Petra Wilhelmi

Estsziras Reifeprüfung

Estsziras Reifeprüfung

 

Der erste Sonnenstreif

am nachtdunklen Himmel,

rotleuchtend,

den neuen Morgen ankündigend,

noch zaghaft,

fast versteckt,

noch kämpfend mit den Schatten der Nacht,

wissend um seinen Sieg.

 

Goshura erwacht.

 

Am Rande der Dekanongalaxis im Reiche des Kaisers Kon V. Tukla lag Goshura. Ein kleiner bewaldeter Planet. Die Bewohner, bullige, humanoide Lebewesen mich echsenartigen Köpfen, waren von jeher hervorragende Krieger im Dienste aller Tukla-Kaiser.

Die Sonne hatte inzwischen den nachtdunklen Himmel bezwungen. Ihre Strahlen tauchten die Wälder, die Berge und die einzige, riesige Grasebene des Planeten in rosiges Licht. Sie erreichte mit ihren goldenen Fingern die Halle der Herren zu Tsorondor, die mitten in dieser savannenartigen Landschaft stand. Sie spielten mit den vergoldeten Schnitzereien des Palastes. Sie leuchtete alle Ecken des Daches aus und tauchte die dort angebrachten Skulpturen der Plantakatzenköpfe in helles Sonnenlicht - die Wappenzeichen des Geschlechtes zu Tsorondor. Im Kampf gegen sie, mussten alle Kriegergenerationen ihre Tapferkeit beweisen. Die Sonnenstrahlen wanderten weiter zu den Yoomeebäumen, den Schirabüschen im Innenhof der Halle bis sie den riesigen, heiligen Tschalokalobaum erreichten und in Sonne badeten. Er stand seit Anbeginn der Zeiten an dieser Stelle. In seinem Schatten wurde vor Urzeiten diese Halle aus den Stämmen der Bäume, die einstmals in dieser Ebene wuchsen, erbaut. Seine Kraft übertrug sich auf alle Söhne und Töchter des Geschlechtes der Tsorondor und behütete sie.

Aschoko ter Tsarandul hieß der Herrscher, der heute das Wort auf Tsorondor führte. In der Halle kamen seine Freunde zusammen, sangen Lieder über ihre geschlagenen Schlachten für die Tuklakaiser, ließen ihre Becher kreisen und schwelgten in Erinnerungen an ihre Heldentaten. Seine Zeit als großer Kriegsherr war lange vorbei. Sein Haarkamm war ergraut, der dunkelbrauner Mittelstrich auf seinem Rücken verblasst und seine Beine etwas müde geworden. Kon V. Tukla hatte ihn schon längst in Ehren ziehen lassen, zurück in seine Halle. Zwei Leidenschaften füllten sein Leben aus – sein Sitz im Hohen Rat der Goshura und vor allem seine Liebe zu Estszira – seiner Tochter. Nach dem Tod seiner Frau im letzten Jahr hang er an ihr voller Leidenschaft. Er spürte den hellen Funken der Kriegerin in ihr und hoffte, dass sie in seine Fußstapfen treten und den Tuklakaisern ebenso ruhmreich wie er dienen würde. Er hatte ihre Ausbildung in die Hände des Meisters Da-o gelegt, den er schon sein Leben lang, wie ihm vorkam, kannte. Auf einem Mond des Planeten Karax hatte er ihn irgendwann einmal kennengelernt und in seine Dienste genommen. Klein und schmächtig schien er. Zäh und stark war er und einer der besten Tschan-Tschi-Meister im Reiche der Tuklakaiser. Er hatte ihm die Ausbildung seiner Tochter anvertraut. Ihre Ausdauer, ihre Schnelligkeit und ihre Disziplin … Er war vernarrt in sie, aber dennoch nicht ohne Sorge, da ihre Reifeprüfung immer näher rückte. Dann erst würde es sich herausstellen, ob sie eine Kriegerin der Halle von Tsorondor werden würde.

 

***

 

Als die ersten Sonnenstrahlen in Estsziras Zimmer fielen, reckte sie ihre Glieder und sprang aus dem Bett. Die kalte Dusche weckte ihre Lebensgeister. Mit dem Handtuch rubbelte sie ihre hellbraune samtige Schuppenhaut rot. Ihr Blut pulsierte spürbar in den Adern. Sie ordnete kurz ihr langes braunes Haar und band es flüchtig hinten zu einem Schwanz zusammen. Zum Schluss schlüpfte sie in ihre Übungskombination. Estszira sog hörbar die Luft tief in ihre Lungen und stieß sie prustend wieder aus, dehnte die Arme und Beine und lief, wie an jedem Tag, in den Trainingsraum.

Dort nahm sie aus einem reich geschnitzten Holzkästchen ihre beiden kleinen Pistolen heraus, die wie Spielzeuge in ihren kräftigen vierfingrigen Händen wirkten. Mit ihnen übte sie täglich den "Tanz der Pistolen", das Tschan-Tschi.

… Sie senkte den Kopf, schloss die Augen und versenkte sich in eine meditative Ruhe. Nur noch sie und ihre Waffen gab es. Einatmen … Ausatmen ... Ihre Arme beschrieben einen großen Innenkreis und kreuzten sich vor ihrem Gesicht. Ihre Tschan-Tschi-Pistolen verkörperten die Verlängerung ihrer Hände. Am tiefsten Kreispunkt vollführte sie einen kraftvollen Ausfallschritt nach vorn und gleichzeitig schnellten ihre Arme in die gleiche Richtung. Langsam breitete sie diese wieder bis in die Waagerechte aus. Ein kurzes Klicken und auf beiden Seiten des Pistolenlaufes klappten scharfe, blitzende Klingen auf. Mit kräftigem Schwung, unterstützt von einem energischen Schritt, schnellten ihre Arme mit einer schneidenden Bewegung nach links.

Disziplinierte Bewegungen in tänzerischer Leichtigkeit, kraftvoll und dennoch absolut tödlich für einen Angreifer, das lehrten die Kampfübungen des Tschan-Tschi. Estszira beherrschte sie meisterlich.

 

Kurz vor dem Ende des Tanzes der Pistolen betrat Da-O den Übungsraum. Er blieb an der Tür stehen und beobachtete Estszira. Sie verknüpfte die Figuren mit einem Geschick und einer Eleganz, die ihn immer wieder verwunderte. Die Goshuras waren sehr groß und vielleicht sogar etwas grobschlächtig, aber das vergaß man schnell, wenn sie das Tschan-Tschie zelebrierten. Nachdem Eststzira die Schlussfigur beendet hatte, ging Da-o auf sie zu. Seelengröße und Beherrschtheit strahlte er aus, wie er in seinem schlichten grauen Gewand und seinem weißen, zu einem Zopf geflochtenen Haar, vor ihr stand. „Estszira, du bist ein Quell ständiger Freude, wenn ich sehen kann, wie sicher und perfekt du das Tschan-Tschi beherrschst. Du bist eine wahre Künstlerin.“

 

„Meister Da-o, ich grüße dich!“ Sie verneigte sich leicht vor ihm. „Und ihr beschämt mich“, bekannte Estszira leise.

 

„Wieso beschäme ich dich? Sagt dein Selbstvertrauen dir nicht dasselbe?“

 

„Meine innere Stimme spornt mich zu Höchstleistungen an. Hab ich sie schon erreicht? Nein! Weißt du, die FigurKatzensprung scheint mir noch nicht geschmeidig genug ausgeführt.“

 

„Du bist nicht so leicht zufrieden zu stellen. Das gefällt mir Estszira. Nur wahre Meister wissen, dass sie nie auslernen“, lächelte Da-o sie gutmütig an.

 

Estszira schlug verlegen die Augenlider nach unten.

 

 „Weißt du, Mut, Selbstvertrauen und ein großes Maß an Können, das zeichnet deinen Kampfstil aus. Ich glaube, du bist jetzt für den Initiationsritus bereit. Ich sehe das, ich fühle es.“

 

„Meister, was? Ist der Tag nun endlich gekommen?“ Sie vollführte einen Luftsprung. Verlegen verstummte sie wieder. Sie wollte sich nicht wie ein kleines Kind aufführen. Sie war keins mehr! Sie war Estszira!

 

Da-o lachte laut und sagte dann ernst: „Estszira, du bist perfekt. Du wirst als Schülerin in den Wald gehen, und als Kriegerin wieder herauskommen.“

 

„Meister Da-o, bei allem Respekt, es ist nicht wahr, dass ich schon perfekt bin.“

 

„Estszira, du wirst dich dem Ritus stellen!“, rief er sie ernst zur Ordnung.  „Und - keine Angst, das bedeutet nicht das Ende unserer Zusammenarbeit“, griente Meister Da-o. Kleine Fältchen um seinen Augen gaben ihn ein verschmitztes Aussehen. „Wir werden jeden Tag, nachdem du zurückgekehrt bist,  üben, immer wieder üben ... üben ... üben ..., denn nur so wird sich dein Können festigen und jeder Herausforderung standhalten.“

 

Um Estziras Mund spielte ein Lächeln. Ja, Meister Da-o hat Recht. Ich bin bereit.

 

„Übrigens“, bemerkte Da-o leichthin, „deinem Vater habe ich schon mitgeteilt, dass du soweit bist. Er erwartet dich, wenn die Sonne den Zenit überschritten hat. Rüste deinen Dolch Kantschaa für den Kampf, gehe in dich und meditiere“, er verschränkte seine Arme vor der Brust, deutete eine Verbeugung an und verließ Estszira.

 

Voller Glück erhobenen Hauptes und mit Schritten, die fast schwerelos wirkten, kehrte sie in ihre Gemächer zurück. Sie holte ihren Dolch Kantschaa hervor, hielt die totbringende Stichwaffe ins Sonnenlicht. Glänze und führe mich zum Sieg! Die Strahlen brachen sich in dem mehrfach gefalteten, blanken Stahl der Klinge, die fast die Größe eines Kurzschwertes maß, und der irrlichternde Widerschein zitterte entlang der Wände, die mit kunstvollen Gobelins, die Kriegsszenen aus der Geschichte der Tuklakaiser zeigten, geschmückt waren. Sie strich bedächtig über die feinziselierte Klinge, las die Worte neben der Blutrinne Feinden den Tod, Freunden das Leben. Der Griff des Dolches war schlicht, aus Holz geschnitzt, fühlte sich warm an und glatt, ihrer Hand angepasst, sodass sie ihn sicher führen konnte. Ja, du wirst mir dienen! Wir werden den Ritus bestehen. Wir beide – du und ich. Mit einem triumphierenden Lächeln legte sie ihn griffbereit aufs Bett. Langsam und bedächtig streifte sie jetzt ihre Kampfmontur über. Sie kroch in die Beine des Overalls, der das Muster des Waldes nachbildete. Langsam zog sie ihn weiter nach oben, schlüpfte in die Ärmel, zog den Reißverschluss zu. Wie eine zweite Haut schmiegte sich der Anzug um ihren Körper, zwängte sie nicht ein, aber gab ihr Halt. Das Material war der Schlangenhaut nachempfunden und besaß biegsame aber schwer durchdringbare kleine Schuppen. Estszira nahm ihren Dolch Kantschaa und begab sich vor die Halle zum heiligen Tschalokalabaum.

           

Als sie vor ihm stand, wanderte ihr Blick fast liebevoll seinen knorrigen Stamm mit der rauen Borke hinauf. Kalo nannten sie ihn. Mehrere Goshuras brauchte es, ihn zu umspannen. Ihr Blick ging weiter in die Krone des Baumes. Kleinen herzförmigen Blätter bewegten sich leicht im Wind. Eines der Blätter, etwas welk, segelte wie eine Feder herab. Sie verfolgte den Flug des Blattes, bis es auf das weiche Moos sank, welches die sich windendenden schlangenförmigen Wurzeln umgab. Dieser Baum war wie die Goshuras. Fest im heimatlichen Boden verankert, das ganze Jahr Blätter treibend,  immer kleine braune Früchte tragend, aus denen nahrhafter Brei gekocht werden konnte. Die Früchte symbolisierten in der Vorstellung der Goshuras Kala, die Ernährerin der Welt.

 

Estszira stellte sich feierlich vor den Baum. Sie senkte erst ihr Haupt, dann kniete sie nieder. Mit einer kraftvollen Bewegung stieß sie den Dolch Kantschaa in das Erdreich. Sie hob ihre Arme, als wollte sie den Baum umarmen: „Tschalo, gibt mir die Kraft und den Mut, meine Prüfung zu bestehen. Lass die Stärke deiner Wurzeln in meinen Dolch Kantschaa übergehen. Lass die Klinge unbesiegbar werden. Hilf deiner Goshura-Tochter, die dich achtet und ehrt.“ Dann zog sie die Klinge aus dem Erdboden, hielt sie aufrecht und ehrfurchtsvoll an den Stamm des heiligen Baumes: „Mutter Kala, du weißt, dass ich immer in deiner Schuld stehen werde und dass ich dich liebe. Du bist die Ernährerin der Welt. Du hast meinen Teller gefüllt, damit ich meine Stärke entwickeln konnte. Beschütze mich weiterhin, stehe mir bei und lass mich den Ritus erfolgreich abschließen.“ Die Blätter des Baumes raschelten, also ob sie Estszira verstünden und ein einzelnes Blatt segelte herab und fiel auf ihre Hand:

 

„Danke Mutter Kala. Du hast mich erhört und gesegnet.“ Nach einer tiefen Verbeugung begab sich Estszira in ihr Zimmer, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und versenkte sich in tiefe Meditation. Tiefe Ruhe überkam sie.

 

Als die Sonne ihren Zenit überschritten hatte, trat leise der Tschan-Tschi-Meister Da‑o in Estsziras Gemach. Mit einem tiefen summenden Laut holte er sie aus ihrer Meditation. Estsziras Erstarrung löste sich, sie öffnete ihre Augen und erblickte Meister Da-o: „Es ist soweit?“

 

„Ja, meine Schülerin. Dein Vater erwartet dich. Übergib mir bitte deinen Dolch Kantschaa.“

           

Gehorsam übergab Estszira ihrem Meister den Dolch. Dann gingen sie in den Innenhof der Halle. Vor ihr schritt Meister Da-o, den Dolch auf den vorgestreckten Innenflächen der Hände tragend. Ihm folgte in respektvollem Abstand Estszira. Vor dem Herrn der Halle blieben sie stehen, wie es das Ritual vorschrieb. Aschoko ter Tsarandul stand stolz in der Mitte des Innenhofes. Er hatte sein rituelles Gewand angelegt. Das dunkelgrüne Wams zeigte auf der Brust einen mit silbernen Fäden fein gestickten Plantakatzenkopf. Sein schwarzer samtener Umhang zierte eine silberne mäandernde Bordüre.

Meister Da-o übergab den Dolch Kantschaa an Aschoko ter Tsarandul und trat einen Schritt zur Seite.

 

Estszira stand nun allein ihrem Vater gegenüber. Der wandte sich ihr zu und begann: „Tochter der Halle zu Tsorondor. In dir vereinen sich die Generationen unserer Vorfahren. Unsere Ahnen kämpften mit Mut und Leidenschaft an der Seite der Herrscher im Reiche von Valongatu. Wir, die Auserwählten, ehren unseren Stammvater Tsorondor und werden die Unbeugsamen genannt, die sich im Kampf für die Größe der Tuklakaiser seit jeher aufopferten.

 

Tochter der Halle zu Tsorondor, du hast heute zu beweisen, dass du eine würdige Tochter unseres Stammvaters bist. Du hast heute zu beweisen, dass auch du die Unbeugsame genannt werden kannst. Geh nun als Estszira in den Wald und komme als Kriegerin zu uns zurück und lege mir die mächtige und Furcht erregende Plantakatze vor die Füße. Der Tod dieses Tieres wird dein Eintritt in die Welt der Krieger sein. Tritt zu mir und empfange deinen Dolch Kantschaa. Möge dir ein guter Kampf beschieden sein und möge er dir den Sieg über die Plantakatze gewähren. Verdiene dir deinen Namen als Kriegerin!“

 

Bei diesen Worten schritt Estszira langsam auf den Herren der Halle Tsorondor zu und nahm gehorsam ihren Dolch aus seinen Händen entgegen.

 

Feierlich sprach sie ihren Eid: „Herr der Halle zu Tsorondor, ich gelobe, meine Ahnen, um unseren Stammvater Tsorondor, zu achten und zu ehren. Ich gelobe, ihnen und dir keine Schande zu bereiten und werde eine riesige Plantakatze vor deine Füße legen. Ich gelobe, dass ich als Kriegerin aus dem Wald zurückkomme und mir meinen Namen verdient habe, ansonsten möge er aus den Büchern unseres Hauses getilgt werden.“ Sie verbeugte sich vor ihren Vater, drehte sich langsam um und schritt dem Ausgang des Innenhofes entgegen ohne noch einmal zurückzuschauen.

 

Ein Shuttle stand für sie bereit. Als sie gerade einsteigen wollte, kam Meister Da-o auf sie zu: „Estszira, sei vorsichtig und wachsam, die Plantakatze ist heimtückisch. Sie schleicht sich ganz leise an, leiser als ein Blatt von einem Baum fallen könnte. Schärfe dein Unterbewusstsein. Du wirst es fühlen, wenn sie in deiner Nähe ist. Lass dich nicht von ihr zum Narren halten.“

 

„Meister, ich habe Angst. Ich habe schon soviel Schreckliches aus Legenden über diese Katzen gehört. Noch niemals habe ich eine lebendig vor mir gesehen. Werd ich zurückkehren? … und der Wald, ich war noch nie dort. Wird er dunkel sein, werden mich noch andere Tiere erschrecken?“

 

„Habe keine Angst Estszira, du bist eine gute Kämpferin. Deine Sinne sind ausgebildet, du wirst das Biest erlegen können. Der Wald wird dunkel sein und vielleicht wirst du noch anderen Tieren begegnen. Aber du bist Estszira, die Kämpferin und kein kleines Mädchen mehr. Reiß dich also zusammen. Du weißt, Kala hat dich gesegnet und Tschalo ist bei dir und ich glaube an dich. Was sollte dir also passieren?“

 

„Dann glaubt wenigstens einer an mich“, seufzte sie leise. „Die Plantakatzen sind riesig und mächtig, sehr schnell und geschmeidig. Hoffentlich halte ich ihnen stand. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden. Ich will nicht sterben, Meister Da-o. Ich will leben!“

 

„Estszira, nur wenn du an dich glaubst, wirst du lebend aus dieser Prüfung hervorgehen. Denk an deine Stärke und an deinen Mut. Du wirst wieder zurückkommen. Ich werde dich erwarten. Du darfst nicht an deinem Können zweifeln. Nun mach dich auf. Vergiss nicht, meine Gedanken weilen immer bei dir.“ Meister Da-o wandte sich um und ging. Estszira bestieg ihr Shuttle. Ihre Initiation begann.

 

***

 

Der Urwald. Estszira sprang aus ihrem Shuttle hinunter auf eine Lichtung mitten im Wald. Die schon tief stehende Sonne schaffte es gerade noch, die Wiese unter ihren Füßen zu erhellen. Die Bäume strebten aufwärts. Sie schienen, den Himmel zu kitzeln und die Pfade des Waldes zu verdunkeln. Estszira tarnte ihr Gesicht mit grün-braunen Farben, legte den Gürtel mit der Dolchscheide um ihre Hüfte und steckte ihren Dolch Kantschaa hinein. Nachdenklich zog sie die Stirn kraus. Welchen Weg soll ich nehmen? Sie suchte den Waldboden nach Spuren ab und witterte in die Luft.

 

„Plantakatze, wo hast du dich verkrochen? Bist du hungrig? Bist du durstig? Wo ist dein Platz? Mein Meister lehrte mich, dass du flache Hügel liebst, dass du dir dort deine Höhle wühlst. Ich weiß von ihm, dass du den Eingang so wählst, dass er in Büschen versteckt ist. Du bevorzugst duftende Schirabüsche, sagt man. Sie verdecken deinen Körpergeruch und tarnen dich. Du meinst, niemand würde dich finden? Du rechnest nicht mit mir. Ich werde dich finden. Vor mir kannst du dich nicht verbergen. Ich weiß, an welchen Stellen Schirabüsche wachsen können“, flüsterte Estszira. Sie leckte ihren Zeigefinger an und hielt ihn in die Luft. Der Wind kam aus dem Osten, also ging sie in Richtung Osten, dem Wind entgegen. Lautlos schlich sie sich entlang der Bäume immer tiefer in den Wald hinein. Der Abend schickte die letzten Sonnenstrahlen auf Goshura. Sie hatten nicht mehr die Kraft, bis auf den Waldboden zu dringen.

 

Es ist bald soweit Plantakatze. Deine Stunde rückt näher. Deine Stunde, die dich aus der Höhle treiben wird. Deine Stunde, die unsere Wege sich kreuzen lässt. Ich fühle es. Wiege dich nicht in Sicherheit, Plantakatze. Ich werde dich holen.

 

Der Wald atmete nur noch Kühle. Die Sonne war untergegangen. Der Mond hatte sie abgelöst. Sein fahles, blasses Licht tauchte die Bäume in einen gespenstischen Schimmer. Die Tiere der Nacht erwachten. Ein großer dunkler Vogel flog fast lautlos vorüber. Er setzte sich auf einen Ast und kreischte 'schuuuhriiiiiriiiirrr'. Estszira fühlte Moos und Baumwurzeln unter ihren Füßen. Die Welt schien verwandelt. Schatten huschten vorüber. Hässliche große Käfer ließen sich von den Bäumen auf ihren Kopf fallen und erschreckten sie. Geräusche drangen an ihre Ohren, die sie nicht kannte. Irgendetwas strich über ihr Gesicht. Sie fuhr zusammen und stolperte in der Dunkelheit über eine Baumwurzel, und als sie lag, schlängelte sich ein ekliger fetter Wurm über ihre rechte Hand. Sie hielt den Atem an. Hockte vor ihr die Plantakatze? Sie duckte sich und wagte sich nicht zu bewegen. Ein großes schwarzes Etwas saß zehn Längen vor ihr. Angst rumorte in ihrem Bauch. Von dort breitete sich ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Körper aus. Sie atmete schwer ... ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sei jetzt mutig. Dir passiert nichts. Du bis stark, du bist groß. Du wirst dich doch nicht wie ein kleines Kind benehmen wollen? Nichts ist hier anders. Es ist wie im Übungsraum, nur dunkler. Sie riss sich zusammen. Wurde eins mit dem Untergrund, mit den Steinen und den Bäumen. Wand sich wie eine Schlange vorwärts. Langsam und vorsichtig zog sie ihren Dolch Kantschaa aus der Scheide. Die Hände zitterten leicht. Das Herz pochte laut bis in die Schläfen und der Atem ging schwer. Sei jetzt furchtlos, bändige deinen Atem, sonst wirst er dich noch verraten. Ihr Mut begann zu sinken. Ich kann das nicht.So ein Ungetüm - nur mit dem Dolch erlegen ...? Tschalo und Kala helft mir! Sogleich fühlte sie, wie ihr der Gedanke an Tschalokala die Kraft wieder zurückgab. Wart's ab, Planta. Du wirst mich nicht bezwingen können. Langsam schlich sie der Katze entgegen. Sie holte aus und … Estszira hielt ruckartig inne. Ein Felsbrocken stand vor, umschlungen von abgestorbenen Wurzeln. Nirgendwo war eine Plantakatze zu sehen. Sie rappelte sich wieder auf und wäre mit dem nächsten Schritt fast in eine riesige schlammige Pfütze getreten.

 

„Pah, stinkt die widerlich und faulig“, ging es Estszira durch den Kopf, aber auch der süße Blütenduft der Schirabüsche drang in ihre Nase. Sie kannte ihn, im Innenhof der Halle stand so eine Pflanze. Der Duft bedeutete ihr, vorsichtig zu sein. Was ist das? Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen weiteten sich. In der Pfütze sah sie einen Schatten, der sie mit glühenden Augen anstarrte. Da bist du ja, meine Plantakatze. Hast dir Zeit gelassen. Blitzschnell drehte Estszira sich herum, hob ihren Dolch … Nichts! Nur Finsternis! Sie strich sich über's Haar, hielt inne, kniete sich an den Rand der Pfütze und schaute misstrauisch auf das Abbild dort drinnen, das sich weder bewegte noch Geräusche von sich gab. Sie muss hier sein! Mit heftigem Herzklopfen fuhr Estszira wieder hoch und schaute wild um sich. Sollte es nur ein Trugbild sein? In dem Moment, als sie das dachte, war das Bild in der Pfütze verschwunden, als ob es nie da gewesen wäre. Erzählten nicht die Goshura-Legenden, dass Plantakatzen magische Kräfte besäßen? Bilder von sich vorgaukeln könnten? Waren das vielleicht gar keine Legenden? Stimmte es wirklich, dass nur Goshuras sie abwehren konnten? Estszira setzte sich vor einem Baum, bändigte ihren Herzschlag und brachte ihren Atem unter Kontrolle. Sie ist nicht da, die Katze. Musste sie aber nicht in ihrer Nähe sein, um ihr ein Bild vorgaukeln zu können? Ich spüre sie, ich rieche sie. Wo bist du? Sie wartet. Sie hat Zeit. Will keinen unnützen Sprung wagen. Will ihr Opfer sofort töten, keine zusätzliche Kraft aufwenden. Plötzlich zuckte Estszira zusammen und starrte in große fluoreszierende, grüne Augen, die sie und gierig musterten. Lautlos sprang ein dunkler Schatten auf sie zu. Instinktiv rollte sie sich zur Seite und die Katze sprang daneben. Schnell stand Estszira wieder fest auf ihren beiden Beinen. Sie lief ein paar Schritte zum nächsten Baum, ihr Herz bubberte, ihr Atem flatterte. Woher war dieses Biest so schnell gekommen?  Die Katze näherte sich, fast auf dem Bauch kriechend. Ihre Bewegungen waren geschmeidig. Dann baute sie sich in voller Größe vor Estszira auf. Furchterregend sieht sie aus. So riesig habe ich sie mir nicht vorgestellt.  Der Schwanz der Planta peitschte den Boden. Große elastische Stacheln umgaben ihren Kopf wie eine Mähne. Kleinere hochgestellte auf den Rücken zeichneten ihre Wirbelsäule nach. Laut fauchend zeigte sie ihre spitzen Reißzähne. Speichelfäden troffen aus ihrem Maul und die Augen fixierten sie starr.

 

Estszira überwand ihren Schrecken. Sie lachte laut und frech. Sich dabei selbst anspornend, schrie sie gellend dem Vieh zu: „Angst willst du mir einflößen? Hach, auch wenn du die größte Plantakatze des Waldes wärest. Komm nur, komm nur …!“, dabei spielte sie mit ihrem Dolch, zerschnitt mit dessen Klinge die Luft und tänzelte vor der Nase der Plantakatze hin und her. „Willst du meinen Dolch Kantschaa in deinen Rippen spüren? Was zögerst du? Bis wohl doch bloß eine fette, feige Katze, die nur aus dem Hinterhalt angreifen kann? Komm, komm …! Na, was ist? Bist du nicht hungrig?“

Die Katze duckte sich und spannte ihre Muskeln. Das Fauchen ging in ein tiefes Grollen über.

 

„Ich lach mit tot, Plantamieze. So ein großes Tier und so ein Waschlappen. Ich werde gehen und jeden sagen, dass du …“ Estszira konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Wie ein Pfeil aus dem Bogen schnellte die Katze laut kreischend nach vorn, streckte ihre Tatzen mit den weit ausgefahrenen Krallen nach Estszira aus. Die duckte sich, rollte sich auf die rechte Seite, stieß mit ihrem Dolch zu und verfehlte sie ganz knapp. Die Katze drückte sich im Sprung mit den Pfoten am Baum ab und federte ebenfalls nach rechts. Nur eine Handspanne breit neben Estszira kam sie auf ihren Pfoten zum Stehen. Beide konzentrierten und belauerten sich. Beide suchten den Moment, wo der andere aus Unachtsamkeit einen Fehler beging.

 

„Miez, Miez, Miez …“, höhnte Estszira und beschrieb einen Bogen um die Plantakatze. Die verfolgte jeden ihrer Schritte mit ihren grünen leuchtenden Augen. „Miez, Miez, Miez …“, gellte der hämische Ruf in der Finsternis. Die Plantakatze lauerte, suchte ihre Chance ... Estszira griff aus dem Nichts an. Im Bruchteil einer Sekunde flog sie nach vorn und stach zu, erwischte die Flanke des Tieres. Die Katze fauchte und schrie böse auf. Ihr Fell war von einer tiefen Wunde gezeichnet. Das Blut tropfte langsam hervor und färbte die Flanken und den Bauch der Planta rot. Wütend schlug sie mit ihren Pranken nach Estszira, die nicht schnell genug zur Seite springen konnte, und verletzte sie an der Schulter. Den aggressiven Krallen hatte ihr Kampfanzug nichts entgegenzusetzen. Das zerfetzte Schulterstück färbte sich rot und in der Schulter steckte außerdem ein großer Stachel aus der Halskrause der Katze. Estszira stöhnte vor Schmerzen, zog sich den Stachel heraus, warf ihn in Richtung der Plantakatze und schrie zornig: „Du Biest. Meinst du etwa, dass du mich damit aufhalten könntest? Ich werde nicht dein Abendbrot werden.“ Ungestüm stieß Estszira einen markerschütternden Kampfschrei aus. Die Plantakatze öffnete brüllend ihr Maul. Beide sprangen aufeinander los. Die Plantakatze biss in ihr Bein und sie schlug den Dolch tief in den Hals des Tieres. Die Katze winselte und schlug tobend um sich. Estszira rollte sich schnell weg, konnte den Prankenschlag aber nicht mehr ausweichen. Sie wurde gegen einen großen Felsbrocken geschleudert. Irgendetwas krachte in ihrem Körper, als ob etwas zerbrochen wäre. Sie hatte Mühe, Luft zu holen. Die Plantakatze schleppte sich fauchend und mit geöffnetem Rachen auf sie zu. Estszira kam kaum zur Besinnung, sie schrie ihre Qualen laut heraus. Ein kurzer Sprung und das Tier begrub sie unter sich. Ein spitzer Aufschrei und dröhnendes Gebrüll folgten und gingen in Gewinsel und Gestöhn über.

 

Dann war es still. Weder Estszira noch die Plantakatze rührten sich. Sie lagen beide in einer Blutlache, die sich stetig vergrößerte. Der Kampf war beendet. Tiefe Stille breitete sich im Wald aus. Der Mond bedeckte sein Antlitz mit einem schwarz-silbrigen Schleier, kein Vogel schrie, die Blätter raschelten nicht mehr. Schweigen nichts als Schweigen. Es war, als ob der Wald seinen Atem angehalten hätte. Am Himmel zogen lautlos zwei Nachtgeier ihre Kreise. Sie hatten die beiden Körper erspäht, stürzten sich hinab, prallten erschrocken zurück und schwangen sich wieder in den Himmel.

 

Langsam, ganz langsam, bewegte sich etwas in der Blutlache. Estszira erwachte aus der Ohnmacht. „Verdammtes Mistvieh, rück endlich von meinem Körper. Wie kann eine lumpige Katze so schwer sein. Du raubst mir die Luft. Konntest du nicht neben mir dein Leben aushauchen?“, brabbelte sie leise und wütend vor sich hin. Dann befreite sie sich mühsam von dem Tier, versuchte tief durchzuatmen und wollte sich erheben. Erschöpft sank sie gleich wieder zu Boden. Der Biss im linken Oberschenkel schmerzte stark und ihre Schulter konnte sie kaum bewegen. Weitere Stacheln waren in die Wunden eingedrungen und schmerzten höllisch. Das Atmen fiel ihr schwer, einige Rippen mussten gebrochen sein. Auch ihre Augenbraue war aufgeplatzt und Blut rann über ihr linkes Augen und die Wange. Überall war Blut, auf ihrem Kampfanzug, in ihren Haaren. Fliegen, die das Blut gerochen hatten, schwirrten um sie herum. Langsam kehrte das Leben in ihren Körper zurück. Gleichzeitig mit dem Erwachen des Lebensfunkens bereitete sich Stolz in ihr aus. Schmerzen? Ach was! Sie hatte das Tier getötet. Sie war jetzt eine Kriegerin.

 

„Noch nicht“, korrigierte sie sich leise. „Ich muss das Tier in mein Shuttle tragen, damit ich es zu Füßen meines Vaters legen kann. Nur er kann bestimmen, ob ich eine Kriegerin bin oder nicht.“

 

Sie entfernte die peinigenden Stacheln aus ihrem Fleisch, jagte die lästigen Fliegen davon. Dann hievte sie sich die Plantakatze auf die Schulter und schrie wiederum vor Schmerzen laut auf. Die Wunde an ihrer Schulter begann bohrend zu pochen und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Das verletzte Bein musste sie entlasten, richtig auftreten konnte sie damit nicht. Suggestiv hämmerte sie in ihren Schädel die Worte: „Ich bin eine Kriegerin, ich bin eine Kriegerin …“, sie murmelte das immer wieder vor sich hin, „Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz …“ Humpelnd machte sie sich auf den Rückweg. Jeder Atemzug war eine Qual. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen … Ich muss es schaffen … ich bin eine Kriegerin … Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz … einatmen, ausatmen … ich darf nicht stehen bleiben … ich darf mich nicht setzen … einatmen, ausatmen … nicht an die Schmerzen denken … nicht daran denken, dass das Vieh auf meinen Schultern schwerer und schwerer wird … es ist leicht … es ist leicht … ich merke sein Gewicht nicht mehr … ich merke sein Gewicht nicht mehr … Estszira schleppte sich mühevoll in Richtung ihres Shuttles. Sie hatte nur noch die wenigen Gedanken in ihrem Hirn. Einatmen, ausatmen … ich bin eine Kriegerin und Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz … einatmen, ausatmen … Mehr ließ sie nicht zu. Ihr Körper bewegte sich wie eine Maschine. Sie hämmerte sich immer wieder ein: Einatmen, ausatmen … Je weiter sie lief, um so mehr wankte sie unter dem Gewicht der toten Plantakatze. Ihre Willenskraft verdrängte das Gewicht, verdrängte den Schmerz und ließ sie automatisch ein Bein vor das andere setzen. Als sie endlich am Shuttle angekommen war, stürzte sie zu Boden und keuchte schwer. „Nur ein bisschen Ruhe. Leg dich kurz hin, du bist müde, deine Wunden schmerzen …“, sprach sie zu sich selbst. Die fetten, blau schillernden Fliegen bildeten eine schwirrende Krone um ihren Kopf. „Meister Da-o“, die Worte kamen nur noch röchelnd aus ihrem Mund, „ich kann nicht mehr, mein Bein, meine Schulter, meine gebrochenen Rippen. Ich muss die Plantakatze in mein Shuttle schleppen. Ich schaffe das nicht. Was soll ich machen?“ Estszira schien es, als ob eine Stimme in ihrem Inneren ihr ganz leise Mut zusprach: „Estszira meditiere!“ Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn: „Warum ist mir das nicht schon eher eingefallen? Meditieren, das würde mir Meister Da-o raten.“ Estszira setzte sich neben den toten Katzenkörper und versenkte sich in die Meditation. Ihr Körper entspannte sich und sammelte Kraft für den letzten Weg, den sie gehen musste.

 

Die Nacht verging, der neue Tag brach an. Die Sonne kitzelte Estszira in der Nase. Sie musste laut niesen, schrie wegen der Schmerzen erneut auf und öffnete die Augen. Und wirklich, die tote Plantakatze lag immer noch vor ihren Füßen. Es war kein Traum. Auch ihr Körper erinnerte sie peinigend daran, dass sie mit diesem Tier gekämpft hatte. Mühsam erhob sich Estszira und hievte mit letzter Kraft das tote Tier in ihr Shuttle und schlug ein letztes Mal auf die Fliegen ein, damit sie das Weite suchten. Ihre Wunden hatten aufgehört zu bluten und bildeten einen dicken Schorf. Das Atmen fiel ihr schwer. Die gebrochenen Rippen stachen höllisch in ihrem Brustkorb. Sie setzte sich auf ihren Pilotensitz, startete und stellte den Autopiloten auf die Koordinaten des Landesplatzes der Halle zu Tsorondor ein.

 

***

 

Estszira entstieg ihrem Shuttle und schulterte unter großen Anstrengungen die Plantakatze. Ihre Beine schienen unter der Last einzubrechen, aber sie trug das Tier und schleppte sich mit ihren verbliebenen Kräften in den Innenhof der Halle zu Tsorondor. Ihr Vater erwartete sie schon. Estszira ging zu ihm und warf die Plantakatze vor seine Füße. Sie kniete nieder, streckte ihre Arme aus: „Herr von Tsorondor, hier nimm die Plantakatze an. Sie sei dieser Halle und unseren Stamm der Unbesiegbaren gewidmet. Wir haben gekämpft, die Plantakatze und ich. Sie wollte mir ihren Willen aufzwingen. Sie schaffte es nicht. Mit einem Stoß meines Dolches Kantschaa tötete ich sie, als sie über mir lag und meinen Kopf in ihrem Maul zerquetschen wollte. Diese Anmaßung bezahlte sie mit ihrem Leben.“

           

Aschoko ter Tsarandul, der Herrscher der Halle, trat auf Estszira zur, half ihr aufzustehen und verkündete: „Tochter der Halle von Tsorondor. Du bist in den Kampf gezogen, du hast die Plantakatze getötet, du hast bei diesem Kampf deinen Blutzoll geleistet.“ Er hob seine Arme empor: „Tochter der Halle von Tsorondor, ich nehme dich feierlich in unseren Bund der Krieger auf, in den Stamm der Unbesiegbaren. Du seiest nun in unseren Reihen willkommen. Deine Taten sollen in das Buch unseres Stammes und unseres Hauses eingetragen werden. Dein Kampfname lautet ab heute Tschira. So sei es, auf immer und ewig, solange es die Halle zu Tsorondor geben wird.“ Er legte ihr einen dunkelgrünen Umhang mit silbernen Mäandern um ihre Schultern.

 

Estszira verbeugte sich stolz vor ihren Vater. Der nahm sie in seine Arme: „Meine Liebe, du bist eine wahrhafte Tochter unserer Halle. Du bist hart, wie der Stamm unseres Tschalokalabaumes und stehst fest wie seine Wurzeln in unseren Traditionen. Ich freue mich für dich. Mein Herz ist bei dir. Aber nun geh und lass dir deine Wunden behandeln. Ich habe nie daran gezweifelt, dass du wieder zu uns zurückkehren wirst.“ Fürsorglich rief Aschoko ter Tsarandul nach dem Medikus.

 

Estszira lag auf ihrem Bett. Der Medikus hatte ihre Wunden versorgt und verbunden. Er hatte ihr einen Trank gebraut, der sie in einen friedlichen Schlaf gleiten lassen sollte. Stolz hob und senkte sich Estsziras Brust. Sie war Kriegerin. Sie hatte es geschafft. Sie war in den erlauchten Kreis ihrer Vorfahren getreten. Estszira wurde müder und müder, die Augen fielen langsam zu. Der Schmerz verlor sich in der Dunkelheit. Der Schlaf hatte sie in seine Arme genommen. An seinem Herzen konnte sie endlich entspannen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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