Dietrich Wilhelm

Fatima

 

In einem Park, nahe dem Stadtrand treffen Dieter und Karl aufeinander. Es ist vormittags, mitten in der Woche.

 

Dieter: Na, dass ist ja eine nette Überraschung, dich hier anzutreffen. Allerdings habe ich dich schon gestern, fast zur gleichen Zeit dort drüben gesehen, warst aber zu weit weg. Ich wunderte mich schon, da du doch immer so beschäftigt bist.

 

Karl: Sicher hast du Recht, Dieter. Es gibt immer viel zu tun; Familie, Arbeit, Termine, und die Freizeit ist auch ganz schön schmal geschnitten.

 

Dieter: Das muss doch wohl einen Grund haben, dass du so am hellichten Tage zur normalen Arbeitszeit hier bist. Erzähl mir, was mit dir ist, bist du vielleicht krank?

 

Karl: Nein, nein, aber die letzten Tage waren sehr anstrengend. Gerade jetzt, kurz vor Jahresende drängt sich viel zusammen. Da ist es vielleicht ganz gut, mal eine Auszeit zu nehmen. Man sollte ja auch manchmal über so verschiedene Sachen nachdenken.

 

Dieter: Nun sag schon, was los ist.

 

Karl: Der vorgestrige Tag hat mir wohl den Rest gegeben.

An und für sich ein lockerer Tag, gegen Mittag ins Büro, und dort früh abends eine kleine Jahresabschlussfeier. So dachte ich jedenfalls.

Ich wollte es wahrscheinlich zu gut machen, ließ das Auto in der Garage, um mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren. Bis dahin war auch alles in Ordnung.

Zehn Minuten Fußweg bis zur Haltestelle, und was sah ich da? Natürlich die Straßenbahn, wie sie mir davonfuhr. Toll, zwanzig Minuten Kälte und frieren. Ich war im wahrsten Sinne ‘frostig’, als endlich die nächste Bahn vorfuhr. Die kleine Gruppe, die sich unterdessen gebildet hatte, drängte sich geschickt vor, hatte gerade noch Glück, überhaupt mit einsteigen zu können. Es reichte auch nur zu einem Stehplatz.

Aber eine derartige Atmosphäre müsstest du mal erleben. Ein solches Gedränge, und davon die meisten Ausländer, das hatte mir gerade noch gefehlt. Seltsame Gerüche, hauptsächlich Knoblauch, lagen in der Luft. Ich traue diesen Typen ja nicht, Neger, Asiaten und was sonst noch. Aber ich war sehr wachsam, und konnte mir bald einen Sitzplatz ergattern. Der steht mir doch wohl auch zu, oder? Der verschleierten Gestalt mit dem Kopftuch, mit einem scheußlichen Mantel und ebenso grässlichen Taschen an der Hand bin ich gerade noch zuvorgekommen. Ich tat so, als hätte ich sie völlig übersehen, aber denkste.

Als es dann endlich nach einer kleinen Ewigkeit aus dem Lautsprecher tönte, ‘nächster Halt, Nietzscheweg’, war ich schon erleichtert. Bloß raus hier, dachte ich. Tief durchatmen und ab ins Büro. Der Weg reichte gerade so aus, um ‘Kurdistan’ in den Hintergrund zu drängen.

Büro, ganz normal; naja fast. Es lag schon so eine Spannung in der Luft. Man hatte den großen Besprechungsraum hergerichtet, genauso wie letztes Jahr. Die Frauen lassen sich jedes Jahr etwas Neues einfallen. Vor einem Jahr überraschten sie uns mit einem Bauchredner. Ich gebe ja zu, dass sie in manchen Dingen ganz geschickt sind.

Zwei, drei Stündchen noch.

Die Hippe, die mir schräg gegenüber ihren Arbeitsplatz hat, schaute ein wenig verkniffen. Ist schon eine Seltsame, und dabei noch besonders geschwätzig. Hippe nenne ich sie immer nur in meinen Gedanken, denn mit derartigen Äußerungen muss man heutzutage sehr vorsichtig sein. Aber neulich habe ich es ihr doch mal so richtig gegeben; fragte sie in meiner Nähe stehend eine Kollegin, wie ihr denn die neue Brosche stünde, und noch ehe sie eine Antwort erhielt, sagte ich so lässig in den Raum, ‘der Weiber schönster Schmuck ist Schweigen!’

Na, da hättest du sie mal sehen müssen, die Kinnlade fiel ihr geradezu herunter.

Sie hat sich darüber beschwert. Die anderen haben wohl in sich hineingekichert, gaben mir innerlich sicher Recht, und außerdem habe ich es ihr ja nicht direkt ins Gesicht gesagt. Wofür also entschuldigen. Aber wie schon gesagt, es ist bereits ein paar Tage her.

 

Dieter: Ich bin ja nun neugierig zu hören, was dann am Abend veranstaltet wurde. Bei dem Betriebsklima wird es ja wohl kaum ausgelassen gewesen sein, oder?

 

Karl: Zuerst einmal habe ich Hunger geschoben, denn die Vorstellung begann früher als sonst. Das kalte Büfett sollte darum erst später angeliefert werden.

Nun, als es hieß, im Besprechungsraum Platz zu nehmen, bin ich direkt bis nach vorne in die erste Reihe, und habe mir dort einen der wenigen Sessel gesichert. Wer zuerst kommt, der malt auch zuerst. Außerdem bekommt man dort, wie schon letztes Jahr beim Bauchredner festgestellt, das meiste zu sehen.

Nach endlosen Minuten sollte es dann endlich losgehen. Als das Licht fast ganz gelöscht wurde, fiel mir die Dekoration auf, mit der die Bühne, na besser Darstellungsbereich, es sind ja auch nur ein paar Quadratmeter, geschmückt war. Es wirkte ein wenig orientalisch. Ein paar Teppiche, Vasen, und unter anderem auch ein größerer Gong.

Nun konnte man ja schon ahnen, was da kommen sollte. Bestimmt Bauchtanz oder so etwas, dass scheint ja gerade Mode zu sein.

Die Hippe begab sich zur Tür im Hintergrund und klopfte leicht an, dieses wurde leise erwidert. Im nächsten Moment ertönte orientalische Musik. Sie öffnete langsam die Tür und kündigte dabei Fatima an und begab sich zurück auf ihren Platz.

Der Raum hinter der geöffneten Tür war abgedunkelt. Ein wenig spannend war es schon. Doch bevor noch das Gefühl aufkam, wie lange dauert es denn, wann kommt sie endlich, trat sie ein, Fatima.

Diese Sekunden der Spannung, und dann diese Frau...

 

Dieter: Nun sag schon, was war mit dieser Frau?

 

Karl: Dieses Bild habe ich mir eingeprägt, obwohl sie nur kurz so dastand, alsbald einen Gong ertönen ließ, und mit der Vorstellung begann.

Es ist schwierig, die richtigen Worte für eine Beschreibung zu finden, für Fatima. Ohne Zweifel war sie Orientalin, dass zeigten ihre Gesichtszüge, ihr schwarzes Haar. Eine faszinierende Figur; gar nicht so dicklich, wie man es vom Fernseher kennt. Keine Fettrollen, aber auch nicht zu dünn. Sie war barfuß. Zwei herrlich geschmückte Kleidungsstücke, die schmal und mit hauchdünnen Schleiern behängt waren, umhüllten ihre Hüften und Busen. Sie dekorierten ihren Körper derart, dass die schlanken Beine, der wohlproportionierte Bauch und die zierlichen Schultern beschaulich zur Geltung kamen; alles insgesamt eine traumhafte Erscheinung, einfach märchenhaft...

 

Dieter: Nun sprich doch weiter!

 

Karl: Ja schon gut, es geht halt nicht so zügig.

Sie begann sich dann zur Musik zu bewegen, harmonisch und geschmeidig, gar nicht mit dem Tanzen, was wir so kennen, zu vergleichen. Die rhythmischen Bewegungen wurden durch kleine Glöckchen im Hüftbereich und an den Händen, fein betont. Fatimas große braune Augen zogen unsere Blicke zusätzlich wie Magneten an. Ihre Darbietung zur Musik war schon sehr beeindruckend.

Plötzlich stand sie vor mir und schaute mich geradezu an; was wollte sie? Sie streckte den Arm, die Hand nach mir aus, gab mir Zeichen aufzustehen, und zu ihr zu kommen. Ich konnte mich gar nicht wehren, ich war zu fasziniert. Als ich nach ihr greifen wollte, zog sie die Hand leicht zurück, ich stand auf; aber was nun? Sie deutete mir, ihre Bewegungen nachzumachen, sollte mich wohl wie sie auf verschiedene Art und Weise drehen, ja sogar meinen Bauch kreisen lassen.

Ich hatte gar keine Zeit darüber nachzudenken, wie belustigend ich auf die anderen wirkte.

Fatima war mir stets sehr nahe. Ich konnte sie spüren, ohne sie jedoch, wohl aufgrund ihrer Geschicklichkeit, zu berühren. Ich war eingefangen in ihren Duft und ihren Schleiern, die mich umschwebten. Ich fühlte mich wie in einem Opiumrausch. Seltsam, da ich so etwas noch nie zu mir genommen hatte, aber so musste er wohl sein. Fatima entfernte sich ein wenig, es dauerte wohl ein paar Sekunden bis ich bemerkte, dass sie mich zu meinem Sessel wies. Obwohl ich wieder saß, war ich weiterhin gefesselt, unbeeindruckt davon, dass sie auch mit zwei weiteren Herren tanzte.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch so gesessen habe. Die Vorstellung war jedenfalls schon beendet, als mir einer auf die Schulter klopfte und sagte, ich solle nun schon kommen, das kalte Büfett sei bereits eröffnet.

Jetzt etwas essen, dachte ich bei mir? Nein, ich brauchte noch ein paar Minuten.

Ich ging hinaus auf den Flur, wollte mir im Bereich der Garderobe ein Fenster öffnen, um erst einmal frische Luft zu schnappen.

Als ich um die Ecke zur Garderobe ging, stand sie plötzlich vor mir, Fatima. Sie war gerade dabei ihr Kopftuch zu richten.

Aber dann, ich traute meinen Augen nicht; dieser Mantel, dieser scheußliche Mantel den sie trug; und an der Hand so grässliche Taschen!

Im Gehen verhielt sie einen Augenblick und schaute mir in die Augen, ganz kurz nur, aber sehr, sehr tief.

Wie angewurzelt stand ich da, von all meinen Geistern verlassen...

 

Ja, so begab es sich vor wenigen Tagen.

Ich fühlte mich tief betroffen, als ich diese Geschichte schrieb. Die Wahrnehmung meiner Mitmenschen ( sogar in meiner näheren Umgebung ) in Bezug auf Akzeptanz ausländischer Mitbürger drängte mich gerade dazu, mir durch schreiben meinen inneren Druck abzubauen. Dieses gelang mir jedoch nur begrenzt. So habe ich mir die Freiheit genommen, diese Kurzgeschichte nach „Der Krug“ im ersten Buch, noch einmal unter dem Titel „Fatima“ im Buch Augen-Blicke ein zweites Mal zu veröffentlichen. Nun geht es mir besser; ich kann sie sogar so einigermaßen ruhig vorlesen. Bis auf die letzten Sätze, da fühle ich mich immer noch sehr tief berührt.

Euer Dietrich Wilhelm
Dietrich Wilhelm, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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