Siegmund Natschke

1929

 

Jonothan Hake kam nochmal am Zeitungskiosk vorbei. Der alte James grinste ihn an. "Mr. Hake, wie stehen die Aktien heute ?" Das fragte er jeden Tag, und wie immer rutschte ihm nur ein "Gut, gut" heraus. Doch das machte James mehr als zufrieden. Er drehte sich um und nahm vom großen Zeitungsregal das Wall Street Journal. "Danke", sagte Jonathan schon im Voraus, und bezahlte mit dem schon vorher von ihm abgezähltem Kleingeld. Er nahm die Zeitung, klemmte sie unter seine linke Achsel und sah sich noch die Zigarettenmarken an. "Luckys - wie immer, Mr. Hake?" Jonathan musste lächeln. Der alte Mann kannte ihn besser als er sich selbst. Er nickte. "Luckys, wie immer, James." Nun kramte er in seiner Geldbörse, doch er hatte kein Kleingeld mehr. James bemerkte es. "Bezahlen Sie es morgen, Mr. Hake.", um dann zu fragen: "Welche Papiere empfehlen Sie heute ? Meine Frau fragt mich schon immer. ´James´ sagt sie, da kommt doch immer der Börsen-Händler zu Dir. Und wir wollen uns doch einen Kühlschrank kaufen. Frag´ ihn doch mal, welche guten Papiere es gibt." Jonathan überlegte einen Moment: Wenn er Papiere empfehlen sollte, dann das Zeitungspapier, das er gerade unterm Arm hatte. Aber Aktien ? Nun gut, er hatte damit ein Vermögen gemacht. Und ohne Arbeit. Ohne körperliche Arbeit. Und nur körperliche Arbeit war richtige Arbeit.

Ja, man sah es ihm jetzt nicht mehr an. Aber er entstammte nicht aus dem Geldadel der Wall Street. Er hat die ersten 15 Jahre in den Rocky Montains verbracht, in einem schäbigen, kleinen Haus zusammen mit 7 Geschwistern, und einer Mutter, die die letzten Jahre nur noch einige Schritte aus dem Bett tun konnte, bevor sie ganz jämmerlich starb. Einen Arzt konnten sie sich nicht leisten. Doch er wußte auch so, woran die Mutter gestorben war. An jahrelanger, jahrzehntelanger harter Arbeit, die sie nie zur Ruhe kommen liess. Doch er schob schnell diesen Gedanken beiseite. Jetzt war er hier. Und jetzt war er Jonathan Hake, der geachtete Börsen-Broker im schicken Anzug und mit elegantem Hut, den er bisweilen tief in die Stirn zog, wenn die Sonne zwischen den Wolkenkratzern ihm kräftig in die Augen schien. Und er war jemand, den andere um Rat fragten. Auch der arme James, der ihm sympathisch war, ihm gleichzeitig aber Leid tat, eben weil er ihn um Rat fragte. Jemand, der dem Glanz des Anzugs so sehr vertraute und wohl nicht glauben konnte, dass sein überlegenes Auftreten nichts als Lüge war, gehörte zu der Sorte von Menschen, die selber so ehrlich war, dass sie anderen nichts Schlechtes zutrauen konnte. "Kaufen Sie Jades Oil ! ", sagte Jonathan plötzlich, so dass es ihn selbst überraschte.

 "Jades Oil, werd´s mir merken, Sir !" Ein zufriedenes Lächeln huschte über das alte, runzelige Gesicht von James. Seine von Arbeit gezeichneten Hände reichten ihm eine Packung Luckys. Jonathan ließ ihm in den Glauben, gerade einen sensationellen Geheimtipp bekommen zu haben. Er verabschiedete sich höflich und ging zügig den harten, grauen Asphalt entlang. Ja, es war der beste Tipp dem er dem Alten geben konnte. "Jades Oil" - eine Firma solchen Namens existierte nicht und hatte auch noch nie existiert. Aber "Elfenbeinöl" hörte sich gut an, oder ? Vielleicht hätten die Hände von James tatsächlich etwas von diesem Elfenbeinöl brauchen können. Er steckte sich eine Luckys an und sah dabei auf seine eigenen - zart wie die eines jungen Mädchens. Kein Wunder, sie hatten den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als Kauforder zu schreiben. Das allerdings in letzter Zeit immer öfter. Nur kamen zu den Kauforders in letzter Zeit auch Telegramme an seine Kunden hinzu. Telegramme mit Zahlungsaufforderungen. Wer auf Kredit kauft, darf den Makler nicht vergessen. Und wer auf Kredit kauft, der weiß was er tut. Jonathan wußte immer, was er tat. Er bog auf die Wall Street und hörte seine Schritte wie die eines fremden Mannes.

Es war Donnerstag. Donnerstag, der 24. Oktober 1929.

 

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