Ich betrat das Eingangsportal der Arbeitsagentur gegen 9.30 Uhr.
Mein Schädel pochte heftig unter der karierten Schiebermütze, die ich mir über
die ungewaschenen Haare gezogen hatte.
Es war wieder einmal ein Anfängerfehler gewesen, am Vorabend zu viele Sachen
durcheinander zu trinken. So etwas rächte sich meistens.
Als ich an einen der Empfangsschalter trat, fiel mir ein, dass ich zudem
vergessen hatte, mir die Zähne zu putzen.
Das erklärte auch den unangenehmen Geschmack in meinem Mund. Natürlich hatte
ich deswegen auch noch eine starke Fahne. Ob dies allerdings in einem
Arbeitsamt von Nachteil war oder einen eher mit den sonstigen Anwesenden
solidarisierte, musste sich erst noch herausstellen.
Während ich am Schalter hinter einem älteren Mann wartete, beobachtete ich
die anderen Leute um mich herum. Einige sahen betreten zu Boden, andere eilten
hektisch durch die Halle.
Dazu kam, dass die meisten Agentur- Angestellten hinter den Schaltern
gelangweilt bis missmutig drein blickten. Ich befand mich nicht gerade in einem
Hort der Fröhlichkeit. Das hatte ich jetzt verstanden. Aber wo lag eigentlich
das Problem? Die Menschen machten es sich einfach zu schwer. Man hatte einen
Job, um das Geld für den Alkohol, die Frauen und regelmäßige Mahlzeiten zu
verdienen. Wenn es gut lief, konnte man sich auch ab und an ein Auto leisten.
Nach einer gewissen Zeit war der Job dann eben wieder weg, man suchte sich
einen Neuen und das Spiel begann von vorne. Alles war im Fluss. Ying und Yang.
Das war zumindest meine ungefähre Einstellung.
Als ich am Schalter an der Reihe war, stand ich einer dicken Frau mit
Goldbrille gegenüber. An der Bluse über ihrem riesigen Altfrauenbusen war mit
einer Sicherheitsnadel ein Schild fixiert, das sie als Frau Roswitha Meier
auswies.
Bevor ich etwas sagen konnte, raunzte sie mich unfreundlich an:
„Und wie kann man ihnen helfen!??“
Ich lächelte freundlich und sagte meinen Satz:
„Auf mich wartet ein Gespräch in Zimmer 313!“
„Aufzug, dritter Stock“ war die knappe Antwort.
Ich schlappte zum Aufzug und wartete. Alles hier war viel unentspannter, als
man es sich vorstellen konnte. Im Grunde handelte es sich eigentlich um eine
"Agentur für üble Laune". Das traf den Nagel auf den Kopf.
„Bing!“
Der Aufzug öffnete sich und eine sanfte, elektronische Stimme ertönte:
„Erdgeschoss, Ausgang.“
Ich stieg ein.
Als ich im dritten Stock den Fahrstuhl verließ, stand ich erneut in einem
großen Empfangsbereich, den ein grünes Schild als „Leistungsabteilung“ auswies.
Das klang sehr interessant, aber eigentlich wollte ich lediglich zu Zimmer 313,
dort meine Aufwartung machen und anschließend wieder verschwinden. Das konnte
doch nicht so schwierig sein.
Ich stand gerade noch etwas ratlos herum, als eine schicke Blondine mit
zahlreichen Aktenordnern unter den Armen meinen Weg kreuzte.
„Entschuldigung die Dame, wo finde ich denn Zimmer 313??“
Da ihre beiden Arme mit den Aktenordnern belegt waren, wies sie mir mit einer
Kopfbewegung zur rechten Seite den Weg: „Da entlang!“ Dazu lächelte sie. Über
so viel Freundlichkeit erschrak ich fast ein wenig. Schließlich waren wir in
der Agentur für Arbeit.
Ich marschierte nun endlose, neonbeleuchtete Gänge entlang, immer den Blick
auf die Türschilder gerichtet. Aktuell war ich bei Nummer 385. Es konnte also
noch ein wenig dauern.
In den schmalen Gängen kamen mir immer wieder blasse Personen mit Aktenordnern
entgegen. Man musste sich dann schnell zur Seite drehen, um keinen Zusammenstoß
zu provozieren. Kafkas „Der Prozess“ war ein echter Scheiß gegen das hier.
Während ich gerade noch einmal vor meinem inneren Auge die Titten der blonden
Aktenträgerin herumwippen ließ, bemerkte ich an den Nummern auf den
Türschildern, dass ich meinem Ziel näher zu kommen schien. Ich war jetzt bei
Nummer 321. Das klang gut.
Also marschierte ich weiter den Gang entlang, ohne dabei den Blick von den
Türschildern abzuwenden.
…320, 319, 318, 317, 316, 315, 314…dann ging es nicht mehr weiter.
Ich stand vor einem Fenster mit schäbigem Vorhang und fragte mich, in was
für eine Scheiße ich hier geraten war.
Ich wollte die Blonde von eben nackt auf meinem Schoß, dazu eine Flasche Wein
und ein weiches Bett, das war alles. Stattdessen marschierte ich nun durch ein
seltsames Labyrinth voll blasser Gestalten. Es war grauenvoll, aber es half
nichts. Ich wollte mein Geld. Also machte ich kehrt und ging denselben Weg
wieder zurück.
Als ich nach kurzer Zeit erneut völlig ratlos an einer der zahlreichen
Abzweigungen herumstand, lief mir ein großer Mann mit Oberlippenbart über den
Weg und sah mich fragend an:
„Kann ich Ihnen helfen, Sie sehen so ratlos aus??“
Damit hatte er zweifelsohne recht.
„Ja, ich such’ hier seit längerem Raum 313, können sie mir da helfen??“
„Kein Problemchen, einfach umdrehen und vorne an der nächsten Kreuzung links.
Sie sind falsch abgebogen…“
Herrje, ich hatte einen echten Spaßvogel erwischt. Er sah allerdings
tatsächlich ein wenig wie John Cleese aus.
Ich folgte seinem Rat und marschierte samt schlechtem Atem den Weg zurück.
Dann nahm ich wie beschrieben die linke Abzweigung. John Cleese hatte nicht
gelogen. Ich stand nun vor Zimmer 313.
Als ich gerade eintreten wollte, sah ich das kleine Pappschild:
„Bitte nicht stören. Beratungsgespräch. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ich warf einen Blick auf die große Bahnhofsuhr an der Wand. 9.58 Uhr.
Ich war zwei Minuten zu früh. Das war mir das letzte Mal bei einem Date mit
einer drallen Tschechin passiert. Es war nichts Gutes daraus geworden: wir
hatten einige Male im Schlafzimmer ihrer Au-Pair- Gasteltern gevögelt, dann
hörte ich nichts mehr von ihr.
Ich setzte mich nun auf die abgewetzte Metallbank vor Raum 313. Dort wartete
ich.
Um 10.21 Uhr öffnete sich die Tür und ein kleiner und untersetzter Mann mit
Vollbart kam heraus.
„Grüße sie, sind sie mein nächster Termin??“
„Das weiß ich nicht, ich habe auf jeden Fall ein Schreiben bekommen
auf dem steht, dass ich mich heute um 10.00 Uhr in Zimmer 313 einfinden soll.“
„Na dann wird’s schon stimmen, treten sie ein und nehmen sie bitte Platz!“
Ich folgte ihm in Raum 313 und setzte mich auf den Stuhl vor seinem
Schreibtisch.
„So……..Herr…..hmmmm….“
„Pistole!“
„Achja, hier steht’s ja….“
Der Kerl war mir sympathisch. Er wirkte grundsätzlich indifferent und
desinteressiert. Das gefiel mir.
Das Problem war allerdings, dass er dabei versuchte, Kompetenz zu vermitteln.
Das hatte ich außer beim Trinken noch nie versucht.
„So, Herr Pistole, hier sind also ihre Unterlagen…“
Er blätterte in meinem Lebenslauf herum und sah dabei aus, als würde er ihn zum
ersten Mal lesen.
Dann blickte er auf und sah mich seltsam an.
„Hmmm, sie sehen ganz anders aus als auf dem Bewerbungsbild….“
„Klar, da hatte ich auch keine Mütze auf.“
„Naja, wenn sie zu einem Bewerbungsgespräch gehen, sollten sie vorher aber
schon die Haare waschen. Sie wissen ja, der erste Eindruck entscheidet oft!“
Jetzt fing es an, seltsam zu werden. Das letzte was ich jetzt brauchen
konnte, war belehrendes Dummgeschwätz.
Mit dem Kerl war kein Krieg zu gewinnen. Eigentlich nicht einmal eine einzige
Schlacht, aber ich war auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Also blieb ich
sitzen. Ich hasste es, auf jemanden angewiesen zu sein.
„Ist mir klar, was brauchen sie denn jetzt von mir?“ antwortete ich ihm.
„Also, wir müssen das jetzt hier zusammen ausfüllen…“
Dabei drehte er seinen Computer- Monitor zu mir. Darauf sah ich den Fragebogen,
den ich bereits drei Wochen zuvor ausgefüllt hatte.
„Den Fragebogen haben sie doch schon von mir…“
Nun begann er erneut in seinen Unterlagen zu wühlen. Nach zwei Minuten wurde er
schließlich fündig.
„Achja, da haben wir sie ja!“ sagte er erleichtert, „dann kann’s ja jetzt
losgehen…“
Nach diesem Schema verlief das gesamte, weitere Gespräch. Er hatte sich
schlecht vorbereitet, versuchte mir aber andauernd nach Kräften Autorität und
Kompetenz zu vermitteln.
Nachdem er mich zum vierten Mal darüber belehrt hatte, dass der erste
Eindruck oft entscheidend war,
rechnete ich kurz im Kopf durch, was die Differenz von staatlicher Maximal- und
Mindestunterstützung in Wein und Biereinheiten ausmachte.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass es knapp werden würde. Also rechnete ich noch die
paar Kröten von meinem irischen Sportwettenkonto dazu, welches ich nebenher für
Fußballwetten betrieb. Nun sah meine Kalkulation schon wieder etwas besser aus.
Ich hatte meine Entscheidung getroffen.
„Sie müssen mir auf jeden Fall in den nächsten Wochen etwas Initiative zeigen
und das auch dokumentieren, damit sie ihre Unterstützung erhalten!“ fuhr er
mich erneut belehrend an.
Es reichte mir jetzt mit diesem verbeamteten Phrasendrescher. Ich sah ihn
freundlich an und antwortete ihm in ruhigem Ton:
„Wissen sie was, lecken sie mich doch einfach mal gepflegt am Arsch... Ich gehe
jetzt…“
Dann stand ich auf.
Mein Berater war nun kreidebleich und sah mich entsetzt mit offenem Mund an. Er
brachte aber keinen Ton heraus.
Also hob ich ein letztes Mal zur Verabschiedung die Hand und schloss die Türe
hinter mir.
Mein Beratungsgespräch hatte ich damit absolviert. Nun musste ich mich
lediglich noch in einem der anderen Stockwerke arbeitslos melden, dann war es
vollbracht.
Ich bemühte dazu erneut den sprechenden Aufzug, der mich wieder zurück zu Frau
Meier (mit dem Altfrauenbusen und der Goldbrille) in die Empfangshalle
beförderte.
„Wo melde ich mich arbeitslos??“ fragte ich Frau Meier.
„Vierter Stock. Hier ist eine "Wartekarte"!“ raunzte sie zurück.
Ihr unfreundliches Wesen war zumindest authentisch.
Mit meiner "Wartekarte" fuhr ich nun in den vierten Stock und
setzte mich dort in den zentralen Wartebereich.
Es dauerte eine ganze Weile, dann wurde ich abgeholt: es war die blonde
Ordnerträgerin, die mir am Beginn meiner Odyssee den Weg gewiesen hatte.
„Ah, sie schon wieder!“ lächelte sie mich an.
„Ja, ich bin unvermeidlich…“
„Da gibt’s schlimmeres.“
Sie schien mich zu mögen. Ich mochte sie auch.
Die Blondine führte mich nun in ein großes Büro. Ich lief brav hinterher und
konzentrierte mich dabei auf ihren Arsch. Er wackelte wirklich toll hin und
her. Ich bekam Lust, ihn einmal in die Hand zu nehmen. Dann erreichten wir
leider ihren Schreibtisch und sie setzte sich auf einen Stuhl.
„Nehmen sie bitte Platz. Ich bräuchte bitte ihren Personalausweis.“
Ich setzte mich und gab ihr meinen Ausweis. Während die Blonde damit begann,
auf ihrem Computer herumzutippen, scannte ich die restliche Lage:
Hinter der Blonden saß noch eine andere Blonde, allerdings nicht mit glatten,
sondern mit gelocktem Haar und größerer Brust. Diese Abteilung gefiel mir. Hier
wollte ich auch arbeiten.
Als ich mir gerade vorstellte, wie ich als Fleischeinlage zwischen zwei
blonden Brötchenhälften auf dem Bett lag, wurde eine Frage an mich gerichtet:
„Ist ihre Straße noch aktuell??“
„...ähm, ja...alles noch ok…“
„Gut, wir benötigen dann noch die Bescheinigung ihres ehemaligen Arbeitgebers,
dann haben wir alles.“
„Die bekommen sie. Gehen wir dann später noch was trinken??“ hörte
ich mich fragen.
Ich kannte zwar die Antwort schon im Voraus, aber es war egal. Als kommender
Arbeitsloser war man sowieso nicht sexy und was hatte ich schon zu verlieren.
Vielleicht kam ich ja unerhofft doch noch zu einem Blondinen- Sandwich mit.
„Sorry, aber ich bin verlobt“ lächelte sie verschmitzt und zeigte mir mit
gespreizten Fingern ihren Ring.
„Naja dann…schade…..trotzdem danke“ sagte ich und verabschiedete mich.
Ich ging zurück zum sprechenden Aufzug und fuhr wieder nach unten, dann
verließ ich die große Eingangshalle durch dieselbe Tür, durch die ich gekommen
war.
Außen schien mir die Sonne ins Gesicht. Es war mittlerweile Mittag geworden.
Definitiv die Zeit für ein erstes Bier.
copyright. www.revolvergeschichten.com. Paul Pistole. All rights reserved.
Vorheriger TitelNächster TitelDie Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Paul Pistole).
Der Beitrag wurde von Paul Pistole auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2009.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
revolvergeschichten.com (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Paul Pistole als Lieblingsautor markieren

Frauen prägen. Lyrische Reflexionen
von Rainer Tiemann
In seinem Buch "Frauen prägen" beschreibt Rainer Tiemann in nachdenkenswerten Gedichten und Kurzgeschichten Schritte durch eine Welt, die immer stärker von Frauen geprägt wird. Es zeigt seine starke Verbundenheit zur Institution Familie und zu Menschen. Das Buch regt dazu an, über uns, unsere Welt und unsere Mitmenschen, über Umwelt und Natur zu reflektieren. Viele positive, persönliche Erinnerungen möchte der Autor mit "Frauen prägen" als Appell für mehr Menschlichkeit in diesem Buch umsetzen.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: