Petra Wilhelmi

Herbst in Togodosa - Zwiegespräch mit meinem anderen ICH

 

Dieser Morgen war sonnig und klar, gerade das richtige Wetter, um meinen Traum leben zu können. Ich war in Asien, in Südkorea. Ich lehnte mich behaglich im Bus zurück und machte es mir bequem. Die sirrenden Räder wiegten mich und ließen meine Augenlider langsam schwer werden, da weckte mich mein anderes ICH.

»Träume nicht, höre lieber deiner Reiseleiterin zu und versuch ein paar koreanische Worte zu lernen.«

»Nerv nicht, ich habe einfach keine Lust, mir diese absonderliche Sprache einzuprägen. Wozu soll ich bis zehn zählen können?«

»Wozu? Wozu, fragst du? Na, um zum Beispiel ein Bier bestellen zu können!«

»Aber sonst geht’s dir gut? Ich werde mir die Zahlen nie merken können! Wozu gibt es die Fingersprache?«

Der Bus näherte sich dem Ziel, der Tempelanlage Togodosa in Gyeongju. Ich nahm meinen Reiseführer heraus, um nachzuschlagen, was der darüber wusste.

»Hey, hast du nicht aufgepasst? Die Reiseleiterin hat gerade etwas über Gyeongju erzählt.«

»Ruhe, ich habe aufgepasst. Ich überlege nur, bei welcher Gelegenheit ich schon darüber etwas gehört habe ...«

»Na ..., na ..., na ...? Wohl beginnender Alzheimer ...?«

»Schluss jetzt. Ich entsinne mich. Der Zusammenhang war, dass das Silla-Reich, das 676 die koreanische Halbinsel vereinte!«

»Richtig gedacht, ich wusste, dass du noch drauf kommst und was noch?«

»Setze mich nicht unter Druck. Ich überlege...«

»Na, fällt’s dir endlich wieder ein?«

»Hab ich darüber nicht gelesen? Da gab es doch eine chinesische Kaiserin ...? Wie hieß die doch gleich? Ja, jetzt dämmert’s. Wu Jao hieß die. Sie wollte das Silla-Reich schlucken.«

»Bingo, du hast es doch erraten.«

»Was heißt erraten. Wissen ist das. W i s - s e n !«, buchstabierte ich.

Der Bus blieb auf dem Parkplatz stehen. Beim Aussteigen sah ich mich um und rief: »Ooh, wie zauberhaft ist es hier.«

»Jetzt schnappe nicht über. Wirst doch schon oft Bäume in der Herbstsonne gesehen haben.«

»Aber solche großartigen nicht. Sie sind malerisch und romantisch. Das Laub ist golden oder knallig rot gefärbt. Die strahlende Sonne, bringt die Farben der Blätter zum Leuchten. Wenn wir nicht in Korea wären, würde ich sofort an den Indian Summer denken. Was habe ich für ein Glück, dass das Wetter heute so traumhaft ist. Mhm, in der klaren Luft riecht das Laub ähnlich wie Holz gepaart mit Heu. ... Und was noch? ... einem Touch Vergänglichkeit...!«

»Aufhören! Oh mein Gott, das ist ätzend. Wie ein altes Weib kommst du ins Schwärmen. Wir sind nicht bei Rosamunde Pilcher, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest.«

»Na und, bin eben begeistert davon.«

»Hör lieber zu, was die Reiseleiterin erzählt. Da lernst du vielleicht noch etwas dazu.«

»Das werde ich, auch ohne deine Bemerkung.«

Ich trat in den Kreis um unsere Reiseleiterin. Sie erzählte, dass die Koreaner für diese herbstliche Pracht eine feinsinnige Redewendung haben: Die Berge sind mit Brokat bestickt.

»Recht haben die Koreaner. Wenn ich die Berge hinauf schaue, sehe ich ein besonderes Muster aus Gelb, Rost und Rot, umrandet vom Grün der Kiefern. Das könnte man schon mit feinem Brokatstoff vergleichen.«

»Jetzt hättest du wegen deiner Bäume fast das Wichtigste vergessen. Hast du gehört, dass in dem Tempel gerade ein Jubiläum gefeiert wird? 1360 Jahre ist er alt.«

»Toll, wir sind somit zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«

Ich freute mich, dass wir den Tempel nun auf eigene Faust erkunden konnten und durchquerte das Eingangstor. Oben auf dem Querbalken war irgend etwas in goldenen, chinesischen Schriftzeichen geschrieben, fremdartig, schön anzusehen, vielleicht Achtung gebietend. Ich wusste es nicht.

»Huch, was ist denn das? Will mich hier jemand abhalten den Tempel zu betreten?«

Eine grimmig aussehende Figur fuchtelte mit seinem Schwert vor meiner Nase herum. Ich duckte mich ganz schnell, sicher war sicher.  Beängstigend aussehende Geister schienen diesen Ort zu bewachen.

»Bist du ein Angsthase! Das sind doch nur die Himmelswächter!«

»Mit denen ist sicherlich nicht zu spaßen, so wie die aussehen«, flennte ich leise.

»Reiß dich zusammen und mach dich nicht lächerlich!«

Ich trat tapfer an den Zaun, mein Blick schweifte von den einem zum anderen Himmelswächter. Der des Ostens spielte auf seiner Laute. Der des Südens schaute mich kriegerisch mit dem Schwert in der Hand an. Der Himmelswächter des Westens hatte eine Perle in der Hand und der des Nordens eine Pagode.

»Keine Angst, meine Liebe, niemand soll vor diesem Ort abgeschreckt werden, höchstens, wenn Dämonen davor stünden. Und bist du etwa ein Dämon? Obwohl, wenn ich dich so anschaue, bin ich mir nicht ganz sicher.«

»Veralbern kann ich mich allein, merk dir das. Ich achte schon darauf, dass ich den Tempel mit reinen Gedanken betrete, sonst kommt vielleicht doch noch ein Himmelswächter auf die Idee, mich als Dämon zu betrachten!« Bei diesem Gedanken musste ich leicht grinsen.

Gleich hinter dem Eingangstor war der Tempel der rituellen Instrumente. Die Trommeln riefen täglich die Tiere der Erde, der Klopffisch, das Meeresgetier, der Gong die Vögel und die Glocke die Menschen.

»Weißt du, dass die Glocke beim Abendritual 33 Mal geschlagen wird?«

»Stell dir mal vor, ich weiß das. Ich war schließlich auch dabei, als unsere Reisegruppe Gast bei diesem Ritual sein durfte. Vergiss nicht. Ich bin du und du bist ich.«

»Dann weißt du auch, dass die im Wind spielenden Lampions die Wünsche der Spender zu Buddha tragen sollen.«

»Ja doch! Still! Ich will den Klang des rhythmischen Schlagens der Hölzer in mich aufnehmen.«

Die Klänge der Hölzer und die Stimmen der Mönche schwebten über der ganzen Tempelanlage und drangen tief und suggestiv in mein Herz. Ich stand plötzlich vor einem riesigen Buddha-Rollbild, welches nur an solch einem hohen Feiertag gezeigt werden durfte. Ich fühlte mich ganz klein und unbedeutend. Das Tuch war golden gemustert. In der Mitte, in den Farben rot, grün und gelb, saß ein großer Buddha und die vier Ecken schmückten jeweils einen kleineren in den gleichen Farben.

»Wow, so etwas Schönes und Erhabenes habe ich noch nie gesehen.«

»Spürst du, welche eine beruhigende Wirkung das Bild auf die Seele hat?«

»Deine Worte wundern mich. Du tust das nicht als Schwärmerei ab?«

»Nein, es ist wunderschön und ich habe das Gefühl, als ob es mit mir spräche.«

»Ja, ...«

Einen Herzschlag später, kehrte ich in die Wirklichkeit zurück, nahm die Menschen wahr, die Reis, Obst und Blumen dem Buddha spendeten.

Ich ging weiter, ließ mich im Strom der Pilger treiben bis zum Hauptplatz. Überall wehten die vielen Lampions. Dann stand ich vor einem kleineren Tempel, aus dem gerade eine alte Frau heraus kam, ihr Rücken gebeugt, ihr Haar weiß mit wenigen dunklen Strähnen. Sie war klein, sehr klein. Ich konnte ihr Alter nicht schätzen. Es schien mir, als ob diese Frau schon seit Welten auf unserer Erde wandeln musste. Plötzlich schauten mich zwei lebhafte dunkle Augen an und auf einmal war die Frau gar nicht mehr so alt. Sie ergriff meinen Arm und ich hörte so etwas wie ein getrillertes »Haseo«. Mir fiel ein: »Anyeong Haseo« hieß »Guten Tag«. Ich beugte mich zu der alten Frau hinab und grüßte zurück.

»Bist du jetzt nicht froh, dass du den koreanisch Diskurs nicht ganz und gar verschlafen hast?«

»Du musst mich nicht darauf hinweisen. Natürlich bin ich froh, dass ich weiß, was Guten Tag heißt.«

Dann überlegte ich. Was wollte sie nur von mir? Das Mütterchen zeigte mir ein Diktiergerät und ein koreanischer Redeschwall überschüttete mich. Ich zuckte verzweifelt mit den Schultern. Wenn ich sie nur verstehen könnte. Ich wüsste gar zu gern, was sie von mir will.

»Sag mal, klingelt’s nicht langsam bei dir. Du sollst ihr Diktiergerät abhören. Das ist doch sonnenklar.«

»Für dich ist wohl alles sonnenklar?«

»Was sollte sie schon anderes wollen. Sie weiß doch, dass du Ausländerin bist und sie nicht verstehen kannst. Sie ist nicht blind, nur alt.«

Wieder hielt die Koreanerin mir das Diktiergerät vor die Augen und dieses Mal drückte sie auf den Abspielknopf. Ich hörte den monotonen Singsang der Mönche.

Ich strahlte sie an. Jetzt wusste ich, was sie mir sagen wollte: Hier, hörst du Fremde, das nehme ich mit nach Hause. Es sind gesegnete Worte, musst du wissen. Es sind Buddhas Worte. Die bringen mir Glück. Verstehst du mich? Ich kann sie mir nun jeden Tag anhören. Mein Haus ist dadurch geweiht.

Wir beide lächelten uns an. Ich drückte bewegt die Hände der alten Dame und verneigte mich vor ihr. Sie wird auch ohne Worte wissen, was ich fühlte.

Dann ging ich in den Tempel und setzte mich zwischen die Menschen, hörte auf den Gesang des Mönches, auf das Gemurmel der Menschen.

»Siehst du, hab’ ich nicht Recht gehabt. War doch einfach, die alte Dame zu verstehen? Oder?«

»Stimmt. Nun gib Ruhe. Ich will die Stimmung zu Buddhas Füßen genießen, nachdenken, mich mit dem Strom der Zeit treiben lassen und die Atmosphäre des ganz besonderen Ortes in mich aufnehmen.«

Ich schloss meine Augen, hing meinen Gedanken nach. Ruhe nichts als Ruhe breitete sich in mir aus und ich wurde eins mit diesem Ort und der Welt.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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