Nikolaus Ziegelbauer

Blick aufs Meer

Sie stand auf der anderen Seite des offenen Grabes. Ich hatte sie sofort erkannt. Sie trug das Haar wieder kurz, etwas weniger blond auch, ein helles Brünett, mit einem leichten Hauch von Kupfer.

„Das muss ihre echte Haarfarbe sein“, dachte ich. „Ihr Schamhaar hatte den gleichen kaum wahrnehmbaren rötlichen Glanz, wenn sie aus der Dusche kam“.

Ich versuchte in Gedanken das Thema zu wechseln und ein wenig dem Pfarrer zuzuhören. Es schien mir auf einmal unangemessen, am Grab des kleinen Eric an Elisabeths Schamhaar zu denken. Was hätte Eric wohl dazu gesagt? Wir haben nie darüber gesprochen.

Sie hatte die Hände in den Taschen ihres Mantels vergraben - grau-braun meliert, mit einem langen gleichfarbenen Band in der Taille geschnürt. Die Schultern waren hochgezogen und der Kopf gleichsam versenkt. Ich musste schmunzeln. Sie hatte das immer „den Bär machen“ genannt. Der Bär lebte alleine in einer Höhle, hatte sich in einen Gedanken ganz eingeschlossen, dem Mienenspiel allen freudigen Ausdruck genommen und deutete schon mit der Körperhaltung an, dass kein Wort, und keine Geste Eingang finden würden oder Entgegnung gar. Auch keine Zärtlichkeit.

Meine Ohren schmerzten vom frostigen Meerwind. Die meisten Beerdigungen, an denen ich teilgenommen hatte, waren im kalten Herbst gewesen. Ich glaube, mit der Zeit habe ich diese Eindrücke in meinem Unbewusstsein verknüpft. Es wäre mir schwer gefallen, einen lieben Menschen im Frühling oder Sommer zu begraben. Aber das kann man sich ja nicht immer aussuchen. Die frische Erde aus dem Grab hatte eine besondere Beschaffenheit in den kalten Monaten. Sie sah zerbrechlich aus und schien aus gewichtslosen Partikeln zu bestehen, die wie Schaumblasen zueinander gefügt waren. Und doch widerstand sie wenn man darauf trat, als wäre sie schon leicht gefroren.

Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen. Der Wind strich fühlbar über meine frisch entfalteten Augenlider, bis auch sie kaltgefroren waren. Ich öffnete die Augen wieder; die Wolken standen wir eine schwere Stahlplatte über dem Land, davor kräuselten sich dunkle Nebelfetzen und nur im Westen schien es, als wäre die Wolkendecke aufgebrochen und der Widerschein der Sonne würde den Wolkenrand zum Glühen bringen. Ich zog die frische Luft ein, die in den Nasenhöhlen kitzelte. Früher war mir das immer das Zeichen des Herbstes gewesen. Wenn man an einem ersten Abend nach den Ferien aus dem Haus trat, die Abendluft in die Nase zog, und zum ersten Mal der schwere Geruch des Sommerwaldes diesem leichten Kitzel platz machte. Es hat mich im jeden Jahr gefreut, wie das erste Treiben waagerecht fliegender Schneeflocken, die den Boden noch nicht erreichen würden oder wie hellgrün sprießende, von der kalten Sonne durchleuchtete Buchenblätter. Heute ging mir auf, dass man in der großen Stadt den Herbst nicht riechen konnte. 

Als die Erde auf den Sargdeckel prasselte kehrte ich in die Gegenwart zurück und schaute zu Elisabeth hinüber. Wir haben für Jahre in der gleichen Stadt nebeneinander gelebt. Und wir haben uns nie wieder gesehen. Es war mir, als wären wir aufgetaucht aus der Stadt, durch die Menschenmassen an den Rand des Stadttrichters gelaufen,  und dann hinausgewandert auf das offene Land. Von dem Tod des kleinen Eric in ein bretonisches Bauerndorf geleitet. Und hier, wo fast keine Menschen leben, können Menschen sich wieder finden. Blind wandernd, ohne ihren Willen stehen sie sich plötzlich gegenüber, nur noch von einem offenen Grab getrennt.

Elisabeth war mit zwei Männern gekommen. Der eine stand gewaltig neben ihr; überquellend und schwergewichtig. Doch war er groß und aufrecht und wirkte dadurch wie ein Stier der eben selbstbewusst in die Arena gelaufen war. Der andere dagegen war schlank, mit gekräuseltem schwarzgrauem Haar und glatter, olivenfarbenen Haut, die eigenartig haarlos wirkte. Beim Leichenschmaus saß der Stier aufrecht bei Tisch und redete unentwegt, wobei seine rastlosen Arme Raum für zwei Gäste einnahmen. Er wiegte uns in Ausführungen, die unerheblich waren, sich aber leicht und wohlig über unsere Trauer legten. Dabei trieb er ein Hauptthema in seinen Einzelheiten voran, holte erklärende Gegenstände zur Hilfe, schuf in Nebensätzen überraschende Querverweise und lies in einer Randbemerkung andeuten, dass alles eigentlich auch ganz anders sein könnte.

Während er sprach, fügten sich seine Ausführungen mir fortlaufend zu einem vollkommenen Bild, dem ich niemals einen Widerspruch hätte entgegnen dürfen. Und sogleich fühlte ich einen leichten Schmerz, weil ich mir sicher war, das eben Gehörte niemals auch nur annähernd so vollkommen ausführen zu können - obwohl das ganze Bild noch klar in meinen Gedanken war. Um kurz darauf einer Panik platz zu machen, da das Gedankengebäude verlief und ich mir nicht einmal mehr sicher war, von was eigentlich gesprochen wurde. Mit einmal hielt der gewaltige Mann inne, zog seine Arme an den Körper und neigte sich mit einem sanften Lächeln seinem Nachbarn zu, und einen Augenblick schien es, als würde er zuhören. Ob er sich Elisabeth so schon geöffnet hatte? 

Der Haarlose saß still daneben, legte den Kopf manchmal zur Seite und rieb seinen Mund. Von Zeit zu Zeit deutete er mit eine Geste an, dass er etwas zu sagen hatte; fasste dann seine Position in knappen Sätzen zusammen, wobei er die wichtigsten wiederholte, die dann greifbar und klar in meinem Kopf standen, als wären sie in kleinen Lettern über einem Schaubild geschrieben. Dann lehnte er sich wieder zurück und legte den Kopf schief.

„Er ist erlöst worden“, meinte der Haarlose, als das Gespräch sich dem Toten zuwandte,  und einen Moment herrschte Stille an unserem Tisch.

„Man hat ihn in sein Dorf zurückgebracht aus der Stadt“, murmelte Elisabeth vor sich hin, und es schien wie eine Erwiderung. Ich schaute sie dankbar von der Seite an. Für ein paar Sekunden stockte die Unterhaltung. Vielleicht hat jeder nachgedacht, von was er selbst denn erlöst würde, wenn es so weit wäre. Glücklicherweise kam jemand auf die Idee, das bretonische Essen zu loben, und wir verbrachten erleichtert den Rest des Nachmittags in einer angeregten Unterhaltung über Butterkekse, Meeresfrüchte und Algen-Pesto. Ich werde mich nie an dieses Land gewöhnen.

Der Haarlose war als erster gegangen, um einen Flieger zu einer Besprechung in London zu erwischen. Der Stier wollte die Beerdigung mit etwas Angenehmen verbinden und hatte seine Familie für einen Wochenendeausflug mitgebracht.

„Fährst du nach Paris zurück?“ fragte Elisabeth als wir alleine vor dem Restaurant standen und ließ sich nicht anmerken, ob sie der Gedanke an fünf Stunden Autofahrt an meiner Seite freute oder ängstigte.

Wir hatten wohl eine halbe Stunde lang geschwiegen. Vielleicht war Schweigen das einzig mögliche nach so langer Zeit. Am Anfang lastete das Schweigen nicht zwischen uns, sondern es schien uns mit der Landschaft zu verbinden, als das Auto durch die Hügel mit langem, gelblichem Herbstgras streifte. Eine verfrühte Dämmerung schloss uns schnell ein. Als die blaugraue Wolke, die vor uns war, endgültig die Erde berührt hatte und das ganze Auto umfasste, fuhr ich rechts ran und für ein paar Augenblicke schienen Schneeflocken um die Scheiben zu tanzen. 

„Lass uns ans Meer fahren, und dort schlafen“ sagte Elisabeth, ohne mir ihren Kopf zuzuwenden.

