Crawford Ference

Großfamilie

Menschen, die als Einzelkind aufgewachsen sind sagen häufig zu mir: „Daß muß doch wahnsinnig spannend sein, in einer so großen Familie aufzuwachsen. Man hat immer jemanden zum spielen oder reden. Toll, das hätte ich auch gerne gehabt.“ Andere, die zwei oder mehr Geschwister haben sehen das schon nicht mehr mit so einer Sehnsucht. Bei ihnen heißt es: „Mensch, du arme Sau. Blieb für dich denn noch genug übrig?“
Ich kann allen nur beipflichten. Es ist spannend, wenn auch mehr für die Nachbarn, Lehrer und Polizeibeamten im Ort aber immerhin spannend. Sicher, es ist auch immer jemand da mit dem man spielen kann. Wobei, kann ist eher der falsche Ausdruck, muß ist treffender.
Geredet wurde unter uns Geschwistern, zumindest unter uns Brüdern, weniger mit Worten als mit Fäusten und sogar die Frauen in unserer Familie haben eine kräftige Rechte. Unsere Mutter eingeschlossen.
Übrig blieb immer genug. Die Kleidung der größeren Geschwister, deren ausrangiertes defektes Spielzeug und die leeren Verpackungen im Kühlschrank, weil man mal wieder zu langsam war.
Die Fahrräder (wir hatten zwei) wurden unter jeweils 4 Kindern geteilt. Wobei das größere der Räder ein Herrenrad und das kleinere ein Damenrad war. Ich gehörte natürlich zur zweiten Kategorie.
Das Schicksal wollte es so, daß ich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt geboren wurde. Meine älteren Brüder waren altersmäßig derart nah beieinander und Ewigkeiten von mir entfernt, daß sie mit mir nicht sonderlich viel anzufangen wußten. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, bekomme es aber zu sämtlichen Familienfeiern ständig erzählt (ob ich will oder nicht), daß meine Mutter mich mehrmals täglich suchen mußte. Nicht daß jetzt jemand denkt, ich konnte mit meinem Kinderwagen umgehen, wie andere mit einer Seifenkiste, nein, meine Brüder haben mich irgendwo abgestellt und vergessen.
Da Stubenarrest nicht unbedingt die wirksamste Strafe in unserer Familie war (die einzige die dadurch bestraft wurde war unsere Mutter), nahm mich ständig irgendein Nachbar mit, der mich irgendwo fand und setzte mich Zuhause ab.
Später wurde es auch nicht wirklich besser. Bei sämtlichen Cowboy- und Indianerspielen war ich der Indianer. Ich war leicht zu fangen, dank der kurzen Beine, und meine Stimme war nicht so ausgeprägt, als daß mich irgend jemand aus der Nachbarschaft hörte, wenn ich am Marterpfahl angebunden um Hilfe schrie, während meine Brüder im See baden gingen.
Zu Fußballspielen wurde ich immer dann gerufen, wenn der Ball durch irgendeinen Zaun oder ein kleines Fenster zurückgeholt werden mußte, damit es jemanden gab, der erwischt und bestraft wurde.
Irgendwann erkannte meiner Mutter, daß meine älteren Brüder wohl doch nicht der richtige Umgang für mich waren. Sie erlöste mich von ihren Schikanen, indem sie beschloß, daß ich in Zukunft auf meine jüngeren Geschwister aufpassen könnte. Es waren zwei Mädchen. Der helle Wahnsinn, sag ich nur. Nach etwa 3 Wochen Zöpfen in allen Variationen entschloß ich mich für einen Kurzhaarschnitt. Nur so lang, daß man erahnen konnte, das dunkle auf dem Kopf könnten Haare sein.
Viel gebracht hat es mir nicht, denn sie entdeckten wenige Tage später den Schminkkasten unserer Mutter, deren hochhackigen Schuhe und eine Kiste mit alten Abendkleidern auf dem Speicher.
Ich entschloß mich, doch lieber wieder den Großen hinterherzulaufen, ihren Affen zu spielen, als weiterhin als Modepuppe mißbraucht zu werden. Sehr zum Mißfallen meiner Mutter. Und wirklich begeistert waren meine Brüder von ihrem neuen Anhang auch nicht. Aber da mußten sie durch.
Die Ältesten begannen nun, sich für Mädchen zu interessieren. So wirklich spannend fand ich das nicht, aber es war schon klasse, sich abends aus dem Haus zu schleichen und am See zu beobachten, wie die Mädchen so ohne Bluse aussahen. Man hustete einmal vernehmlich und schon war man um 10 Pfund reicher, damit man nichts verriet.
Ich habe meinen Brüdern übrigens bis heute nicht verziehen, daß sie bei meinem ersten Erlebnis mit dem weiblichen Geschlecht Eintritt kassiert haben...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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