Pierre Heinen

Die Wiese am Grüntümpel

 

Es ist frostig. Selbst den Räubern ist kalt, obwohl die es nie zugeben würden. Sie sitzen in der Hütte ums Feuer, eng beieinander und in Pelze eingewickelt. Der Winter verteilt draußen emsig Schnee und ein eisiger Wind reitet unablässig über die umliegenden Hügel. Das Oberhaupt der Glorreichen Zecken hebt auf einmal die rechte Hand, an der drei Finger fehlen.

„Es passierte vor Jahren in einem heißen Sommer, als ich noch jung und kräftig war. Das Wetter war wundervoll und da keine Reisende unterwegs waren, die man hätte ausnehmen können, beschloss ich, Beeren zu pflücken. Ich neige ja auch heute noch zu Süßem.“

Selbst Räuber essen Süßes. Wer hätte das gedacht? Die kalte Jahreszeit war mit einem Schlag vergessen und gespannt lauschten alle Wegelagerer dem Grauhaarigen zu.

„Ich wusste, dass beim Grüntümpel die schönsten Rotbeeren zu finden waren und machte mich auf den Weg dorthin. Ich wurde fündig und füllte meinen Weidekorb bis zum Rande mit den saftigen Früchtchen. Dann legte ich mich kurzerhand auf die Wiese neben den Tümpel und döste ein.

Pferdegetrappel, das von der Straße herkam, weckte mich auf. Ich öffnete die Augen und stellte fest, dass der Tag bereits langsam zur Neige ging. Gähnend raffte ich mich auf und nahm meinen Korb. Ich warf einen Blick auf die Reisegesellschaft. Aus fünf Männern, zwei Pferden und einem Esel bestand diese immerhin.“ Da wittert jemand fette Beute.

„Einer der drei Männer, die zu Fuß unterwegs waren, hielt eine Standarte in den Händen. Ich erkannte das Wappen der Grafschaft Domimso, die weiße Krähe auf dunkelblauem Grund. Das roch nach Gold. Aber ehe ich mich in den Büschen verstecken konnte, hatte der ältere Reiter mich entdeckt.

‚Komm sofort aus dem Dickicht, Bauer!‘

Er steuerte sein Pferd zum Wegesrand und lies es dort grasen. Die Gruppe hielt an, derweil ich die Straße betrat. Der Reiter stieg von seinem Reittier und streckte alle Gliedmaßen von sich.

‚Ist es noch weit bis zur Burg deines Herrn?‘

‚Wenn ihr eine handvoll Wegsteine passiert habt, steht ihr zu Füßen der Burgmauern‘, gab ich ihm zu wissen.

Der andere, viel jüngere Reiter trennte sich nun ebenfalls von seinem Roß. Ein Diener nahm dessen Zügel entgegen.

‚Bis dahin wird es Nacht sein. Lass uns hier übernachten, Onkel!‘, schlug der Jüngling vor und deutete zum Tümpel hinüber. ‚Die Wiese sieht angenehm aus und das Gemäuer kann einen Tag länger auf uns warten.‘

‚Wo wohnst du?‘, wollte der Ältere wissen und schaute die Straße hinab. ‚Und ist es noch weit?‘

‚Vier Steine liegen zwischen hier und dem Dorf.‘

‚Gibt es ein Gasthaus dort?‘

Ich verneinte.

‚Im Tümpel drüben kann man fette Schleie fischen‘, gab ich zu Bedenken. ‚Gegrillt sind sie einfach köstlich! Solche habt ihr noch nie gegessen!‘

Der ältere Mann mit den grauschwarzen Haaren drehte sich zu seinen Begleitern um.

‚Richtet die Zelte auf! Wir bleiben hier!‘, befahl er und fuhr sich über den Bauch.

Ich verabschiedete mich höflich und schlenderte die Straße hinunter. Außer Sichtweite der Gesellschaft lief ich zurück zur Höhle bei der schwarzen Eiche, unserem früheren Versteck. Ich musste nicht viel erzählen. Alle waren begeistert und jeder wollte Gold in den Händen halten.“ Räuber haben eine Vorliebe für Gold, selbst tragen sie aber äußerst selten Schmuck.

„Wir waren an die zehn Mann. Die Meisten hatten lederne Kappen auf dem Kopf und Knüppel in den Händen. Lediglich der fette Johann und ich besaßen geschmiedete Waffen: er eine kurze Stoßlanze und ich mein geliebtes Kurzschwert.

Die Gesellschaft hatte es sich auf der Wiese gemütlich gemacht und dort ihre drei Zelte aufgebaut. Wir schlichen um sie herum und suchten nach einer guten Angriffsposition.“ Räuber sind aber auch immer so fies. „Sie hatten ein halbes Dutzend Fische gefangen und waren dabei diese zu verputzen. Sie saßen ums Lagerfeuer und kehrten der Straße den Rücken zu.

‚Überraschung!‘, schrie ich und gab das Signal zum Angriff.

Mit Gebrüll stürmten wir los. Drei Männer knüppelten sogleich den Diener nieder, der sich uns als Erster entgegenstellte. Johann kämpfte anschließend gegen den Grauhaarigen. Ich eilte dem Jüngsten nach, der zu seinem Pferd gelaufen war. Er versuchte auf das ungesattelte Tier zu kommen, aber der abrupte Lärm hatte es derart verunsichert, dass es Reißaus nahm.“ Das Tier muß wohl noch an Schlachtenlärm gewöhnt werden.

„Der Junge fiel zu Boden. Ich kniete mich neben ihn. Die Klinge meines Kurzschwertes fand den Weg an seinen Hals und das rechte Knie presste ich auf seine Brust. Er sah mich mit finsterer Mine an.

‚Lass mich los und kämpfe wie ein Mann!‘, gab er keuchend von sich und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Last, die ihn am Boden fesselte.

‚Wer wollte denn eben noch feige abhauen?‘ Ein Grinsen überkam mich.

Der Lärm war verebbt. Einzig Johannes und der Grauhaarige tanzten noch auf dem Schlachtfeld. Am Ufer des Tümpels ließen sie das Metall singen und krachen. Dessen ungeachtet, machten sich die Unverletzten über die Habseligkeiten her und stöberten in den Zelten. Nicht wenige hatte Kampfspuren aufzuweisen. Die anderen lagen stöhnend zwischen dem kniehohen Gras oder bewegten sich überhaupt nicht mehr.

‚Ich ergebe mich!‘, gab der junge Mann angestrengt von sich, als er einen Blick rundum gewagt hatte.

‚Folglich bist du jetzt eine Geisel der glorreichen Zecken‘, hieß ich ihn willkommen.“ Will da jemand Gold erpressen?

„In dem Augenblick, in dem ich aufstand, kam unser Späher von der Straße her gerannt.

‚Pferde!‘, brüllte er aufgeregt und brachte Panik ins Lager.

Ich erkannte in der Ferne Reiter mit Fackeln. Sogleich ließen wir von allem ab und flüchteten. Die Meisten hatten aber so viel eingepackt, dass wir nur schleppend vorwärts kamen. Keiner wollte von seiner Beute lassen und schon bald waren wir von Soldaten umzingelt.

Alle wurden wir im Kerker eingesperrt und außer mir, auch alle kurz darauf gehängt. Mir hat man bloß drei Finger abgeschnitten, für jeden getöteten Diener einen. Der Graf setzte sich für mich ein, denn er habe tatsächlich noch nie so wohlschmeckende Fische wie die aus dem Tümpel gegessen.

Hätte ich mich damals doch mit dem Korb voller Beeren zufrieden gegeben. Was hätte das doch für ein schöner Sommertag werden können!“

Der alte Mann seufzte und sah auf seine Hand hinab. Mancher Räuber musste schlucken.

ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.09.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Pierre Heinen, Jahrgang 1979, ist seit frühester Jugend begeistert von Geschichtsbüchern und Verfasser unzähliger Novellen. In Form des zweiteiligen „Payla – Die Goldinsel“ veröffentlicht er seinen Debütroman im Genre Fantasy. Der Autor lebt und arbeitet im Großherzogtum Luxemburg, was in mancher Hinsicht seine fiktive Welt beeinflusst.

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