 

*

 

Ein Ort am Meer im Winter war eines meiner Kopfbilder. Sie konnten nicht aus eigenem Erleben stammen; mussten von Erzählungen herrühren, gelesenen Geschichten oder aber es waren Filmbilder, die sich aus einem tatsächlichen Werk und einer fassbaren Geschichte herausgelöst hatten und nun als Stilmittel ihr Eigenleben führten. Es konnten nur schwarz-weiß Bilder sein, wo dunkel glänzende Klippen im Hintergrund standen, und wo Meer, Strand und Himmel sich in Grautönen abstuften und zu berühren schienen. Die Dörfer am Meer waren im Winterschlaf, von einem beständigen Wind bestreift, schienen geschlossen, von den fremden Menschen verlassen. Überall standen Gerätschaften als Erinnerung an den Sommerbetrieb, halb zurückgebaut, oder in der Einsamkeit ihrer Funktion beraubt. 

Die Menschen in diesen Bildern liefen suchend wie Fremde durch die menschenleeren Grautöne. Auch wenn sie zu zweit gekommen waren, schienen sie einander unbekannt zu sein. Wieder fremd geworden oder noch nicht vertraut. Vielleicht hatten sie etwas gemeinsames verloren, oder noch nicht gefunden. Sie hielten sich nicht freudestrahlend umschlungen wie in einer Sommerliebe, sondern sie liefen getrennt und ihre Hände griffen manchmal wie Schutz gebend nach ihrem Mantelkragen über dem Brustbein. Und wenn sie sich berührten, so streichelten sie zögernd mit gestrecktem Arm den feuchten Mantel ihres Gegenübers. Von Zeit zu Zeit verlangsamten sie ihre Schritte und wandten sich zögernd dem Meer zu, als würden sie an der Öffnung zu einer fremden Welt stehen und hoffnungsvoll ins Unzugängliche starren.

Elisabeth und ich waren nur für ein paar Schritte zusammen geblieben. Dann war sie alleine in die Dämmerung zum Strand hinunter gegangen und gegen den nächtlichen Meerwind angelaufen. Ich blieb auf der Terrasse des Hotels zurück und schaute angespannt auf die kleine Gestalt vor dem Meer. Als ob etwas Unvorhergesehenes sie plötzlich verschlingen würde und ich nur durch meine Achtsamkeit das Unglück abwenden könnte.

Wir hatten unser Wiedersehen um ein paar Stunden verlängert, dachte ich. Aber morgen würden wir wieder abtauchen. Aus dem menschenleeren Land wieder an den Rand der Stadt wandern und hinunterfallen in den Menschentrichter, ein Jeder in seinen Lebenskanal, wo wir noch einmal für Jahre bleiben werden, ohne unsere Wege zu kreuzen. Wo wir Bären sind, auch ohne den Kopf zwischen die Schultern senken zu müssen.

Sie stand eine ganze Weile ohne sichtbare Bewegung, nur einmal wich sie ein paar Schritte zurück, als eine lange Welle ihren Füssen zu nahe ging. Als sie zurück kam war ihr Mantel feucht. Wir gingen durch die Hoteltür und mich steifte ein Geruch von nasser Wolle, Meer und einer Spur ihres Parfums. Ich strich mit der Hand über ihren Rücken, zog sie aber schnell wieder zurück.

Wir setzten uns vor den Kamin. Elisabeth, hatte noch nichts gesagt, sondern nur in die Flammen gestarrt und ihre Hände unruhig aneinander gerieben. Ich schaute sie von der Seite an. Ihr Wollpullover war am Ausschnitt ein wenig verrutscht und legte auf der einen Seite einen kleinen Streifen Haut frei, auf dem die Blicke dem festen Strang des Halsmuskels folgen konnten, bis hin zu einem der Grübchen, die das Schlüsselbein umgeben und etwas heller sind und verletzlich wirken - feucht und vertraulich wie eine Armbeuge. Ihr Schulteransatz war jungenhaft schlank und hatte den Teint einer hellhäutigen Frau, mit kaum wahrnehmbaren Einsprengseln von Sommersprossen, die bis in den Herbst überdauert hatten. Diese kleine Asymmetrie erregte mich bei Elisabeth. Mehr als ein nackter Körper anderweitig hätte erregen können. Eine Extrapolation, fand hier statt, ein Hinausdenken über das Sichtbare. Als wäre der Blick auf diesen unbedacht freigelegten Hautstreifen eine erste Form von Intimität, dem eine erste Berührung folgen würde, das Empfinden eines wärmenden Körpers und das bedachtsame Einatmen einer Duftspur. Dann erst wäre das Asymmetrische ein wenig zu erweitern und würde einer Umarmung Raum geben, die nicht mehr aufzuhalten war. 

 

„Die Flammen sind wie das Meer“, sagte sie unvermittelt. Und es klang abwesend -  als wäre sie nicht wirklich aus ihren Gedanken aufgetaucht.

„Ein wenig wärmer vielleicht?“, entgegnete ich behutsam und versuchte sie aus ihrer Schwermut in seichteres Gewässer zu führen. Sie ließ sich aber nicht abbringen.

„Es ist als würde durch die Welt ein Schnitt gehen. Wir können bis an die Grenze kommen und hinüberschauen in die andere Welt, aber niemals können wir hinübergehen.“

„Meinst du, da drüben ist es besser?“. Ich glaube, meine Stimme klang nicht mehr heiter. 

„Es ist besser, weil wir nicht hinkönnen“ sagte sie bestimmt. „Darum stehen wir am Rande und starren hinüber. Es ist nur eine Möglichkeit, die uns gefangen nimmt“.

Ich dachte an meine eigenen Blicke aufs Meer. Und Elisabeth schien zu warten, bis ich etwas entgegnete.

„Für mich ist es keine andere Welt“, setzte ich an. Ich hatte plötzlich den Eindruck als ob ich jahrelang nur Sätze gesprochen hätte, die schon einmal gesagt waren. Die fertig waren und die ich nur vorsprechen brauchte, denen ich Nachdruck, Festigkeit und Gewalt geben konnte, eben so, wie es gerade von Nutzen war. Eine Maske aus Sätzen. Zugleich kam eine Erinnerung an das Sprechen, wie es einst in der Vergangenheit war. Das Suchende, das Zögernde, das mir eigen war. Das Sprechen, das tastend aus Gedanken sich erst entwickelt. Und an die Menschen, die mit klaren Augen zuhörten, die Pausen zuließen, und ihrerseits tastend und unverstellt sprachen.

„Für mich ist es ist eine Gegenwart, die mich tröstet“ fuhr ich fort. „Nicht weil ich in sie eintreten will, sondern einfach weil sie da ist. Das habe ich einmal irgendwo gelesen: ‚Da ist Bewegung, die uns ersucht still zu stehen/ der Wind berührt uns und wir glauben umarmt zu werden/ und da ist das Rauschen, das uns erlaubt zu Schweigen’. Oder so ähnlich“, fügte ich hinzu.

„Du kannst nicht nur dastehen und schauen“, sie klang sehr bestimmt jetzt. „aus dem Schauen muss eine Sehnsucht entstehen, die dich antreibt etwas zu tun.“

Ich schüttelte langsam den Kopf, „Mir genügt der Frieden für ein paar Stunden. Dass mich eben nichts mehr antreibt, auch nichts in mir Selbst“. Und nach einem Moment der Stille: „Wir können innehalten, wenn wir aufs Meer blicken, müssen vor der Stille keine Angst haben, keine Angst in uns selbst hinab zu fallen, keine Angst, ins weite Nichts hinausgeschleudert zu werden.“  

Sie schwieg und schaute ins Feuer.

„Willst du denn hinüber?“, fragte ich. 

„Heute nicht“, sagte sie und wendete sich mir erstmals zu.

Sie hatte immer ihre tiefsinnigen Phasen gehabt, doch heute schien der Bär nicht aus seiner Höhle kommen zu wollen. Sie hatte sich immer anrühren lassen, von den Dingen, die ihr widerfuhren, aber mehr noch vom Leiden der anderen. Vielleicht war ihr der Tod des kleinen Eric so nahe gegangen? Oder hatte ich sie in diesen Zustand versetzt? Aber auch ich konnte mich der Schwere dieser unverhofften Zeit auf dem Land nicht entziehen. Zuerst schien es, dass Tod und Beerdigung auf uns lasteten. Dabei waren sie nur ein Auslöser. Der fremde Tod zwang uns zu einem Bruch im eigenen Leben. Diese achtundvierzig Stunden auf dem Land waren der eigentliche Schnitt durch die Welt. Wie wir aus der Stadt, ohne eigenes Wollen, herausgerissen wurden, von unserer Geschäftigkeit plötzlich abgeschnitten, hinaufgetaucht in eine unwirtliche, fast winterliche Natur, die alles Unterhaltsame schon verborgen hatte. Dann bleiben wir, tatenlos, und blicken auf das Meer und unser Leben,; blicken zurück und nach vorne, und ringen mit uns selbst.

„Es ist eigenartig“, begann ich von neuem, „vor zwei Tagen liefen wir noch unseren Geschäften nach, und jetzt sitzen wir hier und schauen nicht einmal aufs Meer, sondern reden darüber, wie es ist, aufs Meer zu schauen.“

Wieder zauderte ich. Wieder war ich überrascht vor einem Gegenüber in die Stille zu sprechen, und dabei Stille zuzulassen, ohne die Angst unterbrochen zu werden.

„Wie so eine Beerdigung ein Leben unterbricht“.  

„Das haben Beerdigungen so an sich“. Sie lächelte. „Es ist zumindest gut, dass du da bist“ fuhr sie fort und es klang schon ein wenig zuversichtlicher, „Meine Bekannten sind nicht alle für Schwermut zu haben“.

„Ich hab’s gesehen“, sagte ich und verzog den Mund zu einer Grimasse.

Sie ging nicht darauf ein. Das Schweigen, das folgte, war plötzlich nicht mehr drückend. Sie hatte wohl recht mit ihrem Blick in das Feuer wie in eine andere Welt. Und sollte es nur die Welt der Erinnerungen sein. Vielleicht sogar gemeinsame Erinnerungen. Ein offenes Feuer in einem Landhaus, davor auf einem weißen Wollteppich ein Liebespaar, das voneinander abgelassen hatte und den Widerschein der Flammen auf der nackten Haut des Andren verfolgte. An was sollte sie sonst denken?

Als wir zusammen waren, schien bei Elisabeth immer ein Lebensraum zu sein, in den ich nie gedrungen war. Und nie habe ich ganz erfasst, was sich in diesem Raum befinden könnte. Oder auch wer. Ich empfand, dass es ihr nicht genug war von nur einem Menschen geliebt zu werden. Dass der Zweifel zu tief in ihr nagte, und dass, um sie wirklich von ihrer Liebens-Würdigkeit zu überzeugen, da zumindest noch eine Möglichkeit sein musste; dass sie gerne einen weiteren fragte, ob er sich ihr zuneigen würde. Heute waren die Rollen vertauscht. Sie war aus ihrem großen Lebensraum in ein kleines Hotel am Meer gekommen. Und neben ihr saß ein Mann. Heute war ich die Möglichkeit. Offensichtlich waren wir getrennt voneinander, doch waren wir wie Bäume, die trotz allem Abstand, den sie halten, durch ihre Wurzeln in ein dichtes Netz verwoben sind.  

„Ich möchte heute nicht alleine schlafen“, hatte sie schon an der Rezeption gesagt, und ein Doppelzimmer verlangt. Als wir zum Zimmer hinaufstiegen berührte ich ihren Oberarm. Sie schüttelte meine Hand nicht ab, erwiderte aber auch den Druck nicht. Sie zog schweigend ihre schwarze Hose aus und löste den BH unter ihrem Pullover. Dann schlüpfte sie unter die Decke und wandte sich von mir ab. Ich löschte das Licht und legte meinen Arm behutsam über das dichte Federnbett auf ihren Schultern. Es fühlte sich etwas feucht an, als wäre das Zimmer lange nicht beheizt gewesen. Und doch war es dicht und warm und wogte ein wenig von Elisabeths Atmen. Lange bin ich wach geblieben und habe an ihrem Haar gerochen. So hätten wir die ganze Nacht beisammen liegen können. 

 

*

 

Am nächsten Morgen waren die Wolken von einem nächtlichen Sturm weggeblasen; sogar durch die Fensterläden drangen ein paar helle Sonnenstrahlen und als Elisabeth aus dem Badezimmer trat, glänzte ihr Haar wieder in diesem Kupferton. Schon beim Frühstück begannen wir miteinander zu reden, wie Menschen, die sich ein paar Jahre lang nicht mehr gesehen hatten. Man könnte sich ja verlieren in solchen Gesprächen, könnte das belanglose aus der Tiefe der Jahre vorbeiziehen lassen und einander höflich zuhören. Wir hatten uns nicht verloren an diesem Frühstückstisch. Wir haben die paar großen Lebenssteine auf den Tisch gelegt. Die paar Dinge, die uns angerührt hatten in den Jahren. Und siehe da, sie rührten auch den anderen an. Wie wenn die zwei Seiten eines Reisverschlusses ineinander rutschen und bei aller Leichtigkeit der Bewegung, aus unbegreiflichen Gründen fest verzahnt bleiben. Ich stand auf, um neuen Kaffee zu holen. Ich brauchte jetzt ein paar Schritte, die ich alleine durch den Raum gehen konnte. Ich sah den Reisverschluss vor mir, und fragte mich warum wir ihn jemals geöffnet hatten.

Dann wollten wir hinunter zum Strand. Und plötzlich war es wie ein Sommermorgen. Der Strand war freilich leer, aber die Menschen hätten uns nicht gestört. Elisabeth rannte auf dem harten glänzenden Steifen, den das ablaufende Wasser hinterlassen hatte. Und ich versuchte ihr im weichen Sand zu folgen. Als ich etwas Vorsprung gewonnen hatte, sprang sie mir in den Rücken, ich fasste ihre Schenkel und nach ein paar Schritten fielen wir zusammen auf den zärtlich vom Wind geformten Strand. Noch am Abend sollte Sand aus meinen Kleidern auf den Boden des Badezimmers rieseln. Und ich sollte die halbe Nacht, mit dem Rücken an die Badewanne gelehnt, vor den kleinen Häufchen sitzen und mit dem Finger immer wieder neue Spuren darin zeichnen.     

Am Strand wandte sie sich noch einmal kurz dem Meer zu und schwieg eine Weile.

„Ich habe einen…“, sagte sie und suchte zögernd nach einem passenden Wort „…Verlobten“. Dann brach sie ab, ängstlich fast, als wollte sie meine Reaktion ganz aufmerksam entgegen nehmen. Das Wort war wie ein Haken. Man hätte einen ganzen Menschen daran fest machen können. Verlobt musste man sein in ihrer Welt, um ganz nackt beieinander liegen zu können. Um sich berauschen zu können. Um hilflos und ohne Halt ineinander zu rutschen. Und sie war behutsam. Sie bedachte den Schmerz des anderen und wollte ihn im Fallen stützen. Im Verlobten lag das Ernsthafte, das Überlegte, das auf Dauer angelegte. ‚Ich liebe’ wollte sie mir sagen, ‚und wenn ich liebe ist es ganz und gar’. 

„War ich auch Dein Verlobter?“, frage ich fröhlich.

„Du warst mein Liebhaber!“ Sie wiederholte das Wort, trennte es noch nachdrücklicher: „Lieb – Haber“ und schaute mir ernst in die Augen.   

 „Ist es der Stier, oder der Haarlose?“, fragte ich. Ich wollte nicht ernst sein an diesem Morgen.

„Beide“ antwortete sie und lächelte befreit. Sie schaute zu mir herüber und auch ich musste lachen. Es machte mir nichts mehr aus.

„Komm“, sagte sie, „lass uns noch laufen“, und stürmte los.

Außer Atem hatten wir uns an die Sonnenseite eines alten Holzbootes gelehnt, das hoch an den Strand gezogen war. Ich legte meine Hand um ihre Schulter; ihr Mantel war heute nicht feucht sondern wollig warm.

„Ich bin oft vor deinem ehemaligen Haus gestanden“ sagte ich zusammenhanglos und schaute auf die Wellen, versuchte eine Welle zu fixieren, bevor sie wieder ins Meer zurücklief.

„Warum das?“ frage sie nach einer Weile.

„Weil die Lachse an den Ort zurück schwimmen, an dem sie geboren worden sind.“

Wir machten eine lange Pause. Wenn sie jetzt kichert, würde ich ihr Sand in den Nacken schütten und mit ihr balgen.

„Das ist sehr schön“, sagt sie aber mit tonloser Stimme. „Hast du das in einer Geschichte geschrieben?“.

„Ja. In einer langen und komplizierten Geschichte“.

 

Erst am Nachmittag waren wir losgefahren. Ich warf ihr den Autoschlüssel zu und deutete auf die Fahrertür. Früher hatte ich ihr immer gerne beim Autofahren zugesehen. Jetzt kauerte ich mich ein wenig schräg an die Tür, und betrachtete sie von der Seite. Sie hatte ihre kleine ovale Brille aufgesetzt und hantierte mit Lenkrad und Hebeln als hätte sie im Leben nie etwas anderes getan. Sie schien mir noch einmal ein anderer Mensch zu sein. Und doch waren sie alle da, ihre Gestalten. Die Frau die alleine ins Meer blickt, der verrutschte Wollpulli, die Verlobte, der Körper, der lachend in den Sand fällt. Das Zerbrechliche und das Feste. Das Behutsame und das Bestimmende. Und das Hemmungslose, das den anderen greift, sich aufbäumt und sich fallen lässt.

Das Radio klirrte. Sie wechselte den Sender und schaute kurz zur Seite, ob ich mit ihrer Wahl einverstanden wäre. Ich musste nicht einmal nicken. Auf der Autobahn beschleunigte sie; ich schaute auf den Tachometer und fühlte mich geborgen. So würden wir in die Ferien fahren. Mit zwei Kindern auf der Rückbank. Besser drei. Einer würde schlafen, einer die Kühe am Wegrand zählen und einer würde mit großen Augen der Musik lauschen.

 

Im Moment waren wir noch alleine. Auf halben Weg tauchte die Sonne das Land in Herbstlicht, als wäre der Sommer eben erst zu Ende gegangen. Bläuliches Licht, dem man schon durch die Scheiben die kühlende Luft ansehen konnte. Sie machte einen Moment das Fenster auf, und zog die Luft ein „Es riecht so schön nach Herbst, und kitzelt ein wenig in der Nase“.

Ich nickte stumm, aber ich glaube es sah aus, als würde mein Kopf zittern. Linker Hand lagen leicht ansteigende Weingärten, mit ein paar letzten goldenen und dunkelroten Blättern.

 

*

 

An der Loire übernahm ich wieder das Lenkrad. Eine Stunde später verdichtete sich draußen das Land. Fast heimlich zuerst. Eine kleine Störung des Auges, die der Geist erst später nachvollzog. Ein Element im Landschaftsbild, das fehlte, oder das entwurzelt war und seiner Funktion beraubt. Dann war plötzlich etwas zuviel; hinzugefügt ohne dass es nachvollziehbar wäre. Eine Eintrübung der Harmonie, etwas Unpassendes.

Elisabeth schaltete das Radio aus. In der Erinnerung scheint mir, als wären wir hier wieder verstummt. Verstummen allerdings war etwas anderes als Schweigen.     

Dann kamen die Plattenbauten, mit blinden Scheiben und ausgewaschenen Wänden in schmutzigen Pastelltönen. Das Auto senkte sich in einen Tunnel, die Leuchtstoffröhren rasten an der Decke entlang, bis wir plötzlich wieder ausgespuckt wurden in einem Gewirr aus Rampen,  Kreiseln und Seitenstrassen, die über Brücken geführt vor uns abtauchten. Eine Wand schien neben uns zu wachsen, in einem unbestimmten Braun das von schwarzen Schlieren durchsetzt war, wie von Ruß gesättigtem Moos.

Links eine Serie von Baumärkten, die glänzten, als hätte sie ein Raumschiff eben abgesetzt. Rechts das Niemandland von Gleisanlagen, mit steilen Böschungen, auf denen noch immer langes trockenes Gras stand und daraus spitze Masten ragten. Backsteingebäude mit stählernen Rollläden die fingerdick vom Graffiti verklebt waren.

Noch eine halbe Stunde, dann würde sie an einer Ecke auf dem Auto steigen, und im Gewimmel verschwinden.

 

„Ich habe das erst vor kurzem erlebt“, begann ich wieder das Gespräch. Wieder suchte ich meine Worte, und erzählte dann ununterbrochen von dieser unscheinbaren Begebenheit. Ich hatte nie jemanden davon erzählt. Warum auch? Wenn wir das Unscheinbare unbedingt mitteilen wollen, dann geben wir zu, dass es uns berührt hat. Dass wir vom Unscheinbaren verletzbar sind. Dann drängen wir uns an den Rand, und am Rand ist niemand mehr, dem wir uns mitteilen können. 

„Ich war in der Metro, als ein Mann mit seinem kleinen Sohn einstieg. Der Mann kam mir bekannt vor, und als ich nach langem Nachdenken seinen Sohn genauer anschaue, erkannte ich sie. Er war das Ebenbild seiner Mutter. Corinne, als Junge mit zehn Jahren.

„Du bist Corinne’s Mann, wir kennen uns“. Forsch bin ich auf ihn zugegangen und habe seine Hand gedrückt. Er ist zuerst ein wenig zurückgewichen als wäre er erschrocken, so bestimmt in der Metro angesprochen zu werden. Dann hat er mich wohl ansatzweise erkannt, und ein wenig gelächelt.

