Estsziras Reifeprüfung
Der erste Sonnenstreif
am nachtdunklen Himmel,
rotleuchtend,
den neuen Morgen
ankündigend,
noch zaghaft,
fast versteckt,
noch kämpfend mit den
Schatten der Nacht,
wissend um seinen Sieg.
Goshura erwacht.
Am Rande der Dekanongalaxis
im Reiche des Kaisers Kon V. Tukla lag Goshura. Ein kleiner bewaldeter Planet.
Die Bewohner, bullige, humanoide Lebewesen mich echsenartigen Köpfen, waren von
jeher hervorragende Krieger im Dienste aller Tukla-Kaiser.
Die Sonne hatte
inzwischen den nachtdunklen Himmel bezwungen. Ihre Strahlen tauchten die
Wälder, die Berge und die einzige, riesige Grasebene des Planeten in rosiges
Licht. Sie erreichte mit ihren goldenen Fingern die Halle der Herren zu
Tsorondor, die mitten in dieser savannenartigen Landschaft stand. Sie spielten
mit den vergoldeten Schnitzereien des Palastes. Sie leuchtete alle Ecken des
Daches aus und tauchte die dort angebrachten Skulpturen der Plantakatzenköpfe
in helles Sonnenlicht - die Wappenzeichen des Geschlechtes zu Tsorondor. Im
Kampf gegen sie, mussten alle Kriegergenerationen ihre Tapferkeit beweisen. Die
Sonnenstrahlen wanderten weiter zu den Yoomeebäumen, den Schirabüschen im
Innenhof der Halle bis sie den riesigen, heiligen Tschalokalobaum erreichten
und in Sonne badeten. Er stand seit Anbeginn der Zeiten an dieser Stelle. In
seinem Schatten wurde vor Urzeiten diese Halle aus den Stämmen der Bäume, die
einstmals in dieser Ebene wuchsen, erbaut. Seine Kraft übertrug sich auf alle
Söhne und Töchter des Geschlechtes der Tsorondor und behütete sie.
Aschoko ter
Tsarandul hieß der Herrscher, der heute das Wort auf Tsorondor führte. In der
Halle kamen seine Freunde zusammen, sangen Lieder über ihre geschlagenen
Schlachten für die Tuklakaiser, ließen ihre Becher kreisen und schwelgten in
Erinnerungen an ihre Heldentaten. Seine Zeit als großer Kriegsherr war lange
vorbei. Sein Haarkamm war ergraut, der dunkelbrauner Mittelstrich auf seinem
Rücken verblasst und seine Beine etwas müde geworden. Kon V. Tukla hatte ihn
schon längst in Ehren ziehen lassen, zurück in seine Halle. Zwei Leidenschaften
füllten sein Leben aus – sein Sitz im Hohen Rat der Goshura und vor allem seine
Liebe zu Estszira – seiner Tochter. Nach dem Tod seiner Frau im letzten Jahr
hang er an ihr voller Leidenschaft. Er spürte den hellen Funken der Kriegerin
in ihr und hoffte, dass sie in seine Fußstapfen treten und den Tuklakaisern
ebenso ruhmreich wie er dienen würde. Er hatte ihre Ausbildung in die Hände des
Meisters Da-o gelegt, den er schon sein Leben lang, wie ihm vorkam, kannte. Auf
einem Mond des Planeten Karax hatte er ihn irgendwann einmal kennengelernt und
in seine Dienste genommen. Klein und schmächtig schien er. Zäh und stark war er
und einer der besten Tschan-Tschi-Meister im Reiche der Tuklakaiser. Er hatte ihm
die Ausbildung seiner Tochter anvertraut. Ihre Ausdauer, ihre Schnelligkeit und
ihre Disziplin … Er war vernarrt in sie, aber dennoch nicht ohne Sorge, da ihre
Reifeprüfung immer näher rückte. Dann erst würde es sich herausstellen, ob sie
eine Kriegerin der Halle von Tsorondor werden würde.
***
Als die ersten
Sonnenstrahlen in Estsziras Zimmer fielen, reckte sie ihre Glieder und sprang
aus dem Bett. Die kalte Dusche weckte ihre Lebensgeister. Mit dem Handtuch
rubbelte sie ihre hellbraune samtige Schuppenhaut rot. Ihr Blut pulsierte
spürbar in den Adern. Sie ordnete kurz ihr langes braunes Haar und band es
flüchtig hinten zu einem Schwanz zusammen. Zum Schluss schlüpfte sie in ihre
Übungskombination. Estszira sog hörbar die Luft tief in ihre Lungen und stieß
sie prustend wieder aus, dehnte die Arme und Beine und lief, wie an jedem Tag,
in den Trainingsraum.
Dort nahm sie
aus einem reich geschnitzten Holzkästchen ihre beiden kleinen Pistolen heraus,
die wie Spielzeuge in ihren kräftigen vierfingrigen Händen wirkten. Mit ihnen
übte sie täglich den "Tanz der Pistolen", das Tschan-Tschi.
… Sie senkte
den Kopf, schloss die Augen und versenkte sich in eine meditative Ruhe. Nur
noch sie und ihre Waffen gab es. Einatmen … Ausatmen ... Ihre Arme beschrieben
einen großen Innenkreis und kreuzten sich vor ihrem Gesicht. Ihre
Tschan-Tschi-Pistolen verkörperten die Verlängerung ihrer Hände. Am tiefsten
Kreispunkt vollführte sie einen kraftvollen Ausfallschritt nach vorn und
gleichzeitig schnellten ihre Arme in die gleiche Richtung. Langsam breitete sie
diese wieder bis in die Waagerechte aus. Ein kurzes Klicken und auf beiden
Seiten des Pistolenlaufes klappten scharfe, blitzende Klingen auf. Mit
kräftigem Schwung, unterstützt von einem energischen Schritt, schnellten ihre
Arme mit einer schneidenden Bewegung nach links.
Disziplinierte
Bewegungen in tänzerischer Leichtigkeit, kraftvoll und dennoch absolut tödlich
für einen Angreifer, das lehrten die Kampfübungen des Tschan-Tschi. Estszira
beherrschte sie meisterlich.
Kurz vor dem Ende des Tanzes der Pistolen betrat Da-O den Übungsraum.
Er blieb an der Tür stehen und beobachtete Estszira. Sie verknüpfte die Figuren
mit einem Geschick und einer Eleganz, die ihn immer wieder verwunderte. Die Goshuras
waren sehr groß und vielleicht sogar etwas grobschlächtig, aber das vergaß man
schnell, wenn sie das Tschan-Tschie zelebrierten. Nachdem Eststzira die
Schlussfigur beendet hatte, ging Da-o auf sie zu. Seelengröße und
Beherrschtheit strahlte er aus, wie er in seinem schlichten grauen Gewand und
seinem weißen, zu einem Zopf geflochtenen Haar, vor ihr stand. „Estszira, du
bist ein Quell ständiger Freude, wenn ich sehen kann, wie sicher und perfekt du
das Tschan-Tschi beherrschst. Du bist eine wahre Künstlerin.“
„Meister Da-o, ich grüße
dich!“ Sie verneigte sich leicht vor ihm. „Und ihr beschämt mich“, bekannte
Estszira leise.
„Wieso beschäme ich dich?
Sagt dein Selbstvertrauen dir nicht dasselbe?“
„Meine innere Stimme spornt
mich zu Höchstleistungen an. Hab ich sie schon erreicht? Nein! Weißt du, die FigurKatzensprung scheint mir noch nicht
geschmeidig genug ausgeführt.“
„Du bist nicht so leicht
zufrieden zu stellen. Das gefällt mir Estszira. Nur wahre Meister wissen, dass
sie nie auslernen“, lächelte Da-o sie gutmütig an.
Estszira schlug verlegen
die Augenlider nach unten.
„Weißt du, Mut, Selbstvertrauen und ein großes
Maß an Können, das zeichnet deinen Kampfstil aus. Ich glaube, du bist jetzt für
den Initiationsritus bereit. Ich sehe das, ich fühle es.“
„Meister, was? Ist der Tag
nun endlich gekommen?“ Sie vollführte einen Luftsprung. Verlegen verstummte sie
wieder. Sie wollte sich nicht wie ein kleines Kind aufführen. Sie war keins
mehr! Sie war Estszira!
Da-o lachte laut und sagte
dann ernst: „Estszira, du bist perfekt. Du wirst als Schülerin in den Wald
gehen, und als Kriegerin wieder herauskommen.“
„Meister Da-o, bei allem
Respekt, es ist nicht wahr, dass ich schon perfekt bin.“
„Estszira, du wirst dich
dem Ritus stellen!“, rief er sie ernst zur Ordnung. „Und - keine Angst, das bedeutet nicht das
Ende unserer Zusammenarbeit“, griente Meister Da-o. Kleine Fältchen um seinen
Augen gaben ihn ein verschmitztes Aussehen. „Wir werden jeden Tag, nachdem du
zurückgekehrt bist, üben, immer wieder
üben ... üben ... üben ..., denn nur so wird sich dein Können festigen und
jeder Herausforderung standhalten.“
Um
Estziras Mund spielte ein Lächeln. Ja, Meister Da-o hat Recht. Ich bin
bereit.
„Übrigens“, bemerkte Da-o
leichthin, „deinem Vater habe ich schon mitgeteilt, dass du soweit bist. Er
erwartet dich, wenn die Sonne den Zenit überschritten hat. Rüste deinen Dolch
Kantschaa für den Kampf, gehe in dich und meditiere“, er verschränkte seine
Arme vor der Brust, deutete eine Verbeugung an und verließ Estszira.
Voller Glück erhobenen
Hauptes und mit Schritten, die fast schwerelos wirkten, kehrte sie in ihre
Gemächer zurück. Sie holte ihren Dolch Kantschaa hervor, hielt die totbringende
Stichwaffe ins Sonnenlicht. Glänze und
führe mich zum Sieg! Die Strahlen brachen sich in dem mehrfach gefalteten, blanken
Stahl der Klinge, die fast die Größe eines Kurzschwertes maß, und der
irrlichternde Widerschein zitterte entlang der Wände, die mit kunstvollen
Gobelins, die Kriegsszenen aus der Geschichte der Tuklakaiser zeigten,
geschmückt waren. Sie strich bedächtig über die feinziselierte Klinge, las die
Worte neben der Blutrinne Feinden den
Tod, Freunden das Leben. Der Griff des Dolches war schlicht, aus Holz
geschnitzt, fühlte sich warm an und glatt, ihrer Hand angepasst, sodass sie ihn
sicher führen konnte. Ja, du wirst mir
dienen! Wir werden den Ritus bestehen. Wir beide – du und ich. Mit einem
triumphierenden Lächeln legte sie ihn griffbereit aufs Bett. Langsam und
bedächtig streifte sie jetzt ihre Kampfmontur über. Sie kroch in die Beine des
Overalls, der das Muster des Waldes nachbildete. Langsam zog sie ihn weiter
nach oben, schlüpfte in die Ärmel, zog den Reißverschluss zu. Wie eine zweite
Haut schmiegte sich der Anzug um ihren Körper, zwängte sie nicht ein, aber gab
ihr Halt. Das Material war der Schlangenhaut nachempfunden und besaß biegsame
aber schwer durchdringbare kleine Schuppen. Estszira nahm ihren Dolch Kantschaa
und begab sich vor die Halle zum heiligen Tschalokalabaum.
Als sie vor ihm stand, wanderte
ihr Blick fast liebevoll seinen knorrigen Stamm mit der rauen Borke hinauf.
Kalo nannten sie ihn. Mehrere Goshuras brauchte es, ihn zu umspannen. Ihr Blick
ging weiter in die Krone des Baumes. Kleinen herzförmigen Blätter bewegten sich
leicht im Wind. Eines der Blätter, etwas welk, segelte wie eine Feder herab.
Sie verfolgte den Flug des Blattes, bis es auf das weiche Moos sank, welches
die sich windendenden schlangenförmigen Wurzeln umgab. Dieser Baum war wie die Goshuras.
Fest im heimatlichen Boden verankert, das ganze Jahr Blätter treibend, immer kleine braune Früchte tragend, aus denen
nahrhafter Brei gekocht werden konnte. Die Früchte symbolisierten in der
Vorstellung der Goshuras Kala, die Ernährerin der Welt.
Estszira stellte sich
feierlich vor den Baum. Sie senkte erst ihr Haupt, dann kniete sie nieder. Mit
einer kraftvollen Bewegung stieß sie den Dolch Kantschaa in das Erdreich. Sie
hob ihre Arme, als wollte sie den Baum umarmen: „Tschalo, gibt mir die Kraft
und den Mut, meine Prüfung zu bestehen. Lass die Stärke deiner Wurzeln in
meinen Dolch Kantschaa übergehen. Lass die Klinge unbesiegbar werden. Hilf
deiner Goshura-Tochter, die dich achtet und ehrt.“ Dann zog sie die Klinge aus
dem Erdboden, hielt sie aufrecht und ehrfurchtsvoll an den Stamm des heiligen
Baumes: „Mutter Kala, du weißt, dass ich immer in deiner Schuld stehen werde
und dass ich dich liebe. Du bist die Ernährerin der Welt. Du hast meinen Teller
gefüllt, damit ich meine Stärke entwickeln konnte. Beschütze mich weiterhin,
stehe mir bei und lass mich den Ritus erfolgreich abschließen.“ Die Blätter des
Baumes raschelten, also ob sie Estszira verstünden und ein einzelnes Blatt
segelte herab und fiel auf ihre Hand:
„Danke Mutter Kala. Du hast
mich erhört und gesegnet.“ Nach einer tiefen Verbeugung begab sich Estszira in
ihr Zimmer, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und versenkte sich
in tiefe Meditation. Tiefe Ruhe überkam sie.
Als die Sonne ihren Zenit
überschritten hatte, trat leise der Tschan-Tschi-Meister Da‑o in Estsziras
Gemach. Mit einem tiefen summenden Laut holte er sie aus ihrer Meditation.
Estsziras Erstarrung löste sich, sie öffnete ihre Augen und erblickte Meister
Da-o: „Es ist soweit?“
„Ja, meine Schülerin. Dein
Vater erwartet dich. Übergib mir bitte deinen Dolch Kantschaa.“
Gehorsam übergab Estszira
ihrem Meister den Dolch. Dann gingen sie in den Innenhof der Halle. Vor ihr
schritt Meister Da-o, den Dolch auf den vorgestreckten Innenflächen der Hände
tragend. Ihm folgte in respektvollem Abstand Estszira. Vor dem Herrn der Halle blieben
sie stehen, wie es das Ritual vorschrieb. Aschoko ter Tsarandul stand stolz in
der Mitte des Innenhofes. Er hatte sein rituelles Gewand angelegt. Das
dunkelgrüne Wams zeigte auf der Brust einen mit silbernen Fäden fein gestickten
Plantakatzenkopf. Sein schwarzer samtener Umhang zierte eine silberne
mäandernde Bordüre.
Meister Da-o übergab den
Dolch Kantschaa an Aschoko ter Tsarandul und trat einen Schritt zur Seite.
Estszira stand nun allein
ihrem Vater gegenüber. Der wandte sich ihr zu und begann: „Tochter der Halle zu
Tsorondor. In dir vereinen sich die Generationen unserer Vorfahren. Unsere
Ahnen kämpften mit Mut und Leidenschaft an der Seite der Herrscher im Reiche
von Valongatu. Wir, die Auserwählten, ehren unseren Stammvater Tsorondor und werden
die Unbeugsamen genannt, die sich im Kampf für die Größe der Tuklakaiser seit
jeher aufopferten.
Tochter der Halle zu
Tsorondor, du hast heute zu beweisen, dass du eine würdige Tochter unseres
Stammvaters bist. Du hast heute zu beweisen, dass auch du die Unbeugsame
genannt werden kannst. Geh nun als Estszira in den Wald und komme als Kriegerin
zu uns zurück und lege mir die mächtige und Furcht erregende Plantakatze vor
die Füße. Der Tod dieses Tieres wird dein Eintritt in die Welt der Krieger
sein. Tritt zu mir und empfange deinen Dolch Kantschaa. Möge dir ein guter
Kampf beschieden sein und möge er dir den Sieg über die Plantakatze gewähren.
Verdiene dir deinen Namen als Kriegerin!“
Bei diesen Worten schritt
Estszira langsam auf den Herren der Halle Tsorondor zu und nahm gehorsam ihren
Dolch aus seinen Händen entgegen.
Feierlich sprach sie ihren
Eid: „Herr der Halle zu Tsorondor, ich gelobe, meine Ahnen, um unseren
Stammvater Tsorondor, zu achten und zu ehren. Ich gelobe, ihnen und dir keine
Schande zu bereiten und werde eine riesige Plantakatze vor deine Füße legen.
Ich gelobe, dass ich als Kriegerin aus dem Wald zurückkomme und mir meinen
Namen verdient habe, ansonsten möge er aus den Büchern unseres Hauses getilgt
werden.“ Sie verbeugte sich vor ihren Vater, drehte sich langsam um und schritt
dem Ausgang des Innenhofes entgegen ohne noch einmal zurückzuschauen.
Ein Shuttle stand für sie
bereit. Als sie gerade einsteigen wollte, kam Meister Da-o auf sie zu: „Estszira,
sei vorsichtig und wachsam, die Plantakatze ist heimtückisch. Sie schleicht
sich ganz leise an, leiser als ein Blatt von einem Baum fallen könnte. Schärfe
dein Unterbewusstsein. Du wirst es fühlen, wenn sie in deiner Nähe ist. Lass
dich nicht von ihr zum Narren halten.“
„Meister, ich habe Angst.
Ich habe schon soviel Schreckliches aus Legenden über diese Katzen gehört. Noch
niemals habe ich eine lebendig vor mir gesehen. Werd ich zurückkehren? … und
der Wald, ich war noch nie dort. Wird er dunkel sein, werden mich noch andere
Tiere erschrecken?“
„Habe keine Angst Estszira,
du bist eine gute Kämpferin. Deine Sinne sind ausgebildet, du wirst das Biest
erlegen können. Der Wald wird dunkel sein und vielleicht wirst du noch anderen
Tieren begegnen. Aber du bist Estszira, die Kämpferin und kein kleines Mädchen
mehr. Reiß dich also zusammen. Du weißt, Kala hat dich gesegnet und Tschalo ist
bei dir und ich glaube an dich. Was sollte dir also passieren?“
„Dann glaubt wenigstens
einer an mich“, seufzte sie leise. „Die Plantakatzen sind riesig und mächtig,
sehr schnell und geschmeidig. Hoffentlich halte ich ihnen stand. Es wird ein
Kampf auf Leben und Tod werden. Ich will nicht sterben, Meister Da-o. Ich will
leben!“
„Estszira, nur wenn du an
dich glaubst, wirst du lebend aus dieser Prüfung hervorgehen. Denk an deine
Stärke und an deinen Mut. Du wirst wieder zurückkommen. Ich werde dich
erwarten. Du darfst nicht an deinem Können zweifeln. Nun mach dich auf. Vergiss
nicht, meine Gedanken weilen immer bei dir.“ Meister Da-o wandte sich um und
ging. Estszira bestieg ihr Shuttle. Ihre Initiation begann.
***
Der Urwald. Estszira sprang
aus ihrem Shuttle hinunter auf eine Lichtung mitten im Wald. Die schon tief
stehende Sonne schaffte es gerade noch, die Wiese unter ihren Füßen zu
erhellen. Die Bäume strebten aufwärts. Sie schienen, den Himmel zu kitzeln und
die Pfade des Waldes zu verdunkeln. Estszira tarnte ihr Gesicht mit
grün-braunen Farben, legte den Gürtel mit der Dolchscheide um ihre Hüfte und
steckte ihren Dolch Kantschaa hinein. Nachdenklich zog sie die Stirn kraus. Welchen Weg soll ich nehmen? Sie suchte
den Waldboden nach Spuren ab und witterte in die Luft.
„Plantakatze, wo hast du
dich verkrochen? Bist du hungrig? Bist du durstig? Wo ist dein Platz? Mein
Meister lehrte mich, dass du flache Hügel liebst, dass du dir dort deine Höhle
wühlst. Ich weiß von ihm, dass du den Eingang so wählst, dass er in Büschen
versteckt ist. Du bevorzugst duftende Schirabüsche, sagt man. Sie verdecken
deinen Körpergeruch und tarnen dich. Du meinst, niemand würde dich finden? Du
rechnest nicht mit mir. Ich werde
dich finden. Vor mir kannst du dich nicht verbergen. Ich weiß, an welchen
Stellen Schirabüsche wachsen können“, flüsterte Estszira. Sie leckte ihren
Zeigefinger an und hielt ihn in die Luft. Der Wind kam aus dem Osten, also ging
sie in Richtung Osten, dem Wind entgegen. Lautlos schlich sie sich entlang der
Bäume immer tiefer in den Wald hinein. Der Abend schickte die letzten
Sonnenstrahlen auf Goshura. Sie hatten nicht mehr die Kraft, bis auf den
Waldboden zu dringen.
Es ist bald soweit Plantakatze. Deine Stunde rückt näher. Deine
Stunde, die dich aus der Höhle treiben wird. Deine Stunde, die unsere Wege sich
kreuzen lässt. Ich fühle es. Wiege dich nicht in Sicherheit, Plantakatze. Ich
werde dich holen.
Der Wald atmete nur noch
Kühle. Die Sonne war untergegangen. Der Mond hatte sie abgelöst. Sein fahles,
blasses Licht tauchte die Bäume in einen gespenstischen Schimmer. Die Tiere der
Nacht erwachten. Ein großer dunkler Vogel flog fast lautlos vorüber. Er setzte
sich auf einen Ast und kreischte 'schuuuhriiiiiriiiirrr'. Estszira fühlte Moos
und Baumwurzeln unter ihren Füßen. Die Welt schien verwandelt. Schatten
huschten vorüber. Hässliche große Käfer ließen sich von den Bäumen auf ihren
Kopf fallen und erschreckten sie. Geräusche drangen an ihre Ohren, die sie
nicht kannte. Irgendetwas strich über ihr Gesicht. Sie fuhr zusammen und
stolperte in der Dunkelheit über eine Baumwurzel, und als sie lag, schlängelte
sich ein ekliger fetter Wurm über ihre rechte Hand. Sie hielt den Atem an.
Hockte vor ihr die Plantakatze? Sie duckte sich und wagte sich nicht zu
bewegen. Ein großes schwarzes Etwas saß zehn Längen vor ihr. Angst rumorte in
ihrem Bauch. Von dort breitete sich ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Körper
aus. Sie atmete schwer ... ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sei jetzt mutig. Dir passiert nichts. Du bis stark, du bist groß. Du
wirst dich doch nicht wie ein kleines Kind benehmen wollen? Nichts ist hier
anders. Es ist wie im Übungsraum, nur dunkler. Sie riss sich zusammen. Wurde
eins mit dem Untergrund, mit den Steinen und den Bäumen. Wand sich wie eine
Schlange vorwärts. Langsam und vorsichtig zog sie ihren Dolch Kantschaa aus der
Scheide. Die Hände zitterten leicht. Das Herz pochte laut bis in die Schläfen und
der Atem ging schwer. Sei jetzt
furchtlos, bändige deinen Atem, sonst wirst er dich noch verraten. Ihr Mut
begann zu sinken. Ich kann das nicht.So ein Ungetüm - nur mit dem Dolch
erlegen ...? Tschalo und Kala helft
mir! Sogleich fühlte sie, wie ihr der Gedanke an Tschalokala die Kraft
wieder zurückgab. Wart's ab, Planta. Du
wirst mich nicht bezwingen können. Langsam schlich sie der Katze entgegen.
Sie holte aus und … Estszira hielt ruckartig inne. Ein Felsbrocken stand vor,
umschlungen von abgestorbenen Wurzeln. Nirgendwo war eine Plantakatze zu sehen.
Sie rappelte sich wieder auf und wäre mit dem nächsten Schritt fast in eine
riesige schlammige Pfütze getreten.
„Pah, stinkt die widerlich
und faulig“, ging es Estszira durch den Kopf, aber auch der süße Blütenduft der
Schirabüsche drang in ihre Nase. Sie kannte ihn, im Innenhof der Halle stand so
eine Pflanze. Der Duft bedeutete ihr, vorsichtig zu sein. Was ist das? Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen weiteten
sich. In der Pfütze sah sie einen Schatten, der sie mit glühenden Augen
anstarrte. Da bist du ja, meine
Plantakatze. Hast dir Zeit gelassen. Blitzschnell drehte Estszira sich
herum, hob ihren Dolch … Nichts! Nur Finsternis! Sie strich sich über's Haar,
hielt inne, kniete sich an den Rand der Pfütze und schaute misstrauisch auf das
Abbild dort drinnen, das sich weder bewegte noch Geräusche von sich gab. Sie muss hier sein! Mit heftigem
Herzklopfen fuhr Estszira wieder hoch und schaute wild um sich. Sollte es nur ein Trugbild sein? In dem
Moment, als sie das dachte, war das Bild in der Pfütze verschwunden, als ob es
nie da gewesen wäre. Erzählten nicht die Goshura-Legenden,
dass Plantakatzen magische Kräfte besäßen? Bilder von sich vorgaukeln könnten?
Waren das vielleicht gar keine Legenden? Stimmte es wirklich, dass nur Goshuras
sie abwehren konnten? Estszira setzte sich vor einem Baum, bändigte ihren
Herzschlag und brachte ihren Atem unter Kontrolle. Sie ist nicht da, die Katze. Musste sie aber nicht in ihrer Nähe sein,
um ihr ein Bild vorgaukeln zu können? Ich
spüre sie, ich rieche sie. Wo bist du? Sie wartet. Sie hat Zeit. Will keinen
unnützen Sprung wagen. Will ihr Opfer sofort töten, keine zusätzliche Kraft
aufwenden. Plötzlich zuckte Estszira zusammen und starrte in große
fluoreszierende, grüne Augen, die sie und gierig musterten. Lautlos sprang ein
dunkler Schatten auf sie zu. Instinktiv rollte sie sich zur Seite und die Katze
sprang daneben. Schnell stand Estszira wieder fest auf ihren beiden Beinen. Sie
lief ein paar Schritte zum nächsten Baum, ihr Herz bubberte, ihr Atem
flatterte. Woher war dieses Biest so
schnell gekommen? Die Katze näherte
sich, fast auf dem Bauch kriechend. Ihre Bewegungen waren geschmeidig. Dann
baute sie sich in voller Größe vor Estszira auf. Furchterregend sieht sie aus. So riesig habe ich sie mir nicht
vorgestellt. Der Schwanz der Planta
peitschte den Boden. Große elastische Stacheln umgaben ihren Kopf wie eine
Mähne. Kleinere hochgestellte auf den Rücken zeichneten ihre Wirbelsäule nach. Laut
fauchend zeigte sie ihre spitzen Reißzähne. Speichelfäden troffen aus ihrem
Maul und die Augen fixierten sie starr.
Estszira überwand ihren
Schrecken. Sie lachte laut und frech. Sich dabei selbst anspornend, schrie sie
gellend dem Vieh zu: „Angst willst du mir einflößen? Hach, auch wenn du die
größte Plantakatze des Waldes wärest. Komm nur, komm nur …!“, dabei spielte sie
mit ihrem Dolch, zerschnitt mit dessen Klinge die Luft und tänzelte vor der
Nase der Plantakatze hin und her. „Willst du meinen Dolch Kantschaa in deinen Rippen
spüren? Was zögerst du? Bis wohl doch bloß eine fette, feige Katze, die nur aus
dem Hinterhalt angreifen kann? Komm, komm …! Na, was ist? Bist du nicht
hungrig?“
Die Katze duckte sich und
spannte ihre Muskeln. Das Fauchen ging in ein tiefes Grollen über.
„Ich lach mit tot,
Plantamieze. So ein großes Tier und so ein Waschlappen. Ich werde gehen und
jeden sagen, dass du …“ Estszira konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Wie
ein Pfeil aus dem Bogen schnellte die Katze laut kreischend nach vorn, streckte
ihre Tatzen mit den weit ausgefahrenen Krallen nach Estszira aus. Die duckte
sich, rollte sich auf die rechte Seite, stieß mit ihrem Dolch zu und verfehlte
sie ganz knapp. Die Katze drückte sich im Sprung mit den Pfoten am Baum ab und
federte ebenfalls nach rechts. Nur eine Handspanne breit neben Estszira kam sie
auf ihren Pfoten zum Stehen. Beide konzentrierten und belauerten sich. Beide
suchten den Moment, wo der andere aus Unachtsamkeit einen Fehler beging.
„Miez, Miez, Miez …“,
höhnte Estszira und beschrieb einen Bogen um die Plantakatze. Die verfolgte
jeden ihrer Schritte mit ihren grünen leuchtenden Augen. „Miez, Miez, Miez …“,
gellte der hämische Ruf in der Finsternis. Die Plantakatze lauerte, suchte ihre
Chance ... Estszira griff aus dem Nichts an. Im Bruchteil einer Sekunde flog
sie nach vorn und stach zu, erwischte die Flanke des Tieres. Die Katze fauchte
und schrie böse auf. Ihr Fell war von einer tiefen Wunde gezeichnet. Das Blut
tropfte langsam hervor und färbte die Flanken und den Bauch der Planta rot.
Wütend schlug sie mit ihren Pranken nach Estszira, die nicht schnell genug zur
Seite springen konnte, und verletzte sie an der Schulter. Den aggressiven
Krallen hatte ihr Kampfanzug nichts entgegenzusetzen. Das zerfetzte
Schulterstück färbte sich rot und in der Schulter steckte außerdem ein großer
Stachel aus der Halskrause der Katze. Estszira stöhnte vor Schmerzen, zog sich
den Stachel heraus, warf ihn in Richtung der Plantakatze und schrie zornig: „Du
Biest. Meinst du etwa, dass du mich damit aufhalten könntest? Ich werde nicht
dein Abendbrot werden.“ Ungestüm stieß Estszira einen markerschütternden
Kampfschrei aus. Die Plantakatze öffnete brüllend ihr Maul. Beide sprangen
aufeinander los. Die Plantakatze biss in ihr Bein und sie schlug den Dolch tief
in den Hals des Tieres. Die Katze winselte und schlug tobend um sich. Estszira
rollte sich schnell weg, konnte den Prankenschlag aber nicht mehr ausweichen.
Sie wurde gegen einen großen Felsbrocken geschleudert. Irgendetwas krachte in
ihrem Körper, als ob etwas zerbrochen wäre. Sie hatte Mühe, Luft zu holen. Die
Plantakatze schleppte sich fauchend und mit geöffnetem Rachen auf sie zu.
Estszira kam kaum zur Besinnung, sie schrie ihre Qualen laut heraus. Ein kurzer
Sprung und das Tier begrub sie unter sich. Ein spitzer Aufschrei und dröhnendes
Gebrüll folgten und gingen in Gewinsel und Gestöhn über.
Dann war es still. Weder
Estszira noch die Plantakatze rührten sich. Sie lagen beide in einer Blutlache,
die sich stetig vergrößerte. Der Kampf war beendet. Tiefe Stille breitete sich
im Wald aus. Der Mond bedeckte sein Antlitz mit einem schwarz-silbrigen
Schleier, kein Vogel schrie, die Blätter raschelten nicht mehr. Schweigen
nichts als Schweigen. Es war, als ob der Wald seinen Atem angehalten hätte. Am
Himmel zogen lautlos zwei Nachtgeier ihre Kreise. Sie hatten die beiden Körper
erspäht, stürzten sich hinab, prallten erschrocken zurück und schwangen sich
wieder in den Himmel.
Langsam, ganz langsam,
bewegte sich etwas in der Blutlache. Estszira erwachte aus der Ohnmacht. „Verdammtes
Mistvieh, rück endlich von meinem Körper. Wie kann eine lumpige Katze so schwer
sein. Du raubst mir die Luft. Konntest du nicht neben mir dein Leben
aushauchen?“, brabbelte sie leise und wütend vor sich hin. Dann befreite sie
sich mühsam von dem Tier, versuchte tief durchzuatmen und wollte sich erheben.
Erschöpft sank sie gleich wieder zu Boden. Der Biss im linken Oberschenkel
schmerzte stark und ihre Schulter konnte sie kaum bewegen. Weitere Stacheln
waren in die Wunden eingedrungen und schmerzten höllisch. Das Atmen fiel ihr
schwer, einige Rippen mussten gebrochen sein. Auch ihre Augenbraue war
aufgeplatzt und Blut rann über ihr linkes Augen und die Wange. Überall war
Blut, auf ihrem Kampfanzug, in ihren Haaren. Fliegen, die das Blut gerochen
hatten, schwirrten um sie herum. Langsam kehrte das Leben in ihren Körper
zurück. Gleichzeitig mit dem Erwachen des Lebensfunkens bereitete sich Stolz in
ihr aus. Schmerzen? Ach was! Sie hatte
das Tier getötet. Sie war jetzt eine Kriegerin.
„Noch nicht“, korrigierte
sie sich leise. „Ich muss das Tier in mein Shuttle tragen, damit ich es zu
Füßen meines Vaters legen kann. Nur er kann bestimmen, ob ich eine Kriegerin
bin oder nicht.“
Sie entfernte die
peinigenden Stacheln aus ihrem Fleisch, jagte die lästigen Fliegen davon. Dann
hievte sie sich die Plantakatze auf die Schulter und schrie wiederum vor
Schmerzen laut auf. Die Wunde an ihrer Schulter begann bohrend zu pochen und
sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Das verletzte Bein musste sie
entlasten, richtig auftreten konnte sie damit nicht. Suggestiv hämmerte sie in
ihren Schädel die Worte: „Ich bin eine Kriegerin, ich bin eine Kriegerin …“,
sie murmelte das immer wieder vor sich hin, „Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz
…“ Humpelnd machte sie sich auf den Rückweg. Jeder Atemzug war eine Qual. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen … Ich
muss es schaffen … ich bin eine Kriegerin … Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz
… einatmen, ausatmen … ich darf nicht stehen bleiben … ich darf mich nicht
setzen … einatmen, ausatmen … nicht an die Schmerzen denken … nicht daran
denken, dass das Vieh auf meinen Schultern schwerer und schwerer wird … es ist
leicht … es ist leicht … ich merke sein Gewicht nicht mehr … ich merke sein
Gewicht nicht mehr … Estszira schleppte sich mühevoll in Richtung ihres
Shuttles. Sie hatte nur noch die wenigen Gedanken in ihrem Hirn. Einatmen, ausatmen … ich bin eine Kriegerin
und Kriegerinnen fühlen keinen Schmerz … einatmen, ausatmen … Mehr ließ sie
nicht zu. Ihr Körper bewegte sich wie eine Maschine. Sie hämmerte sich immer
wieder ein: Einatmen, ausatmen … Je
weiter sie lief, um so mehr wankte sie unter dem Gewicht der toten Plantakatze.
Ihre Willenskraft verdrängte das Gewicht, verdrängte den Schmerz und ließ sie
automatisch ein Bein vor das andere setzen. Als sie endlich am Shuttle
angekommen war, stürzte sie zu Boden und keuchte schwer. „Nur ein bisschen
Ruhe. Leg dich kurz hin, du bist müde, deine Wunden schmerzen …“, sprach sie zu
sich selbst. Die fetten, blau schillernden Fliegen bildeten eine schwirrende
Krone um ihren Kopf. „Meister Da-o“, die Worte kamen nur noch röchelnd aus
ihrem Mund, „ich kann nicht mehr, mein Bein, meine Schulter, meine gebrochenen
Rippen. Ich muss die Plantakatze in mein Shuttle schleppen. Ich schaffe das
nicht. Was soll ich machen?“ Estszira schien es, als ob eine Stimme in ihrem
Inneren ihr ganz leise Mut zusprach: „Estszira meditiere!“ Sie schlug sich mit
der flachen Hand auf die Stirn: „Warum ist mir das nicht schon eher
eingefallen? Meditieren, das würde mir Meister Da-o raten.“ Estszira setzte
sich neben den toten Katzenkörper und versenkte sich in die Meditation. Ihr
Körper entspannte sich und sammelte Kraft für den letzten Weg, den sie gehen
musste.
Die Nacht verging, der neue
Tag brach an. Die Sonne kitzelte Estszira in der Nase. Sie musste laut niesen,
schrie wegen der Schmerzen erneut auf und öffnete die Augen. Und wirklich, die
tote Plantakatze lag immer noch vor ihren Füßen. Es war kein Traum. Auch ihr
Körper erinnerte sie peinigend daran, dass sie mit diesem Tier gekämpft hatte.
Mühsam erhob sich Estszira und hievte mit letzter Kraft das tote Tier in ihr
Shuttle und schlug ein letztes Mal auf die Fliegen ein, damit sie das Weite
suchten. Ihre Wunden hatten aufgehört zu bluten und bildeten einen dicken
Schorf. Das Atmen fiel ihr schwer. Die gebrochenen Rippen stachen höllisch in
ihrem Brustkorb. Sie setzte sich auf ihren Pilotensitz, startete und stellte
den Autopiloten auf die Koordinaten des Landesplatzes der Halle zu Tsorondor
ein.
***
Estszira entstieg ihrem
Shuttle und schulterte unter großen Anstrengungen die Plantakatze. Ihre Beine
schienen unter der Last einzubrechen, aber sie trug das Tier und schleppte sich
mit ihren verbliebenen Kräften in den Innenhof der Halle zu Tsorondor. Ihr
Vater erwartete sie schon. Estszira ging zu ihm und warf die Plantakatze vor
seine Füße. Sie kniete nieder, streckte ihre Arme aus: „Herr von Tsorondor,
hier nimm die Plantakatze an. Sie sei dieser Halle und unseren Stamm der
Unbesiegbaren gewidmet. Wir haben gekämpft, die Plantakatze und ich. Sie wollte
mir ihren Willen aufzwingen. Sie schaffte es nicht. Mit einem Stoß meines
Dolches Kantschaa tötete ich sie, als sie über mir lag und meinen Kopf in ihrem
Maul zerquetschen wollte. Diese Anmaßung bezahlte sie mit ihrem Leben.“
Aschoko ter Tsarandul, der
Herrscher der Halle, trat auf Estszira zur, half ihr aufzustehen und
verkündete: „Tochter der Halle von Tsorondor. Du bist in den Kampf gezogen, du
hast die Plantakatze getötet, du hast bei diesem Kampf deinen Blutzoll
geleistet.“ Er hob seine Arme empor: „Tochter der Halle von Tsorondor, ich
nehme dich feierlich in unseren Bund der Krieger auf, in den Stamm der
Unbesiegbaren. Du seiest nun in unseren Reihen willkommen. Deine Taten sollen
in das Buch unseres Stammes und unseres Hauses eingetragen werden. Dein
Kampfname lautet ab heute Tschira. So
sei es, auf immer und ewig, solange es die Halle zu Tsorondor geben wird.“ Er
legte ihr einen dunkelgrünen Umhang mit silbernen Mäandern um ihre Schultern.
Estszira verbeugte sich
stolz vor ihren Vater. Der nahm sie in seine Arme: „Meine Liebe, du bist eine
wahrhafte Tochter unserer Halle. Du bist hart, wie der Stamm unseres
Tschalokalabaumes und stehst fest wie seine Wurzeln in unseren Traditionen. Ich
freue mich für dich. Mein Herz ist bei dir. Aber nun geh und lass dir deine
Wunden behandeln. Ich habe nie daran gezweifelt, dass du wieder zu uns
zurückkehren wirst.“ Fürsorglich rief Aschoko ter Tsarandul nach dem Medikus.
Estszira lag auf ihrem
Bett. Der Medikus hatte ihre Wunden versorgt und verbunden. Er hatte ihr einen
Trank gebraut, der sie in einen friedlichen Schlaf gleiten lassen sollte. Stolz
hob und senkte sich Estsziras Brust. Sie war Kriegerin. Sie hatte es geschafft.
Sie war in den erlauchten Kreis ihrer Vorfahren getreten. Estszira wurde müder
und müder, die Augen fielen langsam zu. Der Schmerz verlor sich in der
Dunkelheit. Der Schlaf hatte sie in seine Arme genommen. An seinem Herzen
konnte sie endlich entspannen.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Petra Wilhelmi).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2009.
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