Pierre Heinen

Fantasy-Rollentausch 1 – Zwergenmagier-Dasein

„Beim Barte meiner Mutter!“

Das massige Buch flog unter dem Tisch hervor und landete unsanft auf dem staubigen Boden der Kammer. Herbstliche Sonnenstrahlen, die durch das offene Fenster fielen, ließen die goldenen Buchstaben auf dem Deckel leuchten: Das Element Feuer.

„Ich hasse Zaubern!“, wurde das Schriftstück angebrüllt.

Es dauerte eine Weile, bis der Zwerg unter dem Möbelstück hervorgekrochen kam. Mühselig richtete er sich auf, streckte sich und gähnte. Er fuhr sich durch das blonde Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Sein dunkelrotes Wams ließ sich so gerade eben noch zuknöpfen.

„Ich habe zugenommen“, interpretierte er darin hinein und kratzte sich am Kopf. „Dick, feige und als Magier völlig nutzlos!“

Er schlenderte zum Fenster hinüber. Sein neugieriger Blick fiel auf den Burghof, wo Lehrlinge umherliefen und versuchten sich gegenseitig in Stein zu verwandeln. Manchen gelang es, anderen zu spät und wieder andere gruben Löcher in den Boden. Letzteres taten Kinder in dieser, für sie unnatürlichen, Umgebung oft.

„Die haben Spaß“, kommentierte der Zwerg griesgrämig das Schreien und Toben.

Der Fünfunddreißigjährige drehte sich um. Seine Kammer war ein Saustall, so beschrieben es zumindest alle, die ihn hier oben besucht hatten.

„Viele waren das bislang nicht“, fügte er, wieder einmal in Selbstgespräche verfallen, hinzu. „Mutter war einmal hier oben, Vater wollte nicht so viele Treppen hochsteigen. Meine Zwillingsschwester weigerte sich einzutreten und mein kleiner Bruder hielt sich andauernd die Nase zu. Ich hasse dieses Gemach so weit oben. Zwerge gehören unter Tage, deshalb würde ich am Liebsten wieder zurück nach Worrdak. Worrdak ...“, schwärmte der Mann von seiner einstigen Heimat, ehe er wütend aufschrie. „Verdammt sollt ihr Götter sein!“

Der Zwerg nahm Anlauf, lief auf den Schmöker zu und verpasste dem voluminösen Band einen Fußtritt. Dieser flatterte quer durchs Zimmer und fiel krachend gegen das Gestell mit den Glasamphoren. Zwei leere Gefäße gerieten ins Wanken und verließen ihre Positionen. Glitzernde Scherben schmückten ab nun den Boden das Saustalles. Der Zwerg lachte grunzend.

„Das geschieht euch allen Recht!“, kommentierte er das Chaos und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Ihr wendet euch alle von mir ab? Das wird euch teuer ...“

Es wurde aufdringlich an der Tür geklopft. Augenblicklich verstummte der ehemalige Erzschürfer.

„Herein!“, gab er erschrocken von sich.

Der oberste Magier der Burg trat ein. Der grauhaarige Mann nahm das schwarze Barett vom Kopf und schloss hastig die Tür hinter sich zu. Er blickte um sich und mit einem Kopfnicken akzeptierte er den Zustand der Kammer.

„Wir müssen uns unterhalten, Akzet“, fuhr er seinen Untergebenen an. „Eine dringende Angelegenheit verlangt deinen Einsatz!“

Der oberste Magier suchte eine leere oder zumindest nicht verkohlte Sitzgelegenheit, fand aber keine. Er räusperte sich und fuhr fort.

„Die Elfen, die unseren Platz in Worrdak eingenommen haben, werden versuchen mit den Göttern in Kontakt zu treten. Sie wollen denen erklären wieso dieser Rollentausch unbedingt rückgängig gemacht werden muss. Ich habe dich auserwählt, Akzet, für unser Volk, zum Tal der Türme zu Pilgern und dort für unsere Angelegenheit zu Beten. Vor zwei Jahrhunderten kehrte der letzte Pilger von dieser Reise zurück und seitdem hat keiner mehr die Strapazen einer solchen Reise auf sich genommen.“

„Deswegen haben uns die Götter mit diesem Rollentausch bestraft!“, folgerte Akzet und der oberste Magier schaute ihn erstaunt an. „Wir müssen dorthin und ...“

„Du wirst morgen abreisen!“, befahl der grauhaarige Zwerg barsch. „Du erhälst alles was du brauchst: Proviant, Karten, Waffen. Du wirst zunächst über die Weißen Berge klettern müssen, dann folgt der Marsch über die Ebene der Stille. Den Hang der Götter wirst du überqueren, um schlussendlich das Tal der Türme zu erreichen. Da du es gewohnt bist in einem Turm zu leben, wirst du das Treppensteigen und das Ausharren so weit oberhalb des Bodens problemlos meistern können. Das Gebetbuch wirst du morgen von deinem Lehrmeister erhalten. Bleibe solange dort, bis die Götter dir ein Signal schicken. Kehre erst dann hierher zurück.“

„Wie finde ich unseren Turm? Jede Rasse hat doch einen dort aufgerichtet.“

„Laut den alten Aufzeichnungen soll er blau sein“, informierte ihn der oberste Magier und zog ein Stück Pergament unter seinem dunkelgrünen Umhang hervor.

Akzet kniete andächtig nieder.

„Ich danke euch für das Vertrauen, hoher Magier! Ich werde den Turm finden und darin beten. Ich werde dafür beten, dass wir Zwerge zurück nach Worrdak können, in die Minen, wo wir hingehören! Ich dafür sorgen, dass die Elfen zurück in ihren verwunschenen Wald können und wir nach Hause! Ihr werdet stolz sein!“

Der Grauhaarige verneigte den Kopf und reichte Akzet das Schriftstück.

„Bei Sonnenaufgang am großen Tor!“

*

„Mir scheint, die gefährliche Reise die unser Chaot Akzet unternehmen soll, ist völlig sinnlos. Selbst wenn die Elfen sich auf den Weg gemacht hätten, was sie nicht einmal vorhaben, wären sie Monde vor ihm da. Und Akzet ist nicht gerade einer auf den die Götter hören werden. Er ist ein Tollpatsch!“

„Seine Eltern haben mich darum gebeten“, gestand der oberste Magier dem Lehrmeister des Elementes Feuer. „Vielleicht bringt die Pilgerreise und das Beten dem Jungen etwas. Uns ist jetzt schon geholfen. Er ist weg!“

Beide Männer standen auf dem offenen Wehrgang und beobachteten grinsend, wie der Zwerg sich mehr und mehr entfernte. Der Grauhaarige winkte Akzet zu, der sich umgedreht hatte, um die ehemalige Magierburg zu Verabschieden.


wird fortgesetzt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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