„Wie geht es Corinne?“ fragte ich.

„Corinne lebt nicht mehr“, antwortete er, und schien sich nicht ganz sicher zu sein, was für ein Gesicht er dazu machen soll.

Dann war es an mir, angestrengt zu schauen. Eigentlich habe ich gar nichts mehr getan. Ich wollte fragen warum und seit wann, und im gleichen Augenblick wusste ich, dass diese Fragen unwichtig waren und nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Die Türen klapperten, Fahrgäste drängten in den Wagen.

„Wir müssen hier raus“, sagte der Mann und zog seinen Sohn zur Tür, „bis bald“.

„Bis bald“, sagte ich und machte noch eine hilflose Geste zum Oberarm des Jungen, der mich versteinert anschaute.

Dann klappten die Türen zu. Ich erinnere mich nicht einmal, an welcher Station sie ausgestiegen waren. Es war, als wäre ein weiteres Stück meines Lebens vor meinen Augen entglitten, aus meinen Händen in einen großen Ozean  gerutscht und in den dunklen Wellen verschwunden.  

„Verstehst du das?“, endete meine Erzählung.  

„Ich verstehe“, sage Elisabeth, und nach einer Weile setzte sie hinzu: „Meinst du, wir werden uns in der Metro begegnen?“

„Nein, es ist sehr unwahrscheinlich, ich hab’s ausgerechnet“.

„Dann müssen wir uns anders begegnen“.

„Das ist noch unwahrscheinlicher“. 

Und sie sagte nichts Weiteres. Kein geistvoller Kommentar. Es schien mir, als würde sie in sich selbst nachsinnen. Sie hat mir gefehlt.

 

Vor uns lag plötzlich die Stadt, wie ein flacher Teller mit einem leicht erhöhten Rand, und im goldenen Schnitt ragte der Eiffelturm in die Wolken, als hätte sich jemand beklagt, dass im Bild die Vertikale zu wenig betont war. 

Wenig später fuhren wir in das ebenmäßige Paris ein. Straßenzüge formten sich zu ganzen Vierteln mit makellosen Sandsteinfassaden aus der Jahrhundertwende, nur unterbrochen von verzierten Toreinfahrten und überwölbt von gleichmäßigen Bäumen, die im Sommer schwer lastend den ganzen Himmel einzunehmen schienen und die Spaziergänger hinderten, ins Haltlose hinauszufliegen. Ich nahm ihre Hand, drückte sie für eine Weile, und fühlte erfreut ihre zaghaften Bewegungen, die wie ein Gegendruck wirkten. Ich griff nach ihrem Daumen und rubbelte nervös die schlanke Kuppe, als würde sie nicht zur Hand gehören. Sie ließ es geschehen.

„Lass mich hier raus“, sagte sie als die Strasse sich zu einem kleinen Platz erweiterte. Sie wandte sich mir zu, und wir umarmten einander, so gut es in dem kleinen Auto möglich war.

Es schien mir, dass unsere Mundwinkel sich beim Wangenkuss leicht überlappten, wie ein federleichtes Streifen der Lippenhaut. Und dass vielleicht ein paar Millimeter mehr gereicht hätten. Lippenhaut ist wie ein verrutschter Wollpulli. Schon eine kleine Asymmetrie genügt, um hinauszudenken, um uns zueinander abgleiten zu lassen. Vielleicht wäre es eine rein körperliche Reaktion gewesen, wenn intensiv durchblutete Gewebe in der Nähe der Schleimhäute sich berühren und Boten senden an Gehirnregionen, die wir nicht kontrollieren. Vielleicht wäre es eine Erinnerung gewesen. Eine Erinnerung an eine Berührung, einen Duft, die Beschaffenheit der Haut, einen Eindruck von Feuchtigkeit, ein noch zaghaftes Öffnen des Körpers, eine noch verhaltene Form der Hingabe, die aber schon in diesem Keim nicht mehr rückgängig zu machen wäre.

Ich habe später immer wieder daran gedacht. Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet. Vielleicht aber waren wir nur ein paar Millimeter entfernt, einander in unserer eigenen Erinnerung zu verlieren.

Sie ging mit  hochgezogenen Schultern den Metroabgang hinunter. Ich denke, dass sie sich nicht mehr umgedreht hat, um zurückzublicken.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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