Silvia Pommerening

Alles Kacke, oder?

Alles Kacke, oder?


„Ich muß Stinker, alles ausziehen!“
„Was, das ist nicht dein ernst, oder? Du warst doch gerade auf der Toilette zum Pipi machen!!! Mensch Luis, wir müssen doch los! Isabel wartet doch.“
„Ich muss aber trotzdem!“
Wenn ich mich jetzt auf eine Diskussion einlasse, dauert diese mindestens zwei Stunden.
Warum müssen Kinder immer in äußerst ungünstigen Momenten aufs Klo?
Also ziehe ich ihn schnell noch mal aus. Mein Sohn hat nämlich die seltsame Angewohnheit, sich immer komplett seiner Kleidung zu entledigen, wenn er „GROSS“ machen muss. Völlig überflüssig, wie ich finde. Aber er macht sonst nicht, und ich halte es jetzt für keinen geeigneten Moment, ihm diese Macke abzugewöhnen.

Plumps!
„Kuck mal Mama, ein gaaanz großer Stinker!“
„Super“, lobe ich meinen Kleinen, „bist du jetzt fertig?“
„Nö, da kommt noch ne‘ Wurst!“
„Hopp Luis, jetzt mach mal, sonst verpassen wir noch den Bus.“
„Ich mach doch“, erwidert er entrüstet, „aber du kannst doch auch nicht, wenn man dich drängelt, oder?“
„ Aber ich bestaune mein Kunstwerk wenigstens nicht! Hast du’s jetzt?“
„Neihein, noch nicht... Kuck mal, ich kann schon mit ohne Hände“, sagt er und reißt seine kleinen Ärmchen in die Luft, während er versucht, nicht selbst in die Schüssel zu plumpsen.
„Ganz toll, Schatz, aber für Turnübungen haben wir jetzt auch keine Zeit.“
„Mit ohne“. Wie oft habe ich ihm schon versucht zu erklären, dass das Wörtchen ohne ohne das mit gesagt wird. Aber ob jetzt mit mit, oder ohne mit, egal.
Mir platzt langsam der Kragen, weil ich merke, dass Luis absichtlich rumtrödelt.
Ring !!!!
Telefon. Auch das noch.
„Ich geh!“, brüllt er und ich kann ihn gerade noch daran hindern, von der Schüssel zu springen.
„Bleib jetzt sitzen, mit deinem Stinkepopo, sonst werde ich wirklich gleich sauer. Und mach, dass du jetzt endlich fertig wirst!“

„Hallo? Tante Trude, du es ist jetzt wirklich ungelegen. Nein ich weiß nicht, ob der Briefträger was mit deiner Nachbarin hat, und es ist mir jetzt auch relativ egal!! Was? Du.... ja, ich ruf dich zurück!“
Meine Tante, eine Geschichte für sich!!!
Fragt mich ob ... na ja, Sie haben’s ja gehört. Ich wohne kilometerweit von ihr entfernt, wie soll ich wissen, ob ihr Briefträger... ? Ach egal!

„Fertig!“, höre ich von drinnen.
Na endlich.
„Können wir jetzt los?“
„Ich hab aber noch Durst“, meint er, „kuck!“, und streckt mir seine Zunge raus, wohl um mir seine trockene Kehle zu zeigen.
„Luis, du kannst doch in der Stadt was trinken. In fünf Minuten fährt der Bus ab, und wenn wir uns jetzt nicht sputen, dann verpassen wir ihn noch.“
„Ich verdurste aber bis wir in der Stadt sind, und dann bin ich tot, und du bist schuld!“
„So schnell verdurstet man nicht“, antworte ich ihm jetzt schon ziemlich böse.
„Ich schon!“, meint er trotzig.
„Dann trink halt schnell noch einen Schluck!“
Noch bevor ich es ausgesprochen habe, bemerke ich den Fehler in meinem Satz.
„Schnell“ hätte ich besser weggelassen. Aber da ist es auch schon passiert.

