Nina Lochmann

Die Geschichte von Mia und dem fast zerstörten Weihnachtsfest

 

Es war Weihnachten. Das Haus war festlich geschmückt, im Wohnzimmer stand ein rießengroßer Weihnachtsbaum und in der Nacht hatte es sogar geschneit. Alle waren ziemlich aus dem Häuschen und hatten eine Menge zu tun, vor allem meine Mutter, die schon seit dem frühen Morgen in der Küche stand. Es soll ein ganz besonderes Fest werden, hatte meine Mutter mir erklärt, denn es war Mia's erstes Weihnachten. Meine kleine Schwester schlief gerade, das tat sie fast immer. Sie schien nichts von der ganzen Aufregung mitzubekommen, die um sie herum herrschte. Auch in mir wuchs die Aufregung von Minute zu Minute und ich schaute dauernd auf meine rote Armbanduhr, die ich zum Geburtstag bekommen hatte und auf die ich sehr stolz war. Wenn der kleine Zeiger auf die 5 und der große Zeiger auf die 12... sooo lange sollte es noch dauern?! Ich beschloss, Kai und Sara zu besuchen, die im Nachbarhaus wohnten. "Ich geh rüber zu Kai" rief ich kurz in Richtung Wohnzimmer, wo mein Vater gerade dabei war, den Baum zu schmücken. "Ist gut," kam statt meines Vaters' die Antwort meiner Mutter aus der Küche. "Aber frag seine Mutter, ob es in Ordnung ist, wenn du ihn heute besuchst." Die Antwort hatte ich kaum mehr gehört, denn da hatte ich schon die Haustür hinter mir zugezogen.

So tappte ich durch den Schnee, der so lustig unter meinen Stiefeln quietschte und klingelte schließlich bei Kai. Sara kam um die Tür zu öffnen und lächelte, als sie mich sah. Das tat sie immer, wenn sie mich sah. Außer letzten Sommer, als Kai und ich den Kindergarten verließen und in die Schule kamen. Da hatte sie geheult. "Kai, is für dich,"rief sie jetzt mit ihrer schrillen Mädchenstimme nach ihrem großen Bruder. Kai kam zur Tür und hinter ihm erschien auch seine Mutter, die nichts dagegen hatte, dass ich mit ihm spielen wollte. Allerdings sollten wir auch Sara mit nach draußen nehmen. Das war doof, denn sie wollte immer nur so doofe Mädchenspiele spielen.

Als sich Kai und Sara Schuhe, Jacken, Schals, Handschuhe und Mützen angezogen hatten, konnten wir endlich raus gehen. Zuerst bauten wir einen Schneemann und begannen darauf hin, uns mit Schneebällen abzuschießen, das war lustig. Aber fast hätte Sara zu heulen angefangen, als sie einen Schneeball ins Gesicht bekam, also hörten wir lieber auf. Ich setzte mich auf die Stufen vor Kais Haus und überlegte, was wir jetzt spielen könnten. Aber mir wollte einfach nichts einfallen. Plötzlich sagte Sara:"Wir könnten doch Weihnachten spielen! Ich bin Maria, der Kai is dann Josef und du..." sie schaute mich an. Für mich schien ihr keine geeignete Rolle einzufallen. "Wie wärs wenn ich dann das Christkind bin,"sagte ich leicht genervt und steckte den Daumen in den Mund um wie ein Baby auszusehen. "Nein, du bist schon viel zu groß,"winkte Sara ab. "Du bist dann der Engel." Sie strahlte vor Begeisterung über ihre Idee und ich fand es eigentlich ganz gut, einen Engel zu spielen. Denn Engel wissen alles und sie können fliegen. Also stimmte ich dem improvisierten Weihnachtsspiel zu. Auch Kai schien nichts dagegen zu haben, denn er überlegte schon:"Dann brauchen wir aber auch ein Christkind. Und Ochsen und Schafe." Kai hatte Recht. Vor allem ohne ein Christkind ging es nun wirklich nicht! Wir überlegten gemeinsam und schnell kamen uns die ersten Ideen, was wir für unser Spiel brauchen könnten. Als Schafe und Ochsen konnten wir Saras Kuscheltiere nehmen, darin waren wir uns schnell einig. Sara ging also los, die benötigten Tiere zu holen. Leider hatte sie nur ein Schaf, aber ein Löwe und eine Giraffe wurden kurzerhand zu Schafen umbenannt. Auch einen Ochsen besaß Sara nicht, aber eine rießige lila Milkakuh. War eh fast das selbe. Wir beschlossen, die restlichen Utensilien bei mir zu suchen, da Sara fast schon beim holen der Tiere erwischt worden wäre. Ihre Mutter hatte ihr schon öfter verboten, Spielsachen mit nach draußen zu nehmen. Leise schlichen wir uns also in den Flur und fühlten uns dabei wie Indianer beim sich- anpirschen. Im Wohnzimmer war mein Vater noch dabei, den Baum zu schmücken und aus der Küche hörten wir Teller und Töpfe klappern. Als erstes schlichen wir uns in mein Zimmer. In der Verkleidungskiste fand Kai meinen Feuerwehrhut und sagte:"Der ist doch toll für Josef. und dazu der Batman- Umhang als Mantel." Kai schien sich in seiner Verkleidung zu gefallen. Nur für Maria fanden wir nichts. Also schlichen wir weiter. Als nächstes war das Schlafzimmer meiner Eltern dran. Am Schrank hing ein rotes Kleid aus weichem Stoff mit vielen kleinen Glitzersteinchen vorne drauf. Das gefiel Sara offensichtlich sehr, denn sie starrte es mit offenem Mund an. Ich überlegte kurz, ob wir uns das Kleid ausleihen dürften. Aber dann kam ich zu dem Schluss, dass meine Mutter das Kleid bestimmt aufgeräumt hätte, wenn es ihr wichtig wäre. Zu mir sagte sie nämlich immer, ich soll die Spielsachen, die mir wichtig sind gefälligst aufräumen. Also nahmen wir auch das Kleid und Sara schlüpfte hinein. Es war ihr natürlich viel zu lang und ich band ihr Mamas himmelblauen Seidenschal um, als Gürtel. Unsere Maria sah jetzt auch wirklich sehr chick aus! "Wir haben aber immer noch kein Christkind,"sagte Kai drängend und bewunderte dabei seinen flatternden Umhang im Schlafzimmerspiegel. "Ich hab eine Idee,"sagte da Sara. "Wie wäre es mit Mia? Sie ist klein und sie will bestimmt auch mitspielen." Im ersten Moment wollte ich etwas entgegnen, denn meine Eltern hatten mich immer wieder ermahnt, meine kleine Schwester nicht beim Mittagsschlaf zu stören, da sie sonst den ganzen restlichen Tag quengelig ist. Doch Sara hatte Recht. Bestimmt wollte Mia auch mitspielen. Also schlichen wir uns in ihr Zimmer, das direkt neben dem Schlafzimmer lag. Mia schlief garnicht, sondern schaute uns glucksend an und spielte mit ihren Füßen als wir das Zimmer betraten. Vorsichtig hob ich sie aus ihrem Bettchen. "Jetzt brauchen wir nur noch eine Krippe,"überlegte ich laut und schaute mich in Mias Zimmer um. Der einzige Gegenstand, der mir geeignet schien, war der Windeleimer. Also wies ich Kai an, ihn mitzunehmen. Ich trug schließlich schon das Baby. Als Kai den Eimer in der Zimmerecke auskippte, roch es ziemlich streng. Also beeilten wir uns. Schnell noch Mia's Decke in den Eimer, damit sie es schön warm hat und schon verließen wir den Raum. Auf dem Rückweg nach draußen kamen wir am Esszimmer vorbei. Hier lag schon das schöne weihnachtliche Tischtuch bereit, das Oma uns letztes Jahr genäht hatte. Genau richtig als Umhang für einen Engel! Sara trug das Tischtuch und wäre fast über ihr langes Kleid gestolpert. Ein paar Fäden hatten sich am Saum schon gelößt. Wir beeilten uns, nach draußen zu kommen.

Im Hof stand mein Schlitten und Kai meinte, als er ihn sah:"Das könnte doch unsere Kutsche sein." Schon setzte ich Mia in den Eimer und stellte diesen vor Sara auf den Schlitten. Kai musste mir beim Ziehen helfen. Als wir vor dem Esszimmerfenster vorbei fuhren, sahen wir dort eine große Schüssel auf dem Fensterbrett stehen. Ich hob den Deckel. Pudding. Bestimmt als Nachtisch für heute Abend gedacht stand er da zum Abkühlen im Schnee. Ich fragte mich erneut, ob es richtig wäre, was wir hier tun, doch schon hatte ich meine Hand tief in den Pudding getaucht. Wir nahmen ja nicht alles. Nur jeder eine Hand voll für jetzt und eine für später und den Rest strich ich wieder glatt. Sara sollte auf unseren Proviant aufpassen, und da sie nichts hatte, wo sie das Essen hätte hinein tun können, breitete sie ihren Rock zu einer Tasche aus. War ja nur vorübergehend. Endlich hatten wir alles und unser Spiel konnte beginnen.

Weit kamen wir allerdings nicht, denn auf einmal fing Mia lauthals an zu schreien. Das war auch etwas, das sie sehr gut konnte, nur leider war der Zeitpunkt nicht wirklich gut gewählt. Eine schokoladenverschmierte Maria versuchte, ihr Jesuskind im Windeleimer zu beruhigen, während Josef mit seinem Batman- Umhang wirbelte und Grimassen schnitt um das Baby zu beruhigen. Daneben stand ein Engel, eingewickelt in ein weißes Tischtuch und schaute ratlos drein. Das war das Bild, das sich meinen erstaunten Eltern bot, als sie aus dem Haus geeilt kamen um nachzusehen, woher das Babygeschrei kam. Meine Mutter eilte zum Schlitten und hob Mia aus dem Windeleimer, während mein Vater Sara vom Schlitten hob und ihr aus dem verschmierten Kleid half. Daraufhin brachte er Kai und Sara nach Hause. Seltsam still waren meine Eltern und sie schimpften gar nicht. Zu Hause wurde ich ins Bad geschickt um mir den Schokoladenmund zu waschen und dann sollte ich den Eimer aufräumen. Als ich gerade überlegte, ob ich Mia's Decke trotz der Schlammspritzer wieder in ihr Bettchen legen sollte, hörte ich das zarte Läuten des kleinen Glasglöckchens, das immer nur an Weihnachten läutete und mir das Zeichen gab,ins Wohnzimmer zu kommen. Ich lief nicht so schnell wie die Jahre zuvor, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen. Doch als ich die Tür zum Wohnzimmer öffnete, wich das schlechte Gewissen der Freude über das, was ich sah. Der Weihnachtsbaum leuchtete wunderschön in seiner Lichterpracht. Blaue und rote Kugeln hingen an ihm und silbernes Lametta. Vor dem Weihnachtsbaum lagen unzählige bunt verpackte Geschenke. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein Räuchermännchen, das weihnachtlichen Duft verbreitete und daneben stand ein Teller voll mit den leckersten Plätzchen und Lebkuchen. Auf der Fensterbank stand die Krippe und alles in ihr war echt, sogar der Ochse und die Schafe. Und vor dem Weihnachtsbaum standen meine Eltern und lächelten mich an. Meine Mutter hatte das rote Kleid angezogen, das voll von Schokoladenflecken war. Mein Vater hielt Mia auf dem Arm, die wieder fröhlich gluckste. Auf dem Esstisch im angrenzenden Esszimmer lag das schmutzige Tischtuch, das vorhin noch mein Umhang war. Und mitten auf dem Tisch stand neben den anderen Schüsseln, die unser Abendessen beinhalteten, die Schüssel mit dem kleinen Rest Pudding. Wenn ich mich zurück erinnere, war dieses Weihnachten wirklich besonders, so wie meine Mutter es sich für Mia gewünscht hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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