Bernhard Dickhut

Weihnachtsgeschichtenlesung

Es hatte mich gefreut, mehr als gefreut. Sogar stolz gemacht.

Obwohl es ein richtig heisser Sommertag war, obwohl mir beim Gedanken an den geplanten Grillabend das Wasser bereits im Mund zusammenlief, hatten sie mich gefragt, ob ich nicht bei ihrer Weihnachtslesung zwei Weihnachtsgeschichten vorlesen könne. Natürlich konnte ich. Zwei Geschichten würden sogar gut gehen. Zuhause angekommen machte ich mich gleich auf die Suche nach geeigneten Geschichten. Am Besten sollten sie besinnlich sein, nachdenklich machen und lustig natürlich auch. UNd irgendeinen Bezug zu WEihnachten haben. Nichts einfacher als das.

Ich weiß ja, wo unsere Bücher stehen.

Bei meiner Frau fand ich Bücher über Ehegattenmorde und
deren Spurenverwischung. Ich nahm mir vor aufzupassen, dass sie nicht
unverhofft und spontan in eine Situation geraten würde, in der sie ihren
Ehegatten umbringen müsste. Das könnte ich ihr nicht zumuten.

Absagen konnte ich die Lesung natürlich nicht. Also
vertraute ich mich meinem Freund Claus an, der gleich versprach, niemandem zu
erzählen, dass ich überhaupt keine Weihnachtsgeschichtenbücher besaß. Er war
sich aber sicher, dass er welche hätte. Schon zwei Tage später stand er auf der
Matte und brachte mir circa zehn Weihnachtsgeschichtenbücher. Er wollte nichts
davon hören, wie wertvoll die Bücher sind, wie pfleglich ich sie behandeln
würde. Er meinte, ich solle sie einfach behalten. Dann hätte ich doch welche
für den Fall, dass mal jemand in meinem Bücherbord nach Weihnachtsgeschichtenbüchern
suchen würde.
Das leuchtete mir ein und ich bedankte mich bei ihm mit einem
gemeinsamen Leeren von ungefähr vier Stiftsbierflaschen.
Als er gegangen war, habe ich mir Gedanken über den
Zusammenhang von Alkoholismus und Weihnachten gemacht.
Am Folgetag kamen Leute, die ich gar nicht kannte, die
meine Freunde nicht mal kannten, mit Wagenladungen von
Weihnachtsgeschichtenbüchern. Ich holte Wagenladungen von Stiftsbierkästen.
Ich war richtig froh, dass wir keine Kinder hatten.
Natürlich hatten wir Kinderzimmer für den Fall, dass wir mal unverhofft und
spontan in eine solche Situation geraten würden. Nun konnte ich sie bis zur
Decke mit Weihnachtsgeschichtenbüchern bestapeln.
Eine Woche vor dem ersten Advent rief mich ein
Weihnachtsmann an, er wisse verlässlich, dass ich eine umfangreiche
Weihnachtsgeschichtenbüchersammlung besitze. Ob ich ihm nicht etwas empfehlen
könne. Es solle auch nicht zu meinem Nachteil sein. Ich hatte keine Zeit mich
über das üppige Honorar zu freuen, weil es schon wieder an der Tür schellte.
Ein Mann versuchte mir lautierend etwas zu erklären. Schließlich übergab er mir
eine schriftliche Botschaft aus einer chinesischen Stadt, die zehnmal größer
als Dortmund war und von der ich noch nie etwas gehört hatte. Dort hatten die
Einwohner Weihnachtsgeschichtenbücher für mich gesammelt. Er stellte den
Container vor meiner Einfahrt ab und fuhr winkend, sich ständig verbeugend
zurück nach China.

Da mein Chef meine Kündigung nicht annehmen wollte,
musste ich ihn umbringen. Ich wusste ja wie es geht. Die Polizei stellte
Selbstmord fest und ich verdiene mir ne goldene Nase.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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