„Mama!!!!!! Ich hab mich vollgesabbert!“
„Kommen wir heute eigentlich noch mal aus dem Haus?“, frage ich mich.
Ich weiß nicht, ob ich gerade lachen oder weinen soll. Immer das gleiche Theater.
Es ist einfach unmöglich mit Kindern pünktlich zu sein. Immer kurz vorm Gehen passiert etwas. Jedes Mal. Und wenn du mit dem Fertigmachen drei Stunden früher anfängst, haut’s trotzdem nicht hin.
„Zieh dir noch etwas Anderes an, Luis.“
„Ich will aber die Jacke anlassen!“, schallt es zurück.
„Aber die ist doch nass! Komm, zieh schnell eine Andere an.“
„Ich will aber die anlassen!“
„Weißt du was, du kleine Nervensäge“, sage ich schon kurz vorm Ausflippen, „dann lass halt diese dämliche Jacke an, wir gehen jetzt. Und damit basta!!!“
„Meine Jacke ist nicht dämlich!“, stammelt er beleidigt.

Ehrlich gesagt ist es mir jetzt ziemlich egal, welche Jacke mein Sohn trägt. Ich schnapp ihn mir, und wir eilen zum Bus. Gerade noch geschafft.
„Ich will zahlen!“, ruft er vorlaut.
„Bei der Heimfahrt“, versuche ich ihn hinzuhalten, „ich glaube der Bus ist eh schon später dran. Und der Busfahrer hat sicher jetzt keine Zeit für solche Kinderspielchen...“
Ich lege also das Geld hin und hoffe, dass er jetzt keinen Aufstand macht.
Falsch gedacht!
„Ich wollte aber zahlen“, sagt er mit weinerlichem Ton.

Irgendwie müssen sich die Kinder doch auch selbst mal auf die Nerven gehen mit ihrem ständigen Gejammer. Immer zu widersprechen oder ein aber einzuwerfen muss doch ganz schön anstrengend sein, oder nicht?
„Aber....“, will er gerade wieder anfangen.
„Nix aber!!! Und jetzt ist Schluss!“ fahre ich ihm über den Mund.
Ich suche mir mit Luis einen Platz und bin froh, dass der Bus nicht all zu voll ist. So sind es nur eine Hand voll Leute, die mich anschauen und für eine Rabenmutter halten.
„Na Kleiner“, meint die nette Dame von gegenüber, „möchtest du ein Bonbon?“
Welches Kind sagt denn da schon nein? Also ich habe noch keines kennengelernt.
Na toll! Jetzt wird diese kleine Zicke für seine Nervereien auch noch belohnt. Wieso fragen Fremde nie die Mütter, ob es ihnen Recht ist, wenn sie den Kindern etwas Süßes anbieten. Wenn ich jetzt nein sage, legt er wieder los. Also nicke ich freundlich und sage zu Luis, während er ihr es sehr unliebsam aus der Hand reißt: „Wie sagt man?“
„Bitte!“, meint er patzig zurück.
„Das heißt danke, und nicht bitte“ korrigiere ich ihn.
„Ich habe immer noch Durst!“, quengelt Luis und streckt mir erneut die Zunge raus.

Ich glaube, ich mache drei Kreuze, wenn ich endlich aussteigen kann.

In der Stadt angekommen, springt Luis aus dem Bus, und rennt in die erste Eisdiele, die sich gleich neben der Haltestelle befindet.
„Ich will ein Eis, Mama. Bitte, bitte, bitte!“
„Nicht hier, wir sind doch da vorne im Café mit Isabel verabredet, da gibt es auch Eis!“
„Aber ich will hier ein Eis!“
„Luis, wir setzen uns doch gleich da vorne im Straßencafé in die Sonne und du bekommst einen Eisbecher, mit drei Kugeln und Waffeln. Es gibt hier jetzt kein Eis.“
In solchen Momenten frage ich mich, warum so viele Frauen Angst vor der Geburt haben. Sie ist gegen einen solchen Morgen der reinste Spaziergang.
Nein, mal ehrlich: Kinder können einem den letzten Nerv rauben.
„Ich lass´ dich jetzt hier stehen, wenn du nicht mitkommst!“, drohe ich ihm und hoffe, dass das „zieht“.
„Dann bleibe ich halt alleine hier, und werde entführt von einem bösen fremden Mann. Und dann wird der Papa aber ganz arg mit dir schimpfen, und...“
Weiter kommt er nicht. Jetzt reicht‘s!
Ich klemme ihn mir unter den Arm, so wie ich früher meine Schultasche immer unter den Arm geklemmt habe, und eile los. Erstens sollen die Leute nicht denken, dass ich mein Kind nicht Griff habe, zweitens wartet meine Freundin sicher schon auf uns. Luis fängt natürlich an zu brüllen, was mich aber mittlerweile völlig kalt lässt.
Irgendwann reißt auch mir der Geduldsfaden.
Im Café angekommen, Isabel sitz bereits am Tisch, stelle ich ihn ab und lasse mich völlig entkräftet in den Stuhl fallen.
„Hi“, kommt nur von links. „Du glaubst nicht, was ich mit Erik heute Morgen schon für einen Stress hatte!“, meint Isabel, und schaut ihren Sohn wütend an. Der reibt sich seine verheulten Augen und schaut beleidigt zu Boden.
„Doch, das glaub ich dir gerne“, entgegne ich ihr, „bei uns war’s auch nicht anders. Das Übliche halt.“
Wir bestellen Eis für die Ungeheuer und zwei Milchkaffee für uns, obwohl wir schon ahnen, dass wir die weder warm noch in Ruhe genießen werden.

„Bitte schön, und zwei Schokobonbons extra, für die lieben Kleinen“, sagt die junge, noch kinderunerfahrene Bedienung und stellt uns zwei Tassen vor die Nase.
Schon wieder diese Ungerechtigkeit. Wir Mütter schuften uns den ganzen Tag physisch, vor allem aber psychisch mit unseren Kindern ab, sind völlig erschöpft, und Sie bekommen die Belohnung. Für was, frag´ ich mich? Fürs Nerven?
Wir sind es doch, die sich ständig mit unnötigen und zum Teil inhaltslosen Diskussionen auseinandersetzen, und dabei immer „pädagogisch wertvoll“ handeln müssen. Ich finde, Mamas hätten die „Schokolade extra“ verdient.
Egal. Ich gebe mich heute schon mit einem warmen Kaffee zufrieden. Gerade will ich den ersten Schluck nehmen, da kommt von links:
„Mama, ich muss schon wieder Stinker. Aber alles ausziehen!“

„Ja, ja, die jungen Mütter von heute“, höre ich dann auch noch den Mann auf dem Fahrrad sagen, „sitzen den ganzen Tag gemütlich im Straßencafé und haben nix zu tun. So gut müssten wir Männer es mal haben. Wir müssen jeden Tag zur Arbeit, schuften uns ab und unsere Weiber machen sich nen´ faulen Lenz....“

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Silvia Pommerening).
Der Beitrag wurde von Silvia Pommerening auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Silvia Pommerening als Lieblingsautorin markieren

Buch von Silvia Pommerening:

cover

Wir haben Wehen: Mythen und Irrtümer aus dem Kreißsaal von Silvia Pommerening



Dieses Buch ist ein Geburts-Crash-Kurs mit lustigen Geschichten und lehrreichen Erfahrungen aus dem Kreißsaal, einem Ort, welcher alle nur denkbaren sozialen und kulturellen Individuen unter einem Dach vereint. Angefangen beim jungen Kevin, selbst erst den Windeln entsprungen, der zwischen Handy spielen und Kippen rauchen, das erste Mal Vater wird, bis hin zur spätgebärenden Oberstudienrätin, mit ihrer eigens für die Geburt mitgebrachten Celine Dion-CD. Tja, wenn es ums Kinderkriegen geht, sind halt alle gleich! Fernab vom Fachchinesisch der Mediziner erhalten Sie hier praktische Tipps, die durch einfache Zeichnungen verfeinert und mit dem nötigen Humor gesalzen wurden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (4)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Leben mit Kindern" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Silvia Pommerening

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

“Reden wir mal Tacheles“ von Silvia Pommerening (Leben mit Kindern)
Missbraucht - Gebraucht und Weggeworfen. von Achim Müller (Leben mit Kindern)
Die vegetarische Anna von Walburga Lindl (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen