Paul Pistole

Auf ein Blondinen- Sandwich ins Arbeitsamt…

 
Ich betrat das Eingangsportal der Arbeitsagentur gegen 9.30 Uhr.
Mein Schädel pochte heftig unter der karierten Schiebermütze, die ich mir über die ungewaschenen Haare gezogen hatte.
Es war wieder einmal ein Anfängerfehler gewesen, am Vorabend zu viele Sachen durcheinander zu trinken. So etwas rächte sich meistens.

Als ich an einen der Empfangsschalter trat, fiel mir ein, dass ich zudem vergessen hatte, mir die Zähne zu putzen.
Das erklärte auch den unangenehmen Geschmack in meinem Mund. Natürlich hatte ich deswegen auch noch eine starke Fahne. Ob dies allerdings in einem Arbeitsamt von Nachteil war oder einen eher mit den sonstigen Anwesenden solidarisierte, musste sich erst noch herausstellen.

Während ich am Schalter hinter einem älteren Mann wartete, beobachtete ich die anderen Leute um mich herum. Einige sahen betreten zu Boden, andere eilten hektisch durch die Halle.
Dazu kam, dass die meisten Agentur- Angestellten hinter den Schaltern gelangweilt bis missmutig drein blickten. Ich befand mich nicht gerade in einem Hort der Fröhlichkeit. Das hatte ich jetzt verstanden. Aber wo lag eigentlich das Problem? Die Menschen machten es sich einfach zu schwer. Man hatte einen Job, um das Geld für den Alkohol, die Frauen und regelmäßige Mahlzeiten zu verdienen. Wenn es gut lief, konnte man sich auch ab und an ein Auto leisten. Nach einer gewissen Zeit war der Job dann eben wieder weg, man suchte sich einen Neuen und das Spiel begann von vorne. Alles war im Fluss. Ying und Yang. Das war zumindest meine ungefähre Einstellung.

Als ich am Schalter an der Reihe war, stand ich einer dicken Frau mit Goldbrille gegenüber. An der Bluse über ihrem riesigen Altfrauenbusen war mit einer Sicherheitsnadel ein Schild fixiert, das sie als Frau Roswitha Meier auswies.
Bevor ich etwas sagen konnte, raunzte sie mich unfreundlich an:
„Und wie kann man ihnen helfen!??“
Ich lächelte freundlich und sagte meinen Satz:
„Auf mich wartet ein Gespräch in Zimmer 313!“
„Aufzug, dritter Stock“ war die knappe Antwort.

Ich schlappte zum Aufzug und wartete. Alles hier war viel unentspannter, als man es sich vorstellen konnte. Im Grunde handelte es sich eigentlich um eine "Agentur für üble Laune". Das traf den Nagel auf den Kopf.
„Bing!“
Der Aufzug öffnete sich und eine sanfte, elektronische Stimme ertönte:
„Erdgeschoss, Ausgang.“
Ich stieg ein.

Als ich im dritten Stock den Fahrstuhl verließ, stand ich erneut in einem großen Empfangsbereich, den ein grünes Schild als „Leistungsabteilung“ auswies. Das klang sehr interessant, aber eigentlich wollte ich lediglich zu Zimmer 313, dort meine Aufwartung machen und anschließend wieder verschwinden. Das konnte doch nicht so schwierig sein.
Ich stand gerade noch etwas ratlos herum, als eine schicke Blondine mit zahlreichen Aktenordnern unter den Armen meinen Weg kreuzte.
„Entschuldigung die Dame, wo finde ich denn Zimmer 313??“
Da ihre beiden Arme mit den Aktenordnern belegt waren, wies sie mir mit einer Kopfbewegung zur rechten Seite den Weg: „Da entlang!“ Dazu lächelte sie. Über so viel Freundlichkeit erschrak ich fast ein wenig. Schließlich waren wir in der Agentur für Arbeit.

Ich marschierte nun endlose, neonbeleuchtete Gänge entlang, immer den Blick auf die Türschilder gerichtet. Aktuell war ich bei Nummer 385. Es konnte also noch ein wenig dauern.
In den schmalen Gängen kamen mir immer wieder blasse Personen mit Aktenordnern entgegen. Man musste sich dann schnell zur Seite drehen, um keinen Zusammenstoß zu provozieren. Kafkas „Der Prozess“ war ein echter Scheiß gegen das hier.
Während ich gerade noch einmal vor meinem inneren Auge die Titten der blonden Aktenträgerin herumwippen ließ, bemerkte ich an den Nummern auf den Türschildern, dass ich meinem Ziel näher zu kommen schien. Ich war jetzt bei Nummer 321. Das klang gut.
Also marschierte ich weiter den Gang entlang, ohne dabei den Blick von den Türschildern abzuwenden.

…320, 319, 318, 317, 316, 315, 314…dann ging es nicht mehr weiter.

Ich stand vor einem Fenster mit schäbigem Vorhang und fragte mich, in was für eine Scheiße ich hier geraten war.
Ich wollte die Blonde von eben nackt auf meinem Schoß, dazu eine Flasche Wein und ein weiches Bett, das war alles. Stattdessen marschierte ich nun durch ein seltsames Labyrinth voll blasser Gestalten. Es war grauenvoll, aber es half nichts. Ich wollte mein Geld. Also machte ich kehrt und ging denselben Weg wieder zurück.

Als ich nach kurzer Zeit erneut völlig ratlos an einer der zahlreichen Abzweigungen herumstand, lief mir ein großer Mann mit Oberlippenbart über den Weg und sah mich fragend an:
„Kann ich Ihnen helfen, Sie sehen so ratlos aus??“
Damit hatte er zweifelsohne recht.
„Ja, ich such’ hier seit längerem Raum 313, können sie mir da helfen??“
„Kein Problemchen, einfach umdrehen und vorne an der nächsten Kreuzung links. Sie sind falsch abgebogen…“
Herrje, ich hatte einen echten Spaßvogel erwischt. Er sah allerdings tatsächlich ein wenig wie John Cleese aus.

Ich folgte seinem Rat und marschierte samt schlechtem Atem den Weg zurück. Dann nahm ich wie beschrieben die linke Abzweigung. John Cleese hatte nicht gelogen. Ich stand nun vor Zimmer 313.
Als ich gerade eintreten wollte, sah ich das kleine Pappschild:
„Bitte nicht stören. Beratungsgespräch. Bitte nehmen Sie Platz.“
Ich warf einen Blick auf die große Bahnhofsuhr an der Wand. 9.58 Uhr.
Ich war zwei Minuten zu früh. Das war mir das letzte Mal bei einem Date mit einer drallen Tschechin passiert. Es war nichts Gutes daraus geworden: wir hatten einige Male im Schlafzimmer ihrer Au-Pair- Gasteltern gevögelt, dann hörte ich nichts mehr von ihr.

Ich setzte mich nun auf die abgewetzte Metallbank vor Raum 313. Dort wartete ich.
Um 10.21 Uhr öffnete sich die Tür und ein kleiner und untersetzter Mann mit Vollbart kam heraus.
„Grüße sie, sind sie mein nächster Termin??“
„Das weiß ich nicht, ich habe auf jeden Fall ein Schreiben bekommen auf dem steht, dass ich mich heute um 10.00 Uhr in Zimmer 313 einfinden soll.“
„Na dann wird’s schon stimmen, treten sie ein und nehmen sie bitte Platz!“
Ich folgte ihm in Raum 313 und setzte mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„So……..Herr…..hmmmm….“
„Pistole!“
„Achja, hier steht’s ja….“
Der Kerl war mir sympathisch. Er wirkte grundsätzlich indifferent und desinteressiert. Das gefiel mir.
Das Problem war allerdings, dass er dabei versuchte, Kompetenz zu vermitteln. Das hatte ich außer beim Trinken noch nie versucht.
„So, Herr Pistole, hier sind also ihre Unterlagen…“
Er blätterte in meinem Lebenslauf herum und sah dabei aus, als würde er ihn zum ersten Mal lesen.
Dann blickte er auf und sah mich seltsam an.
„Hmmm, sie sehen ganz anders aus als auf dem Bewerbungsbild….“
„Klar, da hatte ich auch keine Mütze auf.“
„Naja, wenn sie zu einem Bewerbungsgespräch gehen, sollten sie vorher aber schon die Haare waschen. Sie wissen ja, der erste Eindruck entscheidet oft!“
Jetzt fing es an, seltsam zu werden. Das letzte was ich jetzt brauchen konnte, war belehrendes Dummgeschwätz.
Mit dem Kerl war kein Krieg zu gewinnen. Eigentlich nicht einmal eine einzige Schlacht, aber ich war auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Also blieb ich sitzen. Ich hasste es, auf jemanden angewiesen zu sein.
„Ist mir klar, was brauchen sie denn jetzt von mir?“ antwortete ich ihm.
„Also, wir müssen das jetzt hier zusammen ausfüllen…“
Dabei drehte er seinen Computer- Monitor zu mir. Darauf sah ich den Fragebogen, den ich bereits drei Wochen zuvor ausgefüllt hatte.
„Den Fragebogen haben sie doch schon von mir…“
Nun begann er erneut in seinen Unterlagen zu wühlen. Nach zwei Minuten wurde er schließlich fündig.
„Achja, da haben wir sie ja!“ sagte er erleichtert, „dann kann’s ja jetzt losgehen…“
Nach diesem Schema verlief das gesamte, weitere Gespräch. Er hatte sich schlecht vorbereitet, versuchte mir aber andauernd nach Kräften Autorität und Kompetenz zu vermitteln.

Nachdem er mich zum vierten Mal darüber belehrt hatte, dass der erste Eindruck oft entscheidend war,
rechnete ich kurz im Kopf durch, was die Differenz von staatlicher Maximal- und Mindestunterstützung in Wein und Biereinheiten ausmachte.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass es knapp werden würde. Also rechnete ich noch die paar Kröten von meinem irischen Sportwettenkonto dazu, welches ich nebenher für Fußballwetten betrieb. Nun sah meine Kalkulation schon wieder etwas besser aus. Ich hatte meine Entscheidung getroffen.
„Sie müssen mir auf jeden Fall in den nächsten Wochen etwas Initiative zeigen und das auch dokumentieren, damit sie ihre Unterstützung erhalten!“ fuhr er mich erneut belehrend an.
Es reichte mir jetzt mit diesem verbeamteten Phrasendrescher. Ich sah ihn freundlich an und antwortete ihm in ruhigem Ton:
„Wissen sie was, lecken sie mich doch einfach mal gepflegt am Arsch... Ich gehe jetzt…“
Dann stand ich auf.
Mein Berater war nun kreidebleich und sah mich entsetzt mit offenem Mund an. Er brachte aber keinen Ton heraus.
Also hob ich ein letztes Mal zur Verabschiedung die Hand und schloss die Türe hinter mir.
Mein Beratungsgespräch hatte ich damit absolviert. Nun musste ich mich lediglich noch in einem der anderen Stockwerke arbeitslos melden, dann war es vollbracht.
Ich bemühte dazu erneut den sprechenden Aufzug, der mich wieder zurück zu Frau Meier (mit dem Altfrauenbusen und der Goldbrille) in die Empfangshalle beförderte.
„Wo melde ich mich arbeitslos??“ fragte ich Frau Meier.
„Vierter Stock. Hier ist eine "Wartekarte"!“ raunzte sie zurück.
Ihr unfreundliches Wesen war zumindest authentisch.

Mit meiner "Wartekarte" fuhr ich nun in den vierten Stock und setzte mich dort in den zentralen Wartebereich.
Es dauerte eine ganze Weile, dann wurde ich abgeholt:  es war die blonde Ordnerträgerin, die mir am Beginn meiner Odyssee den Weg gewiesen hatte.
„Ah, sie schon wieder!“ lächelte sie mich an.
„Ja, ich bin unvermeidlich…“
„Da gibt’s schlimmeres.“
Sie schien mich zu mögen. Ich mochte sie auch.

Die Blondine führte mich nun in ein großes Büro. Ich lief brav hinterher und konzentrierte mich dabei auf ihren Arsch. Er wackelte wirklich toll hin und her. Ich bekam Lust, ihn einmal in die Hand zu nehmen. Dann erreichten wir leider ihren Schreibtisch und sie setzte sich auf einen Stuhl.
„Nehmen sie bitte Platz. Ich bräuchte bitte ihren Personalausweis.“
Ich setzte mich und gab ihr meinen Ausweis. Während die Blonde damit begann, auf ihrem Computer herumzutippen, scannte ich die restliche Lage: 
Hinter der Blonden saß noch eine andere Blonde, allerdings nicht mit glatten, sondern mit gelocktem Haar und größerer Brust. Diese Abteilung gefiel mir. Hier wollte ich auch arbeiten.

Als ich mir gerade vorstellte, wie ich als Fleischeinlage zwischen zwei blonden Brötchenhälften auf dem Bett lag, wurde eine Frage an mich gerichtet:
„Ist ihre Straße noch aktuell??“
„...ähm, ja...alles noch ok…“
„Gut, wir benötigen dann noch die Bescheinigung ihres ehemaligen Arbeitgebers, dann haben wir alles.“
„Die bekommen sie. Gehen wir dann später noch was trinken??“ hörte ich mich fragen.
Ich kannte zwar die Antwort schon im Voraus, aber es war egal. Als kommender Arbeitsloser war man sowieso nicht sexy und was hatte ich schon zu verlieren. Vielleicht kam ich ja unerhofft doch noch zu einem Blondinen- Sandwich mit.
„Sorry, aber ich bin verlobt“ lächelte sie verschmitzt und zeigte mir mit gespreizten Fingern ihren Ring.
„Naja dann…schade…..trotzdem danke“ sagte ich und verabschiedete mich.

Ich ging zurück zum sprechenden Aufzug und fuhr wieder nach unten, dann verließ ich die große Eingangshalle durch dieselbe Tür, durch die ich gekommen war.
Außen schien mir die Sonne ins Gesicht. Es war mittlerweile Mittag geworden. Definitiv die Zeit für ein erstes Bier.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.11.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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