Jürgen Berndt-Lüders

...und trotzdem fehlt einem was.

Ulrike lächelte in sich hinein. Sie drehte sich zu den Getränken, und als ihr plötzlich einfiel, dass Thomas ihren spöttischen Zug um den Mund würde sehen können, falls sein Blick in den Spiegel fiel, erlosch ihr Lächeln.

 

„Möchtest du noch einen?“, fragte sie stattdessen und zückte die Flasche Jim Beam.

 

Für Thomas war dieses schreckliche Selbstmitleid, dass ihn ständig überfiel, wenn er etwas getrunken hatte, noch nicht abgegessen.

 

„Ja, davon fehlt mir auch noch einer“, sagte er bitter.

 

Ulrike füllte sein Glas und schob es ihm hinüber. Solche Bekenntnisse musste sie sich jede Nacht anhören, und meistens kam nach zwei, drei  weiteren Whiskey die Frage, ob sie denn verheiratet sei, und wenn sie verneinte,  ob ihr Bett heute Nacht noch frei sei.

 

Manchmal, aber wirklich nur manchmal hatte sie einen mit genommen und nach dem Frühstück für immer nach Hause geschickt. Einige kamen wieder und versuchten es neu, aber da stießen sie bei ihr auf Granit. Wenn sie es machte, machte sie es, weil es ihr Spaß machte. Sie war schließlich weder Geliebte noch Prostituierte. Sie war frei wie ein Vogel, und darauf legte sie Wert.

 

Thomas trank seinen Whiskey und beugte sich vor.

 

„Ich weiß nicht, was das werden soll. Es geht mir wirklich gut. Ich verdiene Spitze, sonst könnte ich mir deine Getränke nicht leisten. Ich bin gesund, sonst könnte ich mir solche durchsoffenen Nächte nicht erlauben. Ich sehe einigermaßen gut aus, sonst würde ich nicht immer wieder in deinen Spiegel hinter deiner Flaschengalerie schauen.“

 

Er lachte bitter und überprüfte seine Mimik.

 

„Wie findest du mich eigentlich?“, fragte er plötzlich. Keine Frage nach dem freien Bett, sondern eine wirklich schwer zu beantwortende Frage, weil die Antwort, egal welche sie auch immer gab, falsch sein konnte.

 

Heute bin ich mal ehrlich, beschloss Ulrike und sah sich Thomas genauer an.

 

Eigentlich ist er ganz mein Typ dachte sie.

 

„Steh mal auf und dreh dich.“

 

Thomas hopste mühsam vom Barhocker und lachte. Er drehte sich wie ein Tanzbär auf der Kirmes.

 

Flotter Kerl, dachte sie. Wenn ich nicht überzeugter Single wäre...

 

„Ich bin kein Mann für eine Nacht“, fiel ihm plötzlich ein. „Wenn, dann will ich die Frau fürs Leben. Hast du dir mal überlegt, was du willst?“

 

Ulrike beschloss, einen mit zu trinken. Sie goss sich ein und trank.

 

„Mir geht es gut“, sagte sie. „Ich war dreimal verheiratet, mein Kind ist aus dem Gröbsten raus, er studiert in einer fremden Stadt, und wenn ich nicht grad besoffene Kerle aus der Bar hinaus komplimentieren muss, mache ich sogar diesen Job ganz gerne.“

 

Thomas starrte sie unverwandt an. Er schien der Meinung zu sein, dass noch nicht alles raus war.

 

„Und trotzdem fehlt einem was“, sagte Ulrike, genau wie Thomas und fast alle männlichen Gäste vor ihm. „Das Vertraute fehlt mir. Es ist alles so oberflächlich, so unehrlich. Bah!“

 

Sie war nicht länger Bardame und er nicht länger Gast, den sie zu animieren hatte. Plötzlich lagen die Tatsachen auf dem Tisch. Beide lachten befreit. Sie schob ihre Hände vor und Thomas griff sie.

 

„Könntest du dir vorstellen, es mit mir zu versuchen?“, fragte er vorsichtig.

 

Sie wollte den Kopf schütteln, aber aus dem Versuch wurde ein Nicken. „Ja, aber ich stelle Bedingungen.“

 

„Eigene Wohnung? kein Problem, eigene Kreditkarte? auf jeden Fall...“

 

Ulrike unterbrach.

 

„Nein, ganz was Anderes: Offenheit und Ehrlichkeit will ich. Ehrlichkeit gehört zur Offenheit wie der Mann zur Frau, die Dunkelheit zur Helligkeit und die Emotion zum Verstand. Alles, was für uns beide relevant ist, will ich auf dem Tisch des Hauses haben. Kein Verschweigen, kein Taktieren, kein Manipulieren... Du bist bei mir nicht in deiner Firma.“

 

Sie klopfte demonstrativ auf den Tresen.

 

„Und dass mein Kleiner ein Zimmer hat, für die Semesterferien“, fügte sie leise hinzu.

 

Sie schluckte schwer. „Aber so einen müsste ich mir wohl backen lassen.“

 

Er kam um den Tresen herum und sah ihr in die Augen.

 

„Das kostet eine Lokalrunde“, brachte sie zwischen einem Gemisch aus Kichern und Schluchzen heraus.

 

„Ich schwöre es“, sagte er und zog sie an sich.

 

„Ach, du sollst nicht schwören“, schrie sie los und hämmerte mit den Fäusten gegen seine Brust. „Du sollst es dir einfach nur vornehmen, das reicht schon. Ich nehme mir das gleiche vor und dann müsste es klappen. Diesmal muss es klappen, sonst ist alles zu spät. Ich habe keine Kraft mehr.“

 

„Lass’ es uns wenigstens versuchen“, schlug Thomas beschwörend vor und zog sie an sich.

 

Sie küssten sich.

 

 „Ich glaube, ich kriege es nicht gebacken“, flüsterte Ulrike traurig, löste sich von Thomas und ging nach hinten.

 

Thomas beschloss, ihre Entscheidung widerspruchslos zu respektieren. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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