die Mappe eine Anfrage eines Hotels in Aurora, welches sein derzeit noch im Bau befindliches, neues Hotel versichern wollte. Aurora? Kelly erinnerte sich, dass Andrew als Bauleiter auf einer Baustelle in Aurora tätig war momentan. Sie schluckte und hoffte, dass es nicht dieses Hotel war. Kelly sah auf die Uhr. Es war bereits kurz nach zwölf, als sie bepackt wie ein Esel ihr Fahrrad bestieg. Sie hatte sich die Aufträge und einige Bücher mit nach Hause genommen. Morgen früh um neun Uhr musste sie bereits im Tagungsraum des Peninsula sein, so dass ihr zum Arbeiten nur noch der heutige Nachmittag blieb. Kelly war motiviert. Sie war bereit, für diese Beförderung alles zu tun. Hartes Arbeiten war sie gewohnt. Sie hatte an diesem Nachmittag keine Zeit mehr an Andrew oder Matt zu denken, weil sie voll und ganz mit ihrem Job beschäftigt war.
 

 

 

 

 
Kapitel 15
 

 
Kelly sass gähnend auf ihrem Stuhl im Tagungsraum des Peninsula Hotels. Matt war ihr nicht über den Weg gelaufen. Sie hatte einen Block und einen Stift vor sich liegen. Auf jedem Tisch standen Gläser und Getränke. Kelly sah sich um und erkannte einige Gesichter von Mitarbeitern, die ihr in der Firma schon begegnet waren.
 

 
Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Fünf Minuten nach neun Uhr, jedoch noch kein Seminarleiter in Sicht. In diesem Augenblick betraten ein Mann und eine Frau den Raum. Das Getuschel legte sich; die Seminarteilnehmer schauten gespannt nach vorne. Der Mann war mittleren Alters, und die Frau schätzte Kelly auf Anfang dreissig.
 

 
Im vorderen Bereich des Tagungsraumes hing eine Leinwand. Es waren zwei Redepulte aufgestellt. An einem stand nun der Mann und an dem anderen die Frau. Der Mann ergriff das Wort: „Geschätzte Kollegen und Kolleginnen der Chicago Insurance Company. Ich begrüsse Sie unserem Seminar „Einführung in das Versicherungsrecht“. Die meisten von Ihnen haben sich entschlossen, die Laufbahn des Versicherungssachbearbeiters einzuschlagen und möchten nun, das notwendige Know-How erlernen. Mein Name ist Charles Livingston und die nette Dame hier ist meine Kollegin, Anita Baker. Wir beide sind seit Jahren für die Chicago Insurance Company an der Westküste tätig. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.“
 

 
Die Schulung begann. Kelly rauchte der Kopf. Viele Informationen und viel Wissen strömte auf sie ein. Sie war froh, als um 12.30 Uhr die Mittagspause von 45 Minuten eingeläutet wurde. Eine junge Frau, die neben Kelly gesessen hatte, sprach sie an: „Hallo, ich bin Melinda Martinze. Wollen wir zusammen zu Mittag essen?“. Kelly lächelte erleichtert, sie hatte bereits befürchtet, die Pause allein verbringen zu müssen. Sie ergriff Melinda’s Hand: „Angenehm. Ich bin Kelly. Kelly Wilson. Gern würde ich mit Dir...ähm...Ihnen... zu Mittag essen!“. Melinda lachte: „Wir können ruhig Du sagen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Die beiden lachten und machten sich auf den Weg zum Restaurant des Peninsula.
 
Nachdem sie bestellt hatten, fing Melinda eine Unterhaltung mit Kelly an. „Wie lange arbeitest Du schon für CIC?“, fragte Melinda neugierig. Kelly überlegte kurz: „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube seit zweieinhalb Jahren...“. Kelly grinste verlegen. „Ich arbeite seit vier Jahren für die CIC, aber ich war vorher in L. A.“, erwiderte Melinda. Kelly sah sie fragend an: „Und wieso bist Du jetzt hier?“. Melinda grinste: „Die Liebe hat mich nach Chicaco gebracht....“. – „Aha, ein Mann also!“. Die beiden plauderten, aßen und merkten nicht, wie schnell die Zeit verging. Es stellte sich heraus, dass Melinda in der gleichen Abteilung wie Kelly arbeitete. Die beiden fanden sich sympathisch und verabredeten sich für den kommenden Montag zum Lunch.
 

 
Die Schulung war sehr anstrengend. Als Kelly an diesem Samstagabend in ihre Wohnung kam, war sie total erschöpft. Sie zog sich aus, schlüpfte in ihren Bademantel und liess sich ein Bad ein. Nachdem sie gebadet hatte und den Schulungsstress ein wenig hinter sich gelassen hatte, wurde sie wieder von der Sehnsucht nach Andrew und ihrer Wut auf Matt gepackt.
 

 
Sie zog sich ihren Pyjama an und ging ins Wohnzimmer, um ihren Anrufbeantworter zu begutachten. Er blinkte. Kellys Herz schlug schneller. „Bitte lass es Andrew sein!“, dachte sie. Sie drückte auf Wiedergabe. Doch es war nicht die Stimme von Andrew, die sie hörte: „Kel...ich bin’s, Matt. Ich muss mit Dir reden. Ruf mich an.“ – Das Blut schoss ihr vor Wut in den Kopf. Sie löschte die Nachricht. Matt. Nie im Leben würde sie ihn anrufen. Schlimm genug, dass sie mit ihm arbeiten musste. Kelly wartete gespannt auf die zweite Nachricht. „Ich bin’s noch mal....Kel....es tut mir leid, dass ich Dich so überfallen habe....“. Sie hörte sich den Rest von Matt’s Nachricht gar nicht erst an, sondern unterbrach die Aufzeichnung und löschte sie. Traurig schlich sie in die Küche. Kelly kochte sich einen Tee und setzte sich mit der Tasse in den Schaukelstuhl. So sass sie einige Zeit in Gedanken versunken da. Plötzlich riss sie das Schrillen ihrer Türklingel aus den Gedanken. Kelly erschrak. Mittlerweile war es dunkel draussen, so dass sie einen Moment brauchte, um das Licht anzumachen. Sie hastete zur Tür und drückte den Knopf an der Gegensprechanlage. „Hallo?“, fragte Kelly zögerlich. Es kam keine Antwort. Kelly vermutete, dass sie zu langsam gewesen war als es abermals klingelte. Sie drückte wieder den Knopf und sagte etwas forscher: „Hallo?!“. Sie konnte ein männliches Räuspern hören. „Darf ich rein, Baby?“, hörte sie Andrews Stimme. Ihr Herz begann zu rasen, ihr Magen schlug Purzelbäume. „Aber natürlich...“, sagte sie und drückte den Türöffner. Sie blickte an sich herunter und bemerkte ihren schönen, alten Flanellpyjama. Kelly rannte ins Schlafzimmer und zog sich blitzschnell um. Da klopfte es schon an der Tür ihres Appartements. Außer Atem öffnete sie die Tür und sah in diese wunderschönen Augen, die sie so sehr vermisst hatte. Andrew sein Gesicht strahlte als er Kelly sah. Die beiden sahen sich schweigend an. „Darf ich doch nicht rein?“, fragte er grinsend. Kelly errötete und trat zur Seite, damit Andrew eintreten ko! nnte. Si e schloss die Tür. Andrew hatte seinen Mantel ausgezogen und über die Couch geworfen.
 

 
Kelly wagte nicht sich umzudrehen. Noch immer schämte sie sich für das, was sie getan hatte. Für die absurden Lügen, die sie Andrew erzählt hatte. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern. Andrew drehte Kelly zu sich um und drückte sie fest an sich. Erleichtert gab sie sich der Umarmung hin und schmiegte sich eng an ihn. Andrew fasste unter Kellys Kinn und hob ihr Gesicht. Er sah ihr fest und ernst in die Augen: „Keine einzige Lüge mehr, Baby. Versprochen?“. Tränen schossen Kelly in die Augen, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie konnte nicht sprechen, nur nicken. Andrew küsste sie zärtlich. Sie erwiderte seinen Kuss und dankte Gott innerlich für diese zweite Chance. Andrew zog sie an der Hand zur Couch und liess sich mit ihr darauf plumpsen. „Möchtest Du etwas trinken?“, fragte Kelly. – „Ja, gern.“, erwiderte Andrew. Noch bevor Kelly fragen konnte, was er trinken wollte, sagte Andrew: „Hast Du ein Glas Wein?“. Beide kicherten, während Kelly aufstand, um aus der Küche zwei Gläser und eine Flasche Wein zu holen. Sie gab Andrew den Korkenzieher, stellte die Gläser auf den Tisch und setzte sich zu ihm.
 

 
Während Andrew damit beschäftigt war, die Flasche zu entkorken, nahm Kelly die Fernbedienung der Musikanlage vom Tisch und schaltete Kuschelmusik ein. Andrew füllte die Gläser, reichte Kelly ihr Glas und stieß mit ihr an: „Auf uns und unsere Liebe!“. Kelly lächelte glücklich: „Auf uns und unsere Liebe!“.
 

 
Kelly und Andrew genossen jede Minute miteinander. Sie redeten wenig. Die beiden gaben sich der Leidenschaft hin, die sie nun schon einige Wochen miteinander verband. Und Kelly schlief nach Stunden zärtlicher Liebesspiele erschöpft in Andrews Armen ein...
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 16
 

 
Als Kelly sich am nächsten Morgen auf den Weg zur Schulung machte, schlief Andrew noch. Sie hinterließ ihm am Spiegel im Bad eine Nachricht: „Liebster, ich habe eine Schulung an diesem Wochenende! Es war eine unglaubliche Nacht mit Dir, ich liebe Dich! – Kelly“
 

 
Sie hoffte, dass Andrew heute abend noch da war, wenn sie zurück kam. Melinda wartete bereits am Eingang des Peninsula auf sie. Die beiden hasteten zum Tagungsraum, denn es waren nur noch wenige Minuten bis neun Uhr.
 

 
Der Tag verging wie im Flug, und Kelly verfügte nun über die notwendigen Grundkenntnisse, um sich ihrer neuen Tätigkeit zu widmen. Sie sprang in ein Taxi und fuhr nach Hause. Aufgeregt rannte sie die Treppen zu ihrem Appartement hinauf und schloss die Tür auf, doch es war dunkel. Sie machte Licht und stellte fest, dass sie allein war. Kelly rannte sofort ins Badezimmer, um nachzusehen, ob Andrew ihr vielleicht auch eine Nachricht hinterlassen hatte.
 

 
Erfreut sah sie, dass er etwas unter ihre Nachricht geschrieben hatte. Andrew hatte ein Herz gemalt und geschrieben: „Ich liebe Dich auch, Baby!“. Sie warf ihren Mantel über die Couchlehne, streifte ihre Pumps ab und blickte zum Anrufbeantworter, der blinkte. Kelly drückte auf Wiedergabe: „Kel, hör mich an: ich bitte Dich, Dienstag morgen um 8.30 Uhr in meinem Büro, 6600 W. Touhy Avenue, Joliet, zu sein. Ruf mich an, Matt.“. Kelly notierte sich die Anschrift und löschte die Nachricht. Die nächste Nachricht war von Beth: „Kelly, lebst Du noch? Ruf mich an, ich mache mir Sorgen!“. Es waren keine weiteren Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter.
 

 
Sie nahm ihr Telefon und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. Kelly wählte die Nummer von Andrew, doch er schien nicht zu Hause zu sein. Sie hinterließ ihm eine Nachricht und legte ein wenig enttäuscht auf. Sie rief Beth an und telefonierte mit ihr einige Zeit, um sie über die neuesten Entwicklungen zu informieren. Beth war ein wenig beleidigt, dass Kelly sie nicht früher angerufen hatte. Die beiden versprachen sich, in der kommenden Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Kelly nahm anschließend ein Bad und setzte sich mit ihren Büchern und Akten an ihren Wohnzimmertisch. Sie hatte gerade die Akte „Preston Industries Inc.“ aufgeschlagen, als ihr Telefon klingelte. Das musste Andrew sein. „Hallo?“, meldete sich Kelly. „Baby, hallo, tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe, aber ich habe mich mit einem Freund getroffen.“, sagte Andrew.
 

 
„Das macht nichts, jetzt hören wir uns ja!“, lachte Kelly. Andrew wollte alles von ihrer Schulung wissen und fragte, was es sonst noch so gäbe. Kelly erzählte Andrew von ihrem Termin bei Matt. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. „Puh....“, atmete Andrew erleichtert aus, „ich bin froh, das zu hören.“. Kelly war irritiert. „Ich war noch bei Dir als der Typ angerufen hat. Ich hatte Angst, Du würdest es nicht sagen.“. Kelly war ein wenig verletzt, aber sie hatte sich Andrews Misstrauen selber zu schreiben. Sie war es, die gelogen hatte. Sie lächelte: „Ist okay, ist meine Schuld! Glaub mir, ich will Dich nicht verlieren...so glücklich wie mit dir....war ich...noch nie!“ Kellys Stimme zitterte bei diesen Worten. Gespannt wartete sie auf Andrews Reaktion: „Ich bin froh, dass es Dich gibt. Sehen wir uns morgen, Baby?“. – „Bei Dir oder bei mir?“, fragte Kelly – erleichtert, dass die Spannung wieder der Wärme gewichen war. „Ich hole Dich um halb sieben ab, schaffst Du das?“, fragte Andrew. Kelly grinste. „Nein,“, erwiderte sie schelmisch, „ich komme zu Dir!“. – „Okay, ich liebe Dich, Baby. Gute Nacht.“. Kelly hauchte einen Kuss in den Hörer und legte auf. Sie würde morgen vielleicht mit ihrem Dienstwagen zu Andrew fahren.
 
Das Telefon klingelte. Kelly lachte. Sie hob ab: „Na, Baby, hast Du was vergessen?“. „Nein, eigentlich nicht!“. Es war Matt. Kelly atmete tief durch. „Was zur Hölle willst Du von mir, Matt?“, schrie sie in den Hörer. „Kel, ich will alles wieder gut machen, ich war....“ – Kelly unterbrach Matt wirsch: „Halt Deine Klappe! Es gibt nichts wieder gut zu machen...wir beide haben nur dienstlich miteinander zu tun, kapiert?“. Wütend legte sie auf. Das Telefon klingelte abermals. „Lass mich in Ruhe, Matt!“, schrie Kelly in den Hörer. „Er hat Dich schon wieder angerufen!“, sagte Andrew enttäuscht. „Darling, morgen ändere ich meine Rufnummer, versprochen, ich ertrage das nicht mehr!“, antwortete Kelly schluchzend. Sie war mit den Nerven am Ende. „Kelly...Kelly...hör auf zu weinen! Wir regeln das schon, wir schaffen das, oder Kelly?“, versuchte Andrew sie zu beruhigen. Kelly schluchzte noch einige Male, während Andrew beruhigend auf sie einredete. Nach einer Weile hatte sie sich beruhigt. „Warum hast Du eigentlich noch mal angerufen?“, fragte Kelly schliesslich. „Hm...na ja...“, druckste Andrew, „ich dachte, vielleicht möchtest Du morgen ein paar Sachen mit zu mir bringen....so...zum gelegentlichen Übernachten! Puh, das war aber schwierig jetzt....“. Kellys Herz hüpfte aufgeregt in ihrer Brust auf und ab. Sie schien zu träumen. „Wow, Andrew Fuller! Ja, das mache ich, Darling…ich bringe ein paar Sachen mit….”. Glücklich legte sie auf und vergessen war Matt Preston.
 

 
Dennoch schlief Kelly in dieser Nacht sehr unruhig und war von schlechten Träumen geplagt. Doch sie war sich sicher in Andrew den Mann gefunden zu haben, nachdem sie ihr Leben lang gesucht hatte...
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 17
 

 
„CIC, Kelly Wilson, guten Tag!“
 

 
Für Kelly war es spannend, jedes Mal wenn ihr Telefon klingelte. Sie hatte am heutigen Montag den Kundenstamm ihres Vorgängers übernommen, der in den Ruhestand gegangen war. Es war ziemlich hektisch, denn viele Kunden riefen an und wollten Änderungen oder Verbesserungen vornehmen lassen. Kelly war teilweise überfordert, doch Donna half ihr durch den Tag.
 

 
Gegen Mittag stürmte Ian, ihr Abteilungsleiter, in ihr Büro. „Grüss Dich, Kelly. Ich habe hier Deine Seminarbeurteilung bekommen aus L. A. Du hast das prima gemacht!“. Kelly freute sich über das Lob. „Darum habe ich Dich auch gleich für das Aufbauseminar in einer Woche angemeldet, hier...“, sagte Ian und reichte Kelly eine Kopie der Anmeldung, „ich hoffe, Du freust Dich!“. Das tat sie. Sie nickte zustimmend. Nachdem Ian ihr Büro verlassen hatte, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und blickte aus dem Fenster auf die stark befahrene East Monroe Street. Wenn nur Matt nicht wäre...wenn Matt nicht wäre, dann würde sie aber wahrscheinlich auch nicht auf diesem Stuhl sitzen, denn zuvor hatte niemand von ihren Leistungen Notiz genommen.
 

 
Ach Kelly, wo sind Deine Träume, einmal Therapeutin zu werden? Doch sie konnte jetzt monatlich noch mehr sparen, und schon bald hätte sie genug an die Seite gelegt, um Ihren Traum zu verwirklichen! Und bis dahin erblühte sie halt als Versicherungsrose! Kelly lachte still vor sich hin. Es klopfte an ihrer Tür. „Herein!“. Es war Melinda: „Hey, bist Du fertig?“. Sie waren ja zum Lunch verabredet. „Klar!“, sagte Kelly. Sie schnappte Mantel und ihre Tasche und dann verschwand sie mit Melinda zum Lunch im Palm Restaurant. Es lag nur zwei Blocks entfernt, so dass sie zu Fuss gingen. Unterwegs unterhielten sie sich. Kelly war erstaunt, wie leicht ihr die Gespräche mit Melinda fielen. Die Mittagspause dauerte ungefähr eine Stunde, und Kelly war danach sichtlich entspannt.
 

 
Wieder im Büro angekommen hielt Donna Kelly an. „Kelly, Du musst Eddy anrufen! Eddy ist für den Fuhrpark zuständig!“. Kelly fing an zu grinsen, auch Donna wurde von Kellys Freude angesteckt. Donna hielt Kelly einen Zettel mit der Durchwahl von Eddy hin. Kelly benutzte gleich Donna’s Apparat und wählte die 144. „Cook.“, meldete sich eine tiefe männliche Stimme. „Eddy? Hier ist Kelly Wilson.“, meldete sich Kelly. „Ach ja, die neue...Miss Wilson, kommen Sie bitte in die Tiefgarage. Ich hole Sie am Fahrstuhl ab.“. Kelly kam nicht dazu, zu antworten, da hatte Eddy schon aufgelegt. Kelly schaute Donna fragend an. Diese winkte ab und fing an zu lachen: „Denk Dir nichts dabei, der ist eigentlich ganz lieb! Ein grosser Brummbär!“. Kelly sagte Donna, dass sie sich auf den Weg in die Tiefgarage machen würde.
 

 
Sie ging in den Fahrstuhl und fuhr in die Tiefgarage. Die Tür öffnete sich und augenscheinlich stand Eddy vor ihr. Jetzt wusste Kelly, was Donna mit Brummbär gemeint hatte. Eddy war gut zwei Köpfe grösser als Kelly und mindestens doppelt so breit wie sie. Seine Augen waren schelmisch, ein Grinsen war durch seinen dichten Vollbart nur kaum zu sehen. „Na, Miss Wilson! Dann woll’n wa’ ma’”, begrüsste Eddy sie.
 

 
Er setzte sich in Bewegung und Kelly folgte ihm. „Die Wagen auf der linken Seite sind noch frei, bitte schön.“, sagte Eddy und zeigte auf die Autos. „Wie, bitte schön?“, fragte Kelly erstaunt. Eddy lachte. „Ich mache das hier schon über zehn Jahre, aber dieses ungläubige Staunen in den Gesichtern von Euch Büromenschen ist immer wieder lustig....“. Kelly lachte mit ihm. „Das heisst, ich darf mir einfach einen aussuchen???“, fragte Kelly ungläubig. „Ja, Mädchen, genau. Suchen Sie sich einfach einen aus!“, sagte Eddy. „Ich empfehle Ihnen den Audi A6 da hinten, den dunkelblauen. Der ist gut in Schuss!“, flüsterte Eddy hinter vorgehaltener Hand. Kelly lächelte ihn dankbar an. „Die Schlüssel stecken, und die Papiere liegen im Handschuhfach. Ausserdem finden Sie dort eine Kreditkarte zum Tanken. Viel Spass damit!“. Mit diesen Worten wandte Eddy sich ab und ging zu einem anderen Wagen, den er wohl gerade säuberte. Kelly konnte es nicht aushalten bis zum Abend. Sie ging mit grossen Schritten zu dem Audi und stieg ein. Weiches, schwarzes Leder. Automatikgetriebe. Ein Radio. Ein Navigationssystem. Autotelefon. Tränen der Überwältigung rannen ihr über die Wangen.
 

 
Nachdem Kelly wieder an ihrem Schreibtisch angelangt war, bat sie Donna, ihr noch einen Kaffee zu bringen. Sie fühlte sich unwohl dabei. Als Donna das Büro betrat, bedankte sich Kelly und teilte Donna ihr Unwohlsein mit. „Kelly,“, Donna legte ihr behutsam die Hand auf den Arm, „das ist mein Job. Mein Job ist es, alles zu tun, um Dir die Arbeit so leicht und angenehm wie möglich zu machen! Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Bis jetzt bist Du ohnehin die netteste Chefin, die ich je hatte.“. Kelly war beruhigt. „Donna, hast Du es geschafft, die Daten für die Preston Sache einzugeben?“, fragte Kelly. „Ja, klar. Ich bringe Dir gleich die Auswertung.“. Donna war wirklich eine Stütze. Sie hatte die Sache für Kelly vorbereitet. Den Rest des Nachmittages verbrachte Kelly damit, sich einen Überblick über die vorbereiteten Verträge zu machen. Sie griff zu den Rechtsbüchern, um zu verstehen, was sie Matt morgen verkaufen sollte. Bei dem Gedanken an ihr morgiges Treffen, hatte Kelly ein flaues Gefühl im Bauch. Als Kelly die Verträge durchgearbeitet hatte, war es bereits dunkel. Donna war bereits weg. Sie schaute auf die Uhr. Halb sieben. Verdammt, sie würde es nicht schaffen, pünktlich bei Andrew zu sein. Kelly beschloss, ihn anzurufen. „Fuller?“, meldete sich Andrew. „Ich bin’s. Ich schaffe es nicht pünktlich. Ich bin noch im Büro, aber ich beeile mich.“, seufzte Kelly. „Okay, Baby. Das Essen wird sonst kalt...“, lachte Andrew. Kelly küsste ihn durch den Hörer, schnappte ihre Unterlagen und ihre Tasche und hetzte zu ihrem neuen Auto. Sie genoss einen Augenblick den Geruch des Leders, schloss die Augen und startete den Motor. Wow, welch ein Klang. Vorsichtig fuhr sie aus der Tiefgarage, doch mit jedem Meter, den Kelly fuhr, hatte sie mehr und mehr das Gefühl, der Wagen und sie seien eins.
 

 
Sie hetzte in ihre Wohnung, schnappte eine Tasche und schmiss eilig ein paar Sachen hinein: Unterwäsche, T-Shirts, Schlafanzüge, einen Jogginganzug, Hausschuhe, ihren Kulturbeutel. Es war 19.20 Uhr als sie endlich ihren Wagen vor Andrews Haus abstellte. Sie klingelte, worauf sogleich der Türöffner summte. Sie betrat das Haus, ging zum Fahrstuhl, der bereits bereit stand und drückte die 8. Dann lehnte sich Kelly erschöpft gegen die Wand des Fahrstuhls und atmete erst einmal durch. Eine Beförderung brachte auch mehr Arbeit mit sich. Eine frische Beziehung. Ein nerviger Exfreund. Freunde. Kelly, die immer so einsam war, wusste jetzt nicht mehr, wie sie den ganzen Anforderungen gerecht werden sollte.
 

 
Die Fahrstuhltüren öffnete sich und vor ihr stand Andrew mit einer Rose quer zwischen seinen Lippen und zwei Gläsern Wein in den Händen. Kelly lachte. Sie trat aus dem Fahrstuhl, stellte ihre Tasche ab und nahm Andrew die Rose aus dem Mund, um ihn zu küssen. Diese wundervollen Lippen...Kelly zitterte am ganzen Körper! „Komm Baby, willkommen zu Haus!“, sagte Andrew und strahlte sie an. Kelly blickte verlegen hinunter und griff nach ihrer Tasche. Sie folgte Andrew in die Wohnung. Im Flur stellte sie ihre Tasche ab, striff ihre Pumps ab und folgte Andrew ins Wohnzimmer. Im Kamin flackerte ein Feuer und Andrew wies Kelly an, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Kelly liess sich fallen und entspannte sich an den wärmenden Flammen. Andrew stellte ihr Glas vor sie auf den Tisch und sagte: „Baby, das Essen ist gleich fertig, ich rufe Dich dann, okay? Ruh Dich ein wenig aus.“. Er strich Kelly sanft über das Haar, bevor er in Richtung Flur verschwand. Kelly kullerten Freudentränen über die Wangen, die sie sich schnell mit dem Handrücken weg wischte. Sie nahm ihr Glas und nippte an dem Wein...hm, lieblich. „Baby, kommst Du?“, ertönte Andrews Stimme aus dem Esszimmer. Kelly nahm ihr Glas und ging ins Esszimmer. Andrew hatte den Tisch wundervoll gedeckt. Die Servietten waren gefaltet, Kerzenlicht erleuchtete den Raum und auf dem Tisch waren Rosenblätter verteilt. Kelly grinste über das ganze Gesicht. „Ja, darum konnte ich Dir nur eine Rose schenken....“, lachte Andrew. Sie setzten sich. Andrew hatte Rindfleisch in einer feurigen Tomatensauce gekocht. Dazu gab es Weissbrot und Salat. Kelly ass mehr, als sie eigentlich vertragen konnte. Nach dem leckeren Essen tupfte sie sich den Mund mit der Serviette ab und lobte Andrew: „Darling, das war das beste Rindfleisch, das ich je gegessen habe. Wo hast Du nur so gut kochen gelernt?“. – Andrew bedankte sich: „Bei meiner Mutter, ehrlich. Sie ist Köchin von Beruf. Da habe ich mir das ein oder andere abgeguckt...“. Andrew begann den Tisch abzuräumen und Kelly half ihm. Zusammen brachte! n sie di e Küche in Ordnung. „Baby, ich warte im Wohnzimmer auf Dich!“, sagte Andrew und war plötzlich verschwunden.
 
Kelly schaute ihm verwundert nach und schüttelte den Kopf. Sie stellte die Spülmaschine ein, schaltete das Licht in der Küche aus und folgte Andrew ins Wohnzimmer. Er sass grinsend auf der Couch, hatte Musik eingeschaltet und ihre Weingläser nachgefüllt. Kelly setzte sich neben ihn und schaute ihn fragend an: „Was grinst Du denn so, Darling?“. Andrew griff neben die Couch und holte ein Paket hervor. Es war aus rotem Karton. Kelly erschrak – hoffentlich keine Unterwäsche! „Das ist für Dich, Baby.“, sagte Andrew und gab ihr das Paket.
 

 
Kelly wurde verlegen. „Danke, womit habe ich das verdient?“. – „Du wirst es brauchen!“, sagte Andrew. Jetzt war Kelly aber neugierig geworden und hob eilig den Deckel von dem Karton. Der Karton war mit rotem Papier ausgeschlagen. Kelly hob es vorsichtig auseinander. Darunter kam eine wunderschöne, schwarze Aktenmappe zum Vorschein. „Oh Darling, woher wusstest Du?“, fragte Kelly mit zittriger Stimme. Er küsste sie: „Ich wusste es eben.“. Es war wundervoll und erschreckend zugleich, wie gut sie sich verstanden – ganz ohne Worte. Sie öffnete die Tasche, die innen eine Vielzahl kleiner Fächer und Innentaschen hatte. Sogar ein Schlüsselhalter war in der Tasche...an dem... ein Schlüssel hing! Kelly klipste den Schlüsselring aus dem Halter und sah Andrew fragend an. „Nun ja...“, stammelte Andrew, „ich dachte, für den Fall, dass Du mal früher hier sein willst....“. Kelly liess die Tasche fallen und warf sich schluchzend an Andrews Hals. Er zog sie fest an sich: „Baby, ist das so schlimm?“, fragte er lachend. Kelly boxte ihn liebevoll auf die Brust. „Ach du....“, jaulte sie.
 

 
Nachdem sie noch eine Weile auf der Couch gekuschelt hatten, sahen die beiden, dass es bereits nach Mitternacht war. Andrew sagte: „Komm, Baby, ich zeige Dir, wo die Handtücher sind, und dann kannst Du Dich hier häuslich niederlassen...“. Kelly war überwältigt. Von Andrews Liebe. Ihren eigenen Gefühlen, einfach allem. Da fiel ihr ein, dass sie Andrew ihren Dienstwagen noch nicht präsentiert hatte. „Okay, Darling, und danach schaust Du aus dem Fenster. Da hat so ein Idiot ganz dicht hinter Dir geparkt...das hatte ich vergessen!“, sagte Kelly und wandte sich schnell ab, damit Andrew ihr Grinsen nicht sehen konnte.
 

 
Nachdem Kelly geduscht hatte, ihre Zähne geputzt waren, zog sie ihr Seidennachthemd an und krabbelte zu Andrew ins Bett, der schon auf sie wartete. „Da steht doch keiner dicht hinter mir, nur ein grosser Audi, der hinter mir parkt...“, sagte er und erkannte, dass sie ihn reingelegt hatte. Kelly fing an zu lachen. „Wow, Baby, dann können wir uns ja bald ein Rennen liefern....“. Die beiden alberten noch eine Weile rum. Dann sagten sie sich gute Nacht. „Baby, mach Dir keine Sorgen wegen morgen. Wenn es mit Matt nicht gut läuft, dann musst Du nicht in Deiner Wohnung hocken. Du hast jetzt einen Schlüssel und meinetwegen kannst Du alle Deine Sachen mitbringen.“. Nach diesen liebevollen Worten von Andrew, kuschelte sich Kelly an ihn und schlief glücklich ein.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 18
 

 
Sanfte Küsse auf die Wange holten Kelly aus ihrem Schlaf. Müde öffnete sie die Augen und sah Andrew, der neben ihr auf der Bettkante sass. „Wie spät ist es?“, fragte Kelly schläfrig. – „Du hast noch Zeit, es ist erst halb sechs. Ich wusste nicht, wann Du aufstehen musst, darum habe ich Dich wachgeküsst...“, grinste Andrew. Kelly lächelte zufrieden. Andrew küsste sie: „Ich muss jetzt los, meine Kleine! Bist Du heute abend hier, wenn ich nach Hause komme?“. Andrew sah sie erwartungsvoll an. „Hm....“, Kelly machte ein ernstes Gesicht und tat, als würde sie grübeln, „ich muss in meinen Terminkalender schauen, ob ich mich heute abend wirklich für Sie frei machen kann, Mr. Fuller...“. Andrew begann, Kelly zu kitzeln. Fast atemlos vor Lachen schrie sie: „Okay, okay...ich gebe mich geschlagen, wir sehen uns heute abend.“. Andrew grinste triumphierend: „Na also, geht doch...“. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn: „Ich liebe Dich, Kelly Wilson!“. Kelly lächelte ihn glücklich an: „Ich liebe Dich auch...“. Andrew stand auf und verliess die Wohnung.
 

 
Kelly kuschelte sich noch eine Weile glücklich unter die Decke und gab sich ihren Träumen von Andrew hin. Gegen sechs Uhr sprang sie aus dem Bett, ging duschen und zog sich an. Heute war der Tag. Der Tag X. Der Tag, an dem sie Matt unter die Augen treten musste, weil ihr Job es verlangte. Sie hatte sich bereits am Vortag sämtliche Unterlagen aus dem Büro mitgenommen, so dass sie direkt von Andrews Wohnung aus nach Joliet fahren konnte, wo Preston Industries ansässig waren.
 

 
Joliet war eine mittlere Kleinstadt, die nur ca. 40 Meilen von Chicago entfernt war. Kellys Navigationssystem hatte ihr ausgerechnet, dass die Fahrt über die Interstate 80 nur ca. 40 Minuten dauern würde. Kelly überprüfte ein letztes Mal ihr Spiegelbild und verliess Andrews Wohnung.
 

 
Mit klopfendem Herzen setzte sie sich in ihren Audi und gab die Adresse in das Navi ein. Die Route wurde berechnet und Kelly startete.
 

 
Je näher sie ihrem Ziel kam, desto nervöser wurde sie. Sie ging im Kopf nochmals die Kalkulation für Preston Industries durch und überlegte, ob sie nicht etwas vergessen hatte.
 

 
Als Kelly ihren Wagen auf den Betriebsparkplatz von Preston lenkte, war es gerade 8.15 Uhr. Bis zu ihrem Termin waren es noch 15 Minuten, so dass sie gut in der Zeit lag. Sie parkte, schnappte sich ihre Tasche und machte sich auf den Weg zum Eingang.
 

 
Der Bau von Preston Industries war imposant. Ein mehrstöckiges Gebäude, dessen komplette Front verglast war. Kellys Herz schlug so stark, dass sie das Gefühl hatte, jeder könnte es hören. Sie betrat das Gebäude und sah sich um. Die Empfangshalle war riesig. Der Boden aus grauem Granit, die Wände aus etwas hellerem Granit. Direkt vor ihr war der Empfang. Ein Pult aus Stein, so etwas hatte sie noch nie gesehen. Direkt hinter dem Pult stand in großen, dunkelblauen Leuchtbuchstaben PRESTON INDUSTRIES INC., sie war beeindruckt. Am Empfang sassen gleich zwei Damen.
 

 
„Guten Morgen, Miss, was können wir für Sie tun?“, empfing sie eine junge, blonde Dame. Kelly schaute auf das Namensschild der Frau: Nicola Manson. Kelly räusperte sich, um ihrer zittrigen Stimme etwas mehr Selbstbewusstsein zu verleihen. „Guten Morgen, ich habe um 8.30 Uhr einen Termin mit Matt Preston.“, sagte Kelly selbstsicher, „Ich komme von CIC.“. Miss Manson sah in den Computer und lächelte. „Miss Wilson, nehme ich an. Bitte gehen sie dort rechts den Gang hinunter, dort sind die Fahrstühle. Fahren Sie in den fünften Stock, dort am Ende des linken Ganges finden Sie das Büro von Mr. Preston.“, sagte Miss Manson freundlich. Kelly bedankte sich und machte sich sodann auf den Weg.
 

 
Als sie im Fahrstuhl stand, merkte sie, dass sich kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie beruhigte sich: „Kelly, bleib cool. Wovor hast Du Angst? Du bist rein beruflich hier!“. Der Fahrstuhl stoppte und die Tür öffnete sich. „Links entlang, hatte sie gesagt, oder?“, dachte Kelly und ging den Gang hinunter. Der Gang endete in einem Raum, in dem ein weiterer Empfang zu sein schien. Eine dunkelhaarige Frau, vermutlich Anfang dreißig, saß dort und telefonierte. Kelly stellte sich vor den Empfang und wartete. Die Frau beendete ihr Telefonat und wandte sich Kelly zu: „Guten Morgen, Miss Wilson. Sie wurden bereits vom Empfang angemeldet. Setzen Sie sich bitte einen Augenblick,“, sagte sie und zeigte mit ihrer Hand in Richtung einer schwarzen Ledercouch, „Mr. Preston wird Sie gleich empfangen.“
 

 
Kelly bedankte sich und setzte sich auf die Couch. Sie begann im Kopf zu zählen, das tat sie immer, wenn sie nervös oder ängstlich war, um sich zu beruhigen: „1, 2, 3, ...“. Als sie bei 55 angekommen war, erschien Matt. Er sah sie strahlend an und kam auf sie zu. Sie musste zugeben, dass auch die vergangenen acht Jahre nichts an seinem Aussehen getan hatten. Er war noch immer ein Traum von einem Mann. Der dunkelgraue Anzug, den er trug, verlieh ihm wirklich einen Hauch von Macht. Kelly schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu verdrängen. Matt streckte ihr indessen die Hand entgegen: „Guten Morgen, Miss Wilson. Schön, dass Sie hier sind.“. Sein Händedruck war fest, und Kelly zog schnell ihre Hand zurück und blickte Matt unsicher an: „Guten Morgen, Mr. Preston.“. Matt bat Kelly, ihm zu folgen.
 

 
Sie gingen schweigend über den Flur, bis sie am Ende das Büro von Matt erreichten. Er öffnete die Tür und liess Kelly eintreten. Das Büro war in einem sanften beige gestrichen, der Boden war aus Marmor, die Möbel sehr stilvoll und schwarz. In der rechten Ecke stand ein kleiner Konferenztisch, der sechs Teilnehmern Platz bot. Matt wies Kelly an, sich zu setzen. Kelly setzte sich und rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Matt begann zu lachen: „Du bist immer noch so hibbelig, wenn Du nervös bist!“. Er versuchte das Eis zu brechen, doch Kelly wollte Matt keine Gelegenheit geben, sich ihr zu nähern: „Es geht schon, Mr. Preston. Wir sollten jetzt beginnen, denn ich habe heute noch weitere Termine.“. Das breite Grinsen verschwand aus Matt’s Gesicht, und er nickte zustimmend. Er setzte sich ihr gegenüber und blickte sie erwartungsvoll an. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Miss Wilson?“, fragte Matt übertrieben freundlich. Kelly fühlte sich siegessicher und selbstbewusst. Ihre Angst und Nervosität waren verschwunden. Sie würde Matt beweisen, dass sie nicht mehr die unselbständige, kleine Waise war, die er gekannt und so unendlich verletzt hatte. „Nein, danke, Mr. Preston.“, sagte Kelly und begann schliesslich sachlich damit, Matt ihre Konzepte zu präsentieren. Mit jedem Wort, das Kelly sagte, wurde sie stärker und sicherer. Letztendlich war es Matt, der wie ein kleiner Junge neben ihr sass und ihren Ausführungen lauschte.
 

 
Zum Abschluss übergab sie Matt eine Mappe mit den vorbereiteten Vertragsunterlagen. Sie blickte auf ihre Armbanduhr: 9.45 Uhr. Sie war zügig vorangekommen. Matt hatte zwischenzeitlich einige Fragen gestellt, die Kelly selbstbewusst und fachgerecht beantworten konnte. Sie begann zu lächeln, denn sie war stolz auf sich. Matt nahm die Dokumente entgegen und stand auf. Er schob seinen Stuhl an den Tisch und seufzte. Traurig blickte er Kelly aus seinen grünen Augen an. Ihr Herz pochte unruhig in ihrer Brust, sie fühlte sich unwohl unter Matts Blick. „Warum hörst Du mich nicht an, Kelly?“, fragte Matt. Kelly sah ihn wütend an: „Matt, es gibt nichts, was Du sagen könntest. Nichts, dass die Narben der Wunden verschwinden lassen würde, die Du mir zugefügt hast. Nichts, dass Du tun könntest. Akzeptiere bitte meine Entscheidung. Du bist eines der dunkelsten Kapitel in meinem Leben, und ich will keine alten Wunden aufreissen. Lass mich in Ruhe!“.
 

 
„Hast Du Dich nie gefragt, wie ich Dich finden konnte?“, fragte Matt. Kelly schüttelte verächtlich den Kopf: „Nein, Matt, und weißt Du auch wieso? Weil so korrupte und versnobte Menschen, wie Du und Deine Familie es seid, vermutlich mit Geld alles kaufen können. An Informationen zu kommen, stellt für Dich wahrscheinlich kein Hindernis dar. Und es ist mir auch ganz egal, wie Du mich gefunden hast. Ich bereue es nur, dass Du mich gefunden hast, und jetzt will ich gehen. Ruf meine Sekretärin an, wenn es zur Vertragsunterzeichnung kommt.“. Kelly drückte Matt ihre Visitenkarte in die Hand und stürmte aus seinem Büro. Sie verabschiedete sich mit einem gezwungenen Lächeln von Matts Sekretärin und hastete zum Aufzug.
 

 
Erst als sie Preston Industries verlassen hatte und in ihrem Auto sass, liess sie ihren Tränen freien Lauf. Sie hasste sich dafür, dass Matt mit ein paar Worten die Erinnerungen so lebendig werden liess. Sie hasste Matt dafür, dass er nach ihr gesucht und sie gefunden hatte. Warum? Warum nach all den Jahren war er wieder aufgetaucht. Jetzt, wo ihr Leben in geregelten Bahnen verlief und sie nach langer Zeit des seelischen Schmerzes endlich wieder eine Aussicht auf das glücklich sein hatte. Warum ausgerechnet jetzt?
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 19
 

 
Kelly lehnte sich erschöpft in ihrem Chefsessel zurück und warf einen Blick aus dem Fenster ihres Büros. Es war bereits dunkel. Sie sah auf die Uhr: 20.30 Uhr. Sie war müde. Draußen schneite es bereits seit Stunden. Es waren nur noch zehn Tage bis Weihnachten, und Wehmut machte sich in ihrem Herzen breit. Diese Feiertage waren für Kelly die schlimmsten Tage des ganzen Jahres. Sie vermisste ihre Familie, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte. Nie hatte sie versucht, etwas über ihre Vergangenheit herauszufinden. Der Schmerz über den frühen Verlust ihrer Eltern, ist nie verheilt. Sie hasste die Weihnachtstage.
 

 
Der Vertragsabschluss mit Preston Industries wurde von Ian unter Dach und Fach gebracht. Kelly war zwar noch mit der Betreuung von Preston beauftragt, aber es gab momentan keinen Grund für weitere Kontakte. Sie war froh darüber. Matt rief Kelly noch einige Male unter Vorwänden im Büro an, doch sie erstickte jede private Unterhaltung sofort im Keim. Die Telefonnummer ihres Hausanschlusses hatte sie ebenfalls geändert. Im Telefonbuch stand Kelly nun auch nicht mehr.
 

 
Ihre Beziehung mit Andrew war noch immer so wundervoll wie am ersten Tag. Die letzten eineinhalb Monate waren wie im Flug vergangen. Kelly und Andrew mussten beide sehr viel arbeiten, so dass es vorkam, dass sie nicht jeden Abend miteinander verbringen konnten – so auch heute. Kelly griff zum Telefon, um Andrew anzurufen. Es klingelte, doch er hob nicht ab. Schliesslich sprang sein Anrufbeantworter an. Sie sagte ihm, dass sie ihn vermisste und wünschte ihm eine gute Nacht.
 

 
Kelly beschloss, dass sie für heute genug gearbeitet hatte. Sie ordnete ihren Schreibtisch und verliess ihr Büro. Sie schlenderte durch den leeren Flur und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter in die Tiefgarage. Ausser ihrem Audi stand kein Auto mehr dort. Sie stieg in ihren Wagen und fuhr nach Hause.
 

 
Ohne zu duschen legte sie sich müde in ihr Bett und schon nach wenigen Minuten fiel sie in einen tiefen Schlaf. Sie träumte von Andrew, ihrem Job und von einer rosigen Zukunft.
 

 
Als Kellys Wecker um sechs Uhr schrillte, stellte sie ihn ab und öffnete ausgeschlafen die Augen. Sie streckte sich, stand auf und hüpfte erst einmal unter die Dusche. Heute war Freitag, und das Wochenende stand vor der Tür. Andrew hatte ihr eine Überraschung versprochen. Sie war aufgeregt und gespannt. Heute musste sie nur bis zwölf Uhr arbeiten, und durch die vielen Überstunden dieser Woche, hatte sie mehr als ihr übliches Pensum geschafft. Sie war stolz darauf, wie schnell sie sich in ihren neuen Job eingearbeitet hatte.
 

 
Die Stunden im Büro verflogen schnell. Entspannt und glücklich startete Kelly in ihr Wochenende. Sie fuhr direkt vom Büro aus zu Andrew. Unterwegs hielt sie noch schnell an einem Supermarkt an, kaufte ein paar frische Lebensmittel, und kam schliesslich bei Andrew an.
 

 
Er hatte ihr gesagt, dass auch er vermutlich früher Feierabend machen würde und sie sich gegen vier Uhr bei ihm treffen könnten. Kelly hatte beschlossen, etwas Leckeres zu kochen, damit die beiden ihr gemeinsames, freies Wochenende angenehm beginnen konnten.
 

 
„Schatz? Bist Du da?“, hörte Kelly Andrews fröhliche Stimme über den Flur rufen. „Ich bin in der Küche!“, rief sie zurück. Kurz darauf betrat Andrew die Küche: „Hm, das riecht aber lecker!“. Er ging zu ihr und küsste sie. „Was gibt es denn schönes?“, fragte er und wollte in den Topf schauen. Kelly schlug ihm sanft auf die Hand: „Finger weg, lass Dich überraschen. Deck doch schon mal den Tisch, hm?“.
 

 
Andrew deckte den Tisch, und Kelly nahm die Suppe vom Herd. Sie hatte eine Gemüsesuppe als Vorspeise gezaubert. Danach würde es einen leckeren Kartoffelauflauf geben mit Salat als Beilage. Zum Nachtisch hatte sie Eis besorgt.
 

 
Während des Essens sprachen Kelly und Andrew über ihre Arbeit der letzten Tage. Kelly wurde immer unruhiger. Sie fragte sich immer noch, was für eine Überraschung Andrew für sie hatte. Andrew grinste sie frech an. Er schien ihre Unruhe zu geniessen. „Sag mal, hat Deine Neugier Dich zu diesen Kochkünsten getrieben?“, fragte er lachend. Kelly errötete leicht. Er durchschaute sie wirklich schnell. Sie grinste verlegen. „Hm, dann müssen wir Dich wohl endlich erlösen.“, sagte Andrew. „Okay, dann fangen wir mal an. Du packst jetzt ein paar Sachen zusammen, was Du so bis Sonntag brauchst. Ich räume indessen hier auf. Dann fahren wir los.“, erklärte Andrew. Kelly sah ihn fragend an. Er grinste. Sie wusste, dass er ihr nichts Weiteres verraten würde und ging ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen.
 

 
Nachdem sie ihre Taschen in Andrews BMW verstaut hatten, stiegen sie ein. „Ich muss Dir leider die Augen verbinden!“, sagte Andrew. Kelly sah ihn mit weit geöffnete Augen an: „Übertreibst Du jetzt nicht?“. Er zuckte mit den Schultern: „Gut, wenn Du keine Überraschung möchtest, dann bleiben wir halt hier.“. Andrew stellte den Motor ab. Er konnte Kelly manchmal wirklich wahnsinnig machen. „Na gut, dann verbinde mir halt die Augen, aber nicht, dass ich nachher erblindet bin, weil wir solange unterwegs waren.“, entgegnete sie. Andrew grinste sie frech an: „Keine Angst, meine Liebste, solange wird es nicht dauern.“. Sie hatte gehofft, es würde ihm ein kleiner Hinweis raus rutschen, doch dem war nicht so. Andrew war zu clever, um auf ihre Versuche, die Überraschung zu erraten, hereinzufallen. Der Wagen setzte sich in Bewegung, und Kelly sass aufgeregt mit verbundenen Augen auf dem Beifahrersitz.
 

 
Kellys Hand lag während der gesamten Fahrt auf Andrews Oberschenkel. Sie lauschten beide der Musik im Radio und genossen schweigend die Fahrt. Kelly war wahnsinnig aufgeregt. Sie wusste nicht, wie lange genau sie gefahren waren, aber sie vermutete, dass ungefähr eine Stunde seit ihrer Abfahrt vergangen war, als Andrew den Wagen anhielt. Kellys Unruhe war kaum mehr zu steigern.
 
„Darf ich jetzt?“, fragte sie aufgeregt und fasste bereits mit beiden Händen nach der Augenbinde. „NEIN!“, schrie Andrew und hielt ihre Arme fest, „Noch nicht!“. Er stieg aus und kurz darauf öffnete sich auch Kellys Tür. Andrew nahm ihre Hand und half ihr aus dem Wagen. Kellys Herz klopfte wie verrückt. Was war hier bloß los, fragte sie sich. Andrew drückte sie an sich, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte: „Jetzt musst Du mir vertrauen, Kel.“. Sie nickte zustimmend.
 

 
„Vorsicht, Stufen! Vier um genau zu sein!“, sagte Andrew, während er Kelly an beiden Händen hielt. „So, Schatz, jetzt bleib kurz stehen.“. Kelly hörte, wie Andrew sein Schlüsselbund klimperte und er eine Tür aufschloss. „Weiter geht es!“, sagte er und ergriff abermals ihre Hände. Kelly wusste nicht, wie ihr geschah. Sollte sie lachen oder weinen vor Glück? Was passierte hier?
 

 
Sie betraten ein Gebäude, vermutlich mit Holzfußboden, wie der Klang ihrer Schuhe verriet. Andrew führte sie weiter. Abermals bat er sie stehen zu bleiben. Sie hörte, wie er wiederum eine Tür öffnete, eine Schiebetür. Kalter Wind schlug Kelly ins Gesicht, so dass sie nach Atem ringen musste. „So, Liebling, jetzt ist der große Moment gekommen.“, sagte Andrew zärtlich und liess ihre Hände los. Dann spürte Kelly, wie sich der Knoten an der Augenbinde lockerte und Andrew ihr die Binde schliesslich abnahm.
 

 
Vorsichtig öffnete sie die Augen. Es war dunkel. Sie sah sich orientierungslos um. Sie stand auf einer Veranda. Einer überdachten Veranda aus weissem Holz. Sie hörte Wasser. Kelly erkannte einen Fluss, denn gegenüber war ein beleuchteter Weg. Das Wasser floss langsam, denn der grösste Teil des Flusses schien zugefroren zu sein. Sie war ratlos. Wo bin ich?
 

 
Sie sah sich nach Andrew um, entdeckte ihn aber nicht. Plötzlich erstrahlte die Veranda in gedämpftem Licht. Kelly drehte sich um und blickte in ein Wohnzimmer, welches sehr rustikal eingerichtet war. Der Raum war gross und hell. In der Ecke befand sich ein gemauerter Kamin. Auch die Wände des Raumes schienen aus ungleichmässigen Steinen zu sein.
 

 
Andrew trat wieder heraus auf die Veranda. Fragend blickte sie Andrew an. „Das ist UNSER kleines Versteck!“, sagte Andrew und blickte Kelly zärtlich an. Diese schüttelte verständnislos den Kopf: „Wie, unser kleines Versteck?“. Andrew lächelte glücklich: „Miss Wilson, darf ich vorstellen, dieses ist unser erstes, gemeinsames Haus! Ich habe es gekauft. Ein Freund schuldete mir noch einen Gefallen und zufällig ist mein Freund Makler. Ich habe ein Schnäppchen gemacht. Und jetzt haben wir unseren, kleinen Zufluchtsort, wenn es uns in der Stadt einfach zuviel wird!“. Andrew grinste. Kelly war sprachlos. Ein dicker Kloss schnürte ihr die Kehle zu. Ein Kloss aus Liebe und Glück. Sie fiel Andrew um den Hals und küsste ihn stürmisch. Nach einigen innigen Küssen schob er sie sanft von sich: „Hm, mehr hast Du nicht zu sagen?“. Er gab vor zu schmollen. „Du bist zu gut, um wahr zu sein. Womit habe ich Dich verdient?“, sagte Kelly mit zittriger Stimme. „Wir haben uns gesucht und gefunden. Es gibt kein warum oder womit. Es ist einfach so.“, erwiderte Andrew. „So, Kleine, und jetzt packen wir aus, und ich zeige Dir das Haus!“.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 20
 

 
Am nächsten Morgen wurde Kelly vom Geruch frisch gekochten Kaffees geweckt. Sie rieb sich die Augen und schaute sich einen Moment orientierungslos um. Ach ja, sie war in „Andrew’s & Kelly’s Castle“, so hatten sie ihren Zufluchtsort am Vorabend getauft.
 

 
Das Haus befand sich in Saint Charles, einer kleinen, verschlafenen Stadt nur ca. eine Autostunde von Chicago entfernt. Das rote, rustikal gebaute Backsteinhaus war ehemals ein alter Landsitz irgendwelcher Adliger, hatte Andrew ihr erklärt. Es war sehr alt, aber in einem guten Zustand. Hier und da gäbe es noch etwas zu machen, aber damit könnte man ja schliesslich noch warten.
 

 
Kelly stieg aus dem Bett, zog ihren Bademantel über und schlüpfte in ihre Pantoffel. Dann ging sie hinunter und folgte dem Geruch des Kaffees. Andrew war in der Küche gerade dabei, Speck und Eier zu braten. „Guten Morgen!“, sagte Kelly. Andrew fuhr erschrocken herum und fasste sich mit einer Hand an sein Herz: „Puh, Kel, Du hast mich erschrocken, komm und gib mir einen Beruhigungskuss...“. Kelly ging zu ihm und küsste ihn. Sie roch das Essen: „Hm, lecker, ich habe richtigen Hunger!“. Andrew rührte mit dem Löffel in der rechten Hand in der Pfanne und wies mit der linken Hand auf die Kaffeemaschine. Kelly nahm sich eine Tasse, die an einer hölzernen Leiste an der Wand hingen, und goss sich Kaffee ein. Dann setzte sie sich mit ihrem Kaffee an den Tisch und genoss den ersten Schluck. Sie schloss die Augen und öffnete sie vorsichtig wieder. Sie wollte sicher gehen, dass sie nicht träumte. Doch Andrew stand immer noch am Herd und lachte sie an. Er hatte sie wohl beobachtet. Kelly errötete. „Kein Grund sich zu schämen, Kleines. Ich habe mich heute morgen auch erst einmal gekniffen.“, sagte er lachend. Er stellte zwei Teller mit Speck und Eiern sowie frischen Toast auf den Tisch. Dann brachte er noch Orangensaft. „Lass uns frühstücken, Traumfrau!“, sagte er und setzte sich zu Kelly an den Tisch.
 

 
Den Vormittag verbrachten sie damit, gemeinsam das Zentrum von Saint Charles zu erkunden. Die kleine Stadt erweckte den Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben war. Kelly fand es unglaublich, dass dieser friedliche Ort nur knapp eine Stunde von Chicago entfernt sein sollte. Die Menschen waren freundlich, und jeder schien hier jeden zu kennen. Denn wer auch immer den beiden begegnete, grüsste freundlich.
 

 
Nach dem Mittagessen kuschelten sie vor dem Kamin. „Möchtest Du ein Glas Wein, Kel?“, fragte Andrew. Kelly sah in seine wundervollen, blauen Augen. Aus diesen Augen sprach die gleiche Liebe, die sie für ihn fühlte. Die Ehrlichkeit ihrer Gefühle. Sie fühlte sich sicher und geborgen. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Andrew drückte sie an sich und hauchte ihr einen Kuss auf ihre Haare. Er stand auf und kam kurze Zeit mit zwei Gläsern Rotwein zurück. Er gab Kelly ihr Glas und stieß mit ihr an: „Auf unsere Liebe!“. „Auf unsere Liebe!“, hauchte Kelly zurück. Sie tranken einen Schluck. Andrew setzte sich wieder neben Kelly und nahm sie in den Arm. „Kannst Du Dir vorstellen, ein Leben lang bei mir zu sein?“, fragte Andrew. Welche Frau könnte das nicht, fragte Kelly sich. „Ja, mit Dir könnte ich mir das vorstellen!“, erwiderte Kelly und lächelte Andrew glücklich an.
 

 
Er nahm sein Glas und gab ihr ihres und stieß mit ihr an: „Darauf sollten wir trinken!“. Sie tranken und Kelly fing plötzlich an zu husten. Dann spuckte sie etwas in ihre Hand. Es war ein goldener Ring mit einem – für Kellys Augen – riesigen Diamanten. Sie schluckte und riß erschrocken die Augen auf. „Andrew....“, stammelte sie. Er legte ihr den Finger auf den Mund. „Sag nichts, ich bin dran mit reden.“. Dann stand er auf und kniete sich vor sie. Er nahm ihre Hand in seine, schaute sie an und räusperte sich nervös: „Kelly Wilson, willst Du meine Frau werden?“. Oh, Gott! Da war er. Der Moment, auf den jede Frau wartet. Ihr wurde heiß. Ihr wurde kalt. Was jetzt? Ja? Nein? Wie? Warum wurde sie unsicher? Oh, Gott, gib mir ein Zeichen, bat Kelly innerlich.
 

 
Sie schaute Andrew an, sie schaute auf den Ring in ihrer Hand. Dann schaute sie wieder Andrew an, der mittlerweile immer unruhiger wurde. Sie zog ihre Hand zurück. Tränen schossen ihr in die Augen. Kelly drückte einem völlig ratlosen Andrew den Ring in die Hand: „Ich kann nicht, Andrew, ich kann nicht....“.
 

 
Kelly stand auf und rannte ins Bad. Sie verschloss die Tür hinter sich und drehte das Wasser auf, damit Andrew ihr Schluchzen nicht hören konnte. Ihr wurde übel und sie musste sich übergeben. Sie wusch sich das Gesicht und begann allmählich sich zu beruhigen. Sie blickte in den Spiegel und fragte sich: „Kelly, was machst Du jetzt?“. Sie rechnete damit, dass Andrew jede Minute an die Badezimmertür klopfen würde, doch als sie nach einer Stunde aus dem Bad kam, war Andrew nicht mehr da.
 

 

 
Kapitel 21
 

 
Kelly merkte, dass es inzwischen dunkel geworden war. Sie war seit Stunden im Wohnzimmer auf und ab gegangen und hatte darüber nachgedacht, was sie dazu gebracht hatte, Andrews Heiratsantrag abzulehnen. Immer wieder spielte sie die Situation im Kopf durch. Ergebnislos.
 

 
Was war da passiert? Sie konnte es nicht verstehen. Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz im Zeh, sie war gegen den Tisch gelaufen. Kelly tastete sich vorsichtig zum Lichtschalter vor und schaltete das Licht an. Sie blinzelte. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das Licht, und schliesslich schaute sie zur Wanduhr: 21.30 Uhr. Von Andrew keine Spur. Sie suchte ihr Handy. Es lag auf dem Couchtisch. Sie blickte auf das Display, ob ihr vielleicht eine Nachricht oder ein Anruf entgangen war, oder ob sie vielleicht ihr Handy lautlos gestellt hatte, doch nichts dergleichen.
 

 
Andrew war sehr gutaussehend. Er war humorvoll und intelligent. Romantisch und zuvorkommend...sinnlich und zugleich begehrend...was war hier verkehrt? Kelly grübelte. Sie fasste sich an die Stirn, als könnte sie so das Pochen hinter ihren Schläfen verschwinden lassen. Sie kannte die Antwort, doch Kelly wollte sie nicht hören. Geschweige denn Andrew damit konfrontieren. Sie konnte es nicht auf ihre Vergangenheit mit Matt schieben, denn dass Andrew ein ganz anderer Mensch war, das hatte Kelly mittlerweile kennen und lieben gelernt. Es war einfach und banal. Darum konnte sie es Andrew schon nicht sagen. Er wäre noch verletzter, würde er ihren Grund kennen.
 

 
Kelly liess sich erschöpft auf die Couch fallen. Ihr Blick fiel auf ihr Handy. Sollte sie ihn anrufen? Wieder machte sich Übelkeit in ihrem Magen breit, und sie rannte abermals ins Bad, um sich zu übergeben. Sie richtete sich wieder auf und betätigte die Spülung. Langsam ging sie zum Waschbecken, um sich ihr Gesicht zu waschen. Sie blickte in ihr Spiegelbild. Die Augen waren vom Weinen geschwollen, und ihre Haut wirkte fahl und blass. Andrew würde sie hassen. Wieder schossen ihr Tränen in die Augen. Nach einigen Minuten beruhigte sie sich langsam. Sie ging zurück ins Wohnzimmer.
 

 
Kelly sank wieder auf die Couch. Sie blickte auf den Tisch, wo noch immer die Weingläser standen. Der Ring lag neben Kellys Glas. Sie nahm ihn in die Hand und schaute ihn an. Ihr Herz begann zu rasen. Schnell legte sie den Ring wieder auf den Tisch. Sie stand auf und begann, wieder hin und her zu gehen. Wie sollte es jetzt weitergehen? Was würde Andrew tun? Wie sollte sie ihm je wieder unter die Augen treten können? Würde er sie hier abholen? Sollte sie sich lieber ein Taxi rufen? Sie hielt sich beide Hände an den Kopf, um die vielen Gedanken, die in ihrem Hirn Achterbahn fuhren, abzuschütteln. Sie seufzte laut.
 

 
Kelly rannte die Treppe ins Schlafzimmer hinauf und schaute nach, ob Andrew seine Sachen mitgenommen hatte, doch seine Tasche stand noch da und seine Sachen hingen im Schrank. Erleichterung. Doch er konnte seine Sachen auch hier lassen und trotzdem nach Chicago zurückgekehrt sein. Kelly ging langsam wieder hinunter. Sie würde warten. Sie würde nicht weglaufen. Sie legte sich auf die Couch und deckte sich mit einer Wolldecke zu, weil es sie fröstelte. Sie kämpfte gegen die Müdigkeit vom Weinen an, die ihre Augen jedoch schliesslich zu fallen liess. Kelly fiel in einen unruhigen Schlaf.
 

 
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, doch als sie die Augen öffnete, sass Andrew im Sessel ihr gegenüber. Sie schrie vor Schreck auf und setzte sich schnell hin. Ihre Kehle war trocken und zugeschnürt. Er blickte sie an und sagte kein Wort. Kelly wollte am liebsten aufstehen und ihn einfach umarmen, doch dazu fehlte ihr der Mut. Sie konnte seinem Blick nicht Stand halten und senkte den Kopf. Sie schämte sich. Sie schämte sich abgrundtief. Sie schämte sich dafür, dass sie den ersten Menschen, der sie wirklich so liebte wie sie war, so sehr verletzt hatte. Sie suchte im Kopf schon wieder nach Ausflüchten und Erklärungen, doch sie wusste insgeheim, dass Andrew sie bereits viel zu gut kannte, als dass sie ihn täuschen könnte.
 

 
Andrew stand auf und zündete ein Feuer im Kamin an. Dann ging er aus dem Wohnzimmer. Kelly schlug sich die Wolldecke um die Schultern und hatte nur einen Wunsch: unsichtbar zu sein. Sie schloss die Augen. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie viele Menschen sie in ihrem Leben wirklich geliebt hatte. Es waren nicht viele. Vermutlich hatte sie ihre Eltern geliebt, doch daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. Sie besass nicht einmal ein Foto von ihnen. Und dann war da Matt. Danach kam niemand mehr – bis jetzt! Kelly war klar, dass sie Andrew wahrscheinlich für immer verloren hatte. Denn sie an seiner Stelle könnte diese Verletzung nicht ertragen und schon gar nicht verzeihen.
 

 
Andrew kam zurück und stellte eine Tasse Tee vor Kelly auf den Tisch. Sie nickte. Nicht einmal ein „danke“ brachte sie heraus. Andrew setzte sich mit seiner Tasse Tee wieder in den Sessel. Während er vorsichtig an dem heissen Getränk nippte, blickte er Kelly immer wieder über die Tasse hinweg an. Ohne Zweifel wartete er auf eine Reaktion, doch Kelly fühlte sich wie gelähmt. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Körper nicht mehr da war. Sie fühlte sich wie einer leere Hülle. Unfähig zu denken, zu handeln oder nur zu reden.
 

 
Andrews und Kellys Blicke trafen sich. Sie konnte erkennen, dass auch seine Augen gerötet waren. Das schlechte Gewissen kehrte zurück, und Kelly senkte abermals den Kopf, um sich seinen Blicken zu entziehen.
 

 
Andrew räusperte sich. „Soll es so enden, Kelly?“, fragte er sie. Sie schloss die Augen. Was sollte sie antworten? Sie wollte nicht, dass es überhaupt endete, aber wie sollte es dann weiter gehen? Andrew seufzte. Sie hob den Kopf und schaute ihn an. „Ich weiss es nicht...“, flüsterte Kelly. „Wenn Du es nicht weißt, wie soll ich es dann wissen? Wie kann ich es verstehen?“, fragte Andrew forsch. Kelly zuckte zusammen, denn noch nie hatte sie Andrew in diesem Ton reden hören. „Ich weiss nicht, wie ich es erklären soll, ich kann....“, begann Kelly als Andrew laut seine Tasse auf dem Tisch abstellte. Er winkte ab und unterbrach sie: „Komm mir nicht so, wir sind keine Kinder mehr, Kelly. Wir sind beide über dreißig Jahre alt.“. Verzweifelt versuchte sie sich eine erklärende Antwort zu überlegen, doch in ihrem Kopf schien es leer zu sein. Wie konnte sie argumentieren? Sie rieb ihre Hände aneinander in der Hoffnung, ihre Nervosität und Angst so verstecken zu können. „Wir kennen uns noch nicht lange genug. Wir sind erst seit ein paar Wochen zusammen.“, stotterte sie. Andrew lachte abwertend. „Na und?“, fragte er unwirsch. „Willst Du mir jetzt erzählen, dass es zwischen uns nicht stimmt? Willst Du mir erzählen, dass es nicht die größten Gefühle sind, die Du bis heute hattest? Welche Ausrede willst Du mir erzählen, Kelly? Welche?“. Andrew stand auf. Jetzt war er es, der hin und her rannte. Kelly begann zu weinen. Laut stieß Andrew seinen Atem aus. „Bitte, das ändert doch auch nichts!“, bat er Kelly. Sie wischte ihre Tränen mit dem Handrücken fort. „Ich habe Angst.“, stammelte sie. Er kniete sich vor sie und legte seine Hände auf ihre Beine. Er schaute ihr tief in die Augen: „Wovor? Wovor hast Du Angst?“. Mit zittriger Stimme erwiderte sie: „Ich kenne ja nicht mal Deine Eltern.“. Fassungslos blickte Andrew sie an. „Ja, und?“, fragte er, „Soll das der Grund sein?“. Kelly versuchte überzeugend zu klingen: „Stell Dir mal vor, sie mögen mich nicht, was dann?“. Andrew stand auf und schüttelte verzweifelt den Kopf: „Ja, w! as dann, Kelly? Du sollst mich heiraten und nicht meine Eltern! Außerdem sind meine Eltern nicht solche Menschen, aber das kannst Du ja nicht wissen.“
 

 
„Ja, eben. Wie soll ich das wissen, ich kenne sie ja nicht. Und ich weiss nicht viel über Deine Vergangenheit.“, versuchte Kelly weiter ihre Entscheidung zu rechtfertigen.
 

 
„Meine Vergangenheit oder Deine Vergangenheit, was hat das mit unserer Zukunft zu tun? Wer nach hinten blickt, kann nicht nach vorn laufen, ach was rede ich....“, winkte Andrew ab. „Es ist ganz egal, was Du sagst, ich kann jedes Deiner Argumente im Wind zerstreuen. Entweder bist Du nicht reif für die Ehe, oder Du liebst mich einfach nicht.“. Andrew deutete an, den Raum zu verlassen. „Andrew...“, rief Kelly. Er drehte sich um und blickte sie traurig an. „Wohin gehst Du?“, fragte sie. „Ich denke, wir sollten packen und nach Hause fahren.“. Dann hörte sie nur noch, wie er die Treppe nach oben stapfte.
 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 22
 

 
Aus Stunden wurden Tage, und aus Tage wurden Wochen. Es war einen Tag vor Heiligabend. Der letzte Arbeitstag. Kelly war froh. Froh, dass sie nicht arbeiten brauchte, obwohl die Feiertage sicherlich schrecklich würden.
 

 
Ihre Augen glitten zum Fenster. Es schneite. Tränen kullerten ihr über die Wangen. Sie hatte nichts mehr von Andrew gehört. Kelly traute sich nicht, ihn anzurufen. Nachts lag sie wach. Tagsüber lief sie wie ein Zombie durch die Firma.  Es war schwer, sich zu konzentrieren. Und es war nicht verwunderlich, dass Kelly in dieser Woche der ein oder andere, wenn auch kleine, Fehler unterlaufen war. Zum Glück gab es Donna, die sie jedes Mal gerettet hatte. Müde schloss sie die Augen und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken weg. Es klopfte an Kellys Bürotür. Schnell setzte sie sich auf und atmete tief durch. „Herein!“, rief sie. Donna betrat das Büro und ihrem freundlichen Lächeln wich Bestürzung, als sie in Kellys verweintes Gesicht blickte: „Kelly, was ist bloss los? Kann ich Dir irgendwie helfen?“. Donna schien besorgt. Kelly zwang sich zu einem müden Lächeln und winkte ab. „Nein, Donna. Das wird schon wieder, danke. Was kann ich für Dich tun?“. – Donna runzelte die Stirn und sagte: „Du möchtest bitte zu Ian kommen, aber so....“. Donna schüttelte den Kopf. Sie hob den rechten Zeigefinger: „Warte, ich bin sofort wieder da!“. Donna verliess das Büro. Kelly schnaubte sich die Nase und fragte sich nervös, was Ian wohl von ihr wollte? Einige Sekunden später betrat Donna wieder das Büro. Sie hielt Kelly ein Tuch hin: „Hier, leg Dir das kurz auf die Augen, das wird Dir helfen!“. Es war ein kaltes, nasses Tuch. Kelly legte es sich über ihre Augen und merkte umgehend, dass die Anstrengung aus ihren Augen wich. Nach einer Weile nahm Donna ihr das Tuch wieder ab und tupfte ihre Augen trocken. Sie beseitigte das verwischte Augen Make-up, lächelte und nickte zustimmend: „Ja, jetzt kannst Du gehen. Ich melde Dich bei Ian an.“. Donna wandte sich ab, um das Büro zu verlassen, doch Kelly hielt sie am Arm zurück. Donna drehte sich um. Kelly flüsterte: „Danke, für alles...“, doch Donna winkte ab: „Ist schon okay....“.
 

 
Kelly sass im Vorraum von Ians Büro bei seiner Sekretärin und wippte nervös mit dem Bein. Seine Bürotür öffnete sich und blickte sich suchend um. Kelly stand auf. Als Ian sie erblickte, lächelte er Kelly freundlich an, was ihr einen Teil der Nervosität nahm. Ian streckte ihr die Hand entgegen, die Kelly annahm. „Hallo Kelly, komm.“, sagte er und wies sie an, ihm zu folgen. Sie betraten Ians Büro. „Setz Dich doch bitte.“, sagte Ian. Kelly setzte sich ihm gegenüber und atmete tief durch. Vermutlich waren ihm ihre Fehler nicht entgangen.
 

 
Ian griff zu einem Briefumschlag und reichte ihn Kelly. Oh, mein Gott, dachte sie, das ist bestimmt meine Kündigung! Ihr Herz begann zu rasen und ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit.
 

 
Ian räusperte sich als er Kellys Unsicherheit bemerkte. „Also Kelly, das ist Dein Bonus für dieses Jahr. Obwohl Du erst seit einigen Wochen bei uns bist, hast Du schon Beachtliches geleistet. Ich gratuliere Dir und bin froh, Dich in meinem Team zu haben.“. Ian stand auf und hielt Kelly die Hand entgegen. Kelly erhob sich so schnell, dass fast ihr Stuhl umgefallen wäre und schlug in Ians Hand ein. Sie stammelte nervös ein „danke“ und wollte aus Ians Büro rennen. „Frohe Weihnachten, Kelly, und einen guten Rutsch...“, hörte sie Ian hinterher rufen. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Sie schimpfte innerlich mit sich. Kelly, wie oft hat man Dir gesagt, dass privates im Job nichts zu suchen hat!
 

 
Kelly war gespannt, was in dem Umschlag steckte und eilte schnell in ihr Büro zurück. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es nur noch zehn Minuten bis zum Feierabend waren. Die Spannung stieg. Kelly wünschte Donna frohe Weihnachten und schickte sie nach Hause. Sie selbst ging zurück in ihr Büro und lehnte sich erleichtert von innen gegen die Tür.
 

 
Sie atmete einige Male tief durch und ging langsam zu ihrem Schreibtisch. Sie liess sich in ihren Stuhl fallen und legte den Umschlag vor sich auf den Schreibtisch. Doch schon nach wenigen Sekunden hielt sie es nicht mehr aus und riss den Umschlag auf, wie ein Kind sein erstes Weihnachtsgeschenk. Es war ein Scheck.
 

 
Kelly blickte drauf und ihr stockte der Atem. Es war ein Scheck über 2500 $. Wow. Frohe Weihnachten, Kelly! Grinsend packte Kelly ihre Sachen zusammen und konnte nicht schnell genug aus ihrem Büro kommen. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es noch den Scheck zur Bank zu bringen. Verflogen war die Traurigkeit, Glück und Stolz durchströmten sie. Sie suchte nach ihrem Handy und wählte Davids Nummer: „Hi, ich bin’s, Kel. Hast Du heute noch Zeit für einen kurzen Shoppingtrip....“. Und den Rest des Nachmittages verbrachte Kelly damit, einen Teil ihres Bonus unter die Leute zu bringen.
 

 
Kapitel 23
 

 
Kelly hatte die Weihnachtsfeiertage mit Beth verbracht, die in diesem Jahr auch ohne ihre Familie die Feiertage verlebt hatte. Die beiden waren mit reichlich Alkohol und schnulzigen DVD’s recht gut durch die Tage gekommen. Jetzt war die Zeit „zwischen den Jahren“. Die Zeit, die Kelly damit verbrachte, über die vergangenen Monate nachzudenken.
 

 
Sie hatte sich von ihrem Bonus ein Laptop gekauft. David hatte dafür gesorgt, dass sie jetzt Internet hatte. Kelly genoss ihren neuen Luxus. Dann hatte sie sich endlich einen kleinen Fernseher für ihr Schlafzimmer gegönnt. Den Rest des Geldes hatte sie auf ihr Sparbuch gebracht. Kelly war zufrieden.
 

 
Sie hatte ihr Wohnzimmer umgestellt. Vor dem einen grossen Fenster stand nach wie vor ihr Schaukelstuhl, doch der kleine, runde Tisch musste nun einem Schreibtisch weichen. Darauf stand ihr Laptop, eine neue Tischlampe mit Messingfuss und einem beigen Lampenschirm sowie ihr Telefon. Dort sass sie nun fast täglich. David hatte ihr ein Email-Postfach eingerichtet, doch ausser Beth und David schrieb ihr niemand. Sie lachte und schüttelte den Kopf. Wer sollte ihr auch schreiben? Kelly vermisste Andrew. Sie schloss die Augen und stellte ihn sich im Kopf vor. Seine so dunkelbraunen Haare, die immer fast schwarz wir, seine braunen Augen...sein athletischer Körper...sein verschmitztes Lächeln. Doch sie konnte ihn nicht anrufen. Sie sah auf ihr Schlüsselbund, das neben ihrem Laptop lag. Andrews Wohnungsschlüssel hing noch immer daran.
 

 
Kelly hatte bereits in den vergangenen Wochen immer wieder überlegt, was sie damit tun sollte. Ob sie ihn Andrew mit der Post schicken sollte? Dann dachte sie wieder, dass er vermutlich längst die Schlösser getauscht hätte. Sie fühlte sich hilflos. Beth hatte ihr natürlich erst einmal einen Vortrag darüber gehalten, wie sie so dämlich sein konnte. Auf der anderen Seite glaubte Beth fest an das Schicksal und war der Überzeugung, dass die beiden vermutlich gar nicht zusammen passten. Schicksal. Kelly stand auf, um sich einen Kaffee zu kochen. Sie war nicht mehr gewillt, immer wieder sinnlose Tränen zu vergiessen. Kelly hatte sich leer geweint, es waren keine Tränen mehr da.
 

 
Sie tröstete sich einfach damit, dass Andrews Liebe vermutlich auch nicht sehr gross gewesen war, denn sonst hätte er sich wohl schon bei ihr gemeldet. Dann verwarf sie diesen Gedanken wieder, da sie es schliesslich gewesen war, die ihn verletzt hatte. Auf der anderen Seite fühlte sie sich im Recht, denn er hatte sie total überfahren. Und dann kam der Punkt, an dem sie wieder total verwirrt war und gar nichts mehr wusste. Danach begann das Spiel jedes Mal von vorn. Es war der 28. Dezember.
 

 
Ihre Trennung lag nun schon zwei Wochen zurück. Sie hatten sich den ganzen Weg von St. Charles bis Chicago angeschwiegen. Andrew hatte das Radio so laut gedreht, dass an eine Unterhaltung nicht zu denken gewesen wäre. Kelly war das nur Recht gewesen. Sie sass zusammengekauert auf dem Beifahrersitz und sehnte den Moment herbei, Andrews BMW verlassen zu dürfen. Als er vor ihrem Haus hielt blickte sie ihn noch einmal an. Doch er starrte stur geradeaus und würdigte sie keines Blickes. Immer wieder sah Kelly diese versteinerte Miene von Andrew vor ihrem geistigen Auge. Es war aus. Es war vorbei. Es war....schade.
 

 
Kelly goss sich eine Tasse Kaffee ein und ging wieder zurück zu ihrem Schreibtisch. Sie nippte an dem heissen Kaffee und liess ihr Leben Revue passieren. Sie hatte nie viel über sich gewusst, doch die Dinge immer akzeptiert, wie sie waren.
 
Nun war sie 32 Jahre alt, Single und eine Frau ohne Vergangenheit. Sie kannte ihre Eltern nicht. Sie kannte ihre Wurzeln nicht, sie wusste nur, dass sie in Conroe, Texas, geboren worden war und dort bis zum Tod ihrer Eltern gelebt hatte.
 

 
Danach hatte das Jugendamt sie in das „No Hood Waisenhaus“ in Houston gesteckt. Als sie das Waisenhaus verliess, gab Mrs. Nelly Pherson, die Leiterin, Kelly eine Akte, in der sie alles finden würde. Doch sie fand nichts. Sie fand ihre Geburtsurkunde, sie fand die Sterbeurkunde ihrer Eltern, Mary und Charles Wilson. Wo war sie gewesen als das Flugzeug abstürzte? Manchmal fing sie an zu grübeln, doch Kelly floh vor diesen Gedanken. Ihr ganzes Leben lang.
 

 
Heute wusste sie, dass es genau diese Flucht war, die sie auch aus Andrews Armen fortlaufen liess. Sie hatte beschlossen, sich ihrem Leben zu stellen. Auch wenn sie Andrew dadurch nicht zurückgewinnen konnte. Sie wollte wissen, wer sie war und vor allem, warum sie keine Familie hatte. Auch ihre Eltern mussten Eltern gehabt haben. Vielleicht gab es noch irgendwo Tanten und Onkel? Großeltern? Doch wenn es noch lebende Verwandte gab, warum hatte dann nie jemand nach ihr gesucht? Sie war vier Jahre alt gewesen als ihre Eltern starben. Warum hatte sie niemand vermisst? Genau an diesem Punkt hatte Kelly immer beschlossen, keine Reise in ihre Vergangenheit zu unternehmen. Bis jetzt. Jetzt war sie bereit. Wach gerüttelt durch den Verlust von Andrew. Sie wollte es wissen. Sie begann im Internet mit dem Wort „Ahnenforschung“ ihre Reise zu planen...
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 24
 

 
Der Schnee verschwand langsam aus den Strassen Chicagos. Es war Ende März. Die ersten Blumen begannen zu blühen, es wurde langsam wärmer. Kelly sass auf einer Bank im Grant Park und schaute dem bunten Treiben zu. Die Menschen gingen wieder hinaus in die Natur. Sie liess ihre Seele baumeln und genoss die ersten Sonnenstrahlen.
 

 
Die vergangenen Wochen waren hart gewesen, aber Kelly war sich sicher, das Schlimmste überstanden zu haben. Im Job lief es prima. Sie hatte sich etwas enger mit Melinda angefreundet, und zusammen mit ihr und Beth war sie an den vergangenen Wochen – ganz entgegen ihrer Art – durch die Clubs von Chicago gezogen. Sie fühlte sich gut. Sie war nicht glücklich, aber sie fühlte sich gut. Vor einigen Wochen hatte sie Andrew einen Brief geschrieben und versucht, ihm zu erklären, woher ihre Ängste rührten, doch sie hatte nichts von ihm gehört. Kelly gab auf.
 

 
Ihre Reise in die Vergangenheit hatte auch schon Formen angenommen. Sie hatte diverse Behörden in Texas kontaktiert, um an ihre alte Wohnanschrift oder vielmehr die letzte ihrer Eltern zu gelangen. Sie wusste, wo sie gelebt hatte. Kelly wusste nun auch, dass ihre Eltern nicht aus Texas stammten, sondern aus Kalifornien. Warum sie nach Texas gegangen waren, wusste Kelly noch nicht. Ihre Mutter war in L. A. geboren und ihr Vater stammte aus San Diego. Sie hatte die Telefonbücher online durchforstet, doch in beiden Städten gab es Wilsons wie Sand am Meer, so dass sie auf diesem Wege wohl kaum Familienangehörige finden würde.
 

 
Jetzt hatte sie die Geburtsurkunden ihrer Eltern angefordert, um herauszufinden, wie ihre Großeltern hiessen, bzw. welchen Geburtsnamen ihre Mutter getragen hatte. Und während sie die letzten Jahre mit Schmerzlinderung in Form von Verdrängung verschwendet hatte, so war sie jetzt neugierig und aufgeregt, wohin ihre Reise sie führen würde. Sie wusste, dass sie nichts zu verlieren hatte, denn sie hatte ja schon alles verloren.
 

 
Es war Sonntag. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor fünf Uhr. Zeit, langsam nach Hause zu gehen. Sie wollte noch duschen, in Ruhe Abendbrot essen und dann noch ein wenig im Bett lesen oder fernsehen. Kelly wollte sich entspannen. Morgen lag wieder ein anstrengender Tag im Büro vor ihr.
 

 
Sie hatte es sogar in den letzten Wochen geschafft, sich mit Matt auszusprechen. Dabei waren auch interessante Neuigkeiten zu Tage gekommen.
 

 
Matt musste sich seinerzeit aus familiären Gründen von ihr trennen. Das Unternehmen seines Vaters, Allistor & Son, stand kurz vor dem Ruin. Es gab nur eine Möglichkeit, das Familienunternehmen zu retten. Matt musste Jennifer Preston, niemand geringeres als die alleinige Erbin von Preston Industries Inc., heiraten.
 

 
Die Eltern der beiden hatten alles arrangiert. Matt und Jennifer wurden nicht lange gefragt. Sie hatten sich zu fügen, so wie es in ihren Gesellschaftskreisen nun einmal üblich war. Durch die Heirat sorgte Mr. Preston für die nötigen Finanzmittel um Allistor & Son zu sanieren. Dieses alles lag nun schon mehr als acht Jahre zurück. Weder Jennifer noch Matt waren glücklich mit dieser Ehe.
 

 
Mr. Preston starb an einem Herzinfarkt vor zwei Jahren. Jennifer erbte allein, weil ihre Mutter sie und ihren Vater vor Jahren verlassen hatte und somit enterbt war. Seither führte Matt zusammen mit seinem Vater das Unternehmen. Jennifer verwaltete das Vermögen. Nach dem Tod ihres Vaters hatten Jennifer und Matt beschlossen, ihrer leidlichen Ehe ein Ende zu setzen und reichten die Scheidung ein.
 

 
Allistor & Son ging es wieder gut und Preston Industries Inc. würde auch wieder ohne Matt Preston funktionieren, sobald sich ein geeigneter Geschäftsführer gefunden hatte. Matt bereute, damals auf seine Eltern gehört zu haben. Es tat ihm leid, dass er sich der Gesellschaft gefügt und auf die Liebe seines Lebens – wie er Kelly nannte – verzichtet hatte.
 

 
Diese Tatsachen klangen wie aus einem schlechten Film. Sie konnten Kelly nicht die Schmerzen der letzten Jahre nehmen, aber sie halfen ihr, Matt nicht länger zu hassen. Sie und Matt waren einige Male essen gegangen und hatten es gelernt, sich zwanglos zu unterhalten und miteinander Spass zu haben.
 

 
Kelly erklärte Matt, dass sie keine Liebe für ihn empfinden könnte. Sie erzählte ihm von Andrew. Und auch wenn Matt traurig war, dass seine letzte Hoffnung schwand, bemühte er sich, Kelly wie ein Freund über ihren Liebeskummer hinweg zu helfen.
 

 
Sie hatte wieder an Stärke und Selbstbewusstsein gewonnen. Kelly war sich bewusst, dass sie keine graue Maus oder die arme, kleine Waise war. Sie war erfolgreich. Es würde sie nichts mehr so schnell aus der Bahn werfen. Sie hatte im Job die Nase vorn, hatte sich privat an den Wochenenden weiter gebildet, hatte neue Kunden akquisiert.
 

 
Von der alten Kelly, die schüchtern und unscheinbar war, war nicht mehr viel übrig geblieben. Sie hatte sich verändert. Ihr Leben hatte sich und sie verändert. Schicksal. Sie lächelte als sie sich von der Parkbank erhob und nach Hause schlenderte.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 25
 

 
Es war schon wieder Donnerstag. Kelly und Melinda verbrachten ihre Mittagspause in der Kantine. Das Essen bei CIC war wirklich gut und liess sich nicht mit gewöhnlichem Kantinenfrass vergleichen. Sie planten gerade ihr kommendes Wochenende.
 

 
Melinda war aus Liebe zu einem Mann von L.A. nach Chicago gekommen. Vor einigen Wochen hatte sie ihn dann mit einer anderen in ihrem gemeinsamen Bett erwischt, als sie eines Tages früher von der Arbeit nach Hause gekommen war. Seither hatte sie sich dem Singleclub von Kelly und Beth angeschlossen.
 

 
Sie lachten gerade über die komischen Typen vom letzten Wochenende, die alles versucht hatten, um die drei Mädels zu erobern, jedoch erfolglos, als Kellys Firmenhandy klingelte. Sie holte es aus ihrer Handtasche und sah auf dem Display, dass es Ian war: „Hi Ian, was gibt’s?“. Ian grüsste Kelly fröhlich und bat sie, nach ihrer Pause in sein Büro zu kommen, es gäbe da wieder einen Spezialauftrag. Kelly stimmte zu und legte auf. Melinda sah sie fragend an. „Ian, wieder so ein Spezialauftrag!“, sagte Kelly und verdrehte genervt die Augen. Melinda fing an zu lachen. „Hör doch auf, Du freust Dich doch schon drauf, Du Arbeitstier!“. Kelly sagte: „Erwischt!“. Beide lachten und plauderten noch eine Weile bis sich langsam das Ende ihrer Mittagspause näherte.
 

 
Kelly ging direkt zu Ian. Er hatte eine Akte vor sich auf dem Schreibtisch. „Setz Dich, Kelly.“, sagte Ian und wies mit einer Handbewegung auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Kelly setzte sich und hing ihre Handtasche hinter sich an die Stuhllehne.
 

 
Ian blätterte in der Akte und grübelte einen Moment. „Also, Kelly. Wir haben hier einen neuen Interessenten. Es handelt sich um die Baugesellschaft O’Donnell Constructions. Hast Du schon mal von ihnen gehört?“, fragte er Kelly. Und ob sie von dieser Firma schon gehört hatte! Ihr Herz tat einen kleinen Sprung. Es war die Firma, in der Andrew als Projektleiter tätig war...sie ahnte bereits, was Ian als nächstes sagen würde und fragte ihn lächelnd: „Ja, ich kenne diese Firma. Lass mich raten, es geht um die Gebäudeversicherung für einen neuen Komplex in Aurora?“. Ian sah Kelly verdutzt an und guckte auf das Blatt vor sich in der Akte: „Ja, woher weißt Du das?“. Kelly fing an zu lachen. „Ich war mit dem Projektleiter befreundet!“. Ian lachte mit ihr. „Na, dann ist es ja gut. Alle wichtigen Daten stehen hier drin. Gib die Akte Donna, damit sie die Daten einpflegen kann. Und dann solltest Du schnellstmöglich einen Termin vor Ort machen, damit Du Dir das Objekt ansehen kannst. In unserer Sachabteilung für Großprojekte arbeitet unser Architekt, Edward Jones. Ruf ihn an, er soll Dich zu dem Termin begleiten. Noch Fragen?“. Kelly schüttelte verneinend den Kopf, griff nach ihrer Handtasche und hielt Ian ihre rechte Hand hin, um die Akte in Empfang zu nehmen.
 

 
Auf dem Weg in ihr Büro lächelte sie still in sich hinein. Wie sagte Beth immer so schön? Es gab keine Zufälle, das nannte man Schicksal. Kelly ignorierte die kleinen Stiche in ihrem Herz, als sie Andrews braune Augen vor sich sah. Vielleicht würde sie ihn gar nicht sehen? Abwarten. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr: 13.45 Uhr. Kelly übergab Donna die Akte und bat sie, die Daten schnellstmöglich in die EDV einzupflegen. Bis dahin ging Kelly ihre Kundenkartei durch, und liess sich fällige Verträge ausdrucken, die bald verlängert oder erneuert werden mussten. Als Donna ihr die Daten brachte, war es bereits 16.30 Uhr. Sie nahm sich die O’Donnell Akte vor und las, um welche Art von Objekt es sich handelte. Der Auftrag war in der Tat sehr anspruchsvoll, denn O’Donnell Constructions hatte mit ihrer Anfrage zugleich Angebote von konkurrierenden Versicherungsunternehmen beigelegt, so dass es für Kelly eine wirkliche Herausforderung war, die angebotenen Preise zu unterbieten. Es dauerte einige Zeit, doch als Kelly um 19.30 Uhr ihr Büro verliess, hatte sie das perfekte Angebot für O’Donnell ausgefeilt.
 

 
Am nächsten Morgen beauftragte Kelly Donna sofort damit, einen Termin mit dem zuständigen Sachbearbeiter bei O’Donnell, Mr. Curt Snyder, zur Ortsbegehung zu vereinbaren. Donna sollte dann dafür sorgen, dass auch Mr. Jones zu diesem Termin erscheinen würde. Gegen 9 Uhr kam Donna, um Kelly hinsichtlich des Termines bei O’Donnell zu sprechen: „Mr. Snyder hätte heute Nachmittag gegen 15 Uhr Zeit für eine Begehung. Mr. Jones hat angeboten, dass er sich mit Dir vor Ort treffen könnte, da er selbst nicht in Chicago, sondern im Umland tätig ist. Die Adresse des Objektes hast Du?“. Kelly sah in die Akte und nickte zustimmend. Sie lächelte Donna an: „Was wäre ich bloss ohne Dich?“. Donna lächelte zurück: „Danke für die Blumen!“. Kelly hatte sich darauf vorbereitet, dass vielleicht schon heute der Termin in Aurora sein könnte. Sie hatte sich ihr neues, schwarzes Kostüm angezogen. Dazu trug sie eine weisse Bluse, die eine kleine, schwarze Krawatte hatte und schwarze Pumps. Gegen 13.30 Uhr beschloss Kelly, sich langsam auf den Weg zu machen. Es waren ca. 42 Meilen von Chicago nach Aurora. Es war Freitag, so dass Kelly damit rechnen musste, dass viel Verkehr auf den Strassen Chicagos sein würde.
 

 
Donna war bereits seit 12.30 Uhr nicht mehr da. Kelly schloss ihr Büro ab und machte sich auf den Weg in die Tiefgarage. Sie musste zugeben, dass sie ein wenig Angst davor hatte, Andrew vielleicht zu sehen. Aber sie würde professionell sein. Sie würde sich nichts anmerken lassen. Schliesslich war sie jetzt Miss Business! Kelly lachte. Nein, nichts würde ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein erschüttern.
 

 
Nachdem sie vor den „O’Donnell Residences“ in Aurora ihren Wagen geparkt hatte, griff sie nach ihrem Autotelefon und wählte die Handynummer von Mr. Jones. Es klingelte, doch Mr. Jones hob nicht ab. Kelly fuhr zusammen als jemand an ihre Fahrerscheibe klopfte. Sie drehte sich zu Seite und sah einen Mann an ihrem Fenster stehen. Kelly liess drückte den Fensterheber, und das Fenster fuhr hinunter. Der Mann, der vermutlich nur wenige Jahre älter war als sie, streckte ihr freundlich die Hand entgegen. Kelly schaute etwas verwirrt, nahm die Hand jedoch an. „Jones. Edward Jones.“, stellte sich der Fremde vor. Kelly fing an zu lachen. „Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Mr. Jones. Ich bin Kelly Wilson.“. Nachdem sie einander vorgestellt hatten, verliess Kelly ihren Wagen und beide gingen zum Eingang des Grundstücks. Das Tor war verschlossen und schon von aussen liess sich erkennen, dass in dieser Anlage nicht jeder leben konnte. Die Anlage war exklusiv, etwas für die gehobene Gesellschaft. Das hatte Kelly bereits den Plänen in ihren Unterlagen entnehmen können.
 

 
Mr. Jones suchte auf den Klingeln nach der Verwaltung. Kelly musterte ihn unauffällig von der Seite. Er war gutaussehend. Er war ein wenig grösser als sie, hatte blonde, kurze Haare und einen drei-Tage-Bart. Die Farbe seiner Augen liess sich nicht einfach definieren, es war eine Mischung aus blau und grau. Sie schaute auf seine linke Hand und sah, dass er keinen Ring trug. Kelly, schäm Dich, Du benimmst Dich schon wie Beth, schimpfte sie mit sich selbst.
 

 
Mr. Jones hatte inzwischen die Klingel gefunden und gedrückt. Kurz darauf ertönte aus der Gegensprechanlage eine weibliche Stimme: „O’Donnell Residences, Miller.“. Kelly und Edward begannen gleichzeitig zu sprechen und mussten lachen. Die weibliche Stimme rief genervt: „Hallo?“. Kelly liess Edward den Vortritt. „Guten Tag, Jones. Ich und meine Kollegen kommen von CIC und haben einen Termin mit Mr. Snyder.“. Miss oder Mrs. Miller antwortete: „Kommen Sie rein, wir sitzen im ersten Haus auf der rechten Seite.“. Der Summer ertönte, und das Tor fuhr langsam nach rechts auf. Kelly und Edward betraten das Grundstück. Edward musterte Kelly von der Seite. Sie tat als würde sie es nicht bemerken, aber es schmeichelte ihr. „Ich heisse übrigens Edward.“, sagte er. Kelly lächelte ihn an: „Okay, ich bin Kelly. Möchtest Du kurz einen Blick auf die Pläne werfen, Edward?“. Er schüttelte den Kopf: „Nein, das mache ich erst, wenn ich sehe, dass das notwendig ist. Ich denke, ich überlasse es erst einmal Deinem Verhandlungsgeschick.“.
 

 
Das Grundstück glich einer riesigen Parkanlage. Es waren fünf Häuser mit je vier Appartements erbaut worden. Es gab eine Pool- und eine Tennisanlage. Das ganze war sehr naturbewusst gebaut worden. Das hast Du gut gemacht, Andrew, dachte Kelly sich. Als sie das Haus der Verwaltung erreichten, erwartete Mr. Snyder sie bereits auf der Veranda. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit einer Brille und einer Halbglatze. Er lächelte die beiden freundlich an. „Guten Tag, ich bin Curt Snyder.“, begrüsste er sie. Kelly und Edward stellten sich vor. „Miss Wilson, danke, dass Sie mir die Unterlagen vorab per Email gesendet haben. Da haben Sie sich ja wirklich ein sehr gutes Angebot zurecht gebaut, sehr gut.“. Das Eis war gebrochen. Der Kunde war schon zufrieden, bevor sie das Objekt besichtigt hatten. Es konnte kaum besser laufen. Mr. Snyder bat Edward und Kelly einen Moment auf der Veranda Platz zu nehmen: „Ich hole noch kurz ein paar Unterlagen, und dann können wir losgehen.“.
 

 
Während Kelly und Edward warteten, verbreitete sich ein wenig Enttäuschung in Kelly. Enttäuschung darüber, dass Andrew wahrscheinlich nicht hier war. Auf der anderen Seite war sie natürlich auch ein wenig erleichtert. Denn so musste sie ihm nicht unter die Augen treten.
 

 
Mr. Snyder kam nach wenigen Minuten zurück, hatte eine Mappe unter dem Arm und sah die beiden aufmunternd an: „Wollen wir los?“. Kelly und Edward standen auf. „Unser Projektleiter ist in Haus 2 und wartet dort auf uns.“. Kellys Herz machte einen Sprung. Wenn sich zwischenzeitlich nichts geändert hatte, würde sie Andrew gleich wiedersehen. Ihr Herz begann zu klopfen. Mr. Snyder erklärte den beiden gerade die Aufteilung des Grundstückes, und Kelly hatte Mühe, ihm zu folgen. Doch diese Fakten fielen zum Glück in Edwards Zuständigkeits-bereicht, so dass sie sich keine all zu grossen Sorgen machen musste.
 

 
Sie erreichten Haus 2, und Kellys Aufregung war kaum noch auszuhalten. Sie redete innerlich beruhigend auf sich ein. Mr. Snyder ging die Treppe zur Veranda hinauf und erklärte, dass alle Häuser baugleich waren. Wenn es den beiden recht wäre, sei es eigentlich ausreichend, sich ein Objekt anzusehen. Kelly und Edward stimmten ihm zu. Mr. Snyder schloss die Haustür auf, und sie betraten das Objekt.
 

 
Die Häuser hatten drei Etagen. Mr. Snyder erläuterte die Aufteilung: „In jedem Haus befinden sich vier Appartements. Eines befindet sich im Erdgeschoss. Zwei sind im ersten Stock, und das vierte ist im zweiten Stock, samt Dachterrasse.“. Edward schrieb fleissig mit, so dass Kelly vorerst weiter mit ihrer Unruhe kämpfen konnte. Sie betraten das Appartement im Erdgeschoss. Die Wohnung war sehr gross, Kelly glaubte sich zu erinnern, dass in den Plänen etwas von 150 m² gestanden hatte. Sobald sich die Tür geöffnet hatte, wurde automatisch der Flur hell, durch eingebaute Halogenleuchten in der Decke, erleuchtet. Mr. Snyder erklärte, wie die Räume aufgeteilt waren. Sie gingen als erstes in die Küche, die schliesslich direkt mit dem Esszimmer verbunden war. Als sie von der Küche ins Esszimmer gingen, blieb Kellys Herz stehen. Dort hockte Andrew in einer Ecke und mass mit einem Zollstock die Länge der Seitenwand. „Aha!”, sagte Mr. Snyder als er Andrew erblickte. „Das ist der Mann, der dieses Wunder vollbracht hat.“. Andrew stand auf und drehte sich lachend um. Sein Lachen verschwand und wich einem Schock als er Kelly erblickte. Schnell versuchte er, seine Fassung zurück zu gewinnen. „Du übertreibst, Curt.“. Mr. Snyder stellte sie alle untereinander vor: „Miss Wilson, Mr. Jones. Das ist Andrew Fuller. Unser Projektleiter und Architekt.“. Edward gab Andrew als erster die Hand: „Angenehm.“. Kelly wusste nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Sie streckte Andrew ebenfalls die Hand entgegen. Dieser nahm sie wortlos. Die beiden blickten sich eine Sekunde lang in die Augen, und Kellys Herz schlug so laut, dass sie sicher war, jeder könne es hören. Da merkte sie, dass das Thema Andrew keineswegs für sie vorbei war. Doch sie hatte sich vorgenommen, professionell zu sein. Und das war sie. Sie schaffte es irgendwie, die Begehung hinter sich zu bringen. Zwar spürte sie immer wieder Andrews Blicke, doch sie war stark genug, ihn nicht anzusehen.
 

 
Nachdem die Begehung beendet war, begleiteten Andrew und Kelly Mr. Snyder in sein Büro. Edward nutzte die Zeit, um das Objekt zu fotografieren.
 

 
Mr. Snyder führte Kelly und Andrew in sein Büro. Sie setzten sich alle an einen Konferenztisch. Mr. Snyder sah Kelly an: „Also, Miss Wilson. Welchen Eindruck haben Sie?”. Kelly zwang sich, ihrer Stimme den nervösen Unterton zu nehmen, und antwortete selbstbewusst: „Es ist beeindruckend, Mr. Snyder. Sehr viel imposanter als die Pläne erahnen liessen. Aber eine Gegenfrage, wenn Sie erlauben. Welchen Eindruck haben Sie von unserem Angebot?“. Kelly lächelte ihn frech an. „Nun, Miss Wilson, es liegt nicht in meiner Hand, das zu entscheiden, aber ich werde bei der Geschäftsleitung anregen, Ihr Angebot anzunehmen. Denn es ist das günstigste und zugleich auch das beste.“. Kelly war begeistert. Mr. Snyder gab an, dass er das Angebot noch heute der Geschäftsleitung in Chicago vorlegen würde. Er ging davon aus, dass sich die Sache bereits in der kommenden Woche abschliessen liesse. „Haben Sie vielleicht noch technische Fragen an Mr. Fuller?“, fragte Mr. Snyder Kelly. Kelly sah Andrew an und glaubte, in seinen braunen Augen versinken zu müssen. „Nein,“, antwortete sie, „das ist das Metier von Mr. Jones. Wenn Sie vielleicht eine Karte hätten?“, fragte sie Andrew.
 
Dieser griff in seine Hemdtasche und gab Kelly schweigend eine Karte. Sie blickte darauf. Andrew Fuller, O’Donnell Constructions, 342 West Jackson Boulevard, Chicago, Architect in charge and project manager. Beeindruckend. Andrew hatte einen Karrieresprung gemacht. Bauleitender Architekt und Projektmanager. Sie war stolz auf ihn. Stolz blickte sie ihn an. Seine braunen Augen lächelten, auch wenn sein Mund sich keine Spur verzog. Sie war erleichtert. „Ich werde Mr. Jones Ihre Karte geben, dann kann er sich bei Ihnen melden, Mr. Fuller.“, sagte sie lächelnd zu Andrew.
 

 
Kelly verabschiedete sich von Andrew und Mr. Snyder und beschloss vor dem Objekt auf Edward zu warten. Sie ging mit einem guten Gefühl. Sie fühlte sich erleichtert. Es war, als hätte man ihr eine grosse Last von den Schultern genommen. Kelly lehnte sich an ihren Wagen und genoss die warmen Sonnenstrahlen. Sie schloss die Augen und sah sofort Andrew vor sich.
 

 
Plötzlich glaubte sie zu spüren, wie Andrew seine Arme um ihre Taille schlang, so wie er es schon unzählige Male getan hatte. Sie lächelte glücklich und genoss ihre Träumereien. Dann spürte sie, wie Andrews Mund sie zärtlich küsste. Sie schlang die Arme um seinen Hals und gab sich seinen Küssen hin, die sie solange vermisst hatte. Sie seufzte wohlig. Dann hörte sie ein Räuspern und öffnete die Augen. Sie öffnete ihre Augen und blickte in Andrews braune Augen. Er grinste sie an und drückte sie noch fester an sich: „Wie konnte ich Idiot es nur solange ohne Dich aushalten?“. Kelly lachte. „Du sagst es doch selbst! Du bist ein Idiot!“. Sie küssten sich wieder.
 

 
Da war sie wieder. Diese Vertrautheit. Die Sprache, die keiner Worte bedurfte. Eines war klar für Kelly. Sie würde ihn nie wieder gehen lassen...
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 26
 

 
Es war bereits nach 9 Uhr als Kelly am Samstagmorgen die Augen aufschlug. Müde reckte sie sich. Sie stand auf und ging erst mal ausgiebig duschen. Sie war glücklich. Sie war auf dem besten Weg, Andrew zurück zu gewinnen. Gestern hatten sie wehmütig Abschied nehmen müssen, da Andrew zu einem Seminar nach L. A. geflogen war. Er würde erst am kommenden Freitag zurückkehren. Sie seufzte als sie sich ihren Bademantel überzog. Aber was war eine Woche im Verhältnis zu den vielen Monaten, die sie ohne ihn war? Die Zeit würde im Nu verfliegen. Sie grinste.
 

 
Nachdem sie ausgiebig gefrühstückt und ihre Wohnung gereinigt hatte, beschloss Kelly die Post aus ihrem Briefkasten zu holen. Sie hatte schon seit Tagen nicht mehr nach Post gesehen. Sie schnappte ihre Schlüssel und rannte die Treppen runter. Sie öffnete den Briefkasten: Werbung, Werbung, Werbung...und da: zwei Briefe. Einer aus San Diego und der andere aus L. A. Ihr Herz begann zu rasen. Da waren sie. Die Antworten auf ihre Anfragen bezüglich ihrer Eltern.
 

 
Mit zitternden Händen schloss sie den Briefkasten ab und rannte die Treppe hoch. Völlig ausser Atem kam sie in ihrem Appartement an. Sie schmiss die Tür zu und warf die Schlüssel auf die Kommode. Sie warf die Werbung auf ihren Schreibtisch und griff zu ihrem Brieföffner. Dann liess Kelly sich in ihren Schaukelstuhl fallen. Sie überlegte. Sie war neugierig und ein wenig ängstlich. Sie hielt die Briefe in der einen und den Brieföffner in der anderen Hand.
 

 
Ach, was kann schon passieren, fragte sie sich. Sie verwarf ihre Zweifel und begann zuerst den Brief aus L. A. zu öffnen. Vorsichtig, damit auch nichts beschädigt würde, denn schliesslich hielt sie hier ein Stück ihrer Vergangenheit in den Händen, von der sie nichts wusste.
 

 
Ihr Herz raste. Kelly atmete einige Male tief durch, bevor sie sich durchrang, die Urkunde aus dem Umschlag zu nehmen. Sie begann vorsichtig zu lesen. Ihre Mutter hiess also Mary Lynn Smith und war am 28.02.1958 in L. A. geboren worden. Kelly runzelte nachdenklich die Stirn. Das würde bedeuten, dass ihre Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes erst 20 Jahre alt gewesen war. Tränen schossen ihr in die Augen. Als Kelly geboren wurde, war ihre Mutter gerade 16 Jahre alt gewesen. Kelly weinte eine Weile bis sie spürte, dass die Anspannung langsam aus ihrem Herzen wich.
 
Sie wischte sich die Tränen ab und putzte sich die Nase bevor sie weiter las. Ihre Großmutter hiess Ann Smith und war am 23.12.1937 geboren. Ihr Großvater hiess Daniel Carl Smith und war am 14.10.1920 geboren. Ihr Großvater war also 17 Jahre älter als ihre Großmutter gewesen. Einen Hinweis auf eine aktuelle Anschrift oder ob ihre Großeltern noch lebten konnte Kelly dieser Urkunde nicht entnehmen. Das bedeutete, dass sie wohl oder übel nochmal nach L. A. schreiben musste, um zu erfahren, was aus ihren Großeltern geworden war.
 

 
Kelly legte die Urkunde auf ihren Schreibtisch und griff nach dem zweiten Umschlag aus San Diego. Sie war nicht mehr ganz so aufgeregt und öffnete den Umschlag schnell. Sie faltete die Urkunde auseinander und begann zu lesen. Ihr Vater hiess Charles Wilson und wurde am 12.06.1954 in San Diego geboren. Sein Vater hiess Walter und war am 13.05.1928 geboren, seine Mutter hiess Katie und war am 27.03.1930 geboren. Auch diese Urkunde enthielt keinerlei Hinweise auf den Verbleib der Eltern, allerdings bemerkte sie, dass auf der Geburtsurkunde ihres Vaters auch die Eheschließung mit ihrer Mutter vermerkt war. Ihre Eltern hatten am 28.02.1974 geheiratet, also direkt am 16. Geburtstag ihrer Mutter. Kelly schloss die Augen und versuchte sich die damalige Situation vorzustellen. Alles deutete daraufhin, dass ihre Eltern geheiratet hatten, weil ihre Mutter ungewollt schwanger geworden war. Sie seufzte. Dann las sie weiter und fand sich selbst. Ihre Geburt war am 29.08.1974 eingetragen worden. Doch Kelly hielt sich das Dokument näher vor die Augen, um zu prüfen, dass sie sich nicht versehen hatte. Sie hiess nicht einfach nur Kelly Wilson. Sie hiess Kelly Ann Wilson. Ihre Eltern hatten ihr als zweiten Vornamen den Vornamen ihrer Großmutter gegeben.
 

 
Kelly bekam Gänsehaut und begann erneut zu weinen. Die ganzen Informationen weckten Gefühle in Kelly, die nur schwer mit Worten zu umschreiben sind. Es war keine Traurigkeit und irgendwie doch. Es war Freude über das Wissen, dass sie erlangt hatte. Es war Wehmut, nichts über ihre Vergangenheit gewusst zu haben. Sie legte auch diese Urkunde auf ihren Schreibtisch und stand auf, um sich einen Kaffee aus der Küche zu holen. Kelly kehrte zu ihrem Schaukelstuhl zurück und setzte sich wieder. Sie trank langsam ihren Kaffee und sah dabei auf den Michigansee hinaus.
 

 
Sie musste noch mehr erfahren. Ihre Neugier war geweckt. Was passierte dann? Warum hatten ihre Eltern in L. A. geheiratet und waren dann nach Texas gegangen, wo sie geboren wurde? Wo waren ihre Großeltern jetzt? Lebten sie noch? Viele Gedanken schossen Kelly durch den Kopf. Es war wie ein Zwang. Sie beschloss, sich sofort daran zu machen, die Social security (Sozialversicherung) zu kontaktieren, um zu erfahren, wo ihre Großeltern waren. Sie schrieb an die Hauptstelle in  Washington und schickte ihre Anfrage vorab per Email. Sie bat um schnelle Bearbeitung. Kelly war aufgeregt. Sie blickte zur Uhr. 15.30 Uhr. Die Post war noch geöffnet. Sie druckte das Anschreiben aus und zog sich schnell ihren Mantel und Turnschuhe über, um den Brief noch zur Post zu bringen. Was würde jetzt passieren? Sie hoffte inständig, dass ihre Großeltern noch lebten. Sie hatte Fragen. Viele Fragen.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 27
 

 
Wie Kelly vermutet hatte, verflog die Woche wie im Flug. Andrew und sie hatten abgemacht, nicht zu telefonieren, denn sie wollten all das, was zwischen ihnen passiert war, persönlich besprechen. Auch über die Dinge, die ihre beiden Leben inzwischen verändert hatten.
 

 
Andrew hatte Kelly gebeten, am Freitag bei ihm zu Hause zu warten, denn entgegen ihrer Vermutungen hatte Andrew die Schlösser nicht austauschen lassen. Kelly arbeitete bis spät abends, so dass sie am Freitag pünktlich mittags Feierabend machen konnte. Sie fuhr zu Andrew. Unterwegs hielt sie noch am Supermarkt, um einige Lebensmittel für das Wochenende einzukaufen.
 

 
Mit einem etwas mulmigen Gefühl betrat sie Andrews Wohnung. Sie zog die Schuhe aus und schaute im Schuhschrank auf dem Flur, ob ihre Pantoffeln noch da waren: sie waren. Glücklich nahm sie sie heraus und zog sie an. Sie hängte ihren Mantel auf und legte die Schlüssel auf die Ablage unter dem Spiegel der Garderobe. Sie brachte zuerst die Einkäufe in die Küche. Dann rannte sie durch die ganze Wohnung und schaute nach, ob sich in den letzten Monaten etwas verändert hatte. Aber nein. Sogar ihre Zahnbürste war noch in ihrem Becher im Bad. Ihr Shampoo, ihr Duschgel...alles war nach wie vor an seinem Platz. Sie war glücklich.
 

 
Es war bereits halb vier und Andrew hatte gesagt, dass er um 18.30 Uhr landen würde. Sie erwartete ihn gegen spätestens halb acht. Kelly ging in die Küche und begann damit, die Einkäufe zu verstauen. Dann bereitete sie eine Hähnchenpfanne mit Kartoffeln, Tomaten und Zucchini vor, die sie im Backofen zubereiten würde. Um halb fünf war die Auflaufform im Ofen, und Kelly begann damit, eine Zabaglione zu zaubern. Sie hatte sich noch nie an diese delikate Nachspeise gewagt. Melinda hatte ihr bereits vor einigen Wochen dieses Rezept gegeben. Kelly merkte gar nicht, wie schnell die Zeit verging, während sie so in der Küche werkelte.
 

 
Ein Blick in den Ofen, ein Blick auf die Uhr. Es war bereits nach sechs Uhr. Kelly nahm die Auflaufform aus dem Ofen und begann damit, die Speise mit Mozzarellascheiben zu belegen. Dann drehte sie den Ofen auf 150 °C herunter und beschloss, duschen zu gehen.
 

 
Während sie das warme Wasser über ihren Körper laufen liess, liefen ihr Tränen der Freude über die Wangen. Schicksal. Immer wieder dachte sie an die Worte ihrer besten Freundin Beth. Kelly hatte ihre erste Chance vertan. Dieses war ihre zweite. Sie wollte es dieses Mal auf gar keinen Fall verderben. Sie wollte Andrew. Es gab niemanden wie ihn, dessen war sie sich sicher.
 

 
Sie trocknete sich schnell ab und fönte ihre Haare. Dann ging sie ins Schlafzimmer, wo sie ihre Reisetasche abgestellt hatte. Sie wühlte darin und fand ihr neues, hellblaues Kleid. Es war einfach geschnitten und nicht sehr lang. Es endete kurz über dem Knie. Kelly suchte ihre neue Unterwäsche raus. Ein dunkelblauer Spitzen-BH mit passendem String. Darüber zog sie ihr neues Kleid. Ein kurzer Blick in den Spiegel, der sie siegessicher grinsen liess. Andrew würde ihr nicht widerstehen können...
 

 
Noch einmal zurück ins Bad, ein wenig Parfum. Perfekt. Schminken wollte sie sich nicht, denn Andrew hatte früher immer betont, wie bezaubernd er ihre natürliche Schönheit fand.
 

 
Ein Blick auf die Uhr. 19.10 Uhr. Sie rannte in die Küche. Sie öffnete den Ofen und stellte fest, dass das Essen fast fertig war. Sie drehte den Ofen aus. Schnell begann Kelly, ein wenig Salat zuzubereiten. Dann deckte sie den Tisch, stellte noch Brot dazu und holte die Auflaufform aus dem Ofen. Sie richtete zwei Teller an und stellte sie zum Warmhalten in den Ofen, als sie auch schon Andrews Schlüssel im Schloss hörte. Schnell rannte sie auf den Flur, wo er auch schon strahlend vor ihr stand. Er liess seinen Koffer fallen und hielt seine Arme auf. Kelly fiel ihm um den Hals, und Andrew hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Sie küssten sich. Immer und immer wieder.
 

 
Andrew hob sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. Er legte Kelly auf’s Bed. Sie lag da und sah ihn an. Wie gut er doch aussieht, dachte sie, während sie ihn dabei beobachtete, wie er nicht schnell genug seine Klamotten ausziehen konnte. Sein Jackett lag auf der Erde, die Schuhe hatte er sich schon abgestriffen...er knöpfte sein Hemd auf und warf es achtlos auf den Boden. Dann zog er noch schnell seine Hose aus und legte sich in Shorts zu Kelly.
 

 
Ihr Herz raste wie vor dem ersten Mal. Verglichen mit der Zeit, die inzwischen vergangen war, schien es das erste Mal zu sein. Andrew beugte sich über sie und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er lächelte. Er küsste sie vorsichtig und zärtlich. „Ich liebe Dich, Kelly. Weißt Du wie sehr?“, fragte er sie. „Nein,“, hauchte sie, „komm und zeig es mir!“.
 
Sie hätte nie geahnt, dass es möglich ist, dass nicht nur zwei Körper, sondern auch zwei Herzen beim Sex eines werden konnten.
 

 
Kelly erlebte die Höhepunkte ihres Lebens und fragte sich immer wieder, wie dumm sie gewesen war, Andrew gehen zu lassen. Und wie glücklich und dankbar sie dafür war, ihn wieder zu bekommen.
 

 
Sie standen zusammen unter der Dusche und grinsten sich an, wie zwei verliebte Teenager. Immer wieder zog er sie an sich und küsste sie...
 

 
Kelly war als erste fertig und beschloss nachzusehen, ob das Essen noch geniessbar war. Sie hatten immerhin zwei Stunden im Bett verbracht. Sie griff nach den Topflappen an der Wand und holte die beiden Teller aus dem Ofen. Das Essen sah noch gut aus. Sie trug die Teller ins Esszimmer und ging zurück in die Küche, um den Wein zu holen. Als sie mit der geöffneten Weinflasche ins Esszimmer kam, sah Andrew sie an wie ein kleiner Junge, der bei etwas Verbotenem überrascht worden war. Fragend blickte sie ihn an. Er schüttelte unschuldig den Kopf. Sie sah auf seinen Teller und erkannte, dass er bereits genascht hatte. Kelly lachte und auch Andrew hatte Mühe, vor Lachen nicht an dem Stück Brot in seinem Mund zu ersticken. So saßen die beiden einfach da, aßen und sahen sich dabei immer wieder tief in die Augen.
 

 
„Hm, das war echt lecker, Baby!“, sagte Andrew, „Gehen wir jetzt wieder ins Bett?“. Er grinste Kelly anzüglich an. Sie lachte. „Das könnte Dir so passen, räum lieber den Tisch auf!“. Kelly hob drohend den Zeigefinger und Andrew zog den Kopf ein und nickte: „Sehr wohl, Ma’am. Wenn Sie dann schon einmal mit den Gläsern und dem Wein im Wohnzimmer Platz nehmen würden?“. Kelly tat erhaben, nickte zustimmend und verschwand im Wohnzimmer.
 

 
Sie stellte die Gläser und den Wein auf den Tisch und machte Kuschelmusik an. Dann setzte sie sich auf die Couch und wartete auf Andrew, der sich kurze Zeit später zu ihr gesellte. Er ging zum Kamin und zündete ein Feuer an. Dann stellte er zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an.
 

 
Schliesslich setzte er sich zu ihr und zog sie in seinen Arm. Kelly schloss glücklich die Augen und legte ihren Kopf an seine Schulter. Eine Weile blieben die beiden schweigend vor dem Kaminfeuer sitzen, und jeder genoss den Augenblick auf seine Art.
 

 
Andrew küsste Kelly auf’s Haar. „Wollen wir reden, Baby?“, fragte er vorsichtig. Kelly atmete tief an und antwortete: „Ja, Schatz, wir wollen.“. Sie küsste ihn am Hals und löste sich langsam aus seinem Arm. Sie setzte sich im Schneidersitz auf das Sofa und griff nach ihrem Weinglas. Andrew tat es ihr nach. Sie stießen an. „Auf uns, Baby!“, sagte Andrew lächelnd. „Auf uns!“, erwiderte Kelly. Sie tranken einen Schluck. Andrew nahm Kelly ihr Glas ab und stellte beide Gläser auf den Tisch.
 

 
Sie sahen sich fragend an und begannen zu lachen. „Du zuerst!“, sagten sie gleichzeitig und mussten noch mehr lachen. Kelly rannen bereits Tränen über die Wangen. Langsam beruhigten sich die beiden. Andrew sagte: „Okay, ich fange an.“. Er stand auf und ging zu seinem Wohnzimmerschrank. Er öffnete eine Schublade, holte etwas heraus und kehrte zu Kelly zurück. Er legte den Brief auf den Tisch, den Kelly ihm vor einigen Wochen geschickt hatte. Sie konnte erkennen, dass der Brief nicht geöffnet worden war.
 

 
Andrew räusperte sich und schien unsicher zu sein. Kelly legte beruhigend ihre Hand auf seine. Er lächelte zaghaft. „Nun, ich habe Deinen Brief nicht geöffnet. Ich hatte Angst vor dem, was mich erwartet, wenn ich ihn lesen würde. Es war nicht einfach für mich, Deine Entscheidung zu akzeptieren. Ich habe sie gar nicht akzeptiert. Vermutlich hast Du mir mit diesem Brief Gründe für Deine Entscheidung mitgeteilt...und genau die wollte ich nicht lesen!“, erklärte Andrew. Er sah Kelly fragend an. „Bist Du denn jetzt bereit dafür?“, fragte sie ihn. Andrew atmete schwer, nickte aber zustimmend. „Ja, Baby, das bin ich.“.
 

 
Kelly lehnte sich zurück und begann von ihrer Kindheit zu erzählen. Andrew hörte ihr aufmerksam zu. Auch von den jüngsten Ereignissen hinsichtlich Kellys Reise in ihre Vergangenheit berichtete sie Andrew. Zwischendurch wurde sie immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt. Jedesmal nahm Andrew sie in den Arm und wiegte sie hin und her. Er unterbrach ihre Erzählung nicht ein einziges Mal. Als Kelly damit fertig war, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, sagte Andrew erst einmal gar nichts, sondern grübelte.
 

 
Schliesslich sagte er: „Das ist schlimm. Das ist alles sehr schlimm. Ich bin ein Ignorant. Ich habe nur an mich gedacht, als ich Dich fragte, ob Du meine Frau werden willst. Und jetzt, wo ich Deine Geschichte kenne, da verstehe ich auch, warum Du Angst bekommen hast.“. Er zog sie zu sich und küsste sie zärtlich. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und sagte: „Jetzt brauchst Du aber keine Angst mehr haben. Ich laufe Dir nicht wieder weg. Und wenn das Schicksal es gut mit uns meint, dann werden wir auf jeden Fall zusammenbleiben.“.
 

 
Da war es wieder. Dieses Wort. Schicksal.
 

 
Als Kelly und Andrew ins Bett gingen, dämmerte es draußen bereits. Doch es war Wochenende, und wen sollte es stören, wenn sie bis zum Mittag im Bett bleiben würden.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 28
 

 
Als Kelly am Samstag erwachte fühlte sie sich seit Wochen zum ersten Mal wieder glücklich und freute sich darauf, was der Tag bringen würde. Sie blickte zur Seite. Andrew war bereits aufgestanden. Sie setzte sich auf die Bettkante und streckte sich.
 

 
Kelly zog ihren Bademantel über und ging auf den Balkon. Es war zwar kalt, aber die Sonne schien. Sie genoss die frische Luft und hielt ihr Gesicht der Sonne entgegen. Plötzlich legte Andrew von hinten einen Arm um ihre Taille und hielt ihr eine Tasse heißen, dampfenden Kaffee unter die Nase. „Hm,“, machte Kelly, als sie daran roch, „Du bist mein Engel, weißt Du das?“. Sie drehte ihr Gesicht zu Andrew, der sie dann auf die Nasenspitze küsste. „Ich weiss, Baby, ich bin der Größte.“, sagte er lachend. Er merkte, wie sie vor Kälte zu zittern begann. Er zog sie am Arm: „Du solltest den Kaffee vielleicht drinnen trinken, es ist ganz schön kalt hier oben!“. Kelly nickte und folgte Andrew nach drinnen. Sie gingen in das Esszimmer und setzten sich an den Tisch.
 

 
Andrew hatte Frühstück zubereitet, und Kelly machte sich sofort über ihre Eier und den Speck her. Er war wirklich der Größte! Sie lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Und beide genossen schweigend ihr Frühstück.
 

 
Es ist schön, mit ihm zu reden, dachte Kelly, aber es ist genauso schön, mit ihm zu schweigen. Und obwohl Kelly wahrlich keine Liebesgöttin war und es ihr sicherlich an Erfahrung auf diesem Gebiet mangelte, so war sie sicher, dass es genau dieses Schweigen war, an dem sich wahre Liebe erkennen liess.
 

 
Nachdem sie mit dem Frühstück fertig waren, fragte Andrew sie: „Hast Du Pläne für heute, Baby?“. Kelly überlegte kurz. „Ehrlich gesagt, nein. Ich dachte, wir würden heute unsere Aussprache fortsetzen.“, antwortete sie und sah ihn ein wenig ängstlich an. „Gern,“, erwiderte Andrew, „ich muss Dir auch noch unheimlich viel erzählen. Spring Du unter die Dusche, und ich räume kurz hier auf. Dann treffen wir uns auf unserer Couch, oder was meinst Du?“. Er zwinkerte ihr zu. Kelly stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann ging sie ins Bad.
 

 
Als sie in ihrem Jogginganzug, frisch geduscht, ins Wohnzimmer kam, sass Andrew bereits auf der Couch. Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kaffee. Kelly setzte sich zum ihm. Er zog sie auf seinen Schoss und blickte ihr in die Augen. Dann küssten sie sich. Wie lange, wusste Kelly nicht. Nur, dass ihr wahnsinnig heiss in ihrem Jogginganzug wurde. Sie zog sich aus und öffnete Andrews Hose. Mit wenigen Griffen hatte sie sein bestes Stück in der Hand. Erstaunt sah Andrew sie an. Kelly konnte selbst nicht glauben, was sie tat. Sie setzte sich auf ihn und mit einem Zug war er in sie eingedrungen. Er umfasste ihre Hüften und warf den Kopf in den Nacken. Andrews Augen waren geschlossen, und seine Erregung sorgte dafür, dass auch Kelly nach wenigen Minuten den Gipfel der Lust erreichte...Atemlos liess sie ihren Kopf auf seine Schulter fallen. Sie zitterte, und Andrew zog sie fest an sich.
 

 
Er löste sich sanft von ihr und küsste sie. „Verdammt,“, hauchte er noch immer atemlos, „Du machst mich wahnsinnig!“. Sie lachte. „Genau das will ich, Mr. Fuller. Ich mache mich unentbehrlich. Tolle Taktik, hm?“. Er küsste sie wieder und wieder. Schliesslich gingen die beiden zusammen duschen. Danach sassen sie wieder in ihren Bademänteln auf der Couch. Kelly fröstelte es ein wenig, und Andrew legte ihr eine Wolldecke über die Beine. „Ich hole uns frischen Kaffee, dieser dürfte wohl kalt sein!“, sagte er grinsend. Sie lächelte ihn dankbar an.
 

 
Während sie auf Andrew wartete, fragte sich Kelly, ob sie vielleicht träumte? War das, was sie gerade erlebte, wirklich real? Sie kniff sich in den Arm. Die rote Stelle, die ihr Kneifen hinterliess, sprach dafür, dass sie nicht träumte.
 

 
Andrew kam zurück und reichte Kelly ihre Tasse. Seine stellte er auf dem Tisch ab. Dann setzte er sich an das andere Ende der Couch und schob seine Beine mit unter ihre Decke. Sie sahen sich an. Sie sahen sich glücklich an. Nach einer Weile des liebevollen Schweigens begann Andrew zu reden: „Es ist toll, dass wir wieder zusammen sind. Es tut mir leid, dass ich damals so überreagiert habe. Aber ich werde Dir jetzt auch einiges erzählen. Vielleicht kannst Du mich dann genauso gut verstehen wie ich Dich jetzt verstehen kann.“.
 

 
Kelly lehnte sich zurück, umfasste ihre Tasse mit beiden Händen und wartete gespannt auf Andrews Erzählung. Er begann mit seiner Kindheit, die im Großen und Ganzen sehr harmonisch verlaufen war. Seine Eltern waren bis heute unzertrennlich, und Andrew war in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen. Kelly freute sich, dass Andrew eine so schöne Kindheit gehabt hatte, sah jedoch auch noch bewusster auf ihre verkorkste Kindheit.
 

 
Andrew erzählte, dass seine Eltern ein grosses Haus bauten, das von viel Land umgeben war. Die beiden wollten ursprünglich eine Farm anlegen, aber seine Mutter wollte unbedingt den Traum Köchin zu sein verwirklichen.
 

 
Als Andrew und seine Brüder alt genug waren, um sich nach der Schule selbst zu versorgen, begann seine Mutter eine Ausbildung zur Köchin. Seit einigen Jahren war sie nun schon in einem Restaurant auf Tybee Island als Köchin tätig. Tybee Island war eine Halbinsel, die ca. eine Stunde von Savannah entfernt liegt. Das Restaurant, in dem Andrews Mutter arbeitete, lag in einem mehr als 250 Jahre altem Leuchtturm. Andrews Augen strahlten so vor Begeisterung während seiner Erzählungen, dass Kelly sich vor ihrem geistigen Auge all diese Dinge ausmalte.
 

 
Andrews Mutter hiess Linda und sein Vater John. Seine beiden Brüder, Joey und Steve, waren jünger als Andrew. Steve war jetzt 29 Jahre alt und Joey würde im Sommer 24 Jahre alt. Joey lebte noch bei den Eltern. Steve war bereits seit drei Jahren verheiratet und hatte eine kleine, zweijährige Tochter Rose. Seine Frau hiess Carrie. Andrew betonte immer wieder, wie harmonisch das Zusammenleben sei. Auch wenn er seine Familie nun seit längerem nicht mehr gesehen hatte, so telefonierten sie doch alle regelmässig.
 

 
Andrew erzählte Kelly von seiner Schul- und Collegezeit. Dann kam er zu dem Thema Liebe. Jetzt wurde es für Kelly noch interessanter, wo sie sich doch quasi seelisch vor ihm entblösst hatte. Andrew erzählte von seiner Jugendliebe, Collette Flannagan, ein Mädchen, mit dem er schon zur Schule gegangen war. Es war für ihn – damals – und auch für die Eltern von Andrew und Collette eine zwangsläufige Schlussfolgerung, dass die beiden eines Tages heiraten würden. Das dachten auch Andrew und Collette. Denn, was als Sandkastenfreundschaft anfing, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer tiefen Liebe. Andrews Miene verdüsterte sich. Kelly bekam Angst, denn augenscheinlich war es für Andrew nicht leicht, darüber zu sprechen. Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch und legte ihre Hände auf seine Beine. Sie sah ihn verständnisvoll an und sagte mit ruhiger Stimme: „Liebling, es ist okay, wenn Du nicht darüber reden kannst.“. Andrew atmete schwer. Er sah Kelly an. Tränen waren ihm in die Augen gestiegen. Er räusperte sich: „Nein, Baby. Wir wollen alle Geheimnisse aus dem Weg räumen, wir wollen doch nach vorn blicken, oder?“. Obwohl Kelly nicht wusste, wie die Geschichte weiter ging, stiegen ihr Tränen des Mitleids in die Augen, als sie Andrew so wie ein Häufchen Elend vor sich sitzen sah. Nun wartete sie gespannt, wie es weitergehen würde.
 

 
„Ja, und dann war da dieser Tag im Mai. Ich weiss gar nicht mehr, wie lang es her ist? Ich denke, ich war wohl 22 oder 23 Jahre alt. Auf jeden Fall führten wir eine Fernbeziehung, weil ich schon auf dem College war. Ich hatte mir einen Arm gebrochen und war für ein paar Tage nach Hause gefahren.“. Andrew stockte. Er setzte sich auf und atmete schwer. Kelly sah ihn ängstlich an. „Ist schon okay, geht gleich wieder....“, stammelte Andrew. Er atmete einige Male tief durch und erzählte weiter.
 
„Naja, wie gesagt, ich kam dann nach Hause. Und, um es kurz zu machen, ich fand meinen Bruder Steve, der ja gerade mal 19 Jahre alt war, mit Collette im Bett.“.
 
Kelly riss schockiert die Augen auf.
 
„Ja,“, sagte Andrew verächtlich, „genauso wie Du jetzt habe ich auch geguckt. Ich bin erst mal durchgedreht. Ich habe sie geschlagen, ich habe ihn geschlagen, ich war völlig von der Rolle. Dann bin ich zu meinem Auto gelaufen und einfach drauf los gefahren.“. Andrew schluckte wieder und kämpfte gegen seine Tränen an.
 

 
„Collette und Steve folgten mir und haben versucht, mich zu überholen oder neben mir zu fahren, um mich zum Anhalten zu überreden. Ich habe sie keines Blickes gewürdigt. Ja, und dann war da diese Rechtskurve. Steve verlor die Kontrolle über den Wagen und fuhr gegen einen Baum.“.
 
„Oh mein Gott!“, schrie Kelly und hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Andrew blickte sie an, Tränen rannen über seine Wangen, er schluchzte.
 

 
Kelly setzte sich auf und zog ihn an sich. Sie nahm ihn in den Arm und liess ihn weinen. Sie drückte ihn fest an sich und streichelte ihm die ganze Zeit über den Rücken. Es dauerte, bis Andrew sich wieder fangen konnte.
 

 
Kelly stand auf, um die Kleenexbox aus dem Bad zu holen. Andrew putzte sich die Nase und wischte sich sein Gesicht ab. Dann atmete er erleichtert aus. „Das tat so gut, nach all den Jahren....“, sprach er mit noch immer tränenerstickender Stimme. Kelly legte behutsam ihre Hand auf seinen Arm: „Ist alles okay, Liebling?“. Er küsste sie und zwang sich zu einem Lächeln.
 

 
„Collette war sofort tot. Steve lag wochenlang im Krankenhaus. Und alles war meine Schuld.“. Andrew stützte seine Ellenbogen auf seine Beine und legte seinen Kopf in seine Hände. Kelly weinte leise und streichelte Andrew wieder beruhigend über den Rücken.
 

 
„Was sich dann abspielte, kann ich Dir gar nicht mehr genau sagen. Ihre Eltern sind durchgedreht. Sie wollten mich und meinen Bruder wegen Mordes vor Gericht bringen.“, erzählte Andrew weiter. Schliesslich winkte er ab: „Es war eine harte Zeit für mich. Ich bin dann wieder zurück nach New York und vier Jahre nicht mehr nach Savannah gefahren. Irgendwann rief meine Mom dann an und erzählte mir, dass Mr. und Mrs. Flannagan weg gezogen seien und genug Gras über die Sache gewachsen sei. Mit meinem Bruder Steve rede ich erst seit seiner Hochzeit wieder. Unser Verhältnis ist nicht gut, aber okay. Seine Frau weiss von all dem nichts, glaube ich.“, sagte er und zuckte mit den Schultern.
 

 
Er blickte Kelly traurig aus seinen verweinten Augen an: „Siehst Du, Baby? Auch ich habe Angst. Angst, Dich zu verlieren.“. Kelly rutschte noch näher an ihn ran und küsste ihn. Sie sagte zärtlich: „Du brauchst keine Angst haben. Ich werde Dich niemals betrügen. Ganz egal, was zwischen uns passieren wird!“. Er lächelte sie dankbar an.
 

 
Danach folgte eine stürmische Zeit in Andrews Leben. Er fühlte sich unfähig zu lieben und befriedigte mit vielen Frauen nur seinen Sexualtrieb. Aber er betonte, immer ehrlich gewesen zu sein. „Ich habe nie einer mehr versprochen, ich habe klar gesagt, dass ich einer von den Typen bin, die nach einer Nacht nie wieder anrufen.“, sagte er mit einem entschuldigen Blick zu Kelly, die ihn sehr ernst ansah. „Aber Baby, Du glaubst gar nicht, wie viele Frauen in New York oder auch in Savannah überhaupt nicht gestört hat!“, sagte er grinsend. Sie buffte ihn liebevoll in die Seite.
 

 
„Aber dann kamst Du. Und alles war auf einmal wieder so einfach. Ich konnte nichts dagegen tun. Ich wollte alles und zwar sofort. Es war nicht fair, Dich nicht zu fragen, was Du willst. Als Du mich zurückgewiesen hattest, sah ich Collette vor mir. Dieses Bild hatte ich lange Zeit verdrängt.“. Andrew atmete erleichtert aus, stand auf und streckte sich. Er schaute auf seine Armbanduhr. „Baby, weißt Du, dass es gleich schon wieder fünf Uhr ist? Wir haben gar nichts gegessen!“. Kelly stimmte ihm zu. Sie sagte: „Wir haben noch genug von gestern. Komm wir gehen in die Küche und machen uns das Essen warm....“.
 

 
Sie gingen in die Küche, wärmten sich ihr Essen in der Mikrowelle auf und sassen dann im Esszimmer. Sie sahen sich an, redeten jedoch nicht. Jeder von ihnen hatte heute sehr viel gehört. Beide waren sie damit beschäftigt, die Worte des anderen zu verarbeiten und zu realisieren.
 

 
Kelly fühlte sich frei. Sie hatten alles gesagt, was es zu sagen gab. Jeder hatte seine Gefühle geäußert, so dass ihrem wirklichen Neuanfang nun nichts mehr im Wege stand.
 

 
Nach dem Essen räumte Kelly die Küche auf und Andrew fuhr in die Videothek, um einige DVD auszuleihen, die sie sich dann kuschelnd vor dem Kamin ansehen wollten.
 

 
Den Rest des Wochenendes verbrachten Kelly und Andrew weniger mit Reden als damit, ihre neue, alte Liebe zu geniessen.
 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 29
 

 
Die Wochen vergingen. Andrew war wegen eines neuen Bauvorhabens unter der Woche in San Francisco und kam nur am Wochenende nach Hause. Kelly arbeitete an ihrer Karriere und saß oft bis nach neun Uhr abends im Büro.
 

 
Die beiden verbrachten jede freie Minute miteinander, und Kelly stellte fest, dass sich bereits fast all ihre Kleidung in Andrews Kleiderschrank befand. Manchmal schlief sie bereits in der Woche allein bei Andrew. Sie hatte sich an sein grosses Appartement gewöhnt und fühlte sich irgendwie eingeengt in ihrer kleinen Wohnung.
 

 
So auch an diesem Montagabend im Mai. Sie sass auf dem Balkon und telefonierte mit Andrew.
 
„Was machst Du gerade, Baby?“, fragte Andrew neugierig. „Ich sitze auf Deinem Balkon und geniesse die laue Luft!“, erwiderte Kelly.
 
Andrew seufzte am anderen Ende der Leitung: „Ach, wie gerne wäre ich jetzt bei Dir...“.
 
Kelly tröstete ihn: „Noch dreimal schlafen, Schatz! Dann sehen wir uns...“. Sie kicherten beide. „Sag mal, macht es Dir etwas aus, wenn wir am Wochenende Beth zu uns einladen?“, fragte Kelly. „Nein,“, antwortete Andrew, „ich warte ja schon lange genug darauf, die Schicksalsfrau kennen zu lernen.“. Kelly freute sich. Beth war wie eine Schwester für sie, und es war wichtig für Kelly, dass die beiden sich kennen lernten. „Toll, dann lade ich sie für’s Wochenende ein.“, sagte Kelly erfreut. „Ja,“, meinte Andrew, „und ich lade meinen Kollegen Tom ein, der ist genauso durchgeknallt. Vielleicht können wir die beiden verkuppeln?“. Kelly war begeistert. Sie würde Beth allerdings vorwarnen müssen, denn die war gar nicht so begeistert von Verkupplungsaktionen.
 

 
Sie verabschiedete sich von Andrew und nach unzähligen Küssen, die sie sich durch den Hörer ins Ohr gehaucht hatten, legte Kelly auf. Sie sah auf die Uhr. Es war erst kurz vor halb zehn, sicher wäre Beth noch wach. Sie wählte ihre Nummer und nach dem dritten Klingeln meldete sie sich.
 

 
„Ich bin’s!“, meldete sich Kelly.
 
„Ich lege sofort auf, ich rede nicht mit fremden Personen!“, sagte Beth schmollend.
 
„Ich weiss, ich habe Dich sehr vernachlässigt in letzter Zeit!“, versuchte Kelly sich zu entschuldigen.
 
„Also vernachlässigt ist ja noch milde ausgedrückt. So genug jetzt, was gibt es neues?“, fragte Beth. Die beiden lachten und führten dann ein typisches Frauengespräch. Als die beiden sich verabschiedeten war es nach Mitternacht. Beth freute sich über die Einladung von Andrew und Kelly und war auch dem Kollegen nicht abgeneigt, schliesslich habe sie seit Monaten „nichts“ auf der Bettkante sitzen gehabt. Kelly schüttelte den Kopf als sie an ihre Freundin dachte.
 

 
Kelly legte sich schlafen. Das große Bett von Andrew war zwar schön, doch ohne ihn fühlte Kelly sich ein wenig verloren darin. Sie wachte mehrmals in der Nacht auf. Schliesslich stand sie um fünf Uhr auf. Sie ging unter die Dusche, machte sich einen Kaffee und beschloss vor der Arbeit nochmal bei sich zu Hause vorbei zu fahren, um nach Post zu sehen.
 

 
Als sie ihren Briefkasten zu Hause öffnete, fiel ihr sofort das Schreiben der Social security in die Hände. Ihre Großeltern! Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Sie blickte auf den Brief in ihrer Hand. Sie schloss den Briefkasten wieder ab, ohne zu bemerken, dass sie die restliche Post gar nicht heraus genommen hatte. Kelly stand regungslos im Treppenhaus und starrte auf den Brief in ihrer Hand. Nach einer Weile sah sie auf ihre Armbanduhr. Es war erst 6.30 Uhr. Sie hatte also noch genügend Zeit, bis sie ins Büro musste. Sie beschloss in ihre Wohnung zu gehen, um den Brief zu öffnen. Mit jeder Stufe, die Kelly hinaufstieg, fing ihr Herz stärker zu pochen an. Sie war aufgeregt. Es fiel ihr schwer, die Wohnungstür zu öffnen, so sehr zitterten ihre Hände. In wenigen Sekunden würde sie wissen – vielleicht wissen – ob ihre Großeltern noch lebten oder vielleicht sogar, wo sie noch lebten.
 

 
Die Wohnungstür öffnete sich, und Kelly konnte nicht schnell genug in ihr Appartement gelangen. Sie warf die Tür hinter sich ins Schloss, schaltete das Licht auf dem Flur an und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Küchentisch und legte den Brief vor sich. Sie überlegte den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie den Umschlag förmlich zerriss.
 

 
Sie öffnete das gefaltete Blatt:
 

 
Sehr geehrte Miss Wilson,
 
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir die von Ihnen gesuchten Familienangehörigen ausfindig machen konnten.
 

 
Folgende Daten können wir Ihnen übermitteln:
 

 
Walter Wilson, geboren am 13.05.1928 in New York, USA, und Ehefrau, Katie Wilson, geborene Lane, geboren am 27.03.1930 in Birmingham, Großbritannien, sind aktuell wohnhaft an der Anschrift, 3647 Scott Street, San Diego, CA 92106.
 

 
Daniel Carl Smith, geboren am 14.10.1920 in San Antonio, USA, ist verstorben am 27.11.1985 in Austin, Texas, USA. Seine Ehefrau, Ann Smith, geborene Carter, geboren am 23.12.1937 in Dallas, Texas, ist wohnhaft an der Anschrift, 1552 East Avenue, Austin, TX 78722.
 

 
Wir hoffen, Ihnen geholfen zu haben und stehen Ihnen für weitere Rückfragen gern zur Verfügung.
 

 
Mit freundlichen Grüssen, ...bla bla bla.
 

 
Kelly fühlte ein beklemmendes Gefühl in der Brustgegend. Sie legte den Brief auf den Tisch, legte sich eine Hand auf den Oberbauch und zwang sich, ruhig zu atmen. Sie kannte dieses Gefühl. Eine Panikattacke. Nicht die erste in ihrem Leben.
 

 
Wow, sie war überwältigt. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ihr Großvater war tot. Schade. Ihre Großmütter und ihr Großvater väterlicherseits lebten. Wow. Was sollte sie jetzt mit den neu gewonnen Erkenntnissen anfangen? Ihr wurde übel. Schnell rannte sie ins Bad, um sich zu übergeben. Es war furchtbar mit ihrem Reizmagen. Sie wusch sich das Gesicht und konnte sich ein glückliches Grinsen nicht verkneifen, als sie ihr Spiegelbild anstarrte. Wow, Kelly Ann Wilson. Du hast Großeltern. Blutsverwandte, echte Großeltern.
 

 
Kelly war nicht mehr zu bremsen. Sie rannte zurück in die Küche und kramte ihr Handy aus ihrer Handtasche. Sie wählte Donnas Handynummer. „Guten Morgen, Kelly, was gibt es so früh?“, grummelte Donna am anderen Ende. Kelly war völlig ausser sich. „Ähm, Morgen, sorry, Donna...ähm, ich muss weg, Familienangelegenheit, ich brauche dringend Urlaub...“, stammelte Kelly verwirrt, „sag Ian, mein Großvater ist tot!“. Kelly musste sich ein Lachen verkneifen. Sie hatte nicht gelogen! „Okay, okay...kann ich Dich auf dem Handy erreichen, falls irgend etwas Wichtiges ist?“, fragte Donna. „Ja, klar, jederzeit! Mach’s gut!“, sagte Kelly und ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung fast.
 

 
Okay, das hatte sie geregelt. Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn über die Couch. Dann ging sie in die Küche, um sich Kaffee zu kochen. Während der Kaffee durchlief ging sie ins Wohnzimmer, um zu telefonieren. Kelly wählte eine Nummer und am anderen Ende ertönte eine männliche Stimme: „United Airlines, guten Tag!“.
 
„Guten Morgen, ich benötige eine Flugauskunft. Ich müsste noch heute nach Austin, Texas.“.
 

 
Es war verrückt, was sie tat. Das wusste Kelly. Doch jetzt oder nie, sagte sie sich. Während sie auf das Taxi wartete, trank sie schnell einen Kaffee, warf ein paar Sachen in eine Reisetasche und machte sich bereit für die erste, grosse Reise in ihrem Leben: eine Reise in die Vergangenheit!
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 30
 

 
Kelly blickte aus dem Fenster hoch über den Wolken. Das ist grandios, fast wie schwerelos zu sein, dachte Kelly. Es war ihr erster Flug. Sie hatte noch nie in einem Flugzeug gesessen. Zwar hatte sie Angst gehabt, doch jetzt, wo sie schon knapp eine Stunde in der Luft war, fand sie es einfach nur beeindruckend und phänomenal. Sie würde in einer halben Stunde in Denver landen, von wo aus sie um 11.00 Uhr weiterfliegen würde nach Austin. Um 13.30 Uhr würde sie in Austin landen.
 

 
Sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Kelly hatte keine Ahnung, was sie hier eigentlich wollte. Das heisst, sie wusste schon, was sie wollte. Sie wollte ihre Familie kennenlernen, ihre Wurzeln finden. Aber war dieses der richtige Weg? Ihre Großmutter war fast 70 Jahre alt, und Kelly wollte ihr keinen Schrecken einjagen. Angst vor Abweisung hatte sie nicht, denn sie war ihr ganzes Leben lang allein gewesen und hatte somit nichts zu verlieren.
 

 
In Denver nutzte sie die kurze Pause, um sich ein Sandwich zu besorgen. Sie hatte noch nichts gegessen, und der Flug war ihr ein wenig auf den Magen geschlagen. Während sie in der Wartehalle sass, beschloss sie Andrew anzurufen. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und wählte seine Handynummer.
 

 
„Hallo meine Schönheit! Wie komme ich zu der Ehre, am helllichten Tage etwas von Dir zu hören?“, hörte sie Andrews Stimme am anderen Ende.
 
Kelly lachte: „Nun, mein Engel, das liegt daran, dass ich gerade in Denver bin!“. Stille am anderen Ende. „Hallo? Bist Du noch da?“, fragte Kelly.
 
„Ähm, ja. Was machst Du denn in Denver, Baby?“, fragte Andrew erstaunt. Kelly umriss kurz die neuesten Ereignisse, und Andrew freute sich mit ihr. „Ich liebe Dich, meine Süsse. Ruf mich heute abend an, ja? Sonst mache ich mir Sorgen! Ich wünsche Dir viel Glück!“, verabschiedete sich Andrew. Kelly versprach, ihn abends anzurufen und legte auf.
 

 
Während sie ihr Sandwich aß, stellte sie sich ihre Großmutter vor. Doch es wollte kein Bild entstehen. Sie war viel zu nervös und aufgeregt. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste. In nur knapp drei Stunden würde sie in Austin sein. Einen grossen Schritt näher an ihrer Identität. Sie hatte sich ein Zimmer im Holiday Inn in Austin gebucht. Leider musste sie in drei Tagen zurückfliegen, da keine anderen Flüge verfügbar waren. Sie hoffte, dass dieses ein Anfang war. Sie grinste in sich hinein. War das Schicksal?
 

 
Auf dem Flug nach Austin machte Kelly ein kleines Nickerchen. Als sie in Austin landete war sie ruhig und entspannt. Nachdem sie ihr Gepäck geholt hatte, verliess sie den Flughafen und hielt nach einem Taxi Ausschau. Soll ich jetzt erst ins Hotel oder gleich zu meiner Großmutter, fragte sich Kelly. Sie beschloss erst einmal ihr Gepäck loszuwerden, stieg in ein wartendes Taxi und liess sich ins Holiday Inn chauffieren.
 

 
Kelly hatte ein Einzelzimmer gebucht. Es lag im fünften Stock des Hotels, und sie hatte einen Ausblick auf den Town Lake Park. Sie öffnete weit die Fenster und sog frische Luft ein. Ihr Herz pochte. Sie hatte das Gefühl, dass diese Geschichte sehr viel mehr war, als sie bis heute erlebt hatte. Sie ging ins Bad und machte sich frisch. Danach zog Kelly sich um. Sie schlüpfte in ein rosa T-Shirt, eine Jeans und Turnschuhe. Ihre Jeansjacke band sie sich locker um die Taille. Dann verliess sie ihr Zimmer und liess sich an der Rezeption ein Taxi rufen.
 

 
Sie wartete vor dem Hotel. Das Taxi kam nach wenigen Minuten. Sie stieg ein und sagte mit zittriger Stimme zu dem Taxifahrer: „1552 East Avenue, bitte.“. Während der Fahrt sah Kelly begeistert aus dem Fenster. Sie hatte das Gefühl, dass die Bäume hier grüner und der Himmel blauer waren. Sie lachte laut. Erschrocken über ihr eigenes Lachen schaute sie, ob der Taxifahrer sie im Rückspiegel anstarrte. Das tat er. Kelly sagte ganz beiläufig: „Machen Sie sich keine Sorgen, ist ganz normal. Ich habe da manchmal solche Tics.“. Dann lachte sie nochmal. Nach ca. 15 Minuten hielt das Taxi vor einem kleinen, weissen Backsteinhaus mit einem kleinen Vorgarten. „So, Ma’am, da wären wir dann. Das macht 5,50 $.“, sagte der Taxifahrer. Kelly überreichte ihm € 6,00 und verliess den Wagen. Das Taxi fuhr weg, und Kelly blieb mit wild pochendem Herzen vor dem Haus ihrer Großeltern stehen.
 

 
Sie stand eine ganze Weile so da. Von ihrer Neugier war mittlerweile nicht mehr viel übrig, viel mehr hatte sie jetzt Angst vor dem, was sie erwartete. Sie zögerte. Sie haderte mit sich selbst. Nach etwa einer Stunde fasste sie sich ein Herz und öffnete das kleine, weisse Tor, das in den Vorgarten führte. Sie ging einen kleinen Weg entlang, um zur Haustür zu gelangen. „Smith“ stand auf einem Messingschild direkt an der Haustür. Rechts neben der Haustür war ein Klingelknopf. Kelly drückte ihn und ein rasselnder Klingelton war zu hören. Sie wartete einen Moment und strengte sich an, um eventuell Schritte oder ähnliches zu hören, doch es blieb still. Sie klingelte abermals.
 

 
„Ja, ich komme ja....“, hörte sie eine ältere Frauenstimme. Kellys Herz drohte in ihrer Brust zu zerspringen. Die Tür öffnete sich. Die ältere Dame, die kleiner als Kelly war, blickte Kelly an und hielt sich erschrocken beide Hände vor den Mund: „Oh mein Gott...“, murmelte sie. Kelly wusste nicht, was sie tun sollte und guckte verwirrt. Vorsichtig fragte sie: „Geht es Ihnen gut?“.
 
Die ältere Dame hatte noch immer die Hände vor dem Mund und nickte. Langsam beruhigte sie sich und nahm die Hände runter. Entschuldigend blickte sie Kelly an: „Verzeihen Sie, Miss. Aber sie sehen meiner Tochter so ähnlich...“. Kelly stiegen Tränen in die Augen. Mit zittriger Stimme fragte sie: „Ihrer Tochter Mary Lynn?“. Die ältere Dame nickte und auch ihr standen Tränen in den Augen. Kelly fiel der alten Frau einfach um den Hals und schluchzte: „Grandma....“.
 

 
Ann Smith drückte Kelly fest an sich und so standen sie beide weinend in der Haustür. Nach einer Weile beruhigten sie sich. Ann Smith trat zur Seite, um Kelly eintreten zu lassen. „Komm mit, wir sollten erst mal einen Kaffee trinken!“, sagte ihre Großmutter. Kelly folgte ihr. Die Küche war alt, aber gemütlich. Ann forderte Kelly auf an dem großen, runden Tisch inmitten der Küche Platz zu nehmen. Kelly war aufgeregt, doch ihre Großmutter auch. Immer wieder musterte sie Kelly.
 

 
Während der Kaffee durch die Maschine lief, hatte sich Ann Kelly gegenüber gesetzt. Immer noch zu geschockt, um zu sprechen. Nach einer Weile fragte Ann: „Wie hast Du mich gefunden?“. Kelly erzählte, wie sich die Suche nach ihrer Familie gestaltet hatte. Ann griff in die Tasche ihrer Schürze und holte ein Taschentuch heraus. Sie schnäuzte sich laut.
 

 
„Wie heisst Du eigentlich, Kind? Und wann bist Du geboren?“, fragte Ann neugierig.
 
„Ich heisse Kelly Ann Wilson und wurde am 29.08.1974 geboren.“, antwortete Kelly.
 
Ann schüttelte den Kopf und grummelte etwas vor sich hin. Sie stand auf und goss sich und Kelly eine Tasse Kaffee ein. Sie stellte die Tasse vor Kelly auf den Tisch und setzte sich wieder.
 
Ann blickte Kelly traurig an: „Du siehst aus wie Deine Mutter, Kelly. Weißt Du das?“.
 
Kelly hatte einen dicken Kloss im Hals und schüttelte verneinend den Kopf. Sie schluckte. Mehrmals. Dann schien sie ihre Stimme wieder im Griff zu haben: „Grandma, warum hat mich niemand gesucht?“. Ann sah Kelly ratlos an. Sie legte ihre Hand auf Kellys. „Wir wussten nicht, ob Du wirklich existierst. Ich habe von Deiner Mutter 1977 mal eine Postkarte aus Mexiko bekommen, wo drin stand, dass sie eine Tochter geboren hatte. Dann haben ich und Dein Großvater 1980 nur Bescheid darüber bekommen, dass....“, erklärte Ann bis sie bei dem Gedanken an den Tod ihrer Tochter in Tränen ausbrach. Kelly weinte mit ihrer Großmutter.
 

 
Die Situation war sehr emotionsgeladen. Beide waren glücklich und verwirrt zugleich. Alte Wunden wurden aufgerissen. „Wo wohnst Du denn?“, fragte Ann.
 
„Im Holiday Inn.“, antwortete Kelly. Ann nickte. Sie überlegte einen Moment. „Wenn Du möchtest, kannst Du bei mir wohnen, Kind. Im Zimmer Deiner Mutter. Würde Dir das gefallen?“, fragte Ann vorsichtig. Kellys Herz machte einen Freudenhüpfer. Dann fiel ihr ein, dass ihr Gepäck im Hotel war. Sie erklärte ihrer Großmutter, dass sie ihr Gepäck holen müsste. Ann winkte ab: „Nichts leichter als das. Wir fahren zusammen hin. Ich habe ein Auto.“. Kelly war glücklich. Sie hätte nicht erwartet, so herzlich empfangen zu werden. Sie hätte nicht erwartet, dass sie familiär empfinden konnte, wo sie doch nie eine Familie gehabt hat.
 

 
Es war bereits 19.45 Uhr als Ann und Kelly aus dem Holiday Inn zurückkehrten. Wieder zu Haus angekommen führte Ann Kelly nach oben, um ihr das Zimmer ihrer Mutter zu zeigen. Ann öffnete die Tür zögerlich, nur einen Spalt. Dann drehte sie sich zu Kelly um und sagte mit zittriger Stimme: „Ich war hier nicht mehr drin, seit sie weg gegangen ist; ich konnte es nicht! Geh ruhig allein rein und sieh Dich um. Ich mache uns ein anständiges Abendbrot, Kind. Komm dann runter, ja?“. Kelly nickte und wartete bis Ann die Treppe hinunter gegangen war. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und drückte die Tür auf. Sie tat einen Schritt in das Zimmer und öffnete langsam die Augen.
 

 
Das Zimmer war in rosa und lila Farbtönen gestrichen. Kitschige, rosa Rüschengardinen, die eindeutig aus den 60er Jahren zu stammen schienen hingen an den Fenstern. Der Raum war geräumig. Ein Bett, ein Nachttisch, eine Kommode, ein Schminktisch und ein Schreibtisch standen im Raum. Die Möbel waren weiss angestrichen. Ihre Großmutter hatte gesagt, dass sie seit damals nicht mehr in diesem Zimmer gewesen war, aber der Raum war sauber. Es roch nicht muffig. Die Fenster waren geputzt, die Gardinen schienen gewaschen.
 
An den Wänden hingen einige Fotos. Kelly ging langsam näher heran, um sie zu betrachten. Auf einem Bild waren zwei Mädchen abgebildet, die sich bis aufs Haar glichen. Augenscheinlich Zwillinge. Die Mädchen hatten sehr viel Ähnlichkeit mit Kelly als sie Kind gewesen war.
 
Ein weiteres Foto, das einen jungen, hübschen Mann zeigte. Er hatte dunkles Haar und dunkle, geheimnisvolle Augen. Ob das ihr Vater war? Kelly setzte sich auf das Bett und begann aus tiefster Seele zu weinen. Nach so vielen Jahren. Nach so vielen Entbehrungen und Schmerzen. Jetzt sass sie auf dem Bett ihrer Mutter und hatte das Gefühl, sie mit jeder Faser ihres Körpers und ihres Herzens spüren zu können. Auf der einen Seite fühlte sie Glück und Erleichterung. Auf der anderen Seite fühlte sie wieder diesen stechenden Schmerz des Verlustes.
 

 
Sie wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. „Kelly, komm essen!“, hörte sie ihre Grandma rufen. „Ich komme!“, rief sie zurück. Grandma. Welch ein schönes Wort. Kelly hastete die Treppe runter und ging in die Küche, wo ihre Großmutter das Abendbrot hergerichtet hatte. Es gab Brot, Aufschnitt, Rührei mit Speck und gebratenen Schinken. Kelly setzte sich. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie ihre Großmutter sie immer wieder musterte.
 

 
Nach dem Essen stand Kelly auf und wollte Ann beim Abräumen und Spülen helfen. „Kommt nicht in Frage, Kind. Da lerne ich nach so vielen Jahren meine Enkeltochter kennen, und dann will sie mir helfen.“, schüttelte Ann den Kopf. Kelly setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Ihre Großmutter stellte das Geschirr auf dem Spülbecken ab und räumte die Lebensmittel weg.
 

 
Dann ging sie zu Kelly und streichelte ihr liebevoll die Wange. „Dass Du hier bist....ich kann es noch immer nicht glauben! Dein Großvater wäre so stolz....“, sagte Ann. „Wie lange bleibst Du, Kind?“, fragte sie Kelly. Kelly sagte, dass sie bereits am Freitag wieder zurück nach Chicago musste. „Ach, in Chicago lebst Du. Was hat Dich denn dahin verschlagen?“, fragte Ann neugierig. Und während ihre Großmutter das Geschirr spülte, erzählte Kelly ihr aus ihrem bisherigen Leben. Immer wieder mussten beide weinen. Aus Glück, sich gefunden zu haben. Aus Trauer, sich nicht früher gefunden zu haben.
 

 
So verging die Zeit wie im Flug, und es war bereits nach elf Uhr als Ann Kelly ins Bett schickte. „Geh schlafen, Kind. Morgen habe ich einige, hoffentlich schöne, Überraschungen für Dich. Rechts neben dem Zimmer Deiner Mutter ist das Bad. Im Schrank, links neben der Badewanne, sind frische Handtücher. Nimm Dir, was Du brauchst und fühl Dich wie zu Hause.“, sagte Ann. Sie ging auf Kelly zu und nahm sie fest in die Arme. Dann hauchte sie Kelly einen mütterlichen Kuss auf die Wange und wünschte ihr gute Nacht. „Gute Nacht, Grandma...“, sagte Kelly glücklich.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 31
 

 
Am nächsten Morgen wurde Kelly um 7.00 Uhr vom Klingeln ihres Handys geweckt. Sie erschrak und setzte sich auf. Wo bin ich, fragte sie sich. Erst nach einigen Sekunden fiel ihr wieder ein, wo sie war. Kelly Ann Wilson, Du liegst in dem Bett, in dem einst Deine Mutter geschlafen hat. Kelly suchte ihr Handy. Es lag auf dem Schreibtisch. Sie sprang schnell aus dem Bett, doch bis sie ihr Handy in der Hand hatte, wurde bereits aufgelegt. Sie schaute aufs Display. Es war Andrew gewesen.
 

 
Sie hatte gestern ihr Handy in ihrer Handtasche gelassen, und Andrew hatte mehrere Male verzweifelt versucht, sie zu erreichen. Sie hatte ihm dann noch eine Nachricht geschrieben, damit er sich keine Sorgen machte. Kelly nahm ihr Handy und kuschelte sich nochmal in das Bett. Dann rief sie Andrew an. Er war mindestens genauso aufgeregt wie sie. Er hörte ihr gespannt zu. Als sie aufgelegt hatten, war es bereits viertel vor acht. Kelly sprang schnell unter die Dusche, putzte sich die Zähne und zog sich an. Dann ging sie langsam die Treppe hinunter.
 

 
Aus der Küche kam ihr bereits der Geruch von Kaffee und gebratenen Eiern mit Speck entgegen. Sie ging in die Küche: „Guten Morgen, Grandma.“. Ann drehte sich zu ihr um und strahlte sie an: „Guten Morgen, Kind. Ich hoffe, Du hast gut geschlafen.“.
 

 
„Ja, danke.“, sagte Kelly und setzte sich. Ann brachte ihr Frühstück und Kaffee und setzte sich zu ihr an den Tisch. Kelly sah ihre Grandma fragend an: „Ißt Du nichts?“.
 
„Nein, mein Cholesterinwert ist nicht der beste. Ich trinke morgens nur ein Glas Milch. Aber iß ruhig, ich leiste Dir gern Gesellschaft.“, sagte Ann fröhlich.
 

 
Sie beobachtete Kelly beim Essen und jedes Mal, wenn ihre Blicke sich trafen, lächelten sich die beiden glücklich an. Kelly hatte sich gerade den letzten Bissen in den Mund gesteckt, als es an der Tür läutete. Kelly sah ihre Grandma fragend an. „Bleib sitzen, Kind, ich geh schon.“, sagte sie und stand auf, um die Tür zu öffnen. Kelly sass mit dem Rücken zur Tür. Sie hörte keine Stimmen, sondern nur Schritte. Sie drehte sich neugierig um. Durch die Tür kam eine Frau. Als Kelly sie sah, liess sie vor Schreck ihre Gabel fallen: Die Frau sah aus wie sie selbst, nur ein wenig älter! Kelly war geschockt!
 

 
Die Frau blickte Kelly genauso fassungslos an! Beide sahen fragend Ann an. Die begann zu lachen. „Siehst Du, Lauren, was habe ich Dir gestern abend gesagt?“. Wer war Lauren? Lauren blickte von Kelly zu Ann und wieder von Ann zu Kelly. Sie reichte Kelly die Hand: „Hi Kelly, ich bin Lauren. Deine Tante.“. Tante?
 

 
Lauren sah die Verwunderung in Kellys Gesicht und lächelte. Ann sagte: „Das ist die Zwillingsschwester Deiner Mutter, Deine Tante Lauren. Und sie heisst mit zweitem Vornamen wie Du: Ann!“. Tränen standen Kelly in den Augen. Ihre Tante nahm sie sofort in den Arm und drückte sie fest an sich. „Es tut mir so leid...“, stammelte Lauren. Und dann weinten sie alle zusammen.
 

 
Nach einer Weile löste sich Kelly aus Laurens Umarmung, und die drei Damen setzten sich an den Küchentisch. Grandma stand nochmal auf, um frischen Kaffee und eine Tasse für Lauren zu holen.
 

 
Da sassen sie nun. Kelly konnte ihr Glück kaum fassen. Eine Tante, die noch dazu ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sah. Und dann fragte Lauren, wie es Kelly ergangen war. Kelly erzählte nochmals ihre Lebensgeschichte, und ihre Tante hörte ihr zu... So saßen sie alle beieinander bis zum Mittagessen. Kelly hatte viele Fragen, doch bisher hatte sie nur erzählt.
 
„Darf ich jetzt auch mal einige Fragen stellen?“, fragte sie vorsichtig. „Nur zu, Kind,“, sagte Ann, „wir werden sehen, ob wir Dir helfen können!“. Lauren runzelte nachdenklich die Stirn, nickte jedoch ebenfalls zustimmend.
 

 
Kelly rieb sich nervös die Hände. Sie wusste nicht so recht, wo und wie sie anfangen sollte. Lauren schien ihre Unsicherheit zu spüren und legte ihre Hand auf Kellys und drückte sie leicht. „Keine Angst, frag ruhig, ganz egal, was Du wissen möchtest!“, sagte Lauren aufmunternd.
 

 
Kelly atmete tief durch und sah von einer zur anderen. „Was ist passiert damals? Warum ist sie fort gegangen?“, fragte Kelly zögerlich. Lauren und Ann sahen sich an. Ann sagte zu Lauren: „Du weißt mehr als ich, erzähl Du.“. Kelly war nicht entgangen, dass sich die Miene von Ann verfinsterte.
 

 
„Nun,“, begann Lauren, „wo soll ich anfangen? Weißt Du, dass wir damals in L. A. gewohnt haben?“. Sie sah Kelly fragend an. Kelly nickte. „Wir haben dort gelebt, weil mein Vater dort einen gut bezahlten Job bekommen hatte. Ich und Mary jobbten neben der Schule im Diner einer Tankstelle. Eines schönen Tages kam Dein Vater dort rein spaziert, Charly. Er sah toll aus. Er war schon 19 Jahre alt und studierte in L. A. Kunst und Psychologie.“. Kelly war begeistert. Auch ihr Vater hatte augenscheinlich einen Faible für Psychologie gehabt. Ann schnaubte verächtlich. Kelly konnte ahnen, dass ihre Großmutter mit der damaligen Situation alles andere als glücklich gewesen ist und tat so, als hätte sie das Schnauben nicht gehört.
 

 
„Nun, Deine Mutter und ich waren gerade 15 geworden. Wir waren also wesentlich jünger. Er bemühte sich sehr um Mary. Obwohl wir uns so ähnlich waren, hatte er für mich nie etwas übrig. Wir sind eineiige Zwillinge, doch er konnte uns immer auseinander halten. Es dauerte nicht lange, und die beiden waren ineinander verliebt. Ich wusste, dass unsere Eltern das auf gar keinen Fall dulden würden, versprach Mary jedoch Mum und Dad nichts zu sagen.“.
 

 
Ann sah Lauren vorwurfsvoll an. Lauren senkte den Kopf: „Heute weiss ich, dass das ein Fehler war. Aber weiter im Text. Einige Wochen lang trafen die beiden sich heimlich. Mary hatte mit unserem Chef vereinbart, täglich eine Stunde weniger zu arbeiten. Diese Stunde verbrachte sie dann mit Charly. Wo sie sich trafen, kann ich Dir nicht sagen. Er hat sie am Diner abgeholt und exakt 60 Minuten später dort wieder abgeliefert! Eines Nachts wachte ich auf, weil ich Geräusche im Bad hörte. Es hörte sich wie ein Schluchzen an. Leise stand ich auf und ging in das Badezimmer, das Mary und ich uns teilten. Dort sass sie auf dem Wannenrand, angezogen und weinte. Ich wollte sie trösten, doch sie stiess mich weg. Sie stammelte etwas davon, eine Schwester wie mich nicht verdient zu haben. Sie sagte, sie müsse gehen, damit ich keinen Ärger bekäme. Ich war völlig verängstigt. So hatte ich Mary noch nie gesehen. Sie schickte mich wieder ins Bett. Sie sagte, dass ich Mum und Dad auf gar keinen Fall von Charly erzählen sollte und dass sie mich sehr liebt. Das war das letzte Mal, dass ich Deine Mum gesehen habe.“. Lauren endete mit ihrer Erzählung und fing an zu weinen. Ann legte ihr den Arm um die Schultern: „Hör auf, Lauren. Es war nicht Deine Schuld. Du warst noch ein Kind.“. Kelly war tief bewegt von der Geschichte. Sie bekam eine Gänsehaut und wusste nicht, ob sie Lachen oder Weinen sollte. Sie blickte Lauren an und sagte: „Es war nicht Deine Schuld, es war Schicksal.“.
 

 
Lauren beruhigte sich langsam und blickte Kelly aus traurigen Augen an: „Kelly, wenn ich gewusst hätte, dass sie schwanger ist....aber ich wusste es nicht. Ich habe nicht im Traum daran gedacht. Wir waren erst 15 Jahre alt. Und ich hielt Charly nicht für so verantwortunglos....“. Sie schluchzte erneut. Kelly atmete schwer ein und aus. Sie blickte ihre Tante und ihre Großmutter an. „Ich habe vermutet, dass es so ähnlich gewesen sein musste. Meine Mutter war noch so jung gewesen...als sie...starb!“, sagte Kelly. „Habt ihr nie versucht, sie zu finden?“, fragte Kelly vorsichtig.
 

 
„Aber natürlich, Kind. Sie war ja noch nicht erwachsen. Am nächsten Morgen stellten wir fest, dass Mary verschwunden war.“, erklärte Ann, „Wir haben zuerst versucht, mit Lauren zu reden. Aber Lauren hatte einen Schock. Sie sprach nicht mit uns. Also haben wir die Polizei verständigt. Die haben uns tatsächlich gesagt, dass Mary erst länger als 24 Stunden vermisst werden müsste.“. Ann hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Und Lauren sass mit gesenktem Kopf wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl.
 

 
Kelly wurde von derartig vielen Emotionen ergriffen, dass sie gar nicht mehr wusste, was sie eigentlich fühlte. Trauer, Wut, Enttäuschung...Freude, Glück, Erleichterung! Sie war verwirrt und guckte ihre Grandma erwartungsvoll an.
 

 
Ann holte schwermütig Luft. „Nun, Du weißt, dass Daniel, Dein Großvater, sehr viel älter war als ich?“, fragte sie Kelly. Kelly nickte. Auch eine Sache, die sie beschäftigte und die sie sich vornahm zu hinterfragen. „Dein Großvater und ich trommelten sämtliche Freunde, Verwandte und Bekannte zusammen und machten uns auf die Suche nach Mary.“, erzählte Ann traurig. Sie senkte den Kopf, und Kelly sah, dass nun auch ihre Großmutter weinte. Kelly fühlte sich schuldig. Sie fühlte sich schuldig, bei ihrer Großmutter und ihrer Tante alte Wunden wieder aufgerissen zu haben. Sie stand auf, stellte sich zwischen beide und legte jeder einen Arm um die Schultern. Zögerlich sagte sie: „Vielleicht sollte das für’s erste reichen, ich möchte Euch nicht verletzen.“
 

 
Lauren blickte Kelly an und sagte: „Wir schulden Dir das. Du bist diejenigen, die nicht länger verletzt sein sollte. Du bist diejenige, die das Recht hat, die Wahrheit zu erfahren. Wir sind froh, dass Du uns gefunden hast. Wir haben Dich nämlich ebenso wenig finden können wie Mary....aber vielleicht sollten wir eine Pause machen.“. Lauren sah auf ihre Armbanduhr: „Ach so spät ist das schon? Ich muss los, wollt ihr beide nicht heute abend nach San Marco kommen und bei uns bleiben bis morgen? Dann haben wir Zeit, noch mehr zu reden. Und ich habe noch etwas für Dich, Kelly. Mom?“, fragte Lauren. Ann war völlig in Gedanken versunken. Sie blickte von Lauren zu Kelly und sagte: „Kelly, wollen wir?“. Da huschte wieder ein Lächeln über ihr Gesicht. Auch Kelly freute sich sehr über die Einladung: „Ja, Grandma, ja Tante...“. Alle drei lachten herzlich, und die Wunden, die eben noch wieder aufgerissen waren, hörten bereits auf zu bluten.
 

 
Lauren verabschiedete sich. Ann und Kelly hatten keinen grossen Hunger. Ann schlug vor, dass sie ein Stück Kuchen essen konnten und dazu eine Tasse frischen Kaffee. Kelly stimmte zu. Ann zeigte Kelly die Veranda und bat sie, dort schon Platz zu nehmen. Kelly setzte sich, genoss die warmen Sonnenstrahlen und fühlte sich grandios. Sie sass schliesslich auf der Veranda ihrer Großeltern. Nach über dreißig Jahren – die sie nun alt war – hatte sie das Gefühl, einer Familie anzugehören. Ihre Grandma kam mit einem Tablett auf die Veranda. Sie stellte es auf dem kleinen Tisch ab. Darauf waren zwei Teller mit Apfelkuchen, wie Kelly erkannte, und zwei Tassen frischen Kaffees. Ann reichte Kelly einen Teller und lächelte sie glücklich an. „Fühlst Du Dich wohl hier, Kind“, fragte sie Kelly. Kelly grinste: „Und wie, Grandma, es ist, als ob ich Dich schon ewig kennen würde.“. Ann lachte. „Das freut mich zu hören. Es hat auch zu lange gedauert. Dein Großvater hatte immer zu mir gesagt, dass Mary eines Tages mit ihrem Kind wieder bei uns vor der Tür stünde. Leider war es nicht so. Aber Du bist da. Du bist jetzt da, und ich werde alles versuchen, die Fehler aus der Vergangenheit wieder gut zu machen. Ich kann die Zeit nicht zurück drehen, aber ich kann die Zeit, die ich noch habe, sinnvoll nutzen.“, erklärte Ann.
 

 
Kelly bedankte sich bei ihrer Großmutter und sagte: „Ich hoffe, es ist okay für Dich, dass ich Grandma zu Dir sage?“. Ann sah Kelly entgeistert an: „Was ist das für eine Frage, Kind. Es ist mir eine Ehre, Du machst mich so glücklich. Du weißt es nur noch nicht. Aber wir haben hoffentlich noch sehr viel Zeit, um all diese Dinge herauszufinden.“. Kelly nickte zustimmend. Sie hatte wieder einen Kloss im Hals. Zufrieden aßen beide ihren Kuchen, tranken ihren Kaffee und genossen eine Weile die Ruhe. Kelly grinste nach einer Weile in sich hinein. Ihre Grandma blickte sie fragend an: „Na, an was hast Du gerade gedacht?“. Kelly errötete. „Ich dachte gerade an meinen Freund. Er heisst Andrew. Wir beide sitzen oft so zusammen, so ohne zu reden. Und es ist schön. Mit Dir kann ich auch so da sitzen, und es ist auch schön.“, sagte Kelly schüchtern. Ann lachte. Kelly sah sie fragend an. „Das hast Du wohl von Deinem Großvater. Er redete nicht viel. Aber trotzdem war es immer schön, mit ihm zusammen zu sein. Ich war 32 Jahre mit Deinem Grandpa verheiratet. Eine lange Zeit. Und obwohl er schon fast 22 Jahre tot ist, glaub mir, ich vermisse ihn jeden Tag. Er wäre so glücklich gewesen, Dich hier zu sehen, das kannst Du mir glauben...“, sagte Ann traurig.
 

 
„Grandma, wenn Du nicht über diese alten Zeiten sprechen möchtest, dann kann ich das verstehen und akzeptieren.“, sagte Kelly.
 
„Nein, Kind, es ist so, wie Lauren gesagt hat: wir sind froh, dass Du da bist. Und Du hast das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Auch wenn das für uns alle schmerzlich ist. Ich bin sicher, dass es uns nur näher zusammen bringt. Mach Dir um mich keine Sorgen.“, beruhigte Ann Kelly.
 
Kelly glaubte ihrer Großmutter. Sie spürte eine Vertrautheit, ähnlich wie bei Andrew. Diese Vertrautheit spürte sie auch bei Lauren. Sie war ein wenig traurig, dass ihr Grandpa nicht mehr lebte. Kelly fragte vorsichtig: „Grandma, hast Du Fotos, die ich mir anschauen könnte?“.
 
„Warum hast Du nicht eher etwas gesagt? Natürlich. Warte, ich hole sie.“, sagte Ann schuldbewusst und stand sofort auf.
 
Kelly wartete gespannt. Gleich würde sie Fotos von ihrer Familie sehen. Es hörte sich in ihrem geistigen Ohr komisch an für Kelly, darum sagte sie es laut: Meine Familie!
 
Kapitel 32
 

 
Die Tage bei ihrer Grandma kamen Kelly wie Minuten vor. Als sie am Freitag wieder im Flieger sass, dachte sie über all die Informationen nach, die sie erhalten hatte.
 

 
Lauren war verheiratet und hatte zwei Kinder. Ihr Mann hiess Tom, war also so gesehen Kellys Onkel. Und dann gab es da plötzlich einen Cousin James, der acht Jahre jünger war als Kelly. James lebte in L. A. Er hatte dort studiert und arbeitete als Designer. Kelly hatte jetzt auch eine Cousine Sarah. Sarah war zehn Jahre jünger als Kelly, studierte Medizin in Dallas und lebte dort auf dem Campus. Lauren versprach, dass beide Kinder an Thanksgiving spätestens auch zu Hause sein würden und lud Kelly samt ihrem Freund vorsorglich ein.
 

 
Freudentränen kullerten über Kellys Wangen. Sie hatte einen Meilenstein hinter sich gelassen. Sie hatte soviel erfahren. Sie hatte eine Identität. Kelly war nicht mehr die einsame, verlassene Waise. Sie war eine Waise, die eine wundervolle Großmutter und eine tolle Tante samt Anhang hatte. Einsamkeit. Schicksal. Fügung. Kelly konnte es noch nicht richtig begreifen. Doch in ihrem Kopf überschlugen sich schon wieder ganz andere Dinge: Wie würden ihre Großeltern in San Diego auf sie reagieren?
 

 
Als Kelly wieder in Chicago gelandet war, fuhr sie direkt vom Flughafen aus zu Andrew, der sie schon erwartete. Sie küssten sich bis sie beide keine Luft mehr bekamen. Er hatte für sie gekocht.
 

 
Während sie aßen, musste Kelly Andrew alles haarklein erzählen. Es berührte ihr Herz, wie viel Anteil er an ihrem Schicksal nahm. Und für Andrew stand fest, dass die beiden Thanksgiving auf jeden Fall in Texas verbringen würden. „Dann lerne ich einen Teil Deiner Familie kennen, das ist schön. Wo wir gerade bei dem Thema Familie sind, bist Du auch bereit, meine Familie kennenzulernen.“, fragte Andrew.
 
„Ja, natürlich.“, antwortete sie ohne zu zögern. Andrew stand auf, zog sie von ihrem Stuhl und küsste sie innig. Dann trug er sie ins Schlafzimmer.
 

 
Den Rest des Freitags verbrachten Kelly und Andrew abwechselnd im Bett und unter der Dusche. Selbst das Abendbrot liessen sie ausfallen. Während sie eng an seine Brust gekuschelt neben ihm lag, fragte er: „Wie wäre es mit einem Trip nach Savannah nächstes Wochenende? Wir könnten Samstag früh fliegen und Sonntag abend zurück kommen, was sagst Du, Baby?“. Nun, das kam schnell, aber Kelly wartete vergebens auf Gedanken, die sie zögern liessen und sagte sie sofort zu.
 
„Können wir nicht Freitag Nachmittag schon fliegen?“; fragte sie Andrew und blickte grinsend zu ihm auf. Er sah sie erstaunt an. Dann fingen beide an zu lachen. „Das geht leider nicht,“, erklärte Andrew, „ich komme doch erst am Abend aus Frisco zurück.“. Sie küssten sich. Kelly glaubte, am Ziel ihrer Wünsche zu sein.
 

 
Das Wochenende verging viel zu schnell, und an diesem Montag morgen fiel ihr der Abschied von Andrew besonders schwer. Es war viel passiert in den vergangenen Wochen, und phasenweise fühlte Kelly sich ein wenig überfordert. Doch die Ereignisse waren schöne Erlebnisse, die sie nicht missen wollte. Sie nahm sich vor, heute vielleicht ihre Großeltern in San Diego telefonisch zu kontaktieren, wenn sie im Telefonbuch standen. Sie hoffte, dass die Eltern ihres Vaters sie auch mit offenen Armen empfangen würden.
 

 
Im Büro türmte sich die Arbeit. Durch Kellys Abwesenheit hatte sich eine Menge angesammelt. Sie hatte weder Zeit an ihre Großeltern zu denken noch sie anzurufen. Als Kelly abends das Büro verliess, war es halb elf. Völlig erschöpft fuhr sie in ihre Wohnung, warf ihre Kleidung achtlos auf den Boden und liess sich ins Bett fallen, wo sie sofort einschlief.
 

 
Am nächsten Morgen stand sie früher auf als gewöhnlich, weil sie noch duschen musste. Um fünf Uhr klingelte ihr Wecker. Müde schleppte Kelly sich ins Bad und erst nachdem eine Weile Wasser über ihr Gesicht gelaufen war, realisierte sie, dass sie wach war. Sie kochte sich Kaffee und ging zu ihrem Kleiderschrank, um sich eine Hose und eine Bluse anzuziehen. Sie stellte dabei fest, dass bereits die meisten ihrer Sachen bei Andrew waren. Sie grinste. Vielleicht war der Zeitpunkt gekommen, um mit ihm zusammenzuziehen? Sie wartete. Sie wartete auf das flaue Gefühl im Bauch, auf die Angst. Doch sie kam nicht. Kelly war glücklich. Sie zog sich an und wollte in die Küche gehen, um Kaffee zu trinken. Dabei fiel ihr Blick auf ihren Anrufbeantworter. Sie sah auf das Display. 19 Anrufe! Unglaublich. Sie drückte die Wiedergabetaste, stellte auf laut und ging in die Küche. Beth, David, Matt...mehrmals. Dann hörte sie ihre Grandma: „Liebes Kind, ich hoffe, es geht Dir gut. Ich wollte nur hören, was Du so machst. Ich drücke Dich. Ach ja, ich bin’s, Deine Grandma Ann.“.
 
Kellys Herz überschlug sich fast vor Freude! Sie lief schnell ins Wohnzimmer und hörte sich die Nachricht nochmal an.
 

 
Um 6 Uhr fuhr Kelly bereits ins Büro, denn sie hatte noch nicht alles aufgearbeitet. Die Zeit verging wie im Flug und ehe Kelly sich versah, war es bereits nach 20 Uhr. Sie räumte ihren Schreibtisch auf und kam um 21 Uhr völlig erledigt in ihrer Wohnung an.
 

 
Sie wärmte sich ein Mikrowellengericht auf und aß schnell in der Küche. Während sie so da saß fiel ihr auf, wie lange sie ihre Wohnung nicht mehr geputzt hatte. Sie blickte sich um, und es kam ihr vor, als würde sie in einem Mauseloch leben. Es sprach wirklich aus ihrer Sicht nichts mehr dagegen, mit Andrew zusammen zu ziehen. Wenn er am Wochenende nach Hause kam, würde sie es ihm vorschlagen. Es kribbelte in ihrem Bauch.
 

 
Sie räumte ein wenig die Küche aus und ging dann unter die Dusche. Dann setzte sie sich, in ihrem Bademantel eingekuschelt, vor ihr Laptop. Sie suchte online Telefonbücher. Dann gab sie mit zittrigen Fingern Wilson und San Diego ein. Es erschienen über hundert Treffer. Sie grenzte die Suche ein, in dem sie die Adresse ihrer Großeltern mit eintippte. Da stand es! Ihr Herz pochte. Walter und Katie Wilson, 3647 Scott Street, San Diego, CA 92106. Kelly griff nach einem Blatt Papier und einem Kugelschreiber. Mit zitternder Hand notierte sie die Telefonnummer ihrer Großelter, Walter und Katie: 0858-277-4766. Ihr Herz raste. Freudige Aufregung. Sie blickte auf ihre Uhr: 22.50 Uhr. Das war eindeutig zu spät, um sie noch anzurufen. Aber morgen tue ich es wirklich, sagte Kelly sich. Kelly zuckte zusammen, als ihr Haustelefon plötzlich klingelte. Das konnte nur Andrew sein. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich.
 

 
„Hey, Baby. Bist Du verschollen?“, fragte Andrew.
 
„Nein, Schatz, aber ich habe wieder so lange gearbeitet, und meine Wohnung sieht aus als ob hier seit Monaten keiner mehr lebt. Da dachte ich, dass ich hier so allmählich mal anfange, sauber zu machen.“, erwiderte Kelly.
 
„Aha, was gibt es Neues, Kleine?“, fragte Andrew neugierig.
 
„Hm...meine Grandma hat mir auf Band gesprochen, aber ich kam noch nicht dazu, sie anzurufen!“, erzählte Kelly stolz.
 
„Das ist doch toll, ich freu mich so für Dich, Baby. Ich habe übrigens gebucht.“, sagte Andrew.
 
Kelly überlegte einen Moment, und dann fiel ihr ein, dass sie und Andrew am Wochenende ja zu seinen Eltern nach Savannah fliegen wollten.
 
„Ja, toll. Wann geht es denn los? Und wie lange fliegen wir? Was soll ich packen?“, fragte Kelly euphorisch.
 
„Langsam, Baby. Also, unser Flug geht ab Chicago um 7.45 Uhr, dann landen wir in Savannah um 9.50 Uhr. Pack Dir Deine Lieblingsklamotten ein, meine Eltern sind locker. Da brauchst Du Dich nicht in unbequeme Klamotten zwängen, ich weiss ja, dass Du Dich dann nicht wohl fühlst.“, sagte Andrew und sein Grinsen war durch das Telefon für Kelly hörbar.
 
„Du machst Dich doch nicht lustig, oder?“, fragte sie neckisch.
 
„Nein, nie im Leben...“, sagte Andrew übertrieben ernst. Dann lachten sie beide und plauderten noch weiter. Kelly erzählte Andrew davon, dass sie vor hatte, ihre Großeltern in San Diego anzurufen. Er sprach ihr Mut zu. Nach einer Weile verabschiedeten sie sich.
 

 
Es war bereits nach Mitternacht, als Kelly ihren Wecker auf 5 Uhr stellte und endlich einschlief.
 

 

 

 
Kapitel 33
 

 
Es war Freitag, 18.30 Uhr. Kelly sass mit dem Telefon in ihrer Hand auf der Couch in Andrews Wohnzimmer. Unzählige Male hatte sie nun schon die Nummer ihrer Großeltern eingetippt, aber nicht den Mut gefunden, anzurufen. Sie ärgerte sich über ihre Feigheit. Sie hatte bereits gegessen und Andrews Essen im Ofen warm gestellt.
 

 
Sie stand auf, ging in die Küche und öffnete den Wein. Sie schenkte sich ein Glas ein, stellte die Flasche auf den Tisch im Esszimmer, den sie für Andrew gedeckt hatte, und ging mit ihrem Glas zurück zu ihrem Feind: dem Telefon!
 

 
Kelly trank ihr Weinglas in einem Zug aus. Dann griff sie wieder zum Telefon, atmete tief durch und drückte die Wahlwiederholung. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie dachte, das Telefon würde ihr jeden Moment aus der Hand fallen. Es klingelte. Ihr Magen schlug Purzelbäume. Ihr Herz drohte zu zerplatzen. Es wurde abgehoben. Oh, mein Gott, dachte Kelly – und legte auf. Verdammt, was ist mit Dir los?, schimpfte sie mit sich selbst.
 

 
Abermals stand sie auf, ging ins Esszimmer und füllte erneut ihr Weinglas. Zurück auf der Couch legte Kelly ihre Hand auf ihren Oberbauch, schloss die Augen und atmete bewusst, um sich zu beruhigen. Sie nahm einen kräftigen Hieb von ihrem Wein. Dann griff sie erneut zum Telefon. Ihre Hände zitterten immer noch, aber nicht mehr so stark.
 

 
Wieder klingelte es. Es wurde abgehoben. Eine dunkle, männliche Stimme meldete sich: „Wilson.“. Kelly konnte nicht sprechen. „Hallo, wer ist denn da?“, fragte die männliche Stimme etwas forscher. Kelly antwortete zögerlich: „Ähm, entschuldigen Sie die Störung, spreche ich mit Walter Wilson?“.
 
„Ja, wer sind Sie denn?“, fragte ihr Großvater.
 
„ Ich bin Kelly Ann Wilson. Die Tochter ihres Sohnes.“, sagte Kelly aufgeregt. Walter schnaufte. „Hören Sie, Miss, das ist nicht lustig. Ich habe keinen Sohn.“, sagte er wütend und legte auf.
 
Kelly war erschrocken. Sie überlegte einen Moment, trank einen weiteren Schluck Wein. Sie entschloss sich, noch einmal anzurufen. Wieder klingelte es.
 
„Ja?“, meldete sich Walter.
 
„Mr. Wilson, hören Sie mich bitte an. Ich bin die Tochter ihres verstorbenen Sohnes Charles.“, sagte Kelly schnell, bevor Walter erneut auflegen konnte.
 
Sie hörte, dass er schwer atmete. „Hallo?“, sagte sie vorsichtig.
 
„Was wollen Sie?“, fragte Walter zornig. „Nach all den Jahren, was wollen Sie?“.
 
Kelly war über die Ablehnung ihres Großvaters erschrocken. „Ich habe meine Großeltern gesucht. Ich bin als Waise aufgewachsen. Ich möchte Sie und Ihre Frau kennen lernen.“, erklärte Kelly. Sie merkte, dass ihr Tränen in die Augen schossen und ihre Stimme weinerlich klang.
 
„Walter, wer ist das denn?“, hörte sie eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund. Er hielt die Hand auf die Muschel, denn Kelly konnte nur Fetzen einer Unterhaltung, die dumpf klang, hören.
 
„Hallo, ich bin Katie Wilson, mit wem spreche ich bitte?“, fragte eine warme, weibliche Stimme. Ihre Großmutter. „Entschuldigen Sie bitte, Mrs. Wilson. Ich bin Kelly Ann Wilson, ich bin die leibliche Tochter ihres verstorbenen Sohnes Charles.“, sagte Kelly mit zitternder Stimme. Ihre Großmutter atmete tief ein und aus. Dann sagte sie langsam: „Das ist doch nicht möglich.“.
 
„Doch,“, sagte Kelly, „laut meiner Geburtsurkunde ist es eindeutig so.“.
 
„Dann wären Sie quasi unsere Enkeltochter. Das ist unglaublich.“, sagte Katie Wilson am anderen Ende. „Von wo aus rufen Sie an, Miss?“, fragte sie.
 
„Aus Chicago. Ich lebe in Chicago. Mrs. Wilson, wenn Sie mir nicht glauben, dann übersende ich Ihnen gern eine Kopie meiner Geburtsurkunde.”, erklärte Kelly.
 
„Nein, nein...das ist nicht nötig. Geben Sie uns ein wenig Zeit, darüber nachzudenken. Ich notiere mir Ihre Nummer, und dann melden wir uns bei Ihnen, wenn es möglich ist.“. Kelly war ein wenig ruhiger. Ein vielleicht war schliesslich kein nein. Sie gab ihrer Großmutter ihre Telefonnummern: von zu Hause, vom Handy und vom Büro. Dann bedankte sich Kelly, und sie legten auf. Sie war irritiert. Es war nicht so gelaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Sie trank ihren Wein aus und schaute auf die Uhr. Andrew würde in wenigen Minuten zu Hause sein. Sie ging schnell in die Küche und holte den Nudelauflauf aus dem Ofen. Dann tat sie etwas auf seinen Teller und brachte ihn ins Esszimmer. Sie zündete die Kerzen an und füllte ihre beiden Gläser. Dann setzte sie sich hin und wartete auf Andrew.
 

 
Nur einen Augenblick später hörte sie seinen Schlüssel in der Tür. Er kam rein, schloss die Tür und stellte seinen Koffer im Flur ab. „Baby, wo bist Du?“, rief er fröhlich. „Im Esszimmer!“, antwortete sie. Er kam rein, ging zu ihr und küsste sie stürmisch. „Verdammt, die Wochen werden immer länger!“, sagte er, „Ich habe Dich so vermisst.“. Dann setzte er sich und begann zu essen. Sie erzählte von ihrem Telefonat, und während Andrew aß, hörte er Kelly aufmerksam zu.
 
Nach dem Essen sagte sie zu ihm: „Spring Du unter die Dusche. Ich räume hier auf, und dann treffen wir uns auf der Couch, okay?“. Andrew stand auf, ging zu ihr und nahm sie in den Arm. Dann küsste er sie auf die Nasenspitze und verschwand.
 

 
Kelly räumte die Spülmaschine ein und öffnete eine weitere Flasche Wein. Dann stellte sie die Spülmaschine ein. Sie bereitete die Kaffeemaschine für morgen früh vor. Kelly griff nach den Weingläsern und der Flasche und ging damit ins Wohnzimmer. Sie stellte die Gläser und die Flasche auf den Tisch. Dann setzte sie sich, schaltete mit der Fernbedienung Musik an und wartete auf Andrew. Sie dachte an Walter und Katie. Sie hatten sympathische Stimmen. Aber es schien Kelly als hätten die beiden die Wunden der Vergangenheit nicht so gut verkraftet wie Ann und Lauren. Sie musste es akzeptieren, gleich welche Entscheidung die beiden auch treffen würden. Sie drängte ihre trüben Gedanken bei Seite, denn sie freute sich auf morgen. Sie freute sich darauf, Andrews Familie kennen zu lernen. Sie griff nach ihrem Glas und trank einen Schluck.
 

 
Andrew liess sich neben Kelly auf die Couch fallen. Er zog sie auf seinen Schoss. Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Mach Dir keine Sorgen, Baby. Deine Großeltern werden sich bestimmt dafür entscheiden, Dich kennen lernen zu wollen. Gib ihnen Zeit. Das muss ein Schock für sie gewesen sein.“, sagte Andrew sanft. Kelly küsste ihn leidenschaftlich. Sie rangen nach Atem, aber es war nicht der richtige Moment für Sex. Kelly hatte noch etwas mit Andrew zu besprechen. Sie löste sich aus seinen Armen und hauchte ihm ins Ohr: „Später, Liebling!“. Andrew schob schmollend die Unterlippe nach vorn und seufzte. „Schade!“, sagte er bockig. Dann lachten sie beide. Kelly reichte ihm sein Glas. Er trank einen Schluck und stellte sein Glas wieder auf den Tisch. Kelly blickte ihn erwartungsvoll an. Andrew runzelte die Stirn und fragte: „Was gibt es, Baby?“. Sie lächelte ihn an, faltete die Hände zusammen und atmete tief ein. Jetzt war es Andrew, der erwartungsvoll in ihre Richtung schaute. „Nun,“, begann Kelly, „da wir jetzt beide wissen, was wir wollen und eine gemeinsame Zukunft anstreben, da frage ich mich, ob nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um bei Dir einzuziehen. Was meinst Du, Liebling?“. In Andrews Gesicht machte sich ein Grinsen breit. Er warf sie um und legte sich auf sie. Dann begann er sie zu küssen. An der Stirn fing er an und endete an ihren Zehen. Kelly fühlte sich, als würde ihr Unterleib in Flammen stehen. Er schob ihren Rock hoch, schob ihren Slip beiseite und drang in sie ein. Mit wenigen, aber heftigen Stößen, brachte er sie beide zum Höhepunkt. Wild atmend lagen sie nun auf der Couch. Andrew küsste sie und sagte dann: „Meine Antwort ist ja! Ja, zieh bitte hier ein.“. Dann stand er auf, ging ins Bad und liess eine völlig verwirrte, aber sehr glückliche Kelly, zurück.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 34
 

 
Händchen haltend sassen sie nebeneinander im Flugzeug. Kelly war etwas aufgeregt, aber Andrew sagte immer wieder, dass sie sich keine Sorgen machen sollte. „Meine Eltern werden Dich mögen, ach was sage ich? Sie werden Dich lieben!“, hatte er Kelly auf dem Weg zum Flughafen erklärt.
 

 
Das Flugzeug befand sich bereits im Landeanflug auf Savannah. Sie blickte auf ihre Uhr. Noch zehn Minuten. Sie blickte Andrew an, der sie glücklich anlächelte. „Werden wir abgeholt?“, fragte sie ihn. Er grinste schelmisch. „Nein, ich dachte mir, wir überraschen sie einfach!“. Kelly war geschockt: „Sie wissen gar nicht, dass wir kommen? Was ist, wenn sie nicht da sind?“. Andrew winkte ab: „Einer ist immer da! Die Freude ist nur gleich viel grösser. Ich habe meine Familie fast ein Jahr nicht mehr gesehen. Die werden Augen machen....“. Kelly fühlte sich ein wenig unwohl. Sie selbst mochte es gar nicht, derartig überrumpelt zu werden, aber sie vertraute Andrew. Schliesslich kannte er seine Familie gut genug, um zu wissen, was er tat. Das Flugzeug setzte auf. Kelly blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien. Savannah wirkte grösser als sie gedacht hatte. Im Vergleich zu Chicago war Savannah jedoch nur eine Kleinstadt. In Savannah lebten ca. 130.000 Menschen, wie Andrew ihr erklärt hatte. In Chicago über 2,5 Millionen! Ihre Unruhe schlug in Vorfreude um.
 

 
Andrew hatte einen Wagen gemietet, und Kelly wartete unterdessen vor dem Terminal auf ihn. Dann hupte es. Kelly blickte verwundert. Andrew hatte einen knallroten Jeep gemietet. Er stieg aus und warf ihren Koffer auf die Ladefläche. Grinsend hielt er Kelly die Tür auf: „Darf ich bitten, Miss Wilson. Auf in das Abenteuer Savannah!“. Kelly kletterte in den Jeep, Andrew schloss ihre Beifahrertür und stieg ebenfalls ein.
 

 
Sie fuhren durch die Stadt, und Andrew zeigte ihr einige Sehenswürdigkeiten. Er fuhr sie zum Waving Girl, einer Statue eines winkenden Mädchen. „Das ist eines unserer Wahrzeichen!“, sagte er stolz. Kelly war beeindruckt. Sie selbst hatte nicht halb soviel Ahnung von Chicago. Sie entschuldigte dies damit, dass Chicago natürlich sehr viel grösser war. In Wirklichkeit lag es allerdings daran, dass Kelly sich nie für diese Dinge interessiert hatte. Bis jetzt. Sie passierten das Schifffahrtsmuseum. Es gab unzählige Plätze und wunderschöne Kirchen. Kelly bedauerte es jetzt schon, dass sie nur zwei Tage hier sein würden. Plötzlich hielt Andrew an. „So, da wären wir!“, sagte er und zeigte auf ein Haus.
 

 
Kelly war beeindruckt. Als Andrew ihr erzählt hatte, dass das Haus gross sein, hatte er eindeutig untertrieben. Es war nicht gross, es war riesig. Es war mit gelbem Holz verkleidet und hatte grosse Sprossenfenster. Vor dem Haus war eine große Veranda, ähnlich wie an ihrem Haus in Saint Charles. Die Ballustrade war weiss. Fünf Stufen führten hinauf. Unter der Veranda waren ebenfalls grosse Fenster. Der Keller? Kelly wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Andrew die Beifahrertür öffnete. „Nun mach mal Deinen süssen Mund zu und komm!“, sagte er lachend zu Kelly, die erst jetzt merkte, dass ihr vor Staunen der Mund offen gestanden hatte.
 

 
Sie lachten beide. Kelly ergriff seine Hand, die ihr aus dem Jeep half. Andrew zog an der einen Hand den Koffer hinter sich her, an der anderen Hand hielt er Kelly. Sie gingen durch den Vorgarten, der fast aussah, wie ein kleiner Park. Kelly bewunderte die liebevoll angelegten Blumen und wäre dadurch beinah über die erste Stufe der Treppe, die zur Veranda hinauf führte, gestolpert. Sie stiegen die Treppe hinauf. Andrew stellte den Koffer neben der Tür ab und klingelte. Es dauerte nur einen Augenblick, da wurde die Tür aufgerissen. „Das glaube ich ja nicht, Andrew, Schatz.“. Eine kleine, rundliche Frau fiel Andrew um den Hals. Augenscheinlich seine Mutter. Kelly stand ein wenig schüchtern hinter ihm. Andrew küsste seine Mutter auf die Wange und drückte sie fest an sich. Dann liess er sie los, trat einen Schritt zur Seite und zog Kelly zu sich: „Mom, darf ich vorstellen?“. Seine Mutter lächelte Kelly freundlich an, ging einen Schritt auf sie zu und hielt ihr die Hand hin, die Kelly ergriff. Mrs. Fuller drückte Kellys Hand und sagte: „Du musst Kelly sein, habe ich recht? Es freut mich, Dich endlich kennen zu lernen!“. Mrs. Fuller warf Andrew einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich bin Linda Fuller. Sag einfach Linda oder Mom zu mir, wie Du möchtest.“, sagte Linda und zog Kelly an sich, um sie zu drücken. Kelly blickte Andrew über die Schulter seiner Mutter an. Dieser zuckte nur mit den Schultern und formte mit den Lippen die Worte: „So ist sie eben!“. Linda löste sich von Kelly und blickte ihren Sohn stolz an: „Ein hübsches Mädchen, Andrew.“. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus. Andrew blickte Kelly an und fragte sie: „Und? Was meinst Du?“. Sie grinste. „Das werden zwei schöne, aber kurze Tage!“, antwortete sie. Er küsste sie auf die Wange. „Hey, was geht denn hier ab?“, hörten sie eine männliche Stimme hinter sich. Sie drehten sich um, und ein junger Mann, der Ähnlichkeit mit Andrew hatte, trampelte die Stufen zu ihnen hinauf. „Kleiner Bruder!“, rief Andrew erfreut und trat ihm entgegen, um ihn zu umarme! n. Der j unge Mann musterte Kelly ungeniert. Dann blickte er Andrew an und sagte: „Wer ist denn die Schönheit da?“. Andrew buffte ihn. „Die Schönheit ist meine Freundin. Darf ich vorstellen? Kelly, meine Traumfrau, und das ist Joey, mein kleiner Bruder.“. Sie schüttelten sich die Hände. „Angenehm!“, sagten Joey und Kelly gleichzeitig. Die drei lachten und gingen ins Haus. Joey trug den Koffer. Er stellte ihn im Flur ab. „Ich habe Kohldampf, ich guck mal, was unsere Köchin so macht!“, sagte Joey grinsend und zwinkerte Kelly und Andrew zu. „Mach das, ich zeige Kelly das Haus!“, erwiderte Andrew. Er schnappte sich den Koffer und forderte Kelly mit einer Kopfbewegung auf, ihm zu folgen. Sie stiegen eine Treppe hinauf, die eine Kurve machte. Der Flur war offen. An der rechten Seite waren die Zimmertüren, auf der linken Seite ein Geländer. Von dort konnte man in den unteren Flur blicken. Kellys Augen schweiften nach oben, wo ein mächtiger Kronleuchter an der Decke hing. Andrew öffnete die dritte Tür auf der rechten Seite und verschwand in einem Zimmer. Kelly, die staunend stehen geblieben war, folgte ihm schnell. Das Zimmer war hell und geräumig. In der Mitte des Raumes an der Wand, auf die Kelly blickte, stand ein Doppelbett. Neben dem Bett stand auf jeder Seite je ein Nachttisch, über dem jeweils ein Fenster war. An der rechten Wand ein kleiner, zweitüriger Kleiderschrank. Zwei Sessel und ein kleiner Runder Couchtisch standen in der linken Ecke. Links neben dem Bett stand ein Schreibtisch. An der linken Wand erkannte Kelly eine weitere Tür. Sie ging hinüber und öffnete sie. Dahinter verbarg sich ein kleines Badezimmer mit einem WC, einem Waschbecken und einer Duschkabine. Andrew hatte unterdessen den Koffer auf das Bett gelegt und sass in einem Sessel. Kelly kam aus dem Bad und strahlte Andrew an. „Na, gefällt es Dir, meine Süsse?“, fragte er und klopfte sich auf den Oberschenkel, um Kelly zu signalisieren, dass sie sich auf seinen Schoss setzen sollte. Sie nickte zustimmend, ging zu ihm und setzte sich auf sein Bein! . Er for mte seine Lippen zu einem Kussmund und zeigte mit dem Zeigefinger darauf. Kelly lachte, beugte sich zu ihm und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf.
 

 
„Das war mal mein Zimmer,“, erklärte Andrew, „jetzt ist es nur noch ein Gästezimmer. Aber komm, ich zeige Dir den Rest.“. Kelly stand auf, trat einen Schritt zu Seite, um Andrew aufstehen zu lassen. Er nahm sie an der Hand und führte sie durch das riesige Haus. Das ehemalige Zimmer von Steve war ebenfalls zum Gästezimmer umfunktioniert worden. Auch dieses Zimmer verfügte über ein Badezimmer, das ebenso eingerichtet war wie das, was sich in Andrews Zimmer befand. Dann gingen sie in Joeys ehemaliges Zimmer. Das hatten Linda und John zu einem Kinderzimmer umfunktioniert. Jede Menge Spielzeug, ein Kinderbett, ein Wickeltisch.
 

 
Im oberen Stockwerk befand sich zudem das elterliche Schlafzimmer. Eine kleine, schmale Treppe am Ende des Flures führte zu einer Luke, die vermutlich zum Dachboden führte. Andrew blieb mit Kelly am Fuss der kleinen Treppe stehen und deutete mit dem Zeigefinger nach oben. Er schaute sich vorsichtig um. „Da oben ist Joeys Reich,“, flüsterte er, „geh Du hoch und schau Dich um, und ich stehe Schmiere, falls er kommt.“. Die beiden kicherten wie kleine Kinder. Andrew ging den Flur runter bis zu dem Geländer, von wo aus er den unteren Flur im Blick hatte. Kelly schlich sich die Treppe hinauf, drückte die Luke hoch und stieg auf den Dachboden.
 

 
Der Dachboden war ausgebaut und mit weißem Holz verkleidet. Der Raum wahr sehr gross, er erstreckte sich über das gesamte Haus. Sie sah auf der einen Seite eine Tür. Der Raum war abgeteilt worden. Neugierig ging sie hin und öffnete sie. Ein Badezimmer verbarg sich dort. Sie fand es toll, dass jeder der Familienangehörigen ein eigenes Badezimmer hatte. Auf der anderen Seite des Raumes war ebenfalls eine Tür zu sehen. Auch diese Tür war vor Kelly nicht sicher. Sie öffnete sie und stand in einem begehbaren Kleiderschrank. Das war etwas, was sie sich auch immer gewünscht hatte.
 

 
Der Wohnraum war sehr aufgeräumt. In einer Ecke stand ein Doppelbett, daneben eine Kommode. Eine Sitzecke aus Rattan, ein Flachbildfernseher, eine Stereoanlage, ein Schreibtisch, Computer...Joey hatte es augenscheinlich gut hier. Sie kletterte die ersten Stufen der Treppe wieder hinunter, drehte sich um und schloss die Luke.
 

 
Sie ging die Treppe hinunter. Andrew drehte sich zu ihr um, grinste und fragte: „Und? Wie sieht die Studentenbude aus?“. Kelly nickte beeindruckt: „Schön, groß und aufgeräumt! Verwunderlich, er ist doch erst 23 Jahre alt, oder? Scheint sehr ordentlich zu sein, Dein Brüderchen!“. Andrew winkte ab: „Das macht bestimmt Mom!“. Hand in Hand gingen sie die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Andrew zeigte Kelly das Wohnzimmer. Sehr gross, wie alles in diesem Haus. Ein Kamin. Darum eine Sitzecke aus weissem Leder, die aus zwei 3er-Sofas und einem 2er-Sofa bestand. In der Mitte ein Couchtisch, der von seiner Oberfläche her grösser war als Kellys Küchentisch.
 
Das Esszimmer war rustikal aber warm eingerichtet. Ein grosser, massiver Holztisch mit zehn Stühlen. Das Esszimmer führte in die Küche, von wo aus sie die Stimmen von Linda und Joey hören konnten.
 

 
Sie kamen in die Küche. Dieser Ort war wie aus einem Historikroman. Statt eines modernen Ceranherdes, den Kelly in der Küche einer Köchin erwartet hätte, stand dort ein Ofen wie aus dem Mittelalter, der wohl mit Holz oder Kohle beheizt wurde. Allerdings hatte er vier Platten. Die Einbauküche war aus Kiefernholz. Ebenso der runde Küchentisch, der mindestens sechs Personen Platz bot, wie Kelly anhand der vorhandenen Stühle erkannte. Linda stand am Herd und rührte in einem Topf. Sie drehte sich um, als sie Andrew und Kelly in die Küche kommen hörte. „Da seid ihr ja. Und, Kelly, wie findest Du unsere bescheidene Hütte?“, fragte sie Kelly lachend. „Atemberaubend, Linda. Einfach atemberaubend.“, sagte Kelly. Andrew wies sie an, sich zu setzen. „Willst Du einen Kaffee, Baby?“, fragte er sie liebevoll. Joey riss erstaunt die Augen auf und blickte seinen Bruder verblüfft an. „Baby?“, fragte er Andrew. Dieser grinste seinen Bruder an, ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Wenn Du es mal erleben solltest, dann verstehst Du mich!“. Joey zog seine Schulter unter Andrews Hand weg und verzog das Gesicht. „Das werden wir noch sehen!“.
 
„Hört auf ihr zwei!“, sagte Linda entschieden, „Andrew, in der Thermos ist frischer Kaffee. Wo die Tassen sind, weißt Du ja.“. Linda blickte auf ihre Armbanduhr. „Dein Vater kommt auch gleich.“, sagte sie zu Andrew gewandt.
 
„Wo ist Dad eigentlich?“, fragte Andrew sie.
 
„In seiner neuen Bastelstube!“, antwortete Joey. Andrew schaute seine Mutter fragend an. Diese schüttelte den Kopf: „Du weißt doch, er baut Modellflugzeuge, seit er in Rente ist. Und er hat sich hinten in der Scheune eine richtige Bastelecke zugelegt. Könnt ihr euch ja später ansehen!“. Andrew grinste. Davon hatte sein Dad immer geträumt. Doch auf Rücksicht auf seine Frau, die erst einmal ihre Karrierewünsche erfüllen sollte, hatte er damit bis zur Rente gewartet. John, Andrews Vater war jetzt 61 Jahre alt und seit einem Jahr in Pension. Davor hatte er als Mechaniker in einer Fabrik gearbeitet. Andrews Mutter Linda war erst 55 Jahre alt. Kelly überlegte, wie alt ihre Eltern jetzt wären? Sie rechnete kurz. Ihre Mutter würe in diesem Jahr 49 geworden. Ihr Vater würde im nächsten Monat, am 12. Juni, seinen 53. Geburtstag feiern. Wie jung sie doch waren. Kelly wurde aus ihren trüben Gedanken gerissen, als ihr der Kaffeeduft in die Nase stieg, der aus der Tasse kam, die Andrew vor sie auf den Tisch gestellt hatte. Er setzte sich rechts neben sie, schob seinen Stuhl näher an ihren und legte ihr seine Hand aufs Bein. Sie lächelte ihn glücklich an.
 
„Was gibt es zu essen, Mom?“, fragte Andrew neugierig. „Ich habe Deinen Lieblingsgemüseeintopf gekocht. Dazu habe ich frisches Brot gebacken. Danach haue ich euch ein riesiges Steak in die Pfanne. Dazu gibt es dann noch Salat. Kelly, ich hoffe, Du magst das?“, fragte Linda und sah Kelly an. Diese nickte zustimmend.
 
„Erzählt mal, ihr beiden. Was gibt es denn neues bei Euch?“, fragte Linda neugierig. Joey stand auf und verdrehte genervt die Augen. Er zeigte mit dem Zeigefinger nach oben und warf Andrew und Kelly einen entschuldigenden Blick zu, bevor er die Küche verliess.
 

 
Andrew erzählte seiner Mutter, dass er und Kelly nun zusammen ziehen würden, was Linda freute. So sassen die beiden da, erzählten, und Kelly freute sich, dass sie so warmherzig aufgenommen wurde. Es erstaunte sie ein wenig, dass sie gar keine Schüchternheit verspürte.
 

 
Linda bat Andrew und Kelly, den Tisch zu decken. Andrew stand auf und zeigte Kelly, wo sie Teller, Besteck und Gläser fand. Zusammen deckten sie den Tisch. Die Küchentür öffnete sich, und ein grosser, dunkelhaariger Mann betrat den Raum. Als Kelly ihn ansah wusste sie sofort, dass es John, Andrews Vater, sein müsste, denn er sah im derart ähnlich, dass er hätte auch Andrews älterer Bruder sein können. „Da brat mir doch einer `nen Wallach!“, sagte er als er Andrew erblickte. Andrew legte schnell das Besteck neben den Teller und ging zu seinem Dad, um ihn zu besuchen. „Das ist ja eine tolle Überraschung. Weib, warum hast Du mich nicht gerufen?“, rief er mit seiner tiefen Stimme in Lindas Richtung. Diese drehte sich um und stützte demonstrativ die Hände in die Hüfte. „Du sollst mich nicht immer Weib nennen, Herr Gott nochmal.“, sagte Linda bestimmt. John drehte sich zu Kelly, musterte sie und sagte dann: „Du bist Kelly. Schön, Dich kennen zu lernen!“. Er schaute sie erwartungsvoll an. Andrew deutete ihr mit einer Handbewegung an, zu seinem Dad zu gehen. Das tat sie dann auch. Er zog sie in seine Arme und drückte sie fest. Dann hielt er sie an den Schultern und schaute sie ernst an: „Du hast ihn Dir also gegriffen, unseren Jungen, hm?“. Kelly war ein wenig verunsichert und schaute hilfesuchend zu Andrew. Der fing an zu lachen. „Hör auf, Dad. So gut kennt ihr euch noch nicht.“, sagte er zu seinem Vater. „Das ist so sein schwarzer Humor, wirst Du noch merken!“, wandte Andrew sich dann an Kelly. Diese atmete erleichtert aus, blickte John an und sagte: „Freut mich auch, Sie kennen zu lernen, Mr. Fuller!“. John zog die Augenbrauen zusammen und beugte sich zu Kelly: „John oder Pa. Nix anderes, klar?“. Kelly fühlte sich schon wieder eingeschüchtert, blickte zu Andrew und fing dann an zu lachen. „Okay, John!“, sagte sie grinsend und streckte John die Hand entgegen. Er schlug ein und nickte zufrieden: „So will ich das hören.“. Dann setzten sie sich, Linda brachte den Eintopf und rief Joey zum Essen. Kelly hatte sich ! noch nie so wohl in einer Familie gefühlt. Andrew drückte unter dem Tisch immer wieder ihr Bein. Sie saß da mit einer Familie am Tisch als ob hier schon immer ihr Platz gewesen wäre. Sie war glücklich.
 

 
Nach dem Essen half Kelly Linda beim Aufräumen, während Andrew mit seinem Vater im Wohnzimmer sass. Linda sah zur Tür, ob ihnen niemand zu hörte und fragte Kelly zaghaft: „Kelly, weißt Du von Collette?“. Kelly nickte und sagte: „Andrew und ich haben keine Geheimnisse voreinander!“. Linda huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ich frage mich, ob ich Steve und seine Frau für morgen zum Essen einladen soll. Morgen Mittag, meine ich. Was meinst Du dazu? Mir liegt sehr viel daran, dass die beiden sich irgendwann wieder gut verstehen.“, sagte Linda und ihre Augen wirkten traurig. Kelly wusste es nicht. Aber auch sie war ein Mensch, dem Harmonie wichtig war. Ausserdem wollte sie, dass Andrew sich bewusst wurde, wie toll es war, eine Familie zu haben. Sie nickte zustimmend und sagte: „Du hast Recht. Wir sollten versuchen, die beiden einander wieder näher zu bringen.“. Linda lächelte Kelly glücklich an. „Du bist eine nette, junge Frau, Kelly. Und zudem noch so hübsch. Ich würde mich freuen, wenn Du meine Schwiegertochter würdes.“, sagte sie und blickte Kelly neckisch an. Kelly überspielte ihre aufkommende Unruhe mit einem Lachen und zuckte vielsagend die Schultern: „Wer weiß, Linda, wer weiß!“.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 35
 

 
Den restlichen Nachmittag verbrachten Andrew und Kelly am Ufer des Savannah Rivers. Sie gingen spazieren und lagen schliesslich auf einer Decke. Kelly kuschelte sich an Andrew. Es war wieder einer dieser Momente, wo sie nicht sprachen. Sie verstanden sich auch so. Er drückte sie an sich und hauchte ihr einen Kuss auf ihr Haar. Kelly sagte leise: „Deine Mom hat mich gefragt, ob sie Steve und Carrie zum Mittagessen morgen einladen soll.“. Andrew antwortete nicht. Sie stütze sich auf und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick, schien ratlos zu sein. Sie legte sich wieder an seine Brust: „Du schaffst es, irgendwann schaffst Du es!“. Andrew drehte sie auf den Rücken, beugte sich über sie und sah sie ernst an: „Weißt Du was, Baby? Du hast mich gerettet, so oft.“. Kelly blickte verwirrt und fragend. „Du hast mich vor mir selber gerettet. Du hast mir die Liebe wieder in mein Leben gebracht. Du hast mein versteinertes Herz erlöst. Dafür danke ich Dir. Ich liebe Dich, Kelly Ann Wilson! Jeden Tag ein wenig mehr...“. Dann küssten sie sich. Kelly schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn so fest sie konnte an sich.
 

 
Das Abendessen verlief genauso harmonisch wie das Mittagessen. Danach sassen sie alle im Wohnzimmer. John und Linda erzählten aus Andrews Kindheit, was Andrew sichtlich peinlich war. Es wunderte Kelly, dass sie niemand nach ihrer Vergangenheit fragte. Sie sah Andrew an. Er guckte sie die ganze Zeit an. Sie lächelten sich an. Dann holte Linda das Fotoalbum und zeigte Kelly Fotos aus Andrews Kindertagen. Kelly stellte fest, dass Steve mehr seiner Mutter ähnelte als Joey und Andrew, die ein Abbild ihres Vaters waren.
 

 
Um Mitternacht verabschiedeten sich alle. Kelly und Andrew gingen in ihr Zimmer. Er zog sie an sich, küsste sie und striff ihr die Kleidung ab. Dann zog er sich selbst aus. Kelly guckte ihn verblüfft an. „Andrew, im Haus Deiner Eltern!“, sagte sie vorwurfsvoll. Er grinste frech. „Im Haus meiner Eltern ist duschen nicht verboten!“, sagte er und zog sie hinter sich her in das Bad. Er verschloss die Tür und stieg dann als erster in die Duschkabine. Er drehte das Wasser auf. Kelly folgte ihm. Sie zogen die Wand der Duschkabine zu und fingen an, sich gegenseitig einzuseifen. Unweigerlich sah Kelly, dass Andrews Männlichkeit prächtig von ihm abstand. Tadelnd erhob sie den Zeigefinger. Andrew grinste frech und drückte Kelly an die Wand. Seine Hand glitt an ihrem Bauch hinab und landete zwischen ihren Schenkeln. Sanft und fordernd zugleich massierte er ihren empfindlichsten Körperpunkt. Kelly begann vor Erregung zu zittern. Sie glaubte, dass ihre Beine nachgeben würden. Sie als unbeschriebenes Blatt erlebte gerade den ersten, erotischen Frühling ihres Lebens. Sie warf den Kopf in den Nacken und stöhnte. Ihre Hand wollte nach seinem Glied greifen, doch mit seiner freien Hand hielt er ihre Handgelenke fest umschlungen, so dass Kelly sich nicht bewegen konnte. Das Wasser lief über ihre Körper. Andrews Finger massierten den kleinen, harten Knopf zwischen ihren Beinen. Er liess ihre Handgelenke los und führte ihr zwei Finger ein. Kelly stöhnte noch lauter als er begann, seine Finger immer tiefer in sie zu bohren, während er sie mit der anderen Hand massierte. Es kam ihr. Sie konnte nicht länger. Sie drückte ihm ihr Becken entgegen und krallte sich in seinen Haaren fest, während ihr Unterleib von den Wogen des Orgasmus erzitterte. Atemlos und unfähig zu denken lehnte sie an der Duschwand. Als sie die Augen wieder öffnete, sah Kelly, wie Andrew grinsend vor ihr stand. Sie boxte in zart in den Bauch und merkte, wie sie errötete. „Das hat noch nie jemand mit mir gemacht!“, sagte sie – noch immer atemlos. Er sah sie an. D! ann blic kte er auf seinen Penis, der immer noch weit von ihm abstand und nicht vor hatte, sich zu beruhigen. Dann blickte er sie an. Kelly verstand. Sie schaute ihn ängstlich an. Er beugte sich zu ihr und flüsterte: „Tu nichts, was Du nicht wirklich willst. Ich bin mit dem zufrieden, was ich mit Dir habe!“. Kelly lächelte, sank auf die Knie und umfasste sein Glied mit der rechten Hand. Andrew schaute zu ihr hinunter und zog scharf Luft ein. Dann führte er seinen Penis in ihren Mund, und der Rest lief wie von selbst. Jetzt war es Andrew, der sich festhalten musste, um seine weichen Knie davon abzuhalten, nicht einzusacken. Es dauerte nur wenige Minuten, und Andrew war soweit. Kelly spülte sich den Mund aus. Andrew zog sie hoch und küsste sie. Glücklich strahlten sie sich an. Schliesslich wuschen sie sich beide, putzten dann ihre Zähne, gingen ins Bett und schliefen glücklich miteinander ein.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Kapitel 36
 

 
Als Kelly am nächsten Morgen erwachte, war Andrew bereits aufgestanden. Kelly reckte sich. Dann stand sie auf und ging ins Bad. Sie wusch sich und putzte ihre Zähne. Dann zog sie sich an und ging hinunter. Aus der Küche klang Gelächter. Als Kelly in die Küche kam, war bereits die ganze Familie versammelt, dabei war es erst kurz nach halb neun.
 
Kelly sagte verlegen: „Guten Morgen, alle zusammen!“. Ein gemeinschaftliches „Guten Morgen“ kam von den anderen zurück. Andrew und Joey alberten herum, John trank Kaffee und Linda war dabei, sich einen Toast zu schmieren. Sie zog den freien Stuhl neben sich vor und sagte zu Kelly: „Mach Dir nichts draus, wir sind alle Früh-aufsteher. Setz Dich und iß!“. Kelly lächelte und setzte sich. Andrew zwinkerte ihr zu und fragte sie keck: „Na, Baby, hast Du gut geschlafen!“. Sie grinste frech zurück: „Außerordentlich gut, danke!“. Nur die beiden verstanden, warum sie lachen mussten.
 

 
Kelly genoss das familiäre Frühstück und lauschte den Gesprächen der anderen. Joey erzählte, dass er gestern im Pub ein tolles Mädchen kennen gelernt hatte. Seine Mutter blickte ihn tadelnd an: „Für wie lange?“. Alle lachten. Joey jedoch nicht. „Ha, ha, sehr lustig!“, konterte er ernst. Andrew legte ihm brüderlich den Arm um die Schultern: „Nimm es nicht so ernst, ich sagte Dir doch schon,“, sprach Andrew und sah Kelly an, „Du wirst die richtige erkennen, glaub mir.“. Joey mochte diese Art von Gesprächen nicht. Er blickte zuerst Kelly an und dann Andrew. Dann grinste er hinterlistig und fragte Andrew: „Kann man die richtige auch mehrfach treffen?“. „Joey!“, schrie John und stand auf. Joey hob abwehrend die Hände: „Schon gut, schon gut!“. Dann klopfte er Andrew auf die Schulter: „Nimm es nicht so ernst, Bruder.“. Dann stand Joey auf und verliess wortlos die Küche. Niemand sagte etwas. Betretenes Schweigen. Kelly blickte auf ihren Toast, um niemanden ansehen zu müssen.
 

 
Andrew schob seinen Stuhl zurück, stand auf und ging ebenfalls. Kelly blickte ihm nach. „Wann wird dieses Affentheater endlich aufhören?“, sagte John wütend. Auch er stand auf und wollte gehen. An der Tür drehte er sich noch einmal um und sagte: „Linda, sag Deinem missratenen Sohn Steve, wenn er kommt, dass er vorsichtig sein soll mit dem, was er sagt. Ich kann und will nichts mehr davon hören! Und wenn er und Joey sich nicht benehmen können, dann fliegen sie heute Mittag und zwar im hohen Bogen!“.
 
Linda blickte Kelly an. „Schon gut,“, sagte Kelly, „wir kriegen das schon wieder hin!“. Dann klopfte sie Linda freundschaftlich auf den Rücken. Erschrocken über ihre eigene Handlung zog Kelly die Hand schnell zurück. Linda und sie blickten sich an und prusteten los.
 

 
Nach dem Frühstück half Kelly Linda beim Aufräumen. Sodann begann Linda damit, das Mittagessen vorzubereiten. „Kann ich Dir helfen?“, fragte Kelly. „Nein, geh lieber mal nachsehen, wo Andrew steckt!“, sagte Linda.
 

 
Kelly ging nach oben. Andrew lag auf dem Bett und starrte die Decke an. Sie setzte sich auf den Bettrand. Er blickte sie an. Sie konnte sehen, dass er geweint hatte. Sie legte tröstend ihre Hand auf seinen Bauch. „Weißt Du, was das Schlimme ist?“, fragte er sie, „Nicht ich sollte mich schuldig fühlen, sondern Steve! Und ich weiss auch nicht, was Joey sich einbildet. Er ist noch grün hinter den Ohren. Er war damals gerade mal acht oder neun Jahre alt.“. Andrew war wütend und enttäuscht. Kelly suchte nach den richtigen Worten. „Schatz, ich habe Dir gestern schon gesagt, dass Du es schaffen wirst. Eines Tages, ganz sicher. Wenn ich Dir dabei helfen kann, dann sag es!“. Kelly guckte ihn verständnisvoll an. Andrew rollte sich zur Seite und versteckte sein Gesicht im Kissen. Dann lachte er. Kelly buffte ihn an: „Was ist denn jetzt so witzig!“. Andrew bekam kaum Luft. Er drehte sich wieder zu ihr und sagte: „Ja, Frau Doktor!“. Kelly verstand nicht. „Hast Du jetzt nicht verstanden, hm?“, fragte er sie. Sie schüttelte den Kopf. „Also, Baby, das war das erste Mal, dass definitiv der Therapeut in Dir gesprochen hat. Jetzt fehlt Dir noch eine dicke Brille und ein Dutt am Hinterkopf!“. Andrew kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Kelly fing an, ihn zur Strafe auszukitzeln. Die beiden tobten auf dem Bett rum wie kleine Kinder. Als sie beide vor Lachen atemlos waren, hörten sie auf und lagen still nebeneinander. Andrew drehte sich zu ihr und fragte sie: „Wenn Du bereit bist, sagst Du es mir dann?“. Sie nickte.
 

 
„Kelly...Andrew...kommt ihr runter?“, hörten sie Linda rufen. Sie standen auf, richteten ihre Kleidung. Andrew küsste sie und fragte: „Alles klar? Begeben wir uns in die Höhle der Löwen?“. Sie nickte zuversichtlich und sagte zu ihm: „Und lass Dich bitte nicht provozieren. Du trägst keine Schuld, hörst Du?“. Andrew grinste und küsste sie nochmals: „Ja, Frau Doktor!“. Sie gingen die Treppe runter. „Wir sind im Wohnzimmer!“, hörten sie John rufen. Dann gingen sie ins Wohnzimmer. Sie erkannte Steve, und die blonde Schönheit, die aussah, als wäre sie dem Playboy entsprungen, musste seine Frau Carrie sein. Andrew ging auf Steve zu. Sie gaben sich die Hand:
 
„Hallo Steve!“
 
„Hallo Andrew!“
 
Dann blickte Andrew zu der Frau und nickte begrüssend: „Carrie!“
 
Sie nickte zurück: „Andrew!“.
 

 
Das Verhältnis der beiden schien doch wesentlich kälter zu sein, als Kelly vermutet hatte. Steve musterte Kelly neugierig. Carrie würdigte Kelly keines Blickes. Andrew legte den Arm um Kelly. „Darf ich euch meine Freundin vorstellen? Das ist Kelly. Kelly, mein Bruder Steve und seine Frau Carrie.“. Sie nickten beide in Kellys Richtung. Kelly nickte zurück und lächelte übertrieben freundlich. Andrew zog sie noch enger an sich, und sie legte ihren Arm um seine Hüfte. „Wo ist denn meine kleine Nichte?“, fragte Andrew seinen Bruder. „Die ist heute bei ihren Großeltern!“, antwortete Steve. John sah von seiner Zeitung auf und schnaubte verächtlich in Steves Richtung. Die Stimmung war angespannt. Kelly sagte leise zu Andrew: „Ich geh mal in die Küche und schaue, ob ich Deiner Mom helfen kann!“. Sie drehte sich um und war froh, in die Küche flüchten zu können. Linda stand am Herd und guckte nacheinander in die drei Töpfe, die darauf standen. Kelly setzte sich an den Tisch und fragte: „Kann ich Dir helfen, Linda?“. Linda drehte sich um und grinste Kelly an. „Es ist furchtbar, oder?“, fragte sie Kelly. Kelly nickte. „Es muss doch jetzt fast 15 Jahre her sein, oder?“, fragte Kelly neugierig. „Ja,“, erwiderte Linda, „aber Andrew kann Steve nicht verzeihen. Und Steve hat die Sache einfach unter den Teppich gekehrt. Als sei nie etwas passiert. Und Andrew gibt sich die Schuld an Collettes Tod. Es ist eine Tragödie!“.
 
Linda lachte. Kelly guckte verwirrt. „Also, wenn die beiden nicht schon erwachsen wären, dann würde ich ihnen liebend gern den Hintern versohlen.“, erklärte sie Kelly lachend. Als diese sich dann vorstellte, wie Linda und John ihre erwachsenen Söhne über das Knie legten, musste auch sie lachen. Kelly fragte, ob sie den Tisch decken sollte. Linda winkte ab: „Habe ich gestern abend schon gemacht!“. Sie zwinkerte Kelly zu. Dann wischte sie sich ihre Hände an ihrer Schürze ab, ging zum Tisch und setzte sich zu Kelly. „Paß mir gut auf ihn auf, Kelly. Er ist so sensibel. Ich bin so froh, dass er Dich gefunden hat. Nach dieser gruseligen Sache liess Andrew niemanden an sich heran. Du hast viel für ihn getan. Und auch für uns. Er ist schon fast wieder der lebensfrohe Junge, den ich großgezogen habe.“. Sie legte ihre Hand auf Kellys. Kelly errötete leicht. Sie war stolz und freute sich über das Lob von Linda, aber ein wenig unangenehm war ihr das schon. Linda stand wieder auf und begann damit, dass Essen in Schüsseln zu füllen. Es gab Kartoffelpüree, Rotkohl, Erbsen und Möhren, einen Lachsbraten und Soße. Kelly trug die Schüsseln ins Esszimmer. Linda drückte ihr zwei verschiedene Flaschen Wein in die Hand, die Kelly ebenfalls auf den Tisch stellte. Dann gab Linda ihr eine Flasche Wasser und sagte zu Kelly: „Stell die Flasche bitte vor den letzten Teller recht, da sitzt die Queen!“. Linda verdrehte die Augen. Kelly schaute fragend als sie die Flasche entgegen nahm. „Carrie!“, flüsterte Linda. Kelly grinste und brachte das Wasser ins Esszimmer.
 
Linda ging ins Wohnzimmer und trommelte alle zusammen. Am Ende des Tisches sass John. Links von ihm Carrie, daneben Steve. John zeigte auf den freien Stuhl rechts von ihm und winkte Kelly heran. Kelly salutierte und setzte sich. John und Kelly lachten. Andrew nahm neben Kelly Platz. Neben Andrew sass Joey, Linda setzte sich neben Steve. Sie wünschten sich guten Appettit und begannen, sich die Teller zu füllen. Andrew fragte, wer Rotwein haben wollte und goss sich, Kelly, John und Steve sodann welchen ein. Er zwinkerte Kelly zu und wandte sich an Carrie: „Schwägerin, für Dich vielleicht auch einen kleinen Schluck?“. Carrie verdrehte genervt die Augen und sagte theatralisch: „Andrew, verdammt nochmal, ich trinke keinen Alkohol, wann kapierst Du das endlich?“. John fing an zu lachen. Andrew stellte den Wein ab, nahm die Flasche mit dem Weißwein und schaute fragend zu seiner Mom. Diese nickte grinsend. Joey winkte ab, stand auf und kam mit einem Bier zurück. Seine Mom schaute tadelnd. „Ach, Mommy, ich weiss, zu diesem exquisiten Essen passt einfach kein Bier, aber was soll ich tun? Wo ich es doch so gern trinke?“, sagte er mit dem Unterton eines kleinen Jungen. Alle lachten.
 
Sie begannen zu essen. Steve erzählte, dass er bald Abteilungsleiter werden würde. Seine Eltern gratulierten. Steve war im Controlling einer Metallfabrik tätig. Steve wandte sich an Kelly: „Was machst Du beruflich?“. Kelly antwortete selbstbewusst: „Ich arbeite für eine Versicherungsgesellschaft.“. Steve zog wissend die Augenbrauen hoch. „Und Du, Bruderherz? Immer noch der Knecht von O’Donnell?“, fragte Steve zynisch. Andrew lächelte seinen Bruder freundlich an und erwiderte: „Nein, Projektleiter. Nicht mehr Knecht!“. John und Linda grinsten sich an. „Wie sieht es denn bei euch mit Heiraten aus?“, fragte Steve Kelly und Andrew grinsend. Sie sahen sich an. Kelly legte beruhigend die Hand auf Andrews Oberschenkel und antwortete souverän: „Wir arbeiten daran!“. Andrew schaute sie stolz an. Linda sagte erfreut: „Das freut mich aber!“. John klopfte Kelly auf den Rücken: „Super Sache!“. Kelly wusste, dass es kein zurück gab. Doch das verunsicherte sich nicht im geringsten. „Feiert ihr hier oder bei Deinen Eltern?“, fragte Steve. Jetzt war es Andrew, der Kelly beruhigend die Hand auf den Oberschenkel legte. „Kellys Eltern sind tot!“, antwortete Andrew. „Oh, das tut mir leid!“, sagte Steve. Kelly nickte. John sah Steve wütend an. Linda versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen und sprach Joey an: „Warum bist Du so still heute?“. Joey schaute in die Runde. Dann sah er Linda an. „Was soll ich dazu sagen, Mom? Es freut mich, wenn Kelly und Andrew glücklich werden.“, erklärte Joey. Und zu Steve gewandte sagte er: „Und es kotzt mich an, dass Du da hinten so dämliche Sprüche machst!“. Steve sah Joey drohend an. „Halt die Klappe, Zwerg!“, sagte er überheblich. John schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ruhe jetzt!“, sagte er laut und bestimmt. Joey tupfte sich mit der Serviette den Mund ab, trank einen Schluck Bier und grinste Carrie an. „Und Blondie, was ist denn mit Dir? Hast Du das Sprechen ganz verlernt? Oder hat Dein Mann Dir das Reden verboten?“, sagte Joey provozierend. „Ach ja, ich hatte ja ganz ver! gessen, dass es so lange dauert, bis Dir eine Antwort eingefallen ist, dass wir bereits beim nächsten Thema sind!“, sagte Joey. John fing an zu lachen. Kelly und Andrew sahen sich an und hatten Mühe, sich ihr Grinsen zu verkneifen. Linda schüttelte verzweifelt den Kopf. Steve stand auf und hob drohend den Zeigefinger. „Halt Deine dämliche Klappe! Willst Du sagen, dass meine Frau blöd ist?“, schrie er Joey an. Joey blieb ruhig sitzen und lachte Steve aus. „Habe ich da was vergessen? War sie in Harvard? Oder doch in Yale? Ach nein, sie hat ja nicht mal einen High-School-Abschluss.“. Joey schüttelte sich vor Lachen. „Setz Dich Steve, sofort!“, schrie John, „Verstehst Du keinen Spass mehr, verdammt? Was ist los mit Dir?“. Steve setzte sich und warf Joey zornige Blicke zu, der weiter vor sich hin grinste. Der Rest des Essens verlief in eisigem Schweigen. Andrew blickte zu Kelly, zwinkerte ihr zu und sagte: „Baby, ich glaube, wir müssen langsam packen. Unser Flug geht in zwei Stunden.“. Kelly verstand den Wink, schaute auf ihre Armbanduhr und sagte erschrocken: „Ach, tatsächlich. Wie schade!“. Sie entschuldigten sich, standen auf und gingen nach oben.
 
Sie lachten beide. Andrew sagte: „Joey hat es ihm richtig gegeben!“. Kelly nickte. „Ich mag Steve nicht. Und seine Frau auch nicht.“, sagte sie und blickte Andrew entschuldigend an. Andrew ging zu ihr und küsste sie. „Da bist Du nicht die einzige. Er hat sich sehr verändert seit...na ja, seit dieser Sache mit Collette!“, sagte Andrew traurig. „Aber ich bin es leid, ihm länger meine Hand hin zu halten.“, fuhr er fort. Da fiel ihm wieder Kellys Antwort beim Essen bezüglich der Heirat ein. „Warte mal, Baby. Was war denn das mit dem Heiraten?“, fragte er grinsend. „Da kommst Du jetzt nicht mehr so einfach raus, ist Dir das klar?“.
 
Kelly grinste ihn an. „Du hast doch gesagt, dass ich Dir Bescheid sagen soll, wenn ich bereit bin. Also, Mr. Fuller: Bescheid!“, sagte sie. Und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, hob er sie hoch und drehte sich. Er küsste sie. Dann setzte er sie wieder ab und sagte: „Du bist die Liebe meines Lebens, Kelly Ann Wilson. Aber es soll traditionell laufen. Ohne Antrag keine Heirat, also lass Dich überraschen!“. Sie küssten sich. Und Kelly wusste, dass sie sich dieses Mal gern überraschen lassen würde.
 

 

 

 
- Fortsetzung folgt -
 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Simona Bianco).
Der Beitrag wurde von Simona Bianco auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • Simona-Biancot-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Simona Bianco als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Perlen der Seele von Anita Namer



Alles was uns ausmacht ist das, was wir in unser Leben mitgebracht haben und was wir in ihm erleben. Die Autorin schreibt über Gefühle, die uns im Leben so begegnen: Liebe, Freude, Trauer, Leid, lachen, weinen, hüpfen, springen, fühlen und lebendig sein. Sie möchte Impulse setzen, die die Seele berühren und zum Nachdenken anregen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zwischenmenschliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Simona Bianco

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Psychose - Teil 2: Bohnensuppe von Simona Bianco (Zwischenmenschliches)
Die Nachrichtensprecherin von Norbert Wittke (Zwischenmenschliches)
Brennende Tränen - Teil V von Sandra Lenz (Liebesgeschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen