Jutta Schwarz

Tobias und der arme Nikolaus

    Der 5. Dezember neigte sich seinem Ende zu. Draussen war es laengst dunkel geworden, und der kleine Tobias stand am Fenster und drueckte sich die Nase platt. Er wartete auf den Nikolaus und war so aufgeregt, dass er es kaum mehr aushielt. Immer wieder murmelte er das Gedicht vor sich hin, das er fuer diesen Abend auswendig gelernt hatte.

  "Du musst keine Angst haben", hatte Mama gesagt, "wer so lieb war wie du, hat nichts zu befuerchten." Dennoch war ihm trotz aller Vorfreude ein bisschen bang vor dem grossen Augenblick. Wusste man denn, ob der Nikolaus der gleichen Meinung war? Man hoerte ja die schlimmsten Sachen von  einem Knecht Rupprecht mit einem riesigen Sack, in den die boesen Kinder gesteckt wurden, und die Rute nicht zu vergessen.

  Dann war es so weit. Endlich kam er, und - Tobias fiel ein Stein vom Herzen - er hatte weder den Knecht noch die anderen Sachen bei sich. Aber er war sehr gross und hatte einen langen weissen Bart im Gesicht, und die dicken weissen Brauen  liessen kaum seine Augen  erkennen.

  "Hallo, kleiner Tobias", sagte er mit tiefer Stimme, "du weisst , wer ich bin?"

  Tobias nickte. "Der Nikolaus."

   "Sehr schoen, mein Freund. Nun , dann wollen wir mal sehen."

   Er schlug  ein grosses, goldenes Buch auf, blaetterte darin  herum , und Tobias hatte Zeit, ihn ein wenig naeher zu betrachten. Er begann , weil das bei seiner Groesse am guenstigsten war,  bei den Fuessen. Der rote Mantel war etwas zu kurz geraten. Tobias konnte die Schuhe sehen und was er da entdeckte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Er kannte sie und zwar ganz genau. Nur ein einziger Mensch besass solche Schuhe, und das war Onkel Walter. Sein Dackel Fips, der Schuhe ueber alles liebte, hatte sie im vergangenen Sommer angefressen. Onkel Walter hatte sie geflickt und trug sie weiterhin, auch gegen Tante Marias Willen, weil sie so schoen bequem waren. Und nun hatte der Nikolaus sie an  den Fuessen. Das war nicht recht von ihm. Nein, ganz und gar nicht recht war das.

  Es gab nicht viel, was der Nikolaus zu bemaengeln hatte. "...nur das mit dem Spinat, das muss anders werden. Du weisst, wie gesund er ist", schloss er freundlich. "Aber sonst bin ich sehr zufrieden mit dir. - Sagst du mir jetzt dein Gedicht?"

  Tobias straffte seine kleine Gestalt und blickte dem Nikolaus fest ins Gesicht. "Du hast Onkel Walter die Schuhe geklaut", sagte er strafend, "und einem Nikolaus,  der klaut, sage ich kein Gedicht."

  Papa, Mama und der Nikolaus warfen sich einen schnellen Blick zu. Dann zuckte es in Papas Gesicht und er wandte sich schnell zur Seite. Vor Empoerung, das war ganz sicher. Mama schlug ihre Hand vor den Mund. Auch sie musste entsetzt sein vor einem Nikolaus, der es fertigbrachte, einem Anderen  die Schuhe zu stehlen. Das Gesicht des Nikolaus aber, oder das, was hinter dem Bart und den Augenbrauen zu sehen war, hatte sich rot gefaerbt, fast so rot wie sein Mantel und seine Kapuze.

  Er schaemte sich, und Tobias dachte, dass ihm das ganz recht geschah. Er konnte ihm auch gar nicht in die Augen sehen und kramte stattdessen in seiner Tasche herum. Endlich zog er ein riesiges Tuch hervor, in das er laut hineinschneuzte, dass es sich anhoerte wie das Trompeten eines Elefanten im Dschungel. Dann faltete er es wieder zusammen und steckte es ein.

  "Ja, weisst du, Tobias, das war so", fing er  nach einem kraeftigen Raeuspern an, waehrend Tobias ihn grimmig anblickte, "ich habe, wie du dir denken kannst, einen sehr weiten Weg hinter mir, und draussen regnet es in Stroemen. Und weil ich vorhin gerade deine Cousine Margret besuchte, und meine Fuesse ganz nass waren, hat dein Onkel Walter mir seine Schuhe geliehen. Ja, so war es. Bist du nun zufrieden?"

  Tobias legte den  Kopf zur Seite und furchte die Stirn, wie immer,  wenn er angestrengt  nachdachte. Da hatte der Nikolaus aber Glueck gehabt. Nicht auszudenken, wenn er sich am Ende gar noch eine Erkaeltung geholt haette, bei den vielen Kindern, die noch auf ihn warteten.

  "Na, gut", sagte er , etwas milder gestimmt, "aber", und nun wurde seine Stimme nocheinmal richtig streng, "du bringst die Schuhe wieder zurueck. Schwoerst du das?"

    Der Nikolaus hob feierlich seine Hand. "Ich schwoere es."

   "Dann darfst du jetzt auch mein Gedicht hoeren", sagte Tobias zufrieden,  "also pass auf: von drauss' vom Wald da komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr..."

  Der Nikolaus hoerte ihm aufmerksam zu, und als Tobias fertig war, ueberreichte er ihm eine grosse bunte Tuete. "Das hast du sehr gut gemacht",  lobte er und laechelte in seinen  Bart, "aber nun muss ich weiter. Es gibt noch viel zu tun."

  Da lief Tobias eilig aus dem Zimmer. Als er gleich darauf wieder kam, hielt er sein Sparschwein in der Hand. "Hier", sagte er grossmuetig und reichte es dem Nikolaus, "das schenke ich dir. Weil du doch so arm bist."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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