Silvia Pommerening

Reif für die Insel

Reif für die Insel


Sonntagmorgen, drei Uhr.

Jetzt war es endlich soweit. Unser erster Urlaub zu dritt sollte gleich losgehen.
Ich schmierte noch schnell ein paar Brote, während meine Mann Peter die Koffer im Auto verstaute. Fünf an der Zahl.
NUR (!) einen für mich (mit Kind kann man die Abendgarderobe sowieso zu Hause lassen!). Einen für Peter (der braucht eh nicht viel!).
Und zwei für Luis:
Einen Kleiderkoffer (der braucht dafür umso mehr!) und einen mit Spielkram und Windeln. Es sollte ihm an Nichts fehlen:
Blätter und Stifte, Bagger und Rennauto, Bücher und Kassetten, Kuscheltier und Schnuller, etc...

Ich war mir sicher, dass Luis, wenn nicht schon auf der Fahrt zum Flugplatz, dann doch sicher spätestens auf dem vierstündigen Flug nach Fuerteventura einschlafen würde. „Wir können ruhig Nachts fliegen. Ich kenne unseren Sohn, der schläft sofort wieder ein, wenn’s irgendwie ruckelt!“, hatte ich damals zu meinem Mann gesagt, den die Abflugszeit etwas beunruhigte. Aber ich kannte ihn nicht. Er saß hellwach im Auto und machte auch keine Anstallten, seinen Schlaf noch einmal fortzusetzen. Leider blühte er beim Anblick des Flughafens erst so richtig auf. Und als wir endlich - nach einer Stunde- unsere Maschine betreten durften, war er nicht mehr zu halten. Von Müdigkeit war keine Rede mehr. Alles war viel zu interessant. Er rutschte unruhig auf meinen Beinen hin und her, und ich konnte ihn beim Start gerade noch festhalten. Endlich oben in der Luft, entdeckte er den Klapptisch vor uns.
Hoch und runter, und hoch und runter...
„Könnten sie bitte damit aufhören?“, bat mich der ältere Mann vor uns etwas gereizt, und nahm wieder Platz. Luis verstand natürlich nicht, warum ich ihm sein neu entdecktes Spielzeug verbot und begann aus Wut mit seinen Füßen gegen den Sitz zu treten. Ich versuchte seine Beinchen festzuhalten und schlug vor, ihm ein Buch vorzulesen. Leider fiel mir in diesem Moment ein, dass ich alle Spielsachen in Koffer Nr.2 verstaut hatte. An alles hatte ich gedacht, aber nicht daran, dass Luis vielleicht nicht schlafen würde und ich ihn vier Stunden lang beschäftigen müsste. Außerdem zwickte meine Jeans, und ich wünschte mir, es würde mich mal schnell jemand an der Fußsohle kratzen, die gerade tierisch anfing zu jucken. Der einzige Jemand, der in Frage kam, war Peter, und der war mittlerweile eingeschlafen. Und ich wollte mir nicht die Blöße geben, ihn zu fragen, ob er nicht mal kurz seinen „DOCH NICHT SCHLAFENDEN SOHN“ nehmen würde, damit ich mich am Fuß kratzen, meine Hose wieder zurechtrutschen und vielleicht mal schnell aufs Klo gehen könnte.
Ich blieb sitzen und erinnerte mich an unsere Diskussion über die Notwendigkeit eines eigenen Sitzes für unser Kind.
„Ich finde er sollte einen eigenen Sitz bekommen, auf die paar Euro
kommt es jetzt auch nicht mehr an!“, waren Peters Worte.
„Ach quatsch“, hielt ich entgegen, „der schläft doch sowieso gleich ein, und hängt dann bei uns auf dem Schoß! Das Geld können wir uns sparen!“
„O.K, aber dann nimmst du ihn zu dir, ich tu mir das nicht an!“

... Ich hielt es für das Beste, Peter schlafen zu lassen.
Zufällig ging gerade eine Stewardess mit einem Plastikbeutel, gefüllt mit Präsenten für unsere kleinen Fluggäste, durch unseren Gang. Sie hielt uns lächelnd ein kleines Bilderbüchlein hin, bei dessen Anblick ich sofort aufatmete.
Als ich es gerade nehmen wollte, kam eine kleine dicke Kinderhand aus der Reihe hinter uns und grabschte es mir vor der Nase weg.
„Nur langsam Kleiner, wir haben für alle etwas!“, beruhigte sie das Moppelchen.
Als Trost setzte sie meinem Sohn eine viel zu große Baseballmütze auf den Kopf, und verabschiedete sich mit dem typischen Perlweißgrinsen einer Flugbegleiterin.
Luis brüllte natürlich sofort los. Erstens hasste er Mützen, und zweitens, und das war das größere Übel, war das Buch für ihn, und nicht für diese Presswurst. Ich drehte mich um und fragte die dicke Hummel hinter uns, ob wir nicht vielleicht tauschen könnten. Er würde die „hübsche“ neongelbe Mütze mit dem roten Logo der Fluggesellschaft bekommen (passend zu seinen ebenso roten Speckbacken), und wir würden uns mit dem „nichtigen, kleinen Kinderbuch“ zufrieden geben. Keine Chance!
Er gab mir nicht einmal Antwort. Aber ich konnte seinem dummen Grinsen das „Nein“ deutlich entnehmen. Also las ich Luis zehn mal die Aufschrift auf der Kappe vor, was ihn offensichtlich langweilte.
Denn ich redete sehr... sehr... sehr langsam (hätte neben mir ein Logopäde gesessen, hätte der mir zweifelsfrei sofort seine Visitenkarte in die Hand gedrückt).
Das Essen kam!
Und mit diesem ein neues organisatorisches Problem. Die 50 Zentimeter die einem normalen alleinsitzenden Passagier an Bord zur Verfügung stehen, um den Tisch vor sich auszuklappen, verringerten sich mit Kind auf dem Schoß um etwa die Hälfte. Ich rückte also ganz an die Bordwand und quetschte unseren kleinen Zappelphillip zwischen meinen (mittlerweile laut schnarchenden) Mann und mich. Der Komfort war zwar gleich der einer Legebatterie (zu allem Übel gab’s auch noch Hühnchen, wie passend!), aber das Essen konnte zumindest serviert werden. Jetzt gab es für mich kein Entkommen mehr. Weder zur Toilette, noch zu meiner Fußsohle, die immer noch juckte. Ich hatte gerade die Alufolie unseres Essens abgerissen, als auch schon ein kleiner Papierflieger darin Platz nahm. Jetzt hatte doch tatsächlich dieser Rotzlöffel hinter uns das Bilderbuch zerrissen, nur um seinen männlichen Trieben der Zerstörung Ausdruck zu verleihen.
Ungezogener Bengel.
Ich persönlich hoffe natürlich immer noch, dass sich Luis später mal für den Zivildienst entscheidet. Ich muss ihm nur irgendwie schmackhaft machen, dass es einem mehr gibt, alten Damen mit Stuhlgangproblemen zu helfen, als sich mit kampflustigen Exemplaren wie dem Kleinen hinter uns durchs Gebüsch zu schlagen und Krieg zu spielen. Aber bis dahin hätte ich ja noch ein wenig Zeit.
Im Moment versuchte ich ersteinmal, seine kleinen Finger aus meinem Essen raus zuhalten. Er manschte mit sichtlicher Freude im Reis herum, den er dann Peter ans Bein schmierte. Nachdem er das Essen überall, aber gleichmäßig, auf Kleidern, Sitz, Fenster und Fußboden verteilt hatte, kam eine Stewardess, um unser Schlachtfeld zu begutachten.
„Ich bringe ihnen ein paar Servietten!“, bot diese uns freundlicherweise an.
Peter war mittlerweile mit seinem typischen „Peter- Muskelzucker“ aufgewacht, und hatte es mit einer kurzen, aber sehr gezielten Handbewegung geschafft, Luis Fanta umzuschmeißen, das sich sofort auf mir und unserem Kind verteilte.
Nach unzähligen Auf- und Abwanderungen zwischen sichtlich genervten Mitreisenden und mehreren Garderoben- und Windelwechseln auf engstem Raum, setzte unser Flieger mit halbstündiger Verspätung endlich zur Landung an.
Luis war kurz vorher endlich eingeschlafen und hatte es sich quer auf unseren Beinen bequem gemacht. Dem „Wir hätten ihm doch einen Sitz reservieren sollen!“ - Blick meines Mannes wich ich bewusst aus.
Ich dachte nur noch eins: „Gleich haben wir’s geschafft!“

Wenn ich mir jetzt, so eine Woche später, die Urlaubsfotos anschaue, bin ich heilfroh, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, das dies erst der Beginn eines Alptraums sein sollte.
Luis war durch den Flug schlaftechnisch völlig aus seiner Bahn geworfen worden und brauchte ganze fünf Tage, um seinen Rhythmus wieder einigermaßen zu finden. An diesen Tagen zog er es vor, tagsüber zu schlafen, wenn alle anderen Familien am Strand waren. Nachts dagegen war er topfit, so dass wir die drei Flaschen Wein, die wir uns als Entschädigung fürs „Nicht mehr bis morgens in der Hotelbar rumhängen“ gekauft hatten, gerade wieder mit nach Hause nehmen konnten. Ansonsten ist er zwischendurch noch in eine Scherbe getreten (musste mit vier Stichen genäht werden), hat sich den Kopf an der Balkontür aufgeschlagen (diesmal reichten drei Stiche aus), und hat mit seinem Ball die Lampe von der Decke geschossen. Wir sind blasser als vor unserem Urlaub und leiden seit-her an chronischem Schlafmangel. Auf Anfragen nach Grußkarten reagieren wir etwas gereizt.

Ich glaube, wir bräuchten einfach dringend mal Urlaub.



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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