Ingrid Grote

TOPP, die Wette – Der Ernst der Liebe...9

 

DAS MONSTER

 

Irma saß wie gelähmt im Wohnzimmer und sah aus dem großen Fenster hinaus nach draußen. Dem Himmel sei Dank war ihr Vater nicht da, er machte gerade eine Kur, und sie musste ihm nicht erklären, warum sie hier war. Aber irgendwann später dann doch... Was würde er wohl sagen?

Der Anblick der Landschaft war ihr vertraut, schließlich war sie hier aufgewachsen. Sie liebte das Haus und den riesigen Garten, doch sie empfand nicht mehr das gleiche wie früher, etwas war in ihr kaputtgegangen, nein Quatsch, so leicht war sie nicht kaputt zu kriegen, da mussten schon schlimmere Dinge passieren. Ein untreuer Mann hatte doch gar nichts zu bedeuten, die gab es doch wie Sand am Meer, und diesen einen, diesen besonderen würde sie so schnell wie möglich vergessen, der war es doch gar nicht wert, dass sie sich deswegen grämte. Dennoch, Mist, Mist, Mist, sie verbarg das Gesicht in ihren Händen.

 

„Was ist denn los, mein Schatz?“ Ihre Mutter war hereingekommen und umarmte sie.

„Ach nichts! Ich glaube, ich habe Kopfschmerzen...“ Irma nahm schnell die Hände von ihrem Gesicht und gab sich den Anschein, als wäre alles normal. Und wieso hing sie eigentlich hier herum? Es gab doch bestimmt irgendetwas zu tun, vielleicht im Garten? Es war noch nicht richtig kalt, jedenfalls fror es nicht. Klar doch, kurz vor Weihnachten fror es nie, und da schneite es auch nie.

Weihnachten... Als sie mit Chris hier war, da hatte sie darüber nachgedacht, wie sie wohl Weihnachten verbringen würden. Wieder stöhnte sie auf.

 

Martina schaute sie forschend an, sie verstand sehr wohl, was in Irma vorging, ließ es sich aber nicht anmerken. Denn Irma hätte sofort alles abgestritten, was irgendwelche miesen Gefühle betraf. Sie war ja so stark, das behauptete sie immer wieder, und sie würde damit fertig werden. Martina hatte natürlich vor, ihre Tochter zu unterstützen und ihr in jeder Weise zu helfen. Sie fühlte eine ziemliche Wut auf den Kerl, der Irma erst geschwängert, dann sitzen gelassen – und schließlich auch noch betrogen hatte. Seltsam, ihr Gefühl hatte sie getäuscht. Sie hatte ihn am Anfang sehr gemocht, diesen Mann, sie ahnte unter seinem arroganten Wesen die Tiefe seiner Gefühle, und diese Gefühle waren bedingungslos auf Irma gerichtet. Konnte sie sich so getäuscht haben? Sie schüttelte ratlos den Kopf. Was war wirklich wahr – und vor allem, was sollte sie tun, um Irma von ihrem Kummer abzulenken?

 

„Wie wäre es, wenn wir einen Kuchen backen?“ Ihre Mutter gab einfach nicht auf. Sie sah besorgt aus, klar doch, eine schwangere Tochter ohne Mann, das brachte viel Kummer, und dennoch unterstützte sie Irma, hatte ihr angeboten, wieder hier einzuziehen – wenigstens für ein Jahr – und das Kind gemeinsam groß zu ziehen. Ein schönes Angebot, sie sollte es annehmen. Das Kind war nun das Wichtigste in ihrem Leben, und es musste die besten Bedingungen haben. In der Großstadt wäre sie alleine, in ihrem Bekanntenkreis gab es kaum Babys, das war hier im Dorf anders.... Ja, sie dachte darüber nach, und der Gedanke gefiel ihr. Und vor allem wäre sie dann weit weit weg von Chris und könnte ihm nicht zufällig über den Weg laufen, wenn er mit dieser Frau unterwegs war und mit ihrem Sohn. Oh Gott, sie rannte weg! Wollte sich vor ihm verstecken. Soweit war es gekommen!

Chris! Es tat weh, es tat so weh... Doch sie wollte nicht mehr an ihn denken, sie musste sich ablenken, musste sich beschäftigen. „Nein, ich mag keinen Kuchen backen. Aber vielleicht ist ja was im Garten zu tun. Dieser eklige alte Efeu, der sieht ja grauenhaft aus! Vielleicht könnte ich ihn ein wenig ausmisten...“

 

Martina dachte nach, es war zwar eine ungewöhnliche Zeit, um im Garten zu arbeiten, aber die Idee gefiel ihr, und es würde Irma ablenken. „Hmmm“, sagte sie nachdenklich. „Du hast Recht! Dieser Efeu untergräbt den ganzen Garten, und er sieht einfach scheußlich aus, unten hat er nur noch dicke Wurzeln, und oben wächst nicht mehr viel. Na gut, wenn du willst...“

 

Aber Irma hörte sie gar nicht mehr, denn sie war schon aufgesprungen. Sie griff sich eine warme Jacke und eilte nach draußen. In der Garage fand sie eine große Auswahl an Werkzeugen. Sie schnappte sich eine dicke Astschere, eine kleinere Zweigschere, einen Spaten, eine Harke – und nach kurzer Überlegung sogar eine Axt. So, sie war gerüstet!

Sie beäugte den ekelhaften Efeu. Er wuchs auf einer erhöhten steinigen Stelle zwischen der Gartenlaube und einem verwilderten Beet. Er sah wirklich widerlich aus, er klammerte sich eng um ein junges Bäumchen und erwürgte es fast mit seinen dicken haarigen Trieben, aus denen nur noch schwächliche krumme Zweiglein wuchsen. Er sah aus wie ein Monster, das sich diese Ecke des Gartens unterworfen hatte, und Irma hasste das Monster.

Ich hasse dich, ich hasse ich, dachte sie. Du kannst mir nichts antun, ich werde schon fertig mit dir!

Mit aller Wut, die in ihr war, rückte sie dem Monster zu Leibe. Mit einer Zweigschere fuhr sie rücksichtslos in das Gestrüpp hinein und zwackte es entzwei, bis sie Blasen an den Handflächen hatte. Mit der Astschere zerkleinerte sie die dicken Triebe, mit einem Spaten lockerte sie die Wurzeln, die sich tief im Boden festgekrallten und sich hartnäckig dagegen wehrten, hinausgezogen zu werden. Mit der Axt hackte sie auf besonders widerspenstigen Wurzeln herum. Ihre Mutter hatte Recht, er untergrub den ganzen Garten und breitete sich unterirdisch aus. Aber mit ihr konnte er das nicht machen! Irma stieß mit dem Spaten auf ihn ein, brach ihn mit der Astschere in Stücke, sie rang mit ihm und zog auch dicke Triebe aus dem Erdreich, sie wütete förmlich im Efeu, und allmählich türmte sich hinter ihr ein ekelhaft aussehender Haufen aus monströsen Wurzeln und haarigen Stängeln auf.

Irma schaute befriedigt darauf herab. Ihre Handflächen waren zwar mit Blasen bedeckt, der Rücken brach ihr fast entzwei, und sie war ziemlich außer Atem, aber sie hatte es geschafft: Das Monster war besiegt. Jetzt musste das eklige Zeug nur noch in den Komposter geschafft werden.

Sie griff sich triumphierend ein Bündel voll Efeu und sprang von den Steinen in den Garten hinunter.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Erde immer noch schmierignass vom letzten Regenguss war. Irma rutschte mit dem rechten Fuß weg, der linke hing in der Luft, und sie stürzte.

Sie stürzte entsetzlich langsam, so kam es ihr jedenfalls vor, und sie schaffte es noch, sich irgendwie zur Seite zu drehen, weil sie nicht mit dem Steißbein aufkommen wollte. Sie streckte beide Arme aus, um den Sturz mit den Händen aufzufangen. Das klappte.

Aber nicht genug – sie knallte mit der linken Hüfte hart auf den Boden, und es tat so weh, dass sie keine Luft mehr bekam, so musste ein Fisch sich auf dem Trockenen fühlen, ging es ihr durch den Kopf, während sie mühevoll nach Luft schnappte, es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, sie hatte Angst zu ersticken - bis sie dann endlich wieder normal atmen konnte.

Dann lag sie da, geschockt und verwirrt, wie konnte das passieren. Sie ächzte auf und versuchte langsam, sich zu erheben. Sie spürte, dass auch ihre rechte Hand furchtbar weh tat, aber sie musste doch aufstehen. Sie nahm die Ellenbogen zu Hilfe und stützte sich auf sie, sie sah bestimmt aus wie ein Maikäfer, der versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.

Als sie es gerade geschafft hatte, sich mit der unverletzten Hand aufzustützen, durchfuhr sie plötzlich ein ziehender Schmerz. Sie krümmte sich stöhnend zusammen und ließ sich vorsichtig wieder zurückfallen. Irgendetwas stimmte da nicht. Oh Gott, hoffentlich nicht das! Irma wollte nach ihrer Mutter rufen, aber ihre Stimme war ihr abhanden gekommen, sie bekam nur ein heiseres Krächzen heraus, das bestimmt niemand hören konnte.

Sie lag ganz still da, und nach einer scheinbar endlosen Weile verblasste der Schmerz etwas, aber sie hatte Angst, furchtbare Angst. Denn das Monster war immer noch da, sie hatte es gar nicht besiegt. Sie selber war das Monster.

 

Martina fand sie ein paar Minuten später, sie wusste gar nicht, warum sie nach ihrer Tochter schauen wollte, es war so ein unbestimmtes Gefühl, sie machte sich Sorgen um sie.

Irma lag bewegungslos auf dem Rücken und starrte nach oben. Ihr Gesicht sah verängstigt und schmerzverzogen aus, und Martina, der die Tränen kamen, rief einen Krankenwagen an. 

 

~~~~~~~~~~~

 

Chris trat nervös von einem Bein aufs andere. Er hoffte, sie hier zu finden, es war die letzte Möglichkeit. Er hatte sie überall gesucht, zuerst in ihrer Wohnung, dann bei Jessi, bei Anna und Markus und zuallerletzt bei Ralf, wo er sie am ehesten vermutete – aber auch dort war sie nicht. Bis ihm schließlich einfiel, sie könnte bei ihren Eltern sein, wie hieß das Kaff noch? Er musste Ralf anrufen und ihn danach fragen, und der sagte es ihm schließlich widerwillig. Ralf hasste ihn vermutlich, und er verstand das gut. Er war hassenswert, er war verrückt, doch er liebte Irma, und er würde sie nicht so ohne weiteres gehen lassen. Er versuchte, bei Irmas Eltern anzurufen. Und als auch nach Stunden niemand ans Telefon gegangen war, entschloss er sich, einfach hinzufahren.

Endlich machte jemand auf, und Irmas Mutter starrte ihn an. Ihr Blick war abweisend und vorwurfsvoll, und sie bat ihn nicht ins Haus hinein. Aber er musste mit ihr reden, sie davon überzeugen, dass er nicht so schlimm war, wie sie vielleicht dachte.

„Ich liebe sie“, sagte er. „Und ich will das Kind, das weiß ich jetzt. Ich war vollkommen durcheinander, hatte die Wahnvorstellung, das Kind würde sie töten. Aber jetzt bin ich einigermaßen klar im Kopf, und ich hoffe, dass sie mir verzeiht.“

Martina fühlte sich gerührt. Sie hatte sich nicht in ihm getäuscht. Doch da war noch das andere...

„Und die andere Frau?“, fragte sie ihn unverblümt.

Chris lachte bitter auf. „Sie hat mich fast hereingelegt. Sie besaß einen Schlüssel zu meiner Wohnung, ich weiß immer noch nicht, wie sie an ihn gekommen ist. Es hört sich bestimmt blöd an, aber es ist wahr. Es ist nichts passiert, ich habe es im letzten Moment gemerkt.“ Er starrte vor sich hin. „Natürlich muss es so ausgesehen haben, als ob ich... Aber das kann sie doch nicht glauben!“

„Sie will dich nicht mehr sehen. Sie will hier bleiben, sie könnte dich in der Stadt treffen, davor hat sie Angst. Sie könnte dich mit dieser Frau treffen und mit ihrem Sohn.“ Martina wunderte sich nicht darüber, dass sie ihn einfach duzte.

„Das ist doch Quatsch! Ich habe ihr verboten, jemals wieder auf Sichtweite an mich heranzukommen. Und falls doch...“

Martina konnte in seinen Augen die versteckte Drohung erkennen, und sie fühlte sich erleichtert. Er war absolut in Irma verliebt, und sie glaubte das, was er sagte. Aber ob Irma ihm auch glauben würde? Sie hoffte es so sehr.

„Aber jetzt will ich wissen, wie es ihr geht? Es geht ihr doch gut. Und dem Kind geht es auch gut? Sag’ es mir bitte!“ Chris’ Stimme zitterte. „Und wo ist sie? Ich möchte sie sehen...“

Martina erzählte ihm, was passiert war und auch wo Irma sich gerade befand. „Sie ist ziemlich durcheinander. Sie macht sich selber Vorwürfe, und sie hasst den Gedanken an dich. Aber du musst es natürlich versuchen...“

„Wenn ich Glück habe, werden wir beide bald richtig miteinander verwandt sein“, er lächelte, doch sein Lächeln wirkte schmerzlich. „Aber ich muss schon verdammt viel Glück haben...“

 

Fortsetzung folgt

 

Alle IRMA-CHRIS-Geschichten befinden sich auf meiner Homepage unter: SHORTSTORIES>>>   bis auf diese natürlich ;-))

jetzt sind alle dort:
http://ingridgrote.de/html/bucher.html
Ingrid Grote, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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