Nina Lochmann

Hinter dem roten Opel

 

 

Als ich den Parkplatz überquerte, hatte ich kein Ziel. Einfach nur weg, so weit wie möglich. Doch der Parkplatz war nicht groß, und wenn ich ihn verlassen hätte, wäre ich Gefahr gelaufen, entdeckt zu werden. Also setzte ich mich. Die Mauer war kalt und das parkende Auto versperrte den Blick auf die Straße. Sollten sie mich ruhig suchen. Ich würde hier bleiben. Mit angezogenen Beinen ließ ich den Blick schweifen und dachte über die verwirrenden Ereignisse der letzten Zeit nach. Es war nicht einfach, siebzehn zu sein.

 

Ich saß auf dem kalten Steinboden und wartet. Wartete, dass sie mich suchen würden. Ich würde mich nicht finden lassen. Warum musste nur alles so kompliziert sein? Warum konnte ich nicht einfach mit Jo befreundet sein? Er war wütend geworden, als er von Björn und mir erfuhr. Ich hatte es nicht verstanden. Mehrmals wollte ich ihn fragen, was los sei und warum er mich ignoriere. Doch die Kälte, die er mir entgegen brachte, ließ mich jedes Mal zurück schrecken. Heute Abend hatte ich es einfach nicht mehr ausgehalten.

 

Das Licht ging plötzlich an im roten Opel. Ich hatte nicht bemerkt, dass jemand im Auto gesessen hatte. Kurz sah ich zur Gestalt hinter dem Lenkrad hinüber, dann widmete ich mich wieder meinen Gedanken. Seit einem Monat waren Björn und ich nun zusammen. Ich genoss die Zeit mit ihm. Und doch ging mir Jo nie ganz aus dem Kopf. Wir hatten viel unternommen, bevor Björn und ich ein Paar wurden. Ich dachte, wir wären Freunde gewesen.

 

Als die Autotür sich öffnete, fiel mir wieder ein, dass ich nicht allein auf dem Parkplatz war. Ich zog meine Beine noch näher an den Körper und versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu bringen. Die Kälte meiner Hände fraß sich durch den Stoff meiner Jeans. Das Licht im Auto ging aus und ich hörte den Schlüssel in der Autotür. Ich sah nicht hin. Langsam näherte sich mir die Gestalt aus dem Auto. Wortlos nahm sie neben mir Platz. Jetzt sah ich hin. Neben mir saß ein Typ, der kaum älter zu sein schien als ich selbst. Er lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Wortlos zog er ein kleines Tütchen aus seiner Jeanstasche und gleich darauf eine kleine braune Holzpfeife. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie er seine Pfeife stopfte. Als er damit fertig war, hörte ich das Klicken seines Feuerzeuges. Ein süßlicher Geruch stieg mir in die Nase. Ich sog ihn tief ein und sah zu meinem Gegenüber auf. Wortlos reichte er mir die Pfeife und ich rauchte.

 

Der erste Zug brachte mich zum Husten. "Geht es?" fragte die Gestalt, die neben mir auf dem kalten Bordstein saß. Ich nickte und nahm einen großen Schluck aus meiner mitgebrachten Bierflasche. Dann reichte ich sie ihm. Er bedankte sich. Schweigend rauchten wir weiter und tranken mein Bier. Irgendwann brach er das Schweigen "Was ist los? Warum sitzt du hier so allein und bist nicht drüben beim Konzert?" Ich dachte an die jüngste Demütigung, vor der ich geflohen war. Dachte an die kalte Gleichgültigkeit in Jos Augen. Und dann sprudelte alles aus mir heraus. Ich erzählte, wie sehr ich mich auf den Abend gefreut hatte. Wie ich mich schon Stunden zuvor mit Viviane und Nicole getroffen hatte und es kaum erwarten konnte, dass Björn uns endlich abholen würde. Ich erzählte von unserem Zusammentreffen mit Jo. Keiner von uns hatte gewusst, dass er auch zum Konzert kommen würde. Er hatte alle begrüßt, bis auf mich. Als Viviane ihn auf meinen Geburtstag aufmerksam gemacht hatte, hatte er mir nur einen kalten Blick entgegen geworfen und gleich wieder weggesehen. Das tat weh.

 

Mein Gegenüber nickte nur mitfühlend und stopfte erneut seine Pfeife. Wir rauchten und ich redete, redete mir den gesamten Schmerz von der Seele. Das Bier war inzwischen geleert, als mein Gesprächspartner sich langsam erhob mit den Worten, er müsse jetzt gehen. Ich lächelte ihm zu. Es war das erste Lächeln seit dem Wiedersehen mit Jo und es war ernst gemeint. Mir ging es gut, nach dem Gespräch. Ich sah dem Fremden nach, wie er sich hinter das Lenkrad des roten Opel setzte. Die Scheinwerfer blendeten mich kurz, dann verschwand er vom Parkplatz- und aus meinem Leben.

 

Gelöst und erleichtert fühlte ich mich, als ich mich erhob und zum Konzert zurückkehrte. Niemand stand draußen auf dem Hof, also ging ich hinein. Der stickige Raum war von schwitzenden Menschen erfüllt, es roch nach Tabak und Bier. Ich sah weder Björn noch sonst jemanden. Ziellos bahnte ich mir den Weg durch den Raum. Einige Leute lächelten mir entgegen, die meisten beachteten mich nicht. Endlich erblickte ich ein bekanntes Gesicht. Arne saß auf einer Bank im hinteren Teil des Raumes. Ich ging zu ihm. "Hast du Björn gesehen? Oder Viviane und Nicole?" Er zeigte nach vorne in Richtung Bühne. Dort standen sie alle und tanzten. Jo war auch dabei. Erleichtert, sie gefunden zu haben, ging ich auf meine Freunde zu. Als ich mich zu ihnen stellte und in ihren Tanz mit einfiel, traf mein Blick für einen kurzen Augenblick den von Jo. Ich lächelte. Auf einmal war es ganz einfach, siebzehn zu